tugendreich,
Adj.;
vgl. .
1.
›im Sinne der moraltheologischen wie der allgemeinen frühbürgerlichen Tugendvorstellungen der Zeit lebend und handelnd‹; religiös motiviert: ›gottgefällig, gerecht, fromm, rechtschaffen, nach dem Seelenheil strebend‹; dazu ütr.: ›heilbringend‹; eher säkular: ›integer, ehrlich, vorbildlich für andere, ehrenhaft‹;
vgl.  12345.
Gehäuft Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘.
Gegensätze:
; vgl. (Adj.) 67,  1.
Syntagmen:
j
. (z. B.
Adam, Job
)
t. (gemacht) sein, leben, geachtet werden; jn. t. halten / machen
;
der tugendreiche fürst / man / pfad / prediger, das tugendreiche leben, die tugendreichen garben / schwestern / übungen
;
der lon der tugendreichen
(subst.).
Wortbildungen:
tugendreichheit
.

Belegblock:

Fischer, Brun v. Schoneb.
10035
(
md.
, Hs.
um 1400
):
Adam was gemachet toguntrich, | her was unsterblich [...].
Ebd.
12487
:
si [Maria] ist dem schifbruchigen ein steg, | [...] | den toguntlosen ein toguntricher pfat.
Österley, Kirchhof. Wendunmuth
2, 251, 8
(
Frankf.
1602
):
Allerhöchster gedächtnus Franciscus [...], weylandt könig zu Franckreich, ein großmütiger und tugentreicher fürst [...].
Karsten, Md. Paraphr. Hiob
7927
(
omd.
,
1338
):
der salden lichter schin | Ist der tugentrichen lon.
Kehrein, Kath. Gesangb.
1, 115, 6
(
Nürnb.
1631
):
lerne leben Tugentreich, | Der suͤnden schuel vnd Gsellschaft fleuch.
Ebd.
2, 559, 21
(
Bautzen
1567
):
Das der Glaub durch die liebe werd erkennet. | [...] | Sollen wir vns beweisen tugentreich.
Roloff, Brant. Tsp.
1240
(
Straßb.
1554
):
So ist der jüngling fromm und gerecht | Gottsfoͤrchtig / tugentrich und schlecht.
Warnock, Pred. Paulis
2, 136
(
önalem.
,
1490
/
4
):
daz sú tugentrichlich und nach gotz willen lebint.
Ebd.
14, 63
:
je tugentricher ain mensch ist, je edler und besser er ist [...]. Und darumb, sider ich tugentricher, edler und besser bin denn du, so [...].
Glatz, Chron. Bickenkl.
156, 25
(
önalem.
,
um 1640
):
Sy ist ain andächtige laysch(wester) gesin und vil dugenriche iebungen und zichtigen wandels.
Maaler
411r
(
Zürich
1561
):
Tugendreych geacht werde͂. [...]. Du bist nit so Tugendreych als man dich halt [...]. Vil stercker vnnd tugendreycher machen.
Höver, Bonaventura. Itin. B,
362
(
moobd.
,
1450
/
60
):
jn dem doch durch aller simplist ainikait, [...] aller genuͦgsamiste guͦthait ist alle krafft vnd tugentreichait.
Reissenberger, Väterb.
7553
;
32234
;
32739
;
Kehrein, a. a. O.
3, 75, 4
;
Karsten, a. a. O.
7524
;
8538
;
15250
;
15488
;
Lindqvist, K. v. Helmsd.
4186
;
Warnock, a. a. O.
7, 237
;
Sappler, H. Kaufringer
14, 41
;
Vgl. ferner s. v.
2
 14.
2.
Eigenschaften, Haltungen und Handlungsmotivationen charakterisierend, die vor allem Frauen, sie positiv verpflichtend, zugeschrieben werden: ›sittsam, treu, keusch, jungfräulich; ohne Sünde‹ (dies von Maria gesagt); teilweise Gebrauch als stehendes Beiwort, bei Luther in der Anrede;
zu  4.
Bedeutungsverwandte:
 2,  2; vgl.  6, ,  2.
Syntagmen:
der tugendreiche weg, die tugendreiche königin / Maria, das tugendreiche ehegemal / weib, die tugendreichen (jung)frauen
.

Belegblock:

Luther, WA Br.
6, 407, 1
(
1533
):
Gnad und Fried in Christo! Edle, tugendreiche Frau!
Kehrein, Kath. Gesangb.
2, 398, 2
(
Köln
1619
):
Kein Weiblich bild ist jhr nicht gleich, | So hochgelobt vnd tugendreich, | Jn zuchten vnd geberden.
Harms u. a., Alberus. Fabeln
31, 20
(
Frankf./M.
1550
):
Dem [Gott] seit sampt ewerm tugentreichen Ehegemahl vnd holdtseligen Kindlein ewigklich befohlen.
Logau. Abdank.
162, 10
(
Liegnitz
1651
):
Viel Ehr⸗ und Tugendreiche / Edle / Tugendsame / Frauen und Jungfrauen.
Rieder, St. Georg. Pred.
154, 16
(Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
si [die liebe muͦter] ist dú tugentriche, si úber siget mit ir tugend daz obrost guͦt und die obrosten tugend.
Weber, Füetrer. Poyt.
49, 4
(
moobd.
,
1478
/
84
):
mit armen schon vmb vanngen | ward er da von der süeß vnd tugent reichen.
Sappler, H. Kaufringer
8, 117
.
Vgl. ferner s. v. ,  4.
3.
Eigenschaften und Handlungsmotivationen charakterisierend, die Männern zugeschrieben werden: ›tapfer, charakterstark, heldenhaft; sittenstark, vernünftig‹;
zu  5.
Bedeutungsverwandte:
 14, .
Syntagmen:
j
. (z. B.
der ritter
)
t. sein
;
der tugendreiche held / meister
.

Belegblock:

Luther, WA
47, 761, 35
(
1539
):
wie vil mehr solte sich das Manns volck dafür schaͤmen? welches ye solt vernünfftiger und tugentreicher sein, wie auch S. Petrus das weibsbild ain schwacher gefeß nennet weder den Mann.
Koppitz, Trojanerkr.
8099
(Hs. ˹
noschweiz.
,
15. Jh.
˺):
Von stritt waz er worden lass. | Der tugend riche helde stark.
Munz, Füetrer. Persibein
29, 1
(
moobd.
,
1478
/
84
):
Artus der tugentreiche | sanndt nach der frawen clar.
Koppitz, a. a. O.
1039
;
Roloff, Brant. Tsp.
1570
.
4.
›heilkräftig‹;
zu  8.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  3,  5,  7.

Belegblock:

Gleinser, Anna v. Diesb. Arzneib.
1989, 286
(
1658
):
,jungfrawen milch‘, von wegen daß es wÿß und so tugentrÿch ist.