sticken,
V.;
die einzelnen Bedeutungsansätze sind teils unproplematisch, teils (wie 6 oder 7) nur schwer miteinander assoziierbar; 1 entsprechend
1
sticken
, 2-5 zu
2
, 6 zu
3
, 7 zu
4
jeweils des Dwb
10, 2, 2, 2737
 ff., 8 semantisch von
stecken
1-4 beeinflußt.
1.
›etw. auf etw. aufsticken‹; mit verschobener Bezugsgröße: ›etw. mit etw. besticken, durch Aufsticken (z. B. von Perlen) verzieren‹.
Zu Kulturgeschichtlichem der ,Stickerei‘: Lex. d. Mal.
8, 168
 ff.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  1, , , , .
Syntagmen:
worte auf den ärmel, in ein tuch s
.;
das gestikte crucifix
; verschoben:
die hose / seide s.; den mantel mit perlen s
.;
der gestikte gürtel / laden, die gestikte truhe
.
Wortbildungen:
sticker
(
der
) 1,
stickerin
,
stikbanner
›mit Stickwerk verziertes Banner‹,
stikfilz
wohl ein mit Stickwerk versehener Filzhut,
stiklach
›aufgesticktes Tuchstück‹ (
-lach
zu
laken
, verschobene Form; möglicherweise auch als Kollektivsuffix zu interpretieren; vgl. Lexer
1, 1807
),
stiksel
,
stikwerk
.

Belegblock:

Ziesemer, Gr. Ämterb.
273, 39
(
preuß.
,
1416
):
In der trappeney: 4 czulosen mentel, [...] item 3 howptbanyr, 4 wytinsbanyr, 35 sticbanir, 15 kriptucher.
Lappenberg, Fleming. Ged.
511, 45, 10
(
1631
/
9
):
Die Worte sprach ich ihr bei ihren Schmerzen ein, | die sie mit eigner Hand in dieses Tuch gestücket.
Loesch, Kölner Zunfturk.
2, 278, 16
(
rib.
,
um 1500
):
dat niemantz van unsem ampte, [...], einiche gestickte gurdele anders dan van gueder, reiner siden machen noch sticken sall.
Ebd.
508, 26
(
1499
):
It is ein korze zit hevur geleden, ich ein perlenhoesze hadde laissen sticken.
Redlich, Qu. Ratingen
193, 1
(
snfrk.
/
rib.
,
1576
):
Ein gesell soll vor sein tagwerk machen drei oder vier mittelhüte [...] oder zehn stickvilz oder zween zeihen hüte sticken.
Apherdianus
43
(
Köln
1575
):
weiber schleyer / sticksel / haupttuͤchle.
Tiemann, E. v. Nassau-S. Kgn. Sibille
118, 18
(
rhfrk.
,
um 1435
):
Des keyssers dochter was angedan mit eym gulden mantel / der was mit perlyn wol gesticket.
Dasypodius
181v
(
Straßb.
1536
):
Plumarius [...]. ein sticker.
Moscherosch. Ges. Phil. v. Sittew.
35, 4
(
Straßb.
1650
):
diese gebrochene Wort [...] auff seinem lincken Ermel, doch mit leslichen Buchstaben, gestücket stunden.
Wiessner, Wittenw. Ring
2554
(
ohalem.
,
1400
/
08
):
Dıͤrr brief ist gschriben [...], | [...] Mit lieber hand an guotem stab | Gestichet auf daz glükrad.
Maaler
388r
(
Zürich
1561
):
Sticken / Heydnische tuͤcher naͤyen [...]. Sticker / Die Heidnisch werck mache͂d. Phrygiones & qui netum auru͂ intexunt, Acupictores, Plumarij Limbolarij. Stickerin (die) Sydennaͤyerin. Textrix.
Ebd.
Stickwerk (das) Plumarium opus.
Rennefahrt, Staat/Kirche Bern
916, 26
(
halem.
,
1643
):
ist verbotten das stick und brodier werck von goldt, silber, bärlin und edelgestein, wie zuͦgleich von allerley geschmeltz uff kleideren.
Chron. Augsb.
4, 275, 11
(
schwäb.
,
v. 1536
):
23 knaben, fürsten und graffen kind, [...], dem kaiser zuͦgehörig, in gelen samatin röcken und in dem ainen ermel vermengt mit klainen sticklachen von aschenfarb und praun.
Lemmer, Amman/Sachs. Ständeb.
25, 2
;
Chron. Nürnb.
5, 565, 26
;
Bauer u. a., Kunstk. Rud.
334
;
418
;
Dasypodius
430v
;
Bücher, Berufe Frankf.
1914, 122
.
Vgl. ferner s. v. , .
2.
›(Weinstöcke, mit Objektverschiebung: Weingärten, Güter) bepfählen, mit Pfählen zum Anbinden der Reben versehen‹.
Phraseme:
gestikter wein
›Wein aus Reben, die an Pfählen gezogen werden‹ im Unterschied zum
proferwein
›Jungfernwein‹.
Bedeutungsverwandte:
oft im Orientierungsfeld mit anderen Weinbergarbeiten wie (allgemein:)  4,  4, ; (speziell:)  13,
4
, ,  4, ,  1, , , .
Syntagmen
die reben
, verschoben:
den weingarten s., die reben mit stecken s
.;
am sticken versäumnis erfindlich sein
.
Wortbildungen:
stickeln
,
sticker
(
der
) 2,
stickerlon
›Lohn für die Herstellung von Rebstecken‹ (a. 1649).

Belegblock:

Aubin, Weist. Köln/Brühl
181, 1
(
rib.
,
1577
):
den bau der weingarten fleißig anschauen und besehen und folgents gerichtlich bei ihren aiden aussprechen, ob auch einige versaumnuß an dem bauen erfindlich, so am meisten graben, gürden, plotzen, sticken oder proffen.
Lamprecht, Dt. Wirtschaftsl.
434, 21
(
mosfrk.
,
16. Jh.
):
Verner sol ein herr abt zur zeit und jährlichs den obg. frönweingarten sticken und mit aller zeitiger arbeit zurüsten.
Ebd.
579, 3
(
1300
):
de vino propagato, quod vulgari vocabulo dicitur profferwin ... de vino quod communi nuncupatione appellatur gesticket win de vitibus stipatis et paxillis erectis et sustentis.
Vetter, Pred. Taulers
32, 2
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
Harnach so heftet man und sticket die reben, man búget die reben von obenan nider und sticket sú mit starcken stecken domit sú ufgehalten werdent.
Welti, Urk. Rheinfelden
142, 53, 33
(
halem.
,
1406
):
di Reben in gutem Stande zu halten mit tekken, mit hakken, mit inleggen, mit ruͤren, mit snyden, mit stikken, erbrechen, binden vnd haften.
Maaler
388r
(
Zürich
1561
):
Di raͤben Sticklen. Statuminare.
Mosler, UB Abtei Altenb.
2, 410, 25
;
Lamprecht, a. a. O.
1, 576, 3
;
786, 9
;
914, 1
;
Loersch, Weist. Boppard
158, 14
;
Bernoulli, Basler Chron.
6, 147, 16
;
Kocher, Rechn. Schönenwerd
163, 59
;
Vorarlb. Wb.
2, 1305
.
3.
›etw. (z. B. Pfähle) spitzen‹.

Belegblock:

Ziesemer, Gr. Ämterb.
772, 39
(
preuß.
,
1430
):
27 armbroste, 120 schok pheyle gesticket, 5 platen, 5 helme.
4.
in verschiedenen, teils nur unsicher interpretierbaren Belegen im Sinne von ›etw./jn. in etw. hineinführen, hineinstecken (eigentlich und ütr.)‹; intrans.: ›in etw. stecken‹.

Belegblock:

Luther, WA
17, 2, 112, 22
(
1525
):
wie tieff die noch ynn dem gesetz und der heucheley sicken, die sich itzt fur grosse Christen halten.
Ebd.
41, 627, 28
(
1536
):
Sic Christus, Apostoli et pii. Ehe 1 seel in irtung sticken.
Eggers, Psalter
69, 14
(
thür.
,
1378
):
ich ben bekeret in mine harmschare, dy wile mir ein dorn gesticket wert
[wohl Fehlverständnis der zugrundliegenden Psalmstelle 32, 4).
Voc. Teut.-Lat. ff ijv (
Nürnb.
1482
):
Sticken stecken. stipare fige’ oder kleyben.
Luther, WA
25, 441, 10
;
36, 175, 18
;
46, 491, 32
.
5.
›(das gezimmerte Gefach des Fachwerkhauses) mit Gerten durchziehen (die dann mit Strohleim verkleibt werden und das Gefach füllen)‹.
Syntagmen:
den stal, die kemenate / scheuer / wand, das haus / gefach s
.;
im schlos s
.

Belegblock:

Brinkmann, Bad. Weist.
334, 11
(
rhfrk.
,
1553
):
inen gepiet die geben zu zeunen, zu sticken, gerten hauen, stein furen und raumen, alles was er bauen wolle.
Merk, Stadtr. Neuenb.
70, 6
(
nalem.
,
1463
):
stangholz und gerte, ire güter ze verzünen und wende ze stiken und ze zünen
[wohl ›Trennwände aufrichten‹, möglicherweise zu 2].
Barack, Zim. Chron.
4, 271, 35
(
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
Nun war aber das haus allain gestickt und geklaipt, wie dann am Reinstram der gebrauch.
Brinkmann, Bad. Weist.
190, 20
;
Vilmar
400
.
6.
›ersticken‹; ütr. und trans.: ›etw. (z. B. das Gewissen) ausschalten, abwürgen‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl. , , (V.) 1.

Belegblock:

Luther, WA
12, 295, 6
(
1523
):
lass die böse lust ym hertzen sticken.
Chron. Magdeb.
2, 112, 26
(
nrddt.
, Hs.
E. 16. Jh.
):
sie hielt ihme selber den mund, das er desto eher sticken muste und in der Mangelunge bis er ihr einen finger abe.
Luther, WA
16, 462, 29
(
1525
):
Abegoͤtterey des hertzen, darynn die gantze welt sticket und ganz ersoffen ist.
Ebd.
30, 3, 247, 32
(
1530
):
wer das recht so ubergangen ist, wil so gantz rein widder stellen, das er ehe die gewissen daruber wolt sticken lassen, ehe er vom recht etwas wolt nach lassen.
7.
›nach etw. trachten, streben‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  8.

Belegblock:

Klein, Oswald
11, 13
(
oobd.
,
um 1423
):
Tëglichen stick wir tag und nacht | nach güt und werltlich er.
8.
›wo stecken, festsitzen‹ (eigentlich und ütr.).
Phraseme:
da stikt es
›darauf kommt es an‹ (vgl.  4).
Wortbildungen:
˹
stikgerte
(a. 1530 f., wie
stikstecke
),
stikstecke
(a. 1533 f.) ›zwischen Pfosten und Band des Fachwerkgerüstes angebrachte, ineinander verflochtene und mit Lehm verschmierte Gerte‹ (vgl. auch 5)˺,
stiknadel
›Stecknadel‹ (dazu bdv.: vgl.
1
; phras.:
nicht eine stiknadel
›nichts‹),
stiknagel
›Nagel zum Feststecken von z. B. Wagen-, Pflugteilen‹.

Belegblock:

Ziesemer, Marienb. Ämterb.
36, 26
(
preuß.
,
1427
):
12 rutel, 12 par stickenayl, 11 pflugketen, 15 gespan yserwerg czu selen.
Luther, WA
41, 510, 29
(
1536
):
Et sol darauff sehen, ut fide enhlich. Da sticks auch.
Helm, H. v. Hesler. Apok.
6335
(
nrddt.
,
14. Jh.
):
Bichter zu den venstern, | Die glich dem vure glenstern, | Daz binnen den branden ist stechende
[Var.
sticket
],
| Gotes wort vorsprechende | Uz iren sprechenden lefsen.
Buch Weinsb.
2, 272, 27
(
rib.
,
1574
):
Die Stiefkinder [...] lassen für ihn nichts zurück,
nit ein sticknailde.
Dict. Germ.-Gall.-Lat.
507
(
Genf
1636
):
Sticknadel / f. Esquille ā picquer, Acus.
Reu, Süddt. Kat.
1, 741, 46
(
Regensb.
1554
):
was manichfeltige, grosse Abgötterei [...] in aller menschen hertzen stickt durch die erbsünde.
Maaler
388r
;
Pfälz. Wb.
6, 563
;
Vilmar
400
/01;
Kramer, Volksl. Ansb.
1961, 52
;
ders., Volksl. Bamb.
1967, 204
.