grausam,
Adj.
1.
allg.: ›durch Aussehen oder Handlungen (besonders bei Tieren oft ineinander übergehend) beim Betrachter Grauen und Schrecken erregend‹; speziell: ›brutal, gnadenlos, unerbittlich, erbarmungslos (von Personen und deren Handlungen)‹; ›schlimm, verheerend (in Bezug auf die Folgen einer Handlung oder vom Wetter); schmerzhaft‹; ›schrecklich, Schrecken erregend (von Gegenständen und Sachverhalten)‹; als Ütr. dazu: ›frevelhaft, sündig (in moraltheologischem Sinne)‹; ›erschrocken, verängstigt; schwermütig‹.
Syntagmen:
j./etw.
(z. B.
got, der tod
)
g. sein; g. über jn. tun, sich g. zeigen; g. handeln / tyrannisieren, jn. g. beschweren; der grausame aufrur / feind / hirte / kampf / krieg / man / misbrauch / mord / richter / schal / siechtum / streit / tyran / wind / wurm / wüterich / zorn, die grausame abgötterei / dunkelheit / geisselung / gestalt / gewalt / handlung / helle / kälte / ketzerei / krone / marter / nacht / plage / rüstung / sünde / tat / tortur / tyrannei / zeit, das grausame bedünken / blutvergiessen / volk / gericht / gewässer / land / laster / leiden / mer / prangen / sterben / tier / unglük / ungewitter / verderben / verhalten, die grausamen selmörder / stürme / urteile
.
Wortbildungen:
grausame
(
die
) ›Schrecken; Grausamkeit, Blutrünstigkeit‹.

Belegblock:

Schöpper (
Dortm.
1550
):
Crudelis. Grausam grimmig storrisch fraißlich vngehewr grimmsichtig.
Oorschot, Spee/Seifert. Proc.
487, 30
(
Bremen
1647
):
Begibt es sich aber / das eine von so vieler grawsamer tortur jhr Seel außblaset.
Chron. Magdeb. (
nrddt.
, Hs.
1601
):
das die dritte Jungfraw [...] mit einer grausamen gewalt wieder ihren willen und fulbort auß dem kloster genommen.
Luther, WA (
1521
):
Es ist auch unbegreyfflich der grawsam tzorn gottis, das alle tag ßo viel seelen ewiglich [...] verdampt werden.
Ebd. (
1521
):
auff das sie die wellt mit grawsam abgotterey erfullen, die ynn den hymel schreyet.
Wo es sanfft thut und uns frey macht von der grawsamen Tyranney des Bapsts.
Ebd. (
1529
):
gros macht und viel list | sein grausam ruͤstung ist.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
560, 1684
(
Magdeb.
1608
):
Da hebt sich dan ein grawsam mord / | Etlich tausent werden erschlagen.
Ebd.
680, 5457
:
Der [Donnerstein] flog grawsam auß seiner Hand.
Apherdianus (
Köln
1575
):
Sæva tempestas, boͤß / grausam vngewitter. [...] Es hebet sich ein grausame stůrmwyndt.
Knape, Messerschmidt. Bris.
35, 30
(
Frankf./M.
1559
):
so kompt den vorreutern ein solcher grausamer erschroͤcklicher wurm entgegen / welcher ein Crocodill genannt ist.
Bobertag, Faust (
Frankf.
1587
):
Da erschiene jhm der Teuffel Leibhafftig, doch so grawsam vnd erschrecklich, daß er jn nicht ansehen kundt.
Perez, Dietzin
1, 410, 6
(
Frankf.
1626
):
die ich vermeynt die Wunden / die dir dz grawsame Schwein geschlagen / zu reynigen.
Hübner, Buch Daniel (
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
waz daz tier | Bedutte daz so gruwesam | Nach den drin tieren quam, | Dem die zene yserin | Waren.
v. d. Lee, M. v. Weida. Spigell
33, 18
(
omd.
,
1487
):
Villÿber soltt einer wanen beÿ graẃsāmen wilden tÿren den beÿ eÿm bosenn weÿbe.
Ebd.
51, 24
:
taúsent mann [...] irslagen mitt der graẃsamen pflage der pestilentz.
Hoffmeister, Kuffstein. Gef.
Aiijv, 5
(
Leipzig
1625
):
da wurd ich gewar [...] einen Ritter sehr grawsamen Gestalt / vnd erschroͤcklicher gebaͤrden.
Böhme, Morg.R.
13, 10
(Hs. ˹
schles.
,
1612
˺):
das so viel [...] der Adamskinder in kurtzem fuͤr das grausahme / erschreckliche [...] Gericht des gerechten Richters sollen gestellet [werden].
Logau. Gott
157, 4
(
Breslau
1644
):
O HErr / wie hast Du dich vns doch verwandelt | Jn einen / der sehr Streng vnd grausam handelt?
Gerhardt, Meister v. Prag
205, 14
(Hs. ˹
nobd.
,
1477
˺):
ich vorcht dich wann du ein grausamer man bist.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel (
Straßb.
1466
):
vnd ein michel grusam
[Var. 1. H. 15. Jh.:
fraiz
; 1483-1490:
grawe oder forcht
;
Luther
1545:
schrecken
]
vnd ein vinster die bestund in.
Wann den mann vmb gab ein besundere betrúbtniß vnd grausam des leibs
[
Luther
1545:
er war so gar erschrocken / das er aller zitterte
].
Haas u. a., Erasmus/Jud. Klag
10r, 1
(
Zürich
1521
):
verkünden soͤlichen fryden nit denen / deren begird vñ red nüt anders toͤnen dañ todschleg [...] / die sich froͤwe mit grusami die gewer zů nemen.
V. Anshelm. Berner Chron. (
halem.
,
n. 1529
):
Dis mort ward zů Bern, von grusame wegen, dem Hery nit vorgelesen.
Wyss, Luz. Ostersp.
3, 164, 11
(
Luzern
1596
/
7
):
[Holofernes] Tyrannisiert grusam, verschont nüt, zerbricht alle stett.
Bauer, Geiler. Pred.
90, 26
(
Augsb.
1508
):
daßs beschicht ainem menschen / wenn er betrachtet / die grausamen urtail gottes.
Chron. Augsb. (
schwäb.
,
1536
):
bis die grausame handlung villeicht ain andere gestalt gewinnt.
Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
Als sie für Cöln kamen, do fiel unversehenlich ein solche grusame kelte an.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
daz der han des nahtes [...] daz grausam bedünken an krankmüetigen läuten vertreib mit seim gesang.
[der stain] schäuht den grausamen siehtum.
Roth, E. v. Wildenberg (
moobd.
,
v. 1493
):
das was der swarist und grawͦssamist streit zwischen der Romer und Dewͦtschen.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
10, 12
(
tir.
,
1464
):
Ich was in der wildnus, in der wüesten ainikhait [...] vnd die wanung was graussam den münnchen.
Ebd.
30, 8
:
Sicherleichen, es ist chain als graussam tier in der welt, als ain pöser priester [...] ist.
Ebd.
125, 8
:
deinen armen dienern, die da ligen in der wildnus vnd wüest der graussamen vnd farchtsamen tier.
Qu. Brassó
4, 44, 28
(
siebenb.
,
1605
):
1605 [...] ist ein grosse Erbebung gewesen, hat auf ¼Stund grausam gewähret.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
281, 639
;
543, 1160
;
548, 1325
;
Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. ;
Kehrein, Kath. Gesangb. ; ;
Knape, Messerschmidt. Bris.
35, 1
;
v. Keller, Amadis ;
Dünnhaupt, Werder. Gottfr. v. Bullj.
11, 20
;
Hübner, Buch Daniel ;
Lemmer, Schernb. Frau Jutte
933
;
Thür. Chron.
14r, 15
;
18v, 13
;
24r, 22
;
Göz. Leichabd. ;
Jerouschek, Nürnb. Hexenh.
10r, 15
;
Kehrein, Kath. Gesangb. ; ; ;
v. Birken. Erzh. Österreich ;
Kurrelmeyer, a. a. O. ; Var.;
Kurz, Murner. Luth. Narr ;
Wickram
4, 50, 4
;
Schmidt, Rud. v. Biberach
37, 6
;
Jörg, Salat. Reformationschr.
49, 35
;
64, 16
;
72, 9
;
Lauater. Gespaͤnste
38v, 15
;
Rudolf, Peuntner. Sterbek.
149, 16
;
Roth, a. a. O. ;
Bauer, a. a. O.
18, 34
;
Qu. Brassó
4, 50, 7
;
5, 148, 2
;
Golius
271
;
Hulsius
G ivr
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß ;
Dietz, Wb. Luther
2, 161
f.;
Vgl. ferner s. v.  6,  8,  2,  1,  1,  6,  2,  5.
2.
›ekelhaft, widerlich, abstoßend; häßlich‹.

Belegblock:

v. d. Lee, M. v. Weida. Spigell
26, 27
(
omd.
,
1487
):
App ein man ein weÿpp habe dye vnfruchtbar, grewlich vngeschaffenn am leÿbe, [...] alt vnd kalt seÿ, vnd wÿ graẃsam das erdacht werde, allein sÿe nicht ein ehbrecherÿnne ist.
Lexer, Tucher. Baumeisterb. (
nürnb.
,
1464
/
75
):
dann solich kott ser ubel schmeckt und grausam sicht.
Lichtenstein, Lindener. Katzip. (o. O.
1558
):
Wie nun der gůtte bachant für den bischoff kompt [...], ließ er ein grossen grawsammen scheyß
(je nach Interpretation auch zu 1 oder 3 stellbar).
Jörg, Salat. Reformationschr.
47, 2
(
halem.
,
1534
/
5
):
[jst] ein gar selzamm monstrumm geborn / und wunderlich grusame formm [...] welchs ghan hatt ein mentschenlyb / ein ungstallt grüsam houptt tunckel ysenfarw.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
wenne die hund siechent, sô ezzent si ain kraut, daz grausam ist auf der zungen.
er [pfaw] hât ein graussam stimm und ain ainfaltigen diepleichen ganch.
Bauer, Imitatio Haller
101, 24
(
tir.
,
1466
):
das guet kchostleich gewant der reichen das würt graussam vnd vngestalt.
3.
›außerordentlich, sehr, enorm, stark, heftig; schnell‹; dient der adverbialen Intensivierung (u. a. als Gradadverb).

Belegblock:

Luther, WA (
1521
):
das sie die messe ßo grawsam mißbrauchen.
Alberus, Barf. (
Wittenb.
,
1542
):
Weil die Teuffel so grausam seer erschracken.
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Köln
1582
):
Die erd hat grausam sich erschreckt | Und ihre grundfest auffgedeckt.
Böhme, Morg.R.
156, 14
(Hs. ˹
schles.
,
1612
˺):
als ob sie grausahm erschrecke.
Sachs (
Nürnb.
1554
):
Ich merck, die lieb ist grawsam groß | Zwischen euch gwest.
v. Keller, Ayrer. Dramen (
Nürnb.
1610
/
18
):
Da in der ecken finster | Ich ein Thier gfangen han, | Das thut sich grausam wehren.
Michels, Murner. Badenf. Vorr.
37
(
Straßb.
1514
):
Gros vrsach hat mich darzů zwungen, | Grusam angst / vnd manig not.
Moscherosch. Ges. Phil. v. Sittew. (
Straßb.
1650
):
dann die Forcht so grausam bei ihm ist, daß weder an Seele noch Leib zu helffen.
Fuchs, Murner. Geuchmat
2321
(
Basel
1519
):
Das ist ein grusam grosses wunder, | Das ich im paradiß find ouch | Singen vnseren lieben gouch.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
er was ain grad, hüpsch, tugenthaft man und was gar grausam freuntlich gegen armen leuten.
Qu. Brassó
4, 50, 7
(
siebenb.
,
1628
):
ist ein grausemer
(zu Bed. 1)
Wind gewesen [...], der grausamen grossen Schaden gethan hat.
Ebd.
5, 439, 12
(
1646
):
Darüber er grausem erschrocken ist.
Dietz, Wb. Luther
2, 161
f.;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß ;
Vgl. ferner s. v. ,  1.