1
stiefel,
der
 ;
–/-(n)
, oft im Pl. belegt;
zu
mhd.
stival
(Lexer
2, 1205
); dies über das
Rom.
letzlich aus
lat.
aestās
›Sommer‹
(Kluge/S.
2002, 883
; anders Pfeifer
2000, 1361
).
1.
›Stiefel, oft als vornehm geltende, über die Knöchel, teils über die Waden reichende Fuß- und Beinbekleidung‹.
Phraseme:
noch alte stiefel an einer wand haben
›noch einiges vorzubringen haben‹;
stiefel und sporn bleiben liegen
›auf menschliche Möglichkeiten wird verzichtet‹;
etw. dient weder zu stiefeln noch zu schuhen
›etw. ist unnütz‹;
jm. schwellen die stiefel
›jm. schwillt der Kamm‹;
mit den stiefeln (und sporen) hineinfaren
o. ä. ›grob handeln‹;
mit stiefeln hindurchgehen
;
mit stiefeln in ein urteil fallen
›hochmütig reinfallen‹;
sei es durch schuh oder stiefel
›gleich wie, wie auch immer‹.
Bedeutungsverwandte:
, , , .
Syntagmen:
s. machen / anlegen / antun / austun / anhaben / schmieren / tragen, jm. s. abjagen / abziehen / ausfegen / schenken
;
die stiefel(n)
(als Mode)
vergehen
;
an den stiefeln schnäbel haben, jm. etw. zu stiefeln leihen, jm. in die stiefel(n) scheissen, alter wate mit stiefel und hüten pflegen
(von den Juden gesagt),
mit stiefeln im mist umkrabeln, mit stiefel und sporn ins paradies laufen, jn. mit stiefel und sporn an den galgen henken, in stiefel und sporn
[wo]
umreiten, altes leder nicht zu stiefeln nemen
;
die stiefel(n) der majestät, s. bis an die waden, s. von kühenem leder
 ;
der kurze / rote / weisse / schöne / subtile / spanische s.; 1 par stiefel(n)
.
Wortbildungen:
stiefelfel
›Tierhaut zu Stiefeln‹ (a. 1571),
stiefelhure
›Edelhure‹ (a. 1581; dazu bdv.: vgl.  ),
stiefelmacher
,
stiefelschaft
,
stiefelschmirber
,
stiefelschwabe
›Gestiefelter‹ (a. 1505),
stiefelsocke
›Socke mit Schaft‹ (a. 1646),
stiefelstrumpf
(17. Jh.).

Belegblock:

Ziesemer, Gr. Ämterb.
96, 23
(
preuß.
,
1440
):
16 techer kelbern und scheffen fel, 30 par stevelscheffte und steveln.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
6098
(
Magdeb.
1608
):
Rothe Stieffeln trug er [Storch] fuͤr Hosen / | Sein Schneweiß kleid war schwartz gezieret.
Mieder, Lehmann. Flor.
842, 18
(
Lübeck
1639
):
Es dient weder zum Rock noch zum Hosen: weder zu Stieffeln / noch zu Schuhen.
Luther, WA
10, 1, 1, 347, 6
(
1522
):
[Cayn] achtet nitt seynes ynnwendigen grewels, ßo feret er mit stiffelln hyneyn, richtet alle wellt freuelich.
Ebd.
14, 335, 20
(
1524
):
ßo thun alle, die mit ungewaßchenen fusßen, mit stiffeln in die Bibel fahren.
Ebd.
20, 239, 20
(
1526
):
stiffel und sporn mogen ligen bleiben. Das ist der Cristlich stand.
Ebd.
33, 605, 9
(
1531
):
werden sie nit an ihnen gleuben, so wolle Er mit feusten drein schlagen unnd in die stiffel hinein fharen.
Ebd.
47, 820, 1
(
1539
):
Ne sollicitus sis, sed fac tuum offitium gehe hindurch mit stiffeln, sporen.
Wyss, Limb. Chron.
52, 11
(
mfrk.
, Hs.
2. H. 16. Jh.
):
in disen jaren vurgingen di großen widen korzen lersen und stiveln.
Lichtenstein, Lindener. Katzip.
124
(o. O.
1558
):
bey nacht, [...], wüst der guͦt bruͦder her und scheißt im in die stifel.
Lemmer, Amman/Sachs. Ständeb.
50, 2
(
Frankf./M.
1568
):
Hereyn / wer Stiffl vnd Schuh bedarff / | Die kan ich machen gut vnd scharff.
Österley, Kirchhof. Wendunmuth
2, 503, 8
(
Frankf.
1602
):
das mägdlein [...] gab listiglich vor, damit er seine ruhe desto beßer haben möchte, wolte sie ihm seine stieffeln abziehen.
Lippert, UB Lübben
2, 137b, 8
(
osächs.
,
1438
):
18 g. vor 1 par stybbeln und vor 1 par nidder-schwͦ Tylemanne.
Gille u. a., M. Beheim
167, 82
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
die snäbel, die sy han | an irn stiveln und schuhen.
Kehrein, Kath. Gesangb.
2, 604, 2
(
Nürnb.
1631
):
Meynstu du wollst ins Paradeiß, | Mit Stieffel vnd Sporen lauffen?
Lemmer, Brant. Narrensch.
4, 18
(
Basel
1494
):
Roͤck / mentel / hembder vnd brustduͦch | Pantoffel / Styffel / hosen / schuͦch | Wild kappen / mentel / vmblouff dran / | Der jüdisch syt wil gantz vffstan.
Maaler
388r
(
Zürich
1561
):
Stiffel biß an die halben waden wie sy die jaͤger tragend / poͤßle. Cothurnus.
Dict. Germ.-Gall.-Lat.
507
(
Genf
1636
):
Stieffelmacher / Cardonnier. qui fait des botes. Ocreator.
Wyss, Luz. Ostersp.
3, 170, 3
(
Luzern
1596
/
7
):
Nabuchodonosor König Königklich, kostlich, prächtig, stoltz, hochmütig vff heidnische Manier mitt schönen stiffelinen.
Barack, Zim. Chron.
1, 575, 7
(
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
do haben die studenten den platz behalten und die stiffelschmürber gejagt, das inen die schuch hetten mögen empfallen.
Ebd.
3, 541, 14
:
damit er sie verursacht, das sie öffenlich gesagt, was er sich so mausig derf machen; es haben ire etlich noch alte stiffel dahaim an ainer wandt, seien elter, dann er oder seine vordern fürsten.
Henisch
214
(
Augsb.
1616
):
Wenn man einen bawren bitt / so geschwellen jhm die stiffel.
Deinhardt, Ross Artzney
284
(
oobd.
,
1598
):
Nimb ain stifel, der guet ist, das er atem nicht auß khan, vnd mach denn selben dem roß an den khopff.
Turmair
4, 108, 16
(
moobd.
,
1522
/
33
):
Truegen lange weisse leinen oder auß paumwol claider und mäntl an, [...], truegen hauben, [...], claine subtile stiffelein, wie ietzo die weichpischof antragen.
Joachim, Marienb. Tresslerb.
157, 9
;
Ziesemer, a. a. O.
506, 32
;
Toeppen, Ständetage Preußen
3, 378, 23
;
Luther, WA
34, 2, 367, 1
;
Welti, Pilgerf. v. Walth.
42, 3
;
89, 14
;
Thiele, Chron. Stolle
273, 18
;
Skála, Egerer Urgichtenb.
187, 3
;
Küther, UB Frauensee
209, 41
;
Lippert, a. a. O.
2, 2516, 3
;
Loose, Tuchers Haushaltb.
56, 22
;
Chron. Nürnb.
5, 682, 2
;
723, 3
;
Sachs
15, 123, 3
;
Chron. Strassb.
985, 21
;
26
;
Rennefahrt, Wirtsch. Bern
552, 2
;
Welti, Stadtr. Bern
370, 14
;
Chron. Augsb.
8, 325, 29
;
9, 185, 8
;
Zingerle, Inventare
207, 2
;
Fastnachtsp.
381, 23
;
Voc. Teut.-Lat. ff ijv; ff iiijr;
Schweiz. Id.
1, 772
;
7, 684
;
9, 995
;
10, 1445
 f.;
11, 2281
;
Schwäb. Wb.
5, 1761
.
Vgl. ferner s. v. ,  1,  1, .
2.
›Beinschiene (als Teil der Rüstung)‹.
Wortbildungen:
stiefeln
2 (als part. Adj. belegt).

Belegblock:

Bremer, Voc. opt.
17141
(
wobd.
,
1328 ff.
):
Ocrea stiual [...] est indumentum cruris de corio consutum uel de fero sine quocunque alio metallo fabricatum [...]. Et dicitur ab ob, quod est circum, quod est caro, quasi circa carnem.
Maaler
388r
(
Zürich
1561
):
Stiffel (der) Ocrea.
Henisch
1576
(
Augsb.
1616
):
Gestiflet / ocreatus. Gestiflet vnd gesport.
3.
mit satirischem Bezug auf Michael Stiefel, einen Gegner Th. Murners, sowie den Bundschuh (mit dem Schnürstiefel als Bundeszeichen).
Wortbildungen:
stiefelbuch
,
stiefelhöslein
.

Belegblock:

Kurz, Murner. Luth. Narr
2556
(
Straßb.
1522
):
Guck in meinen stiffel ein, | Da findstu bruͦder stiffelein, | Das schwartz brun münchlin, bei meim eidt, | das gesungen hat von bruͦder veit.
Ebd.
2961
:
Den stiffel nem auch niemans ein, | Dan bruͦder stifflin gehoͤrt darein | Vnser münchlin muͦß rum han, | Vff das es büchlin schreiben kan, | Buntschuͦ büchlin, stiffel büchlin mit: | Darumb solt ir in irren nit.
Raabe, Wortsch. Murners.
1990, 2
.
4.
ütr. auf Gegenstände, die zu einem Stiefel in eine Vergleichsbeziehung gebracht werden können;
a) ›Trinkkrug‹ (dazu bdv.: , s. v.
1
 5,  18, ); b) Maß für Zieger (a. 1555 f.)

Belegblock:

Bächtold, N. Manuel. Zugabe H. R. Manuel
311
(
Zürich
1548
):
Mich dürstet, dass ich möchte schumen; | So gsich ich an dim spüwen wol, | Du hieltist ouch ein stifel vol.
Schweiz. Id.
10, 1448
 f.