1
betler,
der
;
-s/-Ø
, auch
-e
sowie
-n
.
›Bettler, Person, die aus persönlichen (meist) oder sozialen (seltener) Gründen ihren Lebensunterhalt durch Betteln, Heischen um Gaben bestreitet‹. Man vgl. die Belege, darunter die ausführlich (aber nicht vollständig) aus Henisch zitierten Sprichwörter, unter Aspekten wie: die dem Bettler als Person wie als dem Angehörigen einer sozialen Gruppe zugeschriebene moralische und soziale Defizienz (Faulheit, Raffgier), ihm zugeschriebene typische Handlungen (Stehlen, Trinken, Betrügen u. a.), der Bettler als Gegenstand obrigkeitlicher Maßnahmen, die (vereinzelte) moralische und religiöse Überhöhung des Bettlers; vgl. das gesamte Wortbildungsfeld.
Phraseme:
bei aller betlersplage
(Teil eines Schwurs);
got lieb haben wie die läuse den betler
;
(da) hebt sich der betler tod / des betlers tanz / der betler(s)tanz
(o. ä) ›da geht’s los, da liegt der Haken‹;
an den betlertanz kommen
›bettelarm werden‹.
Syntagmen:
den b. begreifen / (be)hausen / beherbergen / hegen / verhüten, (nicht) einlassen, in die stat lassen; ein b. sein / bleiben / werden, b
. (Subj.)
stelen, in das wirtshaus gehen, vor der kirche sitzen, viel kinder haben, das land bescheissen, sich (nicht) von der arbeit genären
;
dem b. gleich werden, zu betteln erlauben, etw. geben / ausspenden, der betlern zeichen
(›Erkennungsmarken‹)
austeilen
;
sich vor betlern hüten, auf den b. achtung haben
;
der alte / arme / blinde / fremde / gemeine / landstreichende / reiche / umschweifende /
˹
starke / unbresthafte
(jeweils: ›gesunde‹)˺
b
.;
ordnung / satzung der b
.
Wortbildungen:
betlerbube
,
betlerfus
,
betlergenosse
,
betlerin
,
betlerisch
,
betlerjägi
›Jagd, Streifzug auf Bettler‹ (a. 1630),
betlermütschli
›Brötchen‹ (zum Grundwort: Schweiz. Id.
4, 604
),
betlernapf
,
betlerpelz
›schlechter Pelz‹ (a. 1534),
betlerplaz
,
betlersammet
›Tripp, Gewebe, dessen Kette aus Leinen, der Einschlag aus Baumwolle bestand‹ (so Preuss. Wb.
1, 583
; 17. Jh.),
betlersbette
›einfaches, ärmliches Bett‹,
betlerschlos
,
betlerschüssel
›vom Bettler mitgeführte Speiseschüssel‹ (a. 1527),
betlersvolk
(a. 1545),
betlerskrankheit
Teil einer auf die eigene Person bezogenen prognostischen Formel,
betler(s)mantel
, ˹
betlersplage
,
betler(s)tanz
, s. die Phraseme˺,
betlerstab
(für den Galgen),
betlerstok
›Pranger für Bettler‹,
betlersweise
,
betlertasche
,
betlertugend
,
betlerwacht
(17. Jh.),
betlerzeichen
›Abzeichen der Bettler‹ (a. 1528).

Belegblock:

Luther, WA
10, 3, 224, 32
(
1522
):
Das ist ein parteckische, betlerische, stuͤcklechte, zottichte barmhertzigkait.
Ebd.
14, 363, 25
(
1524
):
Jacob [...] komptt noch in Egiptenn, wirtt ein bettler, leidet noch vill nott.
Ebd.
20, 555, 32
(
1526
):
von der weltlichen eusserlichen gerechtickeit, die da ist lauter ein bettlers mantel. Denn die welt ist ein rechte buben schule des teuͤffels.
Ebd.
25, 425, 28
(
1527
):
Si iudex non suspendit te, ipse deus an ein galgen, der heist betlerstab.
Ebd.
33, 40, 21
(
1530
):
Sie haben Gott lieb nicht anders denn, wie die Leuse den Betteler lieb haben, auf das sie jn fressen.
Ebd.
37, 299, 11
(
1534
):
Sic habetis exemplum, das wir sollen unverschampt betler sein, lernen geylen, nicht mude werden.
Ebd.
38, 103, 4
(
1533
):
das solcher verstand von Weltlicher oberkeit unter dem Bapstum nicht allein unter der banck gelegen, sondern auch unter aller stinckenden, laussigen Pfaffen und Muͤnchen und bettler fuͤssen hat mussen sich druͤcken und tretten lassen.
Ebd.
41, 67, 34
(
1535
):
Da hebt sich der bettler tod, mundus henckt ir macht, weisheit, heiligkeit dran et scandalisatur.
Ebd.
41, 86, 10
(
1535
):
sol sich inn koniglichen stuel setzen, non zw Jerusalem im betler schlos.
Ebd.
41, 450, 7,
Anm. 1 (
1535
):
Ubi ista vita ia docta et so angangen, das mans thun wil und darnach leben, hebt sich der betler tantz. Venit Satan.
Ebd.
41, 502, 7
(
1536
):
Jn Christo hin fort gilt knecht so viel ut herr, betler ut Rex, quia est unus Christus.
Ebd.
47, 343, 30
(
1537
/
40
):
Jch solts
[etwas bezahlen]
wohl thun, leider, das weis ich wohl, aber wo nemen? Da hebt sich der Bettlers tantz.
Ebd.
52, 38, 21
(
1544
):
Denn obgleych die junckfraw Maria ein bettlerin oder mit zuͤchten zů reden, ein unehrliche fraw gewesen.
Toeppen, Ständetage Preußen
1, 73, 2
(
preuß.
,
um 1394
):
welch beteler in eyme vremdin kirspil wirt begriffen, der sal siner buse nicht wissen.
Ebd.
2, 666, 29
(
1445
):
losze lewthe, beteler und stabstreicher, man adir weib, die sich von erer arbeit muchten generen, sullen vor den slossen und in den dorfferen, steten und vorsteten nicht gehwset adir geheget werden.
Lohmeyer, K. v. Nostitz
12, 15
(
preuß.
,
1578
):
unnd sein doch alle köler ins gemeine betler.
Enders, Eberlin
3, 153, 10
(
Eilenb.
1524
):
Junger krieger, alter betler, sagt mein vater.
Ebd.
3, 160, 8
:
dan woͤllen wir auch zierlich, hubsch, hoͤflich sein, vnd hin nach volgen. Dan hebt sich der betler tantz. [...]. So bald die kramer vnd keuffleut also vberhand genommen, ist der adel verdorben, die burger in steten haben nicht, das landvolck geht betlen.
Hübner, Buch Daniel
1802
(
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
Bischove, vrien, greven, | [...], | Pfaffen, munche, voyte ho, | Burger, betler glich also, | Vogle, tiere, swie sie sint, | Ezit des bumannis kint.
Mathesius, Passionale
51r, 12
(
Leipzig
1587
):
das sich weder Juͤden noch Heyden an der Bettelerischen elenden vnnd verfluchten gestalt seines Knechtes vnd Sohnes ergern solten.
Kehrein, Kath. Gesangb.
3, 234, 7
(
Köln
1582
):
Sie seien ellend vberaus, | Vnd gehen betlerweise.
Rudolph, Qu. Trier
199, 12
(
mosfrk.
,
1593
/
4
):
Derohalben man sonderliche zeichen machen laßen, welche man den bettlern, so zugelaßen, bißweilen aus getheilt, damit die fremde und nicht dürftige ab- und aus gehalten werden.
Tiemann, E. v. Nassau-S. Kgn. Sibille
152, 6
(
rhfrk.
,
um 1435
):
Sy sprachen alle gemeinlich ein armer beddeler hette dem schultheyssen groß gut gestolen.
Lichtenstein, Lindener. Rastb.
122
(o. O.
1558
):
Nach dem beyde inn die kammer giengen, da erhůb sich erst der betler-tantz.
Österley, Kirchhof. Wendunmuth
1, 421, 9
(
Frankf.
1563
):
Warumb die bettler so vil kinder haben.
Ulner
37
(
Frankf.
1577
):
Arme. Bloß / notturfftig / [...] Bettler / verdorben / schrepler / elend / veracht.
Jostes, Eckhart
80, 21
(
14. Jh.
):
und biten um die almusen von got. In der weis sei wir alle betler.
v. d. Lee, M. v. Weida. Spigell
19, 24
(
omd.
,
1487
):
Denn mancher so er nicht ein weÿpp hett, dÿ mitt haúshalden woste vmbzcúgehen, ein betler werden müste.
Gille u. a., M. Beheim
236, 3
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
ich wil euch offennbern | von geillern, stiphern und sterczern, | von petlern, phening predigern, | geistlich, weltlich ich meine.
Ebd.
430,
Ü.:
von dem reichen man und dem betler Lasaro.
Hoffmann, Würzb. Polizeisätze
204, 2
(
nobd.
,
1490
):
Ordnung und satzung der bettler, wie und were bettlen solle.
Ebd.
205, 18
:
die pettlern und pettlerin, den hie zu petteln [...] erlawbt ist, sollen hie zu Wirtzpurg nach dem pettel in den kirchen nit umbgeen nach darinnen petteln, sunder davor sitzen.
Chron. Nürnb.
4, 380, 15
(
nobd.
,
15. Jh.
):
man prach den ornstok und den petlerstok ab.
Ebd.
5, 659, 4
(
1503
):
am suntag huͤtet man unter den torn und wolt keinen petler oder petlerin nit in die stat laßen.
Sachs
5, 263, 34
(
Nürnb.
1533
):
So hebt sich erst der betlers-dantz | Mit eyffern umb mich frw und spat.
Ebd.
14, 179, 5
(
1551
):
Ich beschwer dich auff diesen tag, | Du teuffl, bey aller betlers-blag, | Bey aller pfaffen reinigkeyt.
Franck, Klagbr.
221, 2
(˹wohl
Nürnb.
˺
1529
):
Ein klagbrieff der armen betler wider die reichen betler / an den koͤnig von Engenland.
Ebd. 7:
achtzend fallen fuͤr deine knye / aller Durchleuchtigister Kuͤnig / alle betler / maltzig / krippel / blind / lame / schebig / vnd mit stinckenden geschweren beladne.
Harsdoerffer. Trichter
3, 24
(
Nürnb.
1653
):
die Bettler tugend ist unverschaͤmt seyn.
Bihlmeyer, Seuse
283, 15
(
alem.
,
14. Jh.
):
so samment in dem lieben zite, daz ir nit werdent an der stunde betlere.
Rieder, St. Georg. Pred.
11, 10
(Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
reht als des gespottet waͤre dem man hiessi ain kúnig und er ain betler waͤre.
Thiele, Minner. II,
18, 142
(Hs. ˹
wobd.
,
15. Jh.
˺):
sú sprach: ’du magst ain bettler sin: | du kanst vil gilens, als ich spúr; | leg dich fúr ain kirchen túr!
Fuchs, Murner.
4
Ketzer 3447 (˹wohl
Straßb.
˺
1509
):
Jch habs noch nit erzelet gantz. | Erst kum ich vff den bettler dantz.
Geier, Stadtr. Überl.
514, 17
(
nalem.
,
1560
):
Gleichsfals sollen es die underthonen gegen den zigeunern, starken bettlern und landtfarern nit weniger, dann nechst hieoben der herrlosen gardenden knecht, auch anderer verdächtigen und arkwenigen personen halben nach lengs gesetzt und begriffen ist, in allweg halten.
Roloff, Brant. Tsp.
1966
(
Straßb.
1554
):
Und also von deim reich verstossen | Dich gleich gmacht eim bettler gnossen.
Bremer, Voc. opt.
7007
(
halem.
,
1330
):
Grabatum betlersbette.
Adrian, Saelden Hort
8870
(
alem.
, Hss.
E. 14.
/
15. Jh.
):
ist es nút dirr der da sas | und ain betteler was?
Rennefahrt, Zivilr. Bern
441, 14
(
halem.
,
1545
):
doch die bättlerbůben und meythli in das loch zeleggen, da sy der bättelvogt mit růtten schwingen soll.
Ebd.
473, 37
(
1643
):
An brot solle einem jeden teglich siben bättlermütschli in der größe, [...], und an můß teglich ein maß zů eßen übergeben werden.
Müller, Alte Landsch. St. Gallen
74, 27
(
halem.
,
1553
):
das den amptlüten bevolchen, ufsehen zehaben wo die bettler in die wirtsheuser giengen.
Maaler
49v
(
Zürich
1561
):
Baͤttler mantel. (der) Cento. Baͤttler napff. scutella. Baͤttler taͤschen. Pera.
Wintterlin, Würt. Ländl. Rechtsqu.
2, 297, 15
(
schwäb.
,
1587
):
darzu auch niemands keine betler oder andere landfahrer und unbekannte frembde personen nicht lenger dan über nacht hausen noch herbergen
[soll].
Müller, Nördl. Stadtr.
476, 8
(
schwäb.
,
1552
):
In der stat hin und wider, auch in wirtzheusern und allenthalben uf bettler, praier und landtstreicher ir gut achtung zu haben, sie weder bettlen noch praien zu lassen.
Barack, Zim. Chron.
3, 352, 10
(
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
darvor die von Ulm ain ordnung in der stat angesehen, das kain bettler sollte eingelassen werden.
Henisch
345
(
Augsb.
1616
):
Bettler / der nach brot gehet / der weder zu beissen noch zu brechen hat / mendicus [...]. Junger Juncker / alter betler. [...]. Ein junger Schlemmer / ein alter betler. Ein junge stoltze Magd / ein alte betlerin. Mutwillige / Gottlose betler / geben gern Verrhaͤter / mordkremer / vnd meuchelmoͤrder. [...]. Vier reiche betler seind in der Welt / Augustiner / Barfuͤsser / Carmeliten / Prediger. [...]. Dreyerley leuth sollen auß den Statten außgefuͤhrt werden / die Siechen / todten / vnd starcke betler. Es sein mehr reich betler / dann armer leut. [...]. Am tag ein betler / zu nachts ein dieb. [...]. Betler / spitzbuben vnd eigenwillige / haben kein theil am Reich Gottes. Betlern ist man allweg geneigter zu geben / dann from͂en weisen leuthen. Der Vatter ein schlemmer / der Sohn ein betler. Die bettler / Tattern / Dieb geschwind / Vnd Landsknecht eines gebacks sind. Kirschner vnd betler die widerwertigsten in der Welt / jene kehren das schoͤnst herauß in futteren / dise kehren das vnfletigst herauß / vnd das schoͤnst hinein.
Ebd.
346
:
Die betler sind den Hunden feind / die Hund den betlern [...]. Ein betler im lande macht keinen kummer. Ein Koͤnig ist eim betler gleich / Der nicht hat freund im gantzen Reich. [...]. Es ist besser / seines thuns warten / vnd dabey gedeyen / denn sich vil vermessen / vnd dabey ein bettler bleiben. Gottes handwerck ist auß betlern Herren machen. [...]. Hopffen ohn melthaw / vnd betler ohn leuse / sind selten zufinden. Kein betler verdirbt. [...]. Kein betler sagt / es ist zu vil. Kein Schermesser scherpffer schirt / Dann wann ein betler Edel wirt. [...]. Sol / sol / mir / mir / sol / sol / mir / mir / Das sind der betler nothen in jhrem gesang. [...]. Alle betlers kranckheit warten vns auff den dienst. [...]. Betlerplatz / crepido, extremitas valli ad opida & arces, quam mendici occupant.
A. à S. Clara. Glori
50, 23
(
Wien
1680
):
allwo GOttes Sohn / [...] / wie ein armer Bettler in dem Stall ist Mensch geboren.
Rechn. Kronstadt
3, 316, 19
(
siebenb.
,
1553
):
Am sontag Noch Andre hŭn ich geschik bedler inn czekhelanndt, in czerŭngk asp. 11.
Ziesemer, Proph. Cranc Bar.
6, 27
;
Toeppen, a. a. O.
1, 72, 38
;
5, 482, 31
;
Chron. Köln
1, 4718
;
Tiemann, a. a. O.
152, 7
;
Schmidt, Frankf. Zunfturk.
1, 178, 7
;
Österley, a. a. O.
2, 216, 23
;
Jahr, H. v. Mügeln
2432
;
Gille u. a., a. a. O.
189, 176
;
Mayer, Folz. Meisterl.
85, 81
;
Reichmann, Dietrich. Schrr.
170, 6
;
228, 25
;
Sachs
17, 212, 15
;
20, 102, 29
;
Lemmer, Brant. Narrensch.
63, 1
;
62
;
79
;
83
;
Adrian, a. a. O.
8493
;
Müller, Lands. St. Gallen
81, 6
;
Welti, Stadtr. Bern
100, 10
;
434, 19
;
Graf-Fuchs, Ämter Interl./Unterseen
540, 18
;
Gehring, Würt. Ländl. Rechtsqu.
3, 294, 11
;
Wintterlin, Würt. Ländl. Rechtsqu.
1, 592, 22
;
841, 14
;
Wopfner, Bauernkr. Tirol
37, 35
;
Hulsius B iv/ijr;
Maaler
49v
;
Dietz, Wb. Luther
1, 291
f.;
Rwb
2, 235
;
Preuss. Wb.
1, 582
;
Pfälz. Wb.
1, 762
;
Schweiz. Id.
8, 1483
;
Schweiz. Id.
2, 1837
;
3, 22
;
13, 873
;
Schwäb. Wb.
1, 973
;
Bücher, Berufe Frankf.
1914, 29
.
Vgl. ferner s. v. ,  3.