irren,
V.
1.
›einen falschen Weg gehen, ziellos umherirren, abschweifen‹; ütr. ›etw. falsch verstehen, sich täuschen, eine falsche Meinung von etw. haben‹; metonymisch: ›eine ketzerische Auffassung von etw. haben, in bezug auf den rechten / christlichen Glauben auf Irrwegen sein‹; subst.: ›Abschweifen; fehlerhafte Entwicklung‹;
zu (Adj.) 1.
Syntagmen:
des weges i.
;
am rechten glauben i.
,
in der bezalung / erbsatzung i., in der warheit i., in menschlicher vernunft i., in dem namen i.
,
von dem weg / der warheit i.
;
hin und her i.
;
ganz und gar i.
,
weit i.
;
ane irren
.

Belegblock:

Jahr, H. v. Mügeln
594
 (
omd.
, Hs.
1463
):
uß swebel und queksilber wirt, | zinober: daran nimant irt.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Mt.
18, 12
(
osächs.
,
1343
):
ob îmant hundirt schâf hette und irrete einiz ûz en.
Anderson u. a., Flugschrr. 17, 
9, 8
([
Wittenb.
]
1523
):
do ist er schuldig den yrrendẽ heyden odder vnchristen tzu predigen.
Luther, WA
33, 669, 24
(
1532
):
die Christliche Kirche wird nicht jrren, sonst muͤste Gott selber jrren.
Wagner, Erk. Ps.-J. v. Kastl
9, 65
 (
nürnb.
,
1. H. 15. Jh.
):
Wer in einem gepot vellt oder irrt, der ist ir aller schuldig worden.
Chron. Strassb.
328, 19
(
els.
,
A. 15. Jh.
):
die hunde […] lieffent zů walde, schrigende und hülende und irrende also die wölfe.
Lemmer, Brant. Narrensch. 
36, 5
(
Basel
1494
):
Der jrrt gar dick vff ebner stroß | Vnd fuͤrt sich jnn eyn wilttniß groß.
Köbler, Stattr. Fryburg
165, 6
(
Basel
1520
):
oder der testator sunst in der erbsatzung geirrt hett.
Sudhoff, Paracelsus
7, 407, 32
(
1529
):
von solchen misgewechsen und miskrankheiten […] natürlichen irs selbst eigens irrens, dergleichen unnatürlichen irrens.
Gilman, Agricola. Sprichw.
2, 142, 23
([
Augsb.
]
1548
):
Dann nach der Erbsünde ist uns leicht zů irren.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
18, 21
(
tir.
,
1464
):
Wie uil mër ist denn das, der da sihet seinen pruder irren.
Quint, Eckharts Trakt.
194, 3
;
Helm, H. v. Hesler. Apok.
20774
;
Chron. Köln
2, 112, 25
;
Köbler, Ref. Wormbs
106, 12
;
M. Cunitia. Ur. Prop. 
154, 32
;
Rupprich, Dürer 
2, 172, 2
;
Bell, G. Hager
2, 3, 30
;
Harsdoerffer. Trichter
3, 281, 10
;
Rieder, St. Georg. Pred.
201, 24
;
Moscherosch. Ges. Phil. v. Sittew.
45, 19
;
Lindqvist, K. v. Helmsd. 
2264
;
Schmidt, Rud. v. Biberach 
46, 2
;
Fischer, Eunuchus d. Terenz
47, 1
;
Gilman, a. a. O.
2, 30, 6
;
Bauer, a. a. O.
110, 10
;
Schöpper
15b
;
38b
;
Maaler
237r
;
Volkmar
268
;
Rot
337
;
Stieler
1, 892
;
Ulrich, Wortsch. Kirchenl.
1969, 101
.
2.
›jn. in einem Recht stören, jm. ein Recht streitig machen, jn. an der Ausführung von etw. hindern, stören, jn. von etw. abbringen, aufhalten‹; resultativ ›an jm./etw. scheitern‹; zu (Adj.) 4; offen zu 3.
Syntagmen:
den mut, die beichte / hilfe / messe, spielleute i.
,
js. füsse i.
;
jn. gotes gnaden i., jn. des ewigen heils, des waren eingangs, der ewigen geburt, des götlichen lebens i., sich nicht irren lassen
(›sich von etw. nicht abhalten lassen‹),
jn. an dem dienst / kauf, an der arbeit / erlaubung / klage / kraft / weide i., jn. am beten / gebet / geschäft i., jn. an gnaden und freiheiten / werken i.
,
jn. an leib und gut i.
,
jn. von dem handwerk i.; zu unrecht i.

Belegblock:

Große, Schwabensp. 
54, 38
(Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
ob her den vater an sineme gescheffede geirret hat.
Fischer, Brun v. Schoneb. 
1570
(
md.
, Hs.
um 1400
):
daz kein stein irrete dine vuze.
Schmitz, Schiltb. 
64, 18
(
Frankf.
1597
):
man solte jn hinder die Thuͤr setzen / da er am aller wenigsten jrren wurde.
Ermisch, Freib. Stadtr. 
184, 7
(
osächs.
, Hs. 
v. 1325
):
Irret iz an dem richter, daz si nicht kumen, so sal man im anderen tac bescheiden.
Dinklage, Frk. Bauernweist. 
81, 14
(
nobd.
1429
):
es wer dann, das in eehaftig not oder libesnot yrrt.
Thiele, Minner. II, 
15, 39
(Hs. ˹
wobd.
,
15. Jh.
˺):
da irt mich weder schlos noch rigel.
Adrian, Saelden Hort 
1724
(
alem.
, Hss.
E. 14.
/
15. Jh.
):
si liesen sich nit irren do | des kalten zites streng | noch des weges leng.
Vetter, Pred. Taulers
12, 3
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
alles daz dich irret des woren unmittellichen inganges diser ewiger geburt.
Lemmer, Brant. Narrensch. 
44,
V2 (
Basel
1494
):
Wer […] ander lüt am betten jrrt.
Boos, UB Aarau 
348, 21
(
halem.
,
1357
):
Ich […] lobe […] niemer ze bekumberende, ze irrende noch ze beswerende.
Hör, Urk. St. Veit 
150, 26
(
moobd.
,
1399
):
suͤllen si auch darinne nicht irren noch hindern in dhainer weis.
Drescher, Hartlieb. Caes. 
182, 18
(
moobd.
,
1456
/
67
):
Derselbe champ oder straͤler irret in an seiner arbait des grabens.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid.
433, 40
(
m/soobd.
,
1565
/
81
):
dass ine ain ungewitter oder ander ungefell irre.
Jostes, Eckhart
24, 26
;
Opitz. Poeterey
56, 11
;
Kehrein, Kath. Gesangb.
2, 403, 25
;
Maag u. a., Habsb. Urbar
2, 1, 21, 24
;
Bihlmeyer, Seuse 
205, 27
;
Menge, Laufenb. Reg. 
1786
;
Vetter, Schw. zu Töß
106, 28
;
Welti, Urk. Rheinfelden 
168, 32
;
Schmidt, Rud. v. Biberach 
110, 17
;
Chron. Augsb.
1, 116, 16
;
Sappler, H. Kaufringer
17, 118
;
v. Maren, Marquard. Ausgabe
17, 33
;
Schöpper
103b
;
Maaler
291r
;
Bad. Wb.
3, 11
;
Schwäb. Wb.
4, 48
;
Schweiz. Id.
1, 409
;
Rwb
6, 318/9
;
Cirullies, Rechtsterm. Anh.
1981, 217
;
Winkler, Flugschr.
1975, 159
.
3.
›jn. verwirren, in Verwirrung bringen, verunsichern‹; zu (Adj.) 24; offen zu 2.

Belegblock:

Thiele, Minner. II, 
30, 101
 (Hs. ˹
md.
/
rhein.
,
1. V. 15. Jh.
˺):
das deit eine vrage de mich irt.
Anderson u. a., Flugschrr. 3, 
10, 7
(
Wittenb.
1525
):
Das ligt yhm ym wege / das yrret ynn.
Neumann, Rothe. Keuschh. 
4867
(
thür.
,
1. H. 15. Jh.
):
vil liben bruder, nu erret uch nicht.
Luther, WA
17, 2, 472, 4
(
1527
):
Ich laß mich das nicht yrren, das ich ein sünder bin und du hailig.
Sachs 13, 
99, 32
 (
Nürnb.
1556
):
Nichts irt mich, denn ein kurtze zeit, | Die wir beid erwarten müssen.
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
619, 27
(
els.
,
1362
):
zwei vnd súbenzig zungen geirret wurdent das sú den bu nút follebringen moͤhtent.
Ukena, Luz. Sp. 
4088
(
halem.
,
1575
):
Wie v̈bel mich diß ellend irrt.
Schmidt, Rud. v. Biberach 
146, 13
(
whalem.
,
1345
/
60
):
daz die geistlichen sinne werdent zwivaltklich geirt von der enphintlichen bekantnissi.
Völker, Antichrist 
896
 (
wschwäb.
,
15. Jh.
):
dis sache irret das volck mit gottes gwalt.
Bäumker, Geistl. Liederb. 
63, 12, 1
(
oobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Der veint ist vil, mit irem spil mich iren.
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
90, 3
 (
moobd.
,
1473
/
8
):
was mir wirret | allhie in diesem landt, | das alls mich lützel irret.
Stackmann u. a., Frauenlob 
4, 114, 19
;
Froning, Alsf. Passionssp. 
128
;
Anderson u. a., a. a. O.
4, 5, 24
;
Schmidt, a. a. O.
171, 20
;
Primisser, Suchenwirt 
21, 77
.
Vgl. ferner s. v.  3,  1.
4.
›jn. verdrießen, jn. ärgern‹;
zu (Adj.) 3.

Belegblock:

Helbig, Qu. Wirtsch.
1, 85, 22
(
md.
,
1499
):
niemandt sol auch gesellen halden, die dem rathe ader handtwerck irrethen vnd vnwillen machen.
Sachs
3, 220, 20
(
Nürnb.
1531
):
Wenn reichtumb irrt ein weysen man | Socrates warff sein gelt ins meer, | Da er anhieng der weißheyt lehr.
Ebd.
413, 16
:
Die eyfer-sucht sie hart fexirt, | Der klaffer sie auch teglich irt.
5.
›(sich) mit jm. streiten; (js. Rechte) angreifen‹.

Belegblock:

Loesch, Kölner Zunfturk.
2, 96, 41
(
rib.
,
1493
/
94
):
ich schetze, dat etzlige mine amptzgnoissen sich mit mir irren willen.
Opel, Spittendorf
81, 5
(
osächs.
,
um 1480
):
dar sich dan die unsern fast mit ihn umb geirrt haben.
Uhlirz, Qu. Wien 2, 2, 
2647, 17
(
moobd.
,
1438
):
um ihn und seine gemahlin an ihren rechten wider Got und allen gelimphen ze irren und anzegreiffen.
Vilmar
187
.
6.
›etw. in Unordnung bringen, etw. beeinträchtigen, beschädigen‹.

Belegblock:

Behrend, Magd. Fragen
97, 1
(
omd.
,
um 1400
):
bewaren das erbe unde gut, so daz is nicht geirret werde.
Winter, Nöst. Weist.
1, 130, 37
(
moobd.
,
1630
):
ainer […] den pflueg nit ubertragen wolt und den weeg also irren.
7.
›an e. S. zweifeln‹.
Bedeutungsverwandte:
.

Belegblock:

Spiller, Füetrer. Bay. Chron. 
25, 26
(
moobd.
,
1478
/
81
):
Wer aber hieran irr, der suech disz in Garibaldo.
Ebd.
40, 2
:
Wer des irr, der les Martinianum.
8.
›(Wild) mit Habichten oder Adlern aufscheuchen‹.

Belegblock:

Dalby, Lex. Mhg Hunt.
1965, 100
(
2. H. 15. Jh.
).