grundlos,
Adj.;
während 1 als Epitheton der Allumfassung (ein Kernbegriff der Mystik) zu betrachten ist, bildet 2 den negativen Gegensatz, der nach der Raumvorstellung der Zeit das nach unten Gehende in der Alltagserfahrung einerseits als gefährlich und andererseits direkt als Ort der Hölle und des Bösen spiegelt. Ansatz 3 kann ausgehend vom Bild des Meeres in seiner Tiefe und Weite und damit Unerschöpflichkeit als Metapher für das Unergründliche und die Fülle verstanden werden. In diesem Sinne wäre es mit dem Hinweis auf den Menschen als Bezugsgröße an 1 anschließbar.
– Gehäuft Texte religiösen, oft mystischen, und didaktischen Inhalts.
1.
›quantitativ (an Maß, Größe, räumlich und zeitlich) und qualitativ (an Intensität, Kraft usw.) nicht meßbar und damit nach menschlichen Maßstäben nicht faßbar und erklärbar, grenzenlos, unendlich, ewig (d. h. ohne Anfang und Ende), unerschöpflich, unbegreiflich (das Göttliche kennzeichnend; zumeist von den Personen der Trinität, der Mutter Gottes sowie deren Eigenschaften und deren Gnadengaben für die Menschen gesagt, aber auch von dem mit Gott eins gewordenen Menschen)‹.
Gegensätze:
(Adj.).
Syntagmen:
etw.
(z. B.
die natur
)
g. sein; der g. brunne / grund
(für Gott),
die g. barmherzigkeit
(häufig)
/ demütigkeit / edelkeit / erbärmde / gnade / gotheit / güte / kunst / liebe
(bei
Luther
häufig)
/ miltekeit / minne / reichheit / tiefe / süssigkeit / vorsichtigkeit / weisheit / woltat / wort, das g. gut / minnespiel / verständnis
.
Wortbildungen:
grundlosheit
,
grundlos(ig)keit
,
grundlosiglich
1,
grundloslich
1.

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok.
22510
(
nrddt.
,
14. Jh.
):
dem Got der selden gan | Daz her iz volk geleren kan | Von sins schepferes gunst, | Der hat grundelose kunst.
Schöpper
80b
(
Dortm.
1550
):
Bodenloß vngruͤndtlich. grundtloß ¶ vnerspuͤrlich vnerfoͤrschlich vnerfindtlich.
Luther, WA
2, 69, 22
(
1529
):
[Christo] sey danck gesagt ynn ewigkeit fur alle seine reiche grundlose guͤte an uns erzeigt.
Ebd.
17, 1, 316, 28
(
1525
):
er spricht nicht, das die vergebung sey geschehen durch bitten [...] ettlicher heyligen, sondern durch Gottes grundlose barmhertzickeyt.
Ebd.
45, 87, 24
(
1537
):
ut videam in die grundlose gottheit.
Quint, Eckharts Pred.
1, 123, 3
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
vernünfticheit nimet got, als er in ir bekant ist; dâ enkan si in niemer begrîfen in dem mer sîner gruntlôsicheit.
Ebd.
1, 235, 6
:
dat alre hoegesten in syner grondeloesser gotheit antwert dem alrer nedersten in der doifden der oitmoedicheit.
Ebd.
1, 246, 9
:
Die sine antwurtend got nach sinem hoͤchsten tail in siner grundlosen tieffi in siner tieffen der demuͤtikait.
Ebd.
2, 309, 5
:
daz der mensche durchgange und übergange alle geschaffenheit und alle zîtlicheit und allez wesen und gange in den grunt, der gruntlôs ist.
Meisen, Wierstr. Hist. Nuys
641
(
Köln
1476
):
O hymmelsch keyserynne, dye by dym kynde byst gesessen, | Moederlych in dyner grundeloeser barmherticheyt.
Jostes, Eckhart
15, 16
(
14. Jh.
):
wie grundloz sint dein urteil und wie unbegriffenlich sint dein wege!
Ebd.
69, 9
:
Die natur ist grundloz, do von enwirt si niht gegrundet dann von eim gruntlosen verstantnúzz. Aller creaturen verstentnúzz daz ist gemezzen, dar um hat ez grunt; do von enkan ez di grundlosen verstantnúzze niht begreiffen.
Karsten, Md. Paraphr. Hiob
94
(
omd.
,
1338
):
Aller wisheit bernde zucht, | Trostes gerte unde stab, | Got vater, grundeloses hab.
Strauch, Par. anime int.
33, 8
(
thür.
,
14. Jh.
):
hi ane ist uns bewisit di grundelose materie dissis kindis
[Jesus].
Ebd.
80, 28
:
so tuit Godis gnade daz groiste teil dazu, und ie me wir siner wege irkennen, ie grundelosilicher und ie manicvaldiclicher si uns zu bekennene werdin.
Mönch v. Heilsbronn. Fronl.
15va, 27
(
nobd.
,
E. 14. Jh.
):
wi tief vnd wi grundloze er [gotlich brvnne] sei an gnaden.
Langen, Myst. Leben
224, 13
(
nobd.
,
1463
):
alle myn sol [...] vndergan / in dem tieffen, gruntlosen, gotleichen abgrunt der vbergrütten gothait.
Gille u. a., M. Beheim
84, 202
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Maria, ich dich ane rieff | durch dein grundlasen permung tieff.
Voc. Teut.-Lat. n ijr (
Nürnb.
1482
):
Grundloßheit. oder vnendigkeit. infinitas.
Vetter, Pred. Taulers
121, 12
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
Ach wie ist es ein so edel grundelos luter guͦt, kunnen sterben.
Ebd.
169, 22
:
[der herre] zúhet disen menschen also grundeloslichen in sich selber und in sins selbes selikeit.
Ebd.
368, 13
:
Dise tieffe die wirt geborn us dem abgrúnde der grundeloskeit Gotz.
Strauch, Schürebrand
53, 10
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
daz dir kein liden nit me geschaden mag denne also vil also es die grundelose vürsihtikeit gottes über dich verhenget.
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
2, 937
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
[er sol] anesehen creaturlicher wise die hohe nature gottes vnd die grundelosen eigenschaften, die in gotte sint. Wan irre grundeloser naturen gehoͤret zvͦ grundelose túgende vnd werk.
Ebd.
2, 1291
:
Vs disem vndersehen des vatters vnd des sv́nes in irre ewiger clarheit flússet ein ewig wolbeuallen, ein grundelose minne, vnd daz ist der heilige geist.
Adrian, Saelden Hort
3433
(
alem.
, Hss.
E. 14.
/
15. Jh.
):
uf Got, den grundlosen hort.
Sappler, H. Kaufringer
27, 3
(
schwäb.
, Hs.
1472
):
Gott der vatter in ewigkait | hat solich lieb zuo der menschait, | die grundlos ist oun endes zil.
Klein, Oswald
111, 15
(
oobd.
,
1436
):
[Gross ellend] gedultiklich, durch gruntlos witz | laid seiner mütter kind
[Jesus].
Drescher, Hartlieb. Caes.
40, 7
(
moobd.
,
1456
/
67
):
die selb heylig junckfraw in betrachtung lag und auff die gruntlosen fürschickung oder fürsehung der chünftigen gerechten menschen gedacht.
Luther, WA
21, 308, 15
;
22, 107, 10
;
22, 252, 1
;
22, 389, 33
;
30, 3, 80, 11
;
37, 656, 39
;
41, 190, 19
;
Quint, a. a. O.
2, 486, 6
;
Rosenthal. Bedencken
32, 4
;
Karsten, a. a. O.
5295
;
Langen, a. a. O.
207, 10
;
224, 20
;
Gille u. a., a. a. O.
162, 375
;
Mayer, Folz. Meisterl.
26, 74
;
Sachs
15, 99, 3
;
463, 3
;
Lauchert, Merswin
4, 25
;
Vetter, a. a. O.
43, 28
;
66, 7
;
121, 35
;
169, 22
;
209, 31
;
268, 29
;
417, 15
;
Strauch, Schürebrand
12, 22
;
20, 16
;
26, 27
;
Illing, Albert. Sup. miss.
245
;
Eichler, a. a. O.
1, 71
;
1, 185
;
1, 427
;
1, 459
;
1, 843
;
2, 946
;
2, 1986
;
3, 93
;
97
;
3, 231
;
Bihlmeyer, Seuse
29, 11
;
100, 27
;
Banz, Christus u. d. minn. Seele
742
;
Schmidt, Rud. v. Biberach
16, 14
;
Päpke, Marienl. Wernher
14817
;
Jörg, Salat. Reformationschr.
419, 13
;
Vetter, Schw. zu Töß
39, 27
;
67, 13
;
116, 22
;
Bauer, Geiler. Pred.
107, 23
;
Spechtler, Mönch v. Salzb.
10, 123
;
A. à S. Clara. Deo Gratias
27, 10
;
37, 26
;
Piirainen, Stadtr. Sillein
35l, 28
;
39r, 8
.
Vgl. ferner s. v.  5,  2,  1,  1, I, 1,  1,  16.
2.
›(räumlich gedacht:) bodenlos, endlos nach unten gehend, ohne erkennbare untere Begrenzung (von Gewässern, Klippen, Schluchten)‹; ütr.: ›abgrundtief, ohne die Möglichkeit des Entkommens und der Rettung, schrecklich (vom Fegefeuer und von der Hölle); endlos, schlimm (vom Schmerz)‹; speziell: ›hoffnungslos, sinnlos‹;
vgl.  1345.
Wortbildungen:
grundlose
(
die
) 1 ›alles verschlingender Abgrund‹,
grundlosiglich
2.

Belegblock:

Luther, WA
17, 2, 148, 2
(
1525
):
das ienige, das man yhn gibt, reyssen sie zu sich, [...] yhren grundlosen geytz nuͤr tieffer zu machen.
Ebd.
30, 2, 253, 41
(
1530
):
Walfartenn mit glubden zu S. Jacoff ist auch vonn mißbreuchen [...] grunndtloß.
Helm, H. v. Hesler. Apok.
4238
(
nrddt.
,
14. Jh.
):
Zu dem dritten weide | Vorkund hern in daz gevelle | Der grundelosen helle.
Ebd.
13743
:
im wart der sluzzel gegeben | Der grundelosen pfutzen | [...] | [...] do man die argen derrete.
Ebd.
14249
:
Her [engel des abisses] ist der vorlornen swengel | In die grundelosen tuefe.
Palmer, Tondolus
332
(
Speyer
um 1483
):
Vber den grundlosen pfutz / ging ein stege was zweier milen lang.
Stackmann u. a., Frauenlob
4, 10, 5
(Hs. ˹
nobd.
,
3. V. 15. Jh.
˺):
Der helle grundelosez wesen ist miner schar, | der liebe und lust unwirdig sin.
Mayer, Folz. Meisterl.
73, 20
(
nobd.
,
1517
/
8
):
Die von dem thron waren gereist | Ab in das mort tief, gründlos ungefell.
Vetter, Pred. Taulers
322, 26
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
O, der wol bi ime selber blibe und ime selber heimelich were, wie grundelosecliche fúnde er sich in dem súntlichen gebresten.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 177, 15
(
Hagenau
1534
):
Es ist grundtloß mit dem menschen sagen wir / wenn nichts an yhm hilfft / es gehet alles dahyn [...] / es verschwindet alles.
Adrian, Saelden Hort
4425
(
alem.
, Hss.
E. 14.
/
15. Jh.
):
magt Marie! | du bist gesin min verie | in disem grundlosen wag.
Thiele, Minner. II,
2, 52
(Hs. ˹
nalem.
/
sfrk.
,
1470
/
90
˺):
myn versertes hercz, | des grym, grundlos smercz | mus uͤmer unverheilt stan.
Maaler
194
(
Zürich
1561
):
Grundlose (die) Grundlose. Vorago.
Helm, a. a. O.
10617
;
Bihlmeyer, Seuse
11, 5
.
3.
›sich räumlich in die Weite erstreckend (nicht nur in die Tiefe, ohne negative Konnotation), endlos, weit, tief; innerlichst; unerschöpflich, unergründlich (vom Meer als Symbol der Unerschöpflichkeit und der Unendlichkeit)‹;
vgl.  134.
Wortbildungen:
grundlose
(
die
) 2 ›Unendlichkeit‹,
grundloslich
2.

Belegblock:

Strauch, Par. anime int.
48, 6
(
thür.
,
14. Jh.
):
Got setzit di sele in daz lutirste daz si inphahin mac, in die wite und in daz mer, in ein grundelois: da wirkit Got barmherzikeit.
Asmussen, Buch d.
7
Grade 2297 (
nobd.
, Hs.
A. 15. Jh.
):
Waz went ir, daz im daz sei, | ob er
[Gott]
mir geit di tropfen drei | us sinem grundelosen mer?
Gille u. a., M. Beheim
161, 99
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
wirt mir dein lob unseglich chund. | gen ich dann in das tieff abgrund | des grundloslichen flütes | Deines ewigen gutes | herr, da verswinden alle lob | van clainhait.
Eichler, Ruusbr. steen
173
(
els.
,
sp. 14. Jh.
):
her vmbe so mvͦßen wir allez vnser leben fvndieren vf ein grundelos apgrv́nde, so mv́gen wir ewiklich in minnen sinken vnd entsinken vns selbe in die grundelose tiefe.
Lindqvist, K. v. Helmsd.
4339
(
halem.
, Hs.
um 1435
):
Aller tugend bist [Maria] ain grundlos mer.
Henisch
1669
(
Augsb.
1616
):
Der geitz ist grundlos [...]. Die hoͤllische pein ist grundlos.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat.
78, 31
(
oobd.
,
1349
/
50
):
Von des Himels Abgrunt. Man siht auch oft des nahtes, als ob ain gruntlôs tiefen gê in den himel.
Bihlmeyer, Seuse
419, 10
;
A. à S. Clara. Deo Gratias
3, 18
.
4.
›aus der Tiefe des Herzens kommend, wahrhaftig, nichts anderes begehrend und wollend, anspruchslos‹;
vgl.  9.
Wortbildungen:
grundlosiglich
3,
grundloslich
3.

Belegblock:

Vetter, Pred. Taulers
115, 36
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
súllent wir [...] volgen deme [Jhesu] mit warem armuͦte unsers geistes und mit grundeloser gelossenheit und mit búrnender minnen.
Ebd.
214, 16
:
Denne enwart dem menschen nie so not eins tieffen versinkens in den grunt der demuͤtkeit in rechter gelossenheit. So der under val ie tieffer und grundeloslicher ist, so sich Got des menschen und aller siner werke innerlicher und richlicher under wint.
Illing, Albert. Sup. miss.
2687
(
els.
,
n. 1380
):
das ich mich [...] kúnne zuͦ dir kern, o minnenclicher herre, mit grundeloser minne vnd dangberkeit.
Bihlmeyer, Seuse
121, 28
(
alem.
,
14. Jh.
):
Do ersúfzet aber er als grundlosklich und sprach: „soͤlti ich ein mich anlachendes [...] kindli toͤden?“
Ebd.
190, 11
:
einikeit, in die solt du dringen unwússende [...] mit einem blossen abzuge des grundlosen, einvaltigen, reinen gemuͤtes.
Ebd.
447, 33
:
die hertzen, [...] herre, die minnent und umbvahent dich húte mit grundeloser begirde.
Asmussen, Buch d.
7
Grade 743.