jamer,
jammer,
(letzteres seltener)
der
, vereinzelt
das
,
auch als
Interj.
(4);
-s/–
.
1.
›Zustand des Elends, beklagenswerter Zustand e. P. oder e. S.‹; in religiösen Texten: ›das große Elend der Welt, Leiden der Verdammten beim jüngsten Gericht‹; auch: ›subjektives seelisches Elend, Schmerzgefühl e. P.‹.
Phraseme:
mit jamer dem tode entgehen
›mit Mühe und Not dem Tod entgehen‹;
ane allen jamer
›unbarmherzig‹.
Syntagmen:
j. anrichten / ansehen / begehen / bringen / dulden / gewinnen / haben / leiden / pflegen / stiften / tragen / treiben / üben / wälen / weinen
;
aus einem j. in den anderen fallen
,
jn. in j. bringen / setzen / stürzen
,
etw. in j. stecken
,
in j. fallen / leben / schweben / sitzen / stehen
,
jn. / etw. mit j. rächen / überwinden / umfangen
,
jn. von j. erlösen
;
jamers klage / leiden / we
;
bitterer / ewiger / grosser / gemeiner / trauriger j.
;
quit / reich / viel / vol des j.

Belegblock:

Quint, Eckharts Trakt.
237, 4
 (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
ein geistlichiu vröude, diu die sêle erhebet ûz allem leide und jâmer.
Reissenberger, Väterb.
23563
(
md.
, Hs.
14. Jh.
):
In dem jamers grimme | […] | Clegelich sie zu mir schre.
Meisen, Wierstr. Hist. Nuys
603
(
Köln
1476
):
Eyn groissz wertlich yamer do geschach ind mortlich noit.
Palmer, Tondolus
177
 (
Speyer
um 1483
):
do ich disen grosen iamer gesach do erstarb min arm sel.
Froning, Alsf. Passionssp. 
5381
(
ohess.
,
1501 ff.
):
nemmet zangen und hamer | und slat en an das crucz an allen jamer!
Jahr, H. v. Mügeln
1916
 (
omd.
, Hs.
1463
):
ich lide mit im, was er leit, | sin not mich oft in jammer treit.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann 
15
 (Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
Angst, not und jamer verlaßen euch nicht, wo ir wandert; leit, betrübnüß und kumer lenden zu euch allenthalben.
Mathesius, Passionale
50v, 15
(
Leipzig
1587
):
das der Teuffel also regieren / vnd die Welt in solchem jammer stecken solte.
Henschel u. a., Heidin
1170
(
nobd.
,
um 1300
):
Von des iamers vber last | Be gonde si sere weinen.
Reichmann, Dietrich. Schrr.
118, 24
(
Nürnb.
1548
):
Da muß denn eytel vnglück vnd jammer folgen / das solche kinder das hertzen leyd jren eltern machen.
Ebd.
224, 12
:
werffen sie den Christen allen jammer / ellend / vnd ergernuß auff den halß.
Matthaei, Minner. I,
5, 101
(Hs.
15. Jh.
):
min hercze sich in jamer bert | und wil daz jamer rechen.
Eichler, Ruusbr. obd. Brul. 
1, 293
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
Noch leit er vmbe den iamer vnd vmbe daz ellende siner můter.
Chron. Strassb.
1041, 35
(
els.
, o. J.):
also engieng ich do mit jomer dem tode.
Lindqvist, K. v. Helmsd. 
2240
(
halem.
, Hs.
um 1435
):
Also das in der jaren zit | In selten ie ward jamers quit.
Spechtler, Mönch v. Salzb.
16, 5
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
ir geadelt zarte sele, | ser betrüebt in jamers quele, | scharf / ein sneidunts swert durchgieng.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
105, 25
(
tir.
,
1464
):
da fiel ich in sölichen grossen jamer vnd schmerczen von grossen schrikhen.
Quint, Eckharts Pred.
2, 151, 1
;
Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. 
7178
;
Altmann, Wind. Denkw. 
201, 18
;
Österley, Kirchhof. Wendunmuth 
4, 49, 7
;
Karnein, Salm. u. Morolf
177, 4
;
Froning, Alsf. Passionssp. 
6360
;
Gerhard, Hist. alde e 
3960
;
Strauch, Par. anime int.
7, 35
;
Anderson u. a., Flugschrr.
19, 16, 27
;
Asmussen, Buch d. 7 Grade 
2014
;
v. Keller, Ayrer. Dramen 
3002, 9
;
Vetter, Pred. Taulers
51, 11
;
Chron. Strassb.
291, 11
;
Sappler, H. Kaufringer
5, 150
;
Weber, Füetrer. Poyt.
253, 6
;
Piirainen, Stadtr. Sillein
37, 20
;
Voc. Teut.-Lat.
p iiijr
;
Voc. inc. teut. m
iiijr
;
Schöpper
21b
;
Maaler
234r
;
Schwartzenbach
B jv
;
K jv
;
O jr
;
Volkmar
75
;
Ulner
81
;
Diefenbach
209
c;
Schwäb. Wb.
4, 71
;
Pleuser, Leid b. Tauler.
1967, 111/2
;
Türk, Wortsch. Dietr. v. Gotha.
1926, 57
;
Wiessner, Wortsch. Wittenw. Ring.
1970, 102
.
Vgl. ferner s. v. ,  1.
2.
›schmerzliches Verlangen, Sehnsucht (nach Gott)‹.
Texte religiösen Inhalts.

Belegblock:

Bihlmeyer, Seuse 
111, 16
(
alem.
,
14. Jh.
):
siner sele bleib do vil himlisches smakes und jamers na gote.
Rieder, St. Georg. Pred.
70, 12
(Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
Dú dritte tagwaid daz ist jamer nach dem schoͤnnen minneklichen Gotte.
Ebd.
213, 22
:
swaz ez minnet dar nach hât ez noch jamer.
Rieder, Gottesfr.
131, 10
(
els.
,
1371
):
ich habe oͮch also rehte grossen innerlichen iomer darnoch.
Schmidt, Rud. v. Biberach 
64, 20
(
whalem.
,
1345
/
60
):
in der obersten ierarchia des gemvͦtes lit ze vorderost an einem iamer nach gotte.
Adrian, Saelden Hort 
336
;
Bihlmeyer, a. a. O.
200, 7
;
Rieder, St. Georg. Pred.
125, 25
.
3.
›hörbarer Ausdruck des Schmerzes, Wehklage‹.

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok.
4784
(
nrddt.
,
14. Jh.
):
Daz wir den geist betruben | Und ruwic jamer uben.
Reissenberger, Väterb.
31148
(
md.
, Hs.
14. Jh.
):
Do wart sin weinende jamer heiz | Und sin herze in suftzen tief.
Österley, Kirchhof. Wendunmuth 
1, 144, 4
(
Frankf.
1563
):
Doch an der that es nicht vermag, | Erhebt sich jamer nacht und tag.
Froning, Alsf. Passionssp. 
5912
(
ohess.
,
1501 ff.
):
Groiß jamer und klage, | die ich vile arme frawe trage!
Gille u. a., M. Beheim 
99, 529
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
da waz solch jamer und geschrai, | das aim wal het gegrauset.
Chron. Strassb.
67, 27
(
els.
,
1362
):
do hub sich under in gros jomer und klage.
hail. altvaͤter
72v, 21
(
schwäb.
,
E. 14. Jh.
):
die lǔt […] liessend in mit grossem iaͮmer von yn varn.
Martin, H. v. Sachsenh. Tempel,
600
(
schwäb.
,
1455
):
Grouß jaumer, ach und we | Sölt manig hertz verschniden.
Spechtler, Mönch v. Salzb.
23, 143
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
man legt in da mit jamer groß | Maria toten in ir schoß.
Helm, a. a. O.
19896
;
Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. 
12813
;
Froning, a. a. O.
7527
;
Kehrein, Kath. Gesangb.
1, 164, 5
;
Päpke, Marienl. Wernher 
4554
;
hail. altvaͤter
75r, 10
;
85v, 24
;
Sappler, H. Kaufringer
23, 9
;
Martin, a. a. O. Jesus
112
;
Spechtler, a. a. O.
16, 10
.
4.
als Ausruf dienend: ›ach, wehe‹.

Belegblock:

Sachs
12, 46, 5
(
Nürnb.
1548
):
O nein, botz jamer uber jamer!
Roloff, Brant. Tsp. 
1773
(
Straßb.
1554
):
O we O we jamer und we.
Lindqvist, K. v. Helmsd. 
2221
(
halem.
, Hs.
um 1435
):
Jamer, er sprache, wie gern ich woͤlt | […] Ab gaͮn hin inder helle gaden.
Goedeke, P. Gengenb. 
148, 1190
;
v. Keller, Ayrer. Dramen 
140, 2
.