petschaft,
petschad,
petschier,
pitschaft,
pitschier,
das
;
-s
und
-en/-en
, auch
; infolge etymologischer Undurchsichtigkeit starke Varianz der Schreibgestalt:
pet-
gehäuft omd. / nobd. / oobd.,
pit-
eher wobd.;
-schier
mit leichter Häufung wmd. / wobd. – Aus slow.
pečát
und/oder tschech.
pečet
›Siegel‹ (;
Pfeifer
2000, 993
;
Kluge/S.
1995, 623
), zweite Silbe mit Anlehnung an dt.
-schaft
, vereinzelt an
-scheid
.
Petschier
als Rückbildung zum Verb
petschieren
aufzufassen (so
Schulz/Basler
), scheitert an der Belegchronologie.
1.
›Siegelstock, Siegelstempel, Siegelring, Werkzeug zum Verriegeln von Urkunden, Briefen o. ä.‹; in einigen Belegen von
siegel
als dem offizielleren Stempel unterschieden; offen zu 2.
Bedeutungsverwandte:
, .
Syntagmen:
ein p. haben / machen / (auf)drücken / stelen
;
das p. in verlust kommen
;
etw. mit dem p. versiegeln
;
das güldene / übergüldete / kleine p
.
Wortbildungen:
pitschierstok
, wohl ›Stempelgriff‹.

Belegblock:

Küther, UB Frauensee
388, 7
(
thür.
,
1529
):
Deß zu urkundt hab ich obgedachter vogt mein betschyrr zu endt disser schryfft wissendtlich getruͤckt.
Skála, Egerer Urgichtenb.
105, 8
(
nwböhm.
,
1573
):
vnd Christoff hab das Petschaft selbs (ge)stolen vnd vfgedruckt.
Koller, Ref. Siegmunds
306, 2
(Hs.
um 1474
):
man gebeut auch, das ein yglich reichstat auch hab ein clein betschet, damit man boleten versigelt allen den, dye da wandernn.
Rennefahrt, Wirtsch. Bern
463, 10
(
halem.
,
1509
):
Si soͤllen ouch kein argwenig sigel, schluͥssel, bitschet oder ander ding machen.
Adomatis u. a., J. Murer. Nab.
7
(
Mühlh./E.
1556
):
sy schreib brief under Ahabs nammen / unnd versiglet sy mit sinem pitschet.
Chron. Augsb.
9, 66, 4
(
schwäb.
,
1544
/
5
):
und (es ist) bis auff dise zeit bemelts erlich wappen an iren heusern, wonungen, eigenthumben, silbergeschirren, sigilen, petschieren, hausrat.
Gehring, Würt. Ländl. Rechtsqu.
3, 498, 44
(
schwäb.
,
1570
):
Es soll auch fürhin [...] schuldbrief, so die hauptsuma under 15 fl sein, nit auf bergament, sonder auf pappeür geschriben und mit kainem sigel, besonder allain mit pitschier, verfertiget werden.
Bauer u. a., Kunstk. Rud.
533
(
oobd.
,
1607
/
11
):
1 gedrehten stil und knopf, von schwartz und weissem bain eingelegt zu einem pitschir.
Ebd.
2379
:
ein pitschierstöckhlin von jaspis per 30 taler.
Bauer u. a., a. a. O.
1297
;
Rwb
10, 628
;
Pfälz. Wb.
1, 750
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß
61
;
Schweiz. Id.
4, 1931
f.;
Schwäb. Wb.
1, 1143
.
2.
›in dem Siegelstock eingraviertes Muster, rechtsgültige Zeichengestalt, Warenmarke; Abdruck des Musters auf dem zu siegelnden Dokument‹.
Rechts- und Wirtschaftstexte, Chroniken.
Bedeutungsverwandte:
 2, , , , .
Syntagmen:
ein p. (ab)machen / aufdrucken / füren, das p. auf etw
. (z. B.
auf papier
)
drucken /
(z. B.
auf einen stecken
)
schneiden
,
in etw
. (z. B.
in ein siegel
)
schneiden
;
etw. unter seinem p. geben / versiegeln, etw. mit einem p. zeichnen, etw. mit dem p. bestätigen / bekräftigen
;
p. des bergmeisters / procurators, der mutter
;
das angeborene / aufgedrukte
(oft) /
bürgerliche / eigene / falsche / glaubwürdige / heimliche p
.
Wortbildungen:
petschaftgeld
›Gebühr für die Siegelung von etw.‹ (a. 1646),
petschaftpfennig
(eine bei der Weinlese zu entrichtende Steuer),
petschaftsfertiger
›die Siegelung leistende Person‹ (a. 1599),
petschaftsfertigung
›Bestätigung mit einem Siegel‹,
petschaftsiegel
(verdeutlichend; a. 1531),
petschaftsignet
(a. 1539),
pitschierplätlein
(zu Sache und Bedeutung:
Schwäb. Wb.
1, 1144
),
pitschierschneider
.

Belegblock:

Toeppen, Ständetage Preußen
5, 490, 30
(
preuß.
,
1506
):
so sall der verordent sein peczschir mit einem wachs auf ein papir drucken.
Löscher, Erzgeb. Bergr.
92, 31
(
omd.
,
1550
):
Geben montags nach N. im 1550 unter meinem petschier.
Skála, Egerer Urgichtenb.
81, 12
(
nwböhm.
,
1571
):
der het auch das Petzschiet vf ein STecken geschnitten. (vnd) dan sein Ieger fuhre ein solch Peczschaft.
Weizsäcker, Graupn. Bergb.
189, 16
(
osächs.
,
1531
):
Des zu bekentlicher urkunt habe ich mein peczir hie unden wiessentlich uffgedruckt.
Chron. Nürnb.
5, 565, 6
(
nobd.
,
E. 15.
/
A. 16. Jh.
):
hie Nikel Steudlein sun, [...] ins loch gelegt, het seiner muter betschaft ab lassen machen.
Sachs
15, 106, 23
(
Nürnb.
1559
):
Hammon, seh, hab dir mein betschier, | Dis volck gib ich zu eygen dir.
Hampe, Nürnb. Ratsverl.
2, 28, 4
(
nobd.
,
1575
):
Dieweil durch das abgiesen der petschafft und sigill allerlei gefahr gepraucht werden khan.
Maaler
81v
(
Zürich
1561
):
Bütschet (das) Jnsigel / Bütschier. Signum. Falsch Bütschet. Signum adulterinum.
Rennefahrt, Wirtsch. Bern
472, 8
(
halem.
,
1611
):
Belangend die frömbden umbschweiffenden pütschier- und sigelschnyder, so zearbeiten allhar kommen, da wellen wir uns vorbehalten haben, einem sölchen allhie zearbeiten vergünstigen.
Hauber, UB Heiligkr.
2, 462, 12
(
schwäb.
,
1544
):
Zwey gleich lauthend urkhunden [...] mit ihren uffgetruckhten petschieren verfertigt.
Diehl, Dreytw. Essl. Chron.
205, 24
(
schwäb.
,
1559
):
da ist dein eigne handgeschrift und bitschir, das wirst bekenen.
Brunner, Rechtsqu. Krems u. Stein
25, 11
(
moobd.
,
1305
):
Wir verbieten ouch vestichleich, daz dehain richter nach amptman dehain insigel, betschat oder wachszaichen noch dehain newen aufsatz aufsetzen.
Herzog, Landsh. UB
648, 18
(
moobd.
,
1399
):
versigilt vnder meinem petschefft, wann ich mein insigil bey mir nicht het.
Winter, Nöst. Weist.
3, 779, 10
(
moobd.
,
1484
):
seint es aber aufgedruckte insigl oder petschad, dem richter 21 ₰.
Spiller, Füetrer. Bay. Chron.
238, 34
(
moobd.
,
1478
/
81
):
die wolten über sölch geschäfft den räntmaistern beschechen nichs wissen, und was doch etlichs Taumbrings petschafft darauf.
Rintelen, B. Walther
159, 25
(
moobd.
,
1552
/
8
):
und ist ainiches Zeugen Sigil oder Pettschaft darzue nit vonnöthen.
Wutzel, Rechtsqu. Eferding
53, 34
(
moobd.
,
1597
):
Es sol auch derselb gesezte stattrichter [...]ime alspaldt sein gewonlich burgerlich pedtschafft oder zaichen in ain gemain insigl [...] schneiden lassen.
Seuffert u. a., Steir. Landtagsakten
1, 50, 1
(
m/soobd.
,
1411
):
des pettschaften halben, so ain burgermaister auf die zeteln der teutschen wein trukhen soll.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid.
220, 32
(
m/soobd.
,
1685
):
zu wahren urkunt mein hier untergezogne handschrift und adeliches wapen pedtschaftsfördigung.
Mollay, Ofner Stadtr.
214, 3
(
ung. inseldt.
,
1. H. 15. Jh.
):
Man schol nit fodern petschaft pfennig Dÿ offner seÿn nit schuldig petschaft phennig ze geben In dem lesen kainen Czentnerr.
Jürges u. a., Waldecker Chron.
343, 35
f.;
Wolf, Gesetze Frankf.
379, 1
;
Schmidt, Frankf. Zunfturk.
1, 130, 13
;
Küther, UB Frauensee
410, 39
;
König-Beyer, Reichenb. Stadtb.
44, 13
;
Hertel, UB Magdeb.
3, 360, 8
;
Löscher, a. a. O.
134, 14
;
Chron. Nürnb.
4, 170, 21
;
Chron. Augsb.
1, 50, 14
;
4, 363, 4
;
8, 335, 17
;
Gehring, Würt. Ländl. Rechtsqu.
3, 203, 34
;
UB ob der Enns
10, 125, 24
;
Uhlirz, Qu. Wien
2, 2, 3652, 13
;
Zingerle, Inventare
40b, 44
;
95b, 20
;
Schmitt, Ordo rerum
107, 27
;
Dietz, Wb. Luther
1, 309
;
Rwb
10, 629
;
632
;
Schwäb. Wb.
1, 1143
f.
3.
›an Briefe, Urkunden u. ä. angehängtes Siegel in materieller Gestalt, Masse aus geformtem Material mit dem Siegelmuster als Zeichen der Gültigkeit von etw., an Waren angehängte Qualitäts-, Identifikationsmarke‹; auch: ›Verschlußmasse für etw.‹.
Syntagmen:
das p. anhenken / brechen / nemen / verlieren, auf etw. kleiben / legen, an etw. henken
;
p
. (Subj.)
abfallen
;
etw
. (z. B.
den brief
)
mit einem p. verwaren
;
p. an einem tuch
;
das anhangende / silberne p.
;
brief mit p
.

Belegblock:

Lappenberg, Fleming. Ged.
14, 8
(
1631
):
du, Gott, verschleußst die See, als siegeltst du sie zu, | sie bricht nicht dein Pitschier.
Lichtenstein, Lindener. Katzip.
4
(o. O.
1558
):
findet man aber inn seinem beüttel nach seinem tod ain brief mit zwayen butschirn oder sygeln verwaret.
Hübner, Buch Daniel
7936
(
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
sluz zu die tur, | Lege din peschot da vur | Unde kum morgen wider!
Rieder, Gottesfr.
229, 20
(
els.
,
n. 1390
):
dis buch handlet auch von dem büchlin, so Rulman Merschwein, [...], selbst geschriben und sein silbernes pittschaft mit einem rümen daran gehenkt.
Barack, Zim. Chron.
3, 490, 19
(
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
das sigel oder pitschier war gar unerkannt und von eim andern brief genommen und uf den geklaibt.
Dirr, Münchner Stadtr.
277, 6
(
moobd.
,
um 1310
/
2
):
Swer bereden mack, daz er ein petschat ab einem tůch verlorn hat ân gevaerde, der vliust darumb niht.
Ebd.
462, 1
(
um 1365
):
Swer sich aber mit seinem ayd davon gewinnen mag, daz im daz petscheit abgevallen sey ân gevaerd, der geit niemant nicht.
UB ob der Enns
10, 110, 17
(
moobd.
,
1382
):
haben wir vnsere petschadt zu des vorgenanten von Maidburg insigel gehenkt an disen brief.
Mollay, H. Kottanerin
15, 9
(
moobd.
,
1439
/
40
):
legat ein leinein tuͤchel vmb das slos, das wıͤr bei dem angel heten angeslagen, vnd ain petschad dar auf.
Toeppen, Ständetage Preußen
4, 394, 22
;
Chron. Augsb.
7, 278, 15
;
UB ob der Enns
9, 92, 38
;
Grossmann, Unrest. Öst. Chron.
134, 23
;
135, 2
;
Mollay, a. a. O.
15, 40
;
17, 5
.