reue,
die
;
-Ø/-n
,
auch
der
;
-n/–
;
zu
mhd.
riuwe
(md.
ruwe
)
›Betrübnis über Getanes, Reue‹
();
die maskulinen Formen sind nur in Verbindung mit Artikeln eindeutig abgrenzbar gegen substantivierte Formen von
reuen
(V.); vgl. die Belege im f.
1.
›Schmerz, Leid, Trauer (bei nicht selbst verschuldetem Unglück, Verlust u. dgl.)‹; ›Unruhe, Sorge‹; auch: ›Mitleid‹;
dies mit Bezug auf das Leiden Christi offen zu 2; vgl. (V.) 1.
Im 16. Jh. auslaufend.
Phraseme:
reue haben
›Mitleid verdienen, entgegengebracht bekommen‹ (dies im Gegensatz zum Syntagma
reue haben
›Trauer empfinden‹).
Bedeutungsverwandte:
(
das
6,  1, ; vgl. (V., unr. abl.) 2 (subst.), .
Syntagmen:
r. haben, jm. r. bringen / eintragen / ermeren
;
j. in grossen reuen stehen, jn. in der r. lassen, das herz
(Subj.)
in r. erkrachen, j. etw. mit r. klagen
;
jamers r.
;
die r. der bürgerschaft / sele, der frauen
;
die grosse r
.
Wortbildungen:
˹
reuekleid
,
reumantel
˺ ›Trauerkleidung‹,
reulich
1 ›traurig‹ (dazu bdv.: vgl.  1, , Adj., 4); 2 ›beschwerlich, mühevoll‹ (dazu bdv.: vgl.  1,  1,  1); dazu phras.:
reuliche kleider
›Trauerkleider‹.

Belegblock:

Chron. Köln (
rib.
, Hs.
1. H. 15. Jh.
):
wir hain hei ruwe, sorge unde ellende.
Ebd. (
1463
):
und darbi saissen die schriprovender in iren swarzen ruwecleideren und hoeden den lich sonder underlais dach und nacht.
Ebd. (
Köln
1499
):
aldae untfingen in
[den Verstorbenen]
sin greven ind scheffen des hoegen gerichtz in rouwelichen cleideren als sich geburt.
Buch Weinsb. (
rib.
,
1560
):
und sint mit reumenteln und mützen darzu komen.
Rueff, Rhein. Ostersp.
1418
(
rhfrk.
,
M. 15. Jh.
):
daz ermert mir auch den ruwen, | wyl er leit so grosse noit | und darnoch auch den bittern doit.
Froning, Alsf. Passionssp. (
ohess.
,
1501ff.
):
Saget, ihr frauwen alle drij, | warnach uch ßo ernste sye! | ire gehet hart ruwelich: | ire hot geweynet, duncket mich!
Kurz, Waldis. Esopus (
Frankf.
1557
):
[Jemand, der eine alte, abgenutze Tasche ersetzen will:]
Geht hin zum Kraͤmer, kaufft ein new: | So ists auch vmb der Frawen rhew, | Wenn jn die Maͤnner sterben ab.
v. Keller, Ayrer. Dramen (
Nürnb.
1610
/
8
):
Sag jhn, weil sie abgefallen sein | Von der Römischen KirchenLehr, | Daß sie haben kein Reuh noch Ehr
(›dass man ihnen weder Mitleid noch Respekt entgegenbringt‹).
Strauch, Schürebrand Var. (
halem.
,
1498
/
9
):
lont úch den túfel [...] keine widerwertige swermuͤtikeit oder ruwen ingetragen.
Pfaff, Tristrant (
Augsb.
1498
):
Nun het sy in der zeit [...] der besten eine aus irer schar der frawen verloren, [...], darumb sy vil klag und reü hette.
Primisser, Suchenwirt (
oobd.
,
2. H. 14. Jh.
):
Wa ich mich hin mit trewen hab, | Da vind ich nuͦr untrewe, | Da von in iamers rewe | Mein hertz erchrachet sere.
Drescher, Hartlieb. Caes. (
moobd.
,
1456
/
67
):
Es ist wol zu schäczen das er der pruͤder sey der die reẅlich strasz in den hymel so behend und snell fuͦr.
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
133, 5
(
moobd.
,
1473
/
8
):
Mit dem Medea hueb sich auch davon | unnd liess sy alle dort in grosser rew̃e.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
100, 42
(
tir.
,
1464
):
der pelaib in seiner herttikchait vnd posshait, der het chain andre reü, wend das man in sölt tötten.
2.
›(im Herzen [s. v. ,
das
, 5] bzw. in der Seele [s. v. ] verortete) Empfindung des Bedauerns, der Zerknirschung, des Abscheus, resultierend aus der Erkenntnis eigenen, nicht mehr rückgängig zu machenden Fehlverhaltens‹; generalisierend: ›Leiden an bzw. Bedauern über eigene Defizite, Fehler, Schwächen‹; daraus resultierend auch: ›Schuldgefühle; schlechtes Gewissen‹; überwiegend speziell: Zentralausdruck der christlichen Moraltheologie im Sinne der ›Sehnsucht des Christen nach dem nicht (mehr) erreichbaren Zustand der Unschuld, der Freiheit von Sünde‹; häufig im Orientierungsfeld mit
1
 3,  1,  1; die tief empfundene Reue als ein ›Bewusstsein von der (durch die Erbsünde bedingten) Erlösungsbedürftigkeit des Menschen‹ und die damit einhergehende ›Bereitschaft zur Umkehr, Erneuerung durch die Hinwendung zu Christus‹ werden in der religiösen Laienunterweisung vorrangig als Geschenk, als Erweis göttlicher Gnade behandelt; im Rahmen des Sakraments der Beichte: ›bekennendes Bereuen begangener Sünden als Voraussetzung für die Absolution‹; metonymisch: ›Absolution; Ablass‹;
vgl. (V.) 12.
Zur Sache:
LThK
8, 1261
ff.;
Lex. d. Mal.
6, 768
.
Überwiegend Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘.
Phraseme:
ane reue
›vorbehaltslos, bedingungslos, ohne Einschränkung‹.
Bedeutungsverwandte:
 1,  1, ,
1
 3,  1, (
das
4,  2,  1,  2; vgl.  6, (
die
2, .
Syntagmen:
(die) r. anfangen / bereiten / empfangen / erneuern / gewinnen / haben / hassen / hindern / sparen / tragen, in der sele gebären, vor got giessen, von (götlichen) gnaden empfangen, got
(Subj.)
jm. die r. geben, gnädiglich aufnemen, die mirre
(Subj.)
die r. bezeichnen
;
die r
. (Subj.)
gros, strafe, js. lon, ein edles ding, das erste sacrament sein, felen, schuld abnemen, jn. anstossen / füren / treffen, die sele zieren, jm. gebresten, in den christlichen kirchen erleschen, in verträgen nicht stat haben
;
ane r. sterben / verfaren, (das) hoffen
(Subj.)
j. ane r. kein ablas sein, j. in r. kommen, in die r. fallen, in der r. versäumig sein, sich in der r. üben, in r. zu den sieben hauptkirchen gehen, das herz in der r. erweichen, die sünden
(Subj.)
in der r. vergeben werden, j. mit r. umgeben sein, die knie biegen, in das münster gehen, die sünde mit der r. entledigen / stechen, das gewissen mit der r. gering machen, jn. mit r. wieder zu got bringen, j. von der r. predigen, rein werden, got
(Subj.)
den menschen zu der r. kommen lassen, das herz zu der r. erwegen / erweichen
;
die r. des gewissens / herzen
(gen. subjectivus),
die r. der getat, der leidigung gottes, der sünden
(gen. objectivus);
die r. über die schuld / sünde, über begangene mishandlungen, die r. um die sünde
;
die angenommene / besondere / bittere / blosse / erdichtete / falsche / ganze / grosse / heimliche / inwendige / rechte / rechtschaffene / ware / wesenliche r
.;
der grund / schmerz / stos, die gnade / not, das schwert der r
.
Wortbildungen:
reusam
›zerknirscht, reuevoll‹ (dazu bdv.: vgl.  2,  2).

Belegblock:

Luther, WA (
1520
/
1
):
Alßo geschiets, das die Papisten von eyner angenommen und erdichten rew gantz reyn werden und nicht mehr das testament der vergebung der sunde beduͤrffen.
Darumb das gewissen gering zuͦ machen, das wirdt man nit erlangen, weder mit reüw noch laid noch mit kainem werck.
Der [...] huͤte sich dennoch fur der falschen rewe und busse [...]. Denn die wil Gott nicht haben.
Quint, Eckharts Trakt. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
sô riuwe erniuwert wirt, sô sol diu minne ouch grœzlîchen gemêret und erniuwert werden.
Wyss, Limb. Chron. (
mfrk.
,
3. Dr. 14. Jh.
, Hs.
2. H. 16. Jh.
):
da filen di lude gemeinlichen in einen großen ruwen ire sunde unde suchten penitentien.
Palmer, Tondolus (
Speyer
um 1483
):
alle die sich versumen an ruwen an bicht vnd an buß / Die komment zum aller ersten in die klein pine.
Froning, Alsf. Passionssp. (
ohess.
,
1501ff.
):
vornemmet heylsamen raidt: | das er umb uwer missetadt | habet ruwe und leydt!
Perez, Dietzin
1, 204, 27
(
Frankf.
1626
):
dieweil du [...] in der Rewe vber deine begangene Mißhandlungen den Kopff in deinen Haͤnden so fleissig anschawest.
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim. (
Frankf./M.
1649
):
Darumb sollen sie [...] solche Sachen vorbringen / dardurch jhre Hertzen zu rechtschaffener Rew vnd Leid erweicht werden.
v. Liliencron, Dür. Chron. Rothe (
thür.
,
1421
):
das man sulde peyn unde busse ledigk seyn umbe die sunde, wer yn gantzin ruwen zu Rome zu den sobin houptkirchen gynge.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Mt. (
osächs.
,
1343
):
dô Jûdas sach, der en vorrâtin hatte, [...], her wart von rûwen gefûrt
[
Mentel
1466:
er wart gefurt mit buͦß
;
Luther
1545:
Gerewt es jn
].
Opitz. Poeterey
56, 13
(
Breslau
1624
):
Vnd da alle andere wolluͤsten [...] offtermals nichts von sich vbrig lassen als blosse rewe vnd eckel; so [...].
Langen, Myst. Leben
212, 3
(
nobd.
,
1463
):
Wisse, das der mensche / nicht scholt sein rew sparen an das tod pett.
Wagner, Erk. Ps.-J. v. Kastl
2, 63
(
nürnb.
,
1. H. 15. Jh.
):
darumb wirt dir geben von got die genad der rew des herczen.
Ebd.
3, 17
:
Die kunst der erkantnuß [...] gepirt in der sele rew und andacht.
Koller, Ref. Siegmunds (Hs.
um 1474
):
Das [...] erst sacrament ist rew.
Chron. Strassb. (
els.
,
1362
):
uf den tag hette man applaz, wer mit bihte und mit rüwe in daz munster gat, 2 jor und 80 tage.
Spanier, Murner. Narrenb.
61, 24
(
Straßb.
1512
):
So stoßt in dann der rüwen an, | Das er latynsche sprach nit kan.
Lauterbach, Orhein. Rev. (
nalem.
,
v. 1509
):
hoffen on rw oder bicht on genuͦg tuͦn ist kein ablos.
Rieder, St. Georg. Pred. (Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
dú mirre dú ist bitter und bezaichent die rúwe die ain mentsch sol han umb sine súnde.
Lemmer, Brant. Narrensch.
67, 30
(
Basel
1494
):
So jm dann stoßt vnder syn hend | Armuͦt / verachtung / spott / ellend / | Vnd er zerryssen loufft / vnd bloß | So kumbt jm dann der ruwen stoß.
Ebd.
110b, 92
:
So kumbt man zuͦ der bicht zuͦ zyt / | Wann man die hültzen tafflen lüt | So vacht man dann den ruwen an.
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Basel
1518
):
Hab über sünd ruͤw vnd schmertzen.
Stammler, Berner Weltger.
505
(
ohalem.
,
1465
):
Jn der helle für soͤnd jr jemer brünnen, | Ruͦwe soͤnd jr niemer me gewinnen!
Wyss, Luz. Ostersp.
6508
(
Luzern
1545
):
wüss, last du nit vast bald daruon, | so würt gross rüw zuͦ letst din lon!
Maaler (
Zürich
1561
):
Außschencken / Reychlich schencken vnnd frey geben / On allen reüw außgeben.
Sappler, H. Kaufringer
14, 631
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
[die fraw] ward mit rew umbegeben, | wie si den ritter umb sein leben | hett gepracht.
Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
so er doch dem allmechtigen Got billich dank und lob sollt sagen, das er in begnadiget und zu ruw und buess komen lassen.
Der graf hett ain solichen grossen rewen an seinem begangnen übergriff, das er [...] seinem gemahl zu füessen fiel, sein schuldt und gehe mit weinenden augen bekannt.
v. d. Broek, Spiegel d. Sünders
282, 14
(
Augsb.
1476
):
vñ reynige das hauß seins hertzens 
.
durch ein ware rewsame vnd lautere beicht.
Bauer, Geiler. Pred.
94, 30
(
Augsb.
1508
):
Zuͦ dem dreyzehenden württ ain mensch von betrachtung seiner übelthat / getroffen / mit penitents und reüwen.
Gereke, Seifrits Alex.
8437
(
oobd.
, Hs.
1466
):
das testament das ich hie schreib, | das das unczebrochen beleib | und stet an rew, | des gebt mir ewr trew!
Baptist-Hlawatsch, U. v. Pottenst. Vorr.
30
(
moobd.
,
A. 15. Jh.
):
die czunge die wirdet leichter erwegt czu reden denn daz hercze czu der rewe.
Ebd.
788
:
Auch mocht man fragen, ob die pösen engel mügen rew vber ir schuld gehaben.
Reithmeier, B. v. Chiemsee (
München
1528
):
der mensch sol [...] die begangen sünd mit rew stechen vnd slahen auch mit worten durch mündliche peicht verraten.
Mieder, Lehmann. Flor.
694, 9
;
17
;
Pfefferl, Weigel. Ges.
13, 16
;
Fischer, Brun v. Schoneb. ;
Steer, W. v. Herrenb. Büchl.
751
;
Hübner, Buch Daniel ; ;
Palm, Veter Buoch ;
Asmussen, Buch d. 7 Grade
379
;
554
;
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
45
;
Reichmann, Dietrich. Schrr.
252, 21
;
Bihlmeyer, Seuse ;
Vetter, Pred. Taulers ; ;
Bolte, Pauli. Schimpf u. Ernst ;
Warnock, Pred. Paulis
3, 100
;
Martin, H. v. Sachsenh. Tempel
1318
;
Sappler, a. a. O.
1, 41
;
22, 20
;
Ruh, Bonaventura
325, 19
;
Bauer, Imitatio Haller
76, 25
;
Baptist-Hlawatsch, a. a. O.
229
;
Drescher, Hartlieb. Caes. ;
Hohmann, H. v. Langenstein. Untersch.
103, 4
;
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. ;
Schottenloher, Flugschrr.
50, 21
;
Vgl. ferner s. v.  5,  2,  1,  8,  1,  1,  8.