entrichten,
V.
1.
›etw. in Unordnung bringen, von seiner Richtung abbringen‹; auf Personen bezogen: ›jn. verunsichern, verwirren; jn. erzürnen‹; seltener: ›jn. verführen‹; in theologischen Kontexten: ›jn. vom falschen / rechten Glauben abbringen‹; speziell auf Tiere bezogen: ›Tiere zum Zweck der Jagd in Panik versetzen‹; intrans.: ›erschrecken, sich aufregen, aus der Fassung geraten‹; zu  1a.
Gehäuft obd.
Bedeutungsverwandte:
; vgl. ,  1,  1,  36, , (V.) 2.
Syntagmen:
jn
. (z. B.
den armen / bauern / pfaffen, die frauen
)
/ etw
. (z. B.
js. geist / herz, die welt, die sinne, das irrige gewissen
)
e., got
(Subj.)
jn. von etw. e., etw
. (Subj., z. B.
js. lust, ein süsses wort
)
jn. e., jn. seines eides e., aus seiner schuldigung, von minne e., js. irsal durch götliche geschrift e., jn. wieder jn. e., jn. ganz und gar e
.
Wortbildungen:
entrichtung
1 ›Zorn; Streit, Konflikt‹ (dazu bdv.: vgl.  3).

Belegblock:

Luther, WA (
1530
):
kan die betrubten trosten, rat geben, boͤse sachen schlichten, jrrige gewissen entrichten.
Sachs (
Nürnb.
1563
):
So nun das thier [...] sicht | Sich gfangen, so wird es entricht | Und wütet sich selber zu todt.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
Do verjah er [Seuse] in sin unordenlich entrihtunge, die er gen dem lieben got hate.
Wie mag daz geordnet sin, daz von siner
[Gottes]
natur daz herz entrihtet, den muͦt verwirret.
Banz, Christus u. d. minn. Seele
953
(
alem.
,
1. H. 15. Jh.
):
widerstand minem
[Christi]
gaist nicht, | So wirt din gaist dester minder entricht.
Thiele, Minner. II,
11, 101
(Hs. ˹
nalem.
/
sfrk.
,
1470
/
90
˺):
entricht hatt mich so gar din lust, | brust villicht, fraw.
Ebd.
13, 4
:
mit jagen, birsenn, schyssen | wirt manig edel thier so gar entricht | das es die ruden dick und offt erlauffen.
Bartsch, Reinfrid (
halem.
, Hs.
14. Jh.
):
ich wæne iuwer [lantfarære] süeze wort | entrihte manic frouwen.
Bachmann, Haimonsk. (
halem.
,
1530
):
„Her, [...] enttrichtend ŭch nŭt [...]“.
Jörg, Salat. Reformationschr.
159, 7
(
halem.
,
1534
/
5
):
ob nun jemands hie waͤr so ettwas misfallens [...] an meyster Uͦrichs predyen [...] hette [...] der mag nun hie [...] Uͦrichen der unwarheytt bewysen / und jnn hie gegenwirtig sins jrrsals durch goͤtlich gschrifft entrichten.
Schlosser, H. v. Sachsenh.
1238
(
schwäb.
,
1453
):
Er [Eckhart] haut mich [künigin] gancz und gar entricht, | Das er mich zicht ainer zoubery.
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. (
moobd.
,
1478
/
81
):
do rait sy der hertzog [...] entwerchs ungestüemlich an und entricht sy [Sarrazen] aber alls gar.
Banz, a. a. O.
1108
;
Barack, Teufels Netz ;
Haltaus, Liederb. Hätzlerin ;
Barack, Zim. Chron. ;
Fischer, Eunuchus d. Terenz ;
Vgl. ferner s. v.  1.
2.
›etw. entscheiden, einen Streit beilegen, schlichten, zwischen zwei Parteien vermitteln‹; speziell auch: ›etw. (z. B. den Verlauf von Grenzen) festlegen‹; intrans.: ›über etw. mit dem Ziel einer Einigung verhandeln, sich mit jm. einigen‹; in resultativem Gebrauch häufig im Partizip, dann mit Tendenz zum lexikalisierten partizipialen Adjektiv; zu  3a.
Gehäuft erzählende und rechtsbezügliche Texte.
Phraseme:
ein ziel entrichten
›ein Ziel erreichen‹;
jn. seines spruches entrichten
›js. Urteil aufheben, rückgängig machen‹.
Bedeutungsverwandte:
I, 2,  2,  1,  2, , , ; vgl. (V.) 10,  7,  3.
Gegensätze:
 1415.
Syntagmen:
etw
. (z. B.
einen span
›Streit‹
/ zank, eine sache / zwietracht, ehesachen / fälle
)
e., etw. gegen jn., mit einem urteil e., sich nach recht, um etw
. (z. B.
um das lehen
)
e., etw. vor dem herren, zwischen jm. e
.;
sich gütlich / öffentlich e
.
Wortbildungen:
entricht
(Genus?) ›Gerichtsverhandlung‹,
entrichter
›Schiedsrichter‹ (dazu bdv.: ),
entrichtig
›fähig, etw. wieder in Ordnung zu bringen‹ (dazu bdv.: ),
entrichtnis
›Schiedsgericht, Urteil‹ (dazu bdv.:  5),
entrichtung
2 ›gerichtliche Auseinandersetzung, Prozess‹ (dazu bdv.: vgl.  13, I, 5).

Belegblock:

Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. (
preuß.
,
um 1330
/
40
):
Deme tet wol glîche dô | der vorgenante marchiô, | want er vorbesichtic | was und gar intrichtic | in vil wîsir sinne grif.
Ziesemer, Proph. Cranc
11, 36
(
preuß.
,
M. 14. Jh.
):
er [kunig] wirt tun noch sinem willen, [...] so lange das der zorn irvullet werde, wen sin zil ist entrichtit.
Luther, WA (
1530
):
Was mehr felle komen muͤgen, die befehl ich [...] frumen, Gottfurchtigen mennern zu entrichten.
Denn ich gar offt gehoͤret habe von beicht vetern klagen, das solche Ehesachen fur sie komen sind, die unmuͤglich gewest sind zu entrichten.
Oorschot, Spee. Trvtz-N.
63, 9
(
wmd.
,
1634
):
Weiß nitt, noch mags entrichten | Wo? wan? womit? vnd wie.
Röhrich u. a., Cod. Dipl. Warm.
4, 290, 36
(
omd.
,
1428
):
synt dy grenitczen czwuschen dem herren komptur von Osterrode und dem capittel [...] gancz entrichtet.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
134, 31
(
thür.
,
1474
):
ussagen, wy eß umbe dy entrichtunge zcwyschin Gunther Dithmar unde syner muther umbe daz nachgelaßene gud geschenn sy.
Baumann, Bauernkr. Rotenb. (
nobd.
,
1525
):
derselbig [ausschuß] söliche empörung, zwitracht und zerspaltung entrichten soll.
Unger, Richtes Stig (o. O.
1474
):
Wenn man das dem richter clagt, so muszen sie sich allereest umb das lehen entrichten.
Dasypodius (
Straßb.
1536
):
entRichter / entscheydiger. Disceptator.
Gagliardi, Dok. Waldmann
2, 481, 25
(
halem.
,
E. 15. Jh.
, Hs.
17. Jh.
):
die rettend das allerbest darzuͦ, das sy meintend, sy möchtind den span zerteilen und entrichten.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. (
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
lanndtlewt [...] haben dem Pamkircher seiner spruch entrichten und fur den kayser peczallen (müssen) sold.
Höver, Bonaventura. Itin. A
322
(
moobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Denn nach dyser begreyffumb vnd glüsstung so wirt ain entrichhtnüsz, dar durch nicht allain wirt entrychtt, ob das sey weys oder schwarcz.
Siegel u. a., Salzb. Taid. (
smoobd.
,
1624
):
ist herkumen, das man verlëgrecht [...] auf ainen angesëtzten tag entricht gehalten.
Röhrich u. a., a. a. O.
4, 542, 10
;
Opel, Spittendorf ;
Unger, a. a. O. ;
Matthaei, Minner. I, ;
Hör, Urk. St. Veit
174, 35
;
Grothausmann, Stadtb. Karpfen
31, 20
;
Rwb  f.;
Vgl. ferner s. v.  24.
3.
›etw. bezahlen, jm. eine ihm zustehende Geldsumme (seltener auch: eine Sachleistung) übergeben; jn. für eine Arbeit, Dienstleistung usw. entlohnen‹; vgl.  3a.
Gehäuft Rechts- und Wirtschaftstexte, auch Chroniken.
Bedeutungsverwandte:
 5,  34,  1,  12,  2,  1; vgl.  4,  1,  3.
Syntagmen:
jn
. (z. B.
einen knecht / söldner, eine frau / klägerin
)
e., etw
. (z. B.
den lon, die gebür / gülte / summe, das korn / lehenrecht, geld / pulver, kosten / schulden / zinsen, x gulden
)
e., jm
. (z. B.
einem kläger
)
/ e. S
. (z. B.
einer stat
)
etw. e., etw. gänzlich / gar e., jn. e. S
. (z. B.
des dienstes / soldes, der unkosten
)
e
.

Belegblock:

Köbler, Ref. Wormbs
109, 20
(
Worms
1499
):
WAn auch der ihenne der [...] dem cleger synen vffgelegten kosten entricht.
Baumann, Bauernkr. Rotenb. (
nobd.
,
1525
):
das sie [rat und gemainde] noch nit mer, dann dreyssig centner gekurnts pulfers zu behendigen und zu entrichten schuldig sein.
Köbler, Ref. Nürnberg
323, 15
(
Nürnb.
1484
):
solang bis yezuzeitten soͤllich zynse. gült vnd weisat entrichtet vnd bezalt werden.
Loose, Tuchers Haushaltb. (
nürnb.
,
1513
):
2100 gulden, die sol ime in einem jar nach der hochczet entrichten.
Chron. Augsb. Anm. 2 (
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
daselbs [uff dem ratthauß] die Schweitzer irs sollds ze entrichten.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. (
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
Die lanndtlewt [...] muesten etwo vil gelts entnemen, damit die chriegslewt und soldner entricht wurden.
Rintelen, B. Walther
180, 4
(
moobd.
,
1552
/
8
):
Damit soll sie [Schwester] genzlich von mir entricht und abgefertigt sein.
Ziesemer, Marienb. Konventsb.
297, 32
;
Köbler, Ref. Wormbs
356, 19
;
Küther, UB Frauensee
372, 12
;
Loose, a. a. O. ;
Leisi, Thurg. UB
6, 649, 29
;
Rintelen, a. a. O.
33, 18
;
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. ;
Vgl. ferner s. v.
3
 7,  3,  4,  2,
3
 20,  6,  2, ,  1,  3,  1.
4.
›jn. für etw. entschädigen; jn. vermögensrechtlich abfinden, ausbezahlen‹; Spezialisierung zu 3; vgl.  3a.
Gehäuft Rechts- und Wirtschaftstexte.
Bedeutungsverwandte:
 3,  9,  2,  4,  1, ; vgl.  2.
Syntagmen:
jn
. (z. B.
die brüder / erben / kinder
)
e., jm. etw
. (z. B.
die kosten
)
e., der herre jn. e., jn. der gerechtigkeit e., jm
. (z. B.
dem kläger
)
etw. e., jn. aus etw., mit gütern / herschaften e
.
Wortbildungen:
entrichtung
4 ›Schadensersatzleistung, vermögensrechtliche Abfindung‹.

Belegblock:

Lohmeyer, K. v. Nostitz (
preuß.
,
1578
):
andere wissen, das die von Dohna nicht befugt darinnen
[im
teich
]
zu fischen, sollen dorauß entrichtet sein.
Köbler, Ref. Wormbs
25, 28
(
Worms
1499
):
er [antworter] lege dan abe vnd entricht dem cleger den kosten syner vngehorsam halben erlitten.
Ders., Ref. Franckenfort
6, 13
(
Mainz
1509
):
Wolt aber der cleger nach entrichtung soliches schadens die sach widderumb rechtlichen fürnemen / moͤchte er thuͦn / also das [...].
Leidinger, V. Arnpeck (
moobd.
,
v. 1495
):
Ludbig, pfalzgraf bei Reyn [...] als der eltest entrichtet sein drei brüder [...] mit anderen steten, gschlössern und herschaften in Bairen.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
16. Jh.
):
so ist das gelassen guet alles des herren und soll die erben nach gnaden hindan entrichten.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
96, 19
;
Rwb  f.;
Vgl. ferner s. v. ,  2.
5.
›jm. etw. mitteilen, erzählen, jn. über etw. informieren‹; auch: ›jm. etw. erklären, auslegen‹; zu  3a.
Bedeutungsverwandte:
 11,  1,  4,  36,  4; vgl.  3,  3.
Syntagmen:
jn. / etw
. (z. B.
gebundene dinge
)
e., jm. eine schrift, den sin einer schrift e., ein artikel sich selbst e
. ›sich selbst etw. erklären‹
, jm. etw. mit auslegen e., eine rede vor dem könig e
.

Belegblock:

Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. (
preuß.
,
um 1330
/
40
):
der ênzelin dî mêre | solde gar intrichtin, | beschrîbin und betichtin.
Volz, Prophet Daniel C
2, 11
(
preuß.
,
M. 14. Jh.
):
di rede, di du suchist, kunig, di ist swer, vnd er is nicht zu vindene vf erden, der si entrichte vor deme kunige.
Ebd.
5, 15
:
di wisen [...] kunden mir nicht den sin dirre schrift entrichten. Nu habe ich von dir [Daniel] gehort, daz zu mogest vorborgene ding vzlegen vnd gebundene ding entrichten.
Luther, WA Br. (
1522
):
ich hoff, daß aus vorigen und itzigen mein Buchlin [...] E. Gn. gnugsamlich aufs mehrer Teil dieser Artikel sich selb entrichten kann.
Hübner, Buch Daniel ;
Bolte, Pauli. Schimpf u. Ernst ;
Vgl. ferner s. v.  1.
6.
›sich gegen etw. wehren, verteidigen‹; zu  1a.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  3.

Belegblock:

Behrend, Magd. Fragen (
omd.
,
um 1400
):
Ab ein man [...] in unse lant komen were unde lunemunt uff yn ginge, also das her unelich geborn were, und her sich des lunemundes nicht entrichtit hette, [...].