tier,
das
;
-(e)s/-e
, auch
-er, -Ø
.
1.
›Tier (allgemein)‹; es wird in geschichtlichen, theologischen und biologischen Sinnzusammenhängen der Zeit als neben dem Menschen wichtigstes, sich selbstständig fortbewegendes Lebewesen (im Unterschied zu Pflanzen) kategorisiert und dabei teils als ihm schadende, teils als ihm nützende, oft als ihm unterworfene, zur Nahrung, zur Herstellung von Bekleidung geschaffene und als Arbeitstier dienende Kreatur unterschiedlichster Ausprägung semantisiert und entsprechend behandelt; in 1 Beleg als Kollektivum gebraucht: ›Getier‹; vereinzelt ütr. auf Unbeherrschbares.
Bedeutungsverwandte:
,  1, , .
Syntagmen:
das t. aufarbeiten / fangen / töten / überwinden / zu tode schlagen, tiere anbeten / opfern / verfressen, etw
. (z. B.
die erde
)
tiere hervorbringen, tiere für farende habe halten
;
das t
. (Subj.)
jung / grausam / stark sein, sterben, etw
. (z. B.
hitze, ein sinliches / viehisches leben
)
haben, etw. (ab)essen / fressen / sammeln, jn. fliehen / umbringen, jm. schaden tun, die tiere sich freuen / zweien, sich in etw. weiden, jn
. (z. B.
den menschen
)
an etw
. (z. B.
an den fünf sinnen
)
übertreffen
;
der tiere warten
;
dem t. etw. schaden, von natur etw. angeboren sein, den tieren an etw. genügen, mit den tieren fechten / kämpfen / streiten, den hund vor den tieren hüten, etw. mit tieren sticken
›etw. mit Tiermotiven besticken‹;
das t. eines müllers, tiere in der arche
;
das böse / demütige / edle / empfindliche / färliche / freidige / gehorsame / giftige / heimische / kleine / kriechende / lebendige / reissende / schädliche / schlingende / schwangere / seltsame / starke / stinkende / tote / unbändige / unbekante / ungezämte / unschuldige / vergiftete / vierfüssige / wilde / wunderbare t
.;
der bis, die natur, das band / horn / sein / wesen des tieres, der grim, der geselle / pfleger / schäfer der tiere, die figur / haut, das bildnis / fel / wüten der tiere
;
fleisch von einem tier
.
Wortbildungen:
tierbild
,
tierbis
,
tierdrek
(dazu bdv.:  1),
tierfigur
,
tierfrässig
›Tiere reißend‹ (1. V. 16. Jh.),
tiergebis
,
tierhaut
,
tierkopf
,
tierplaz
›Arena für Tierkämpfe‹,
tierschlange
,
tierstern
›Venus‹ (dazu bdv.: , ),
tierzämer
,
tierzirkel
(dazu bdv.: ).

Belegblock:

Joachim, Marienb. Tresslerb.
99, 11
(
preuß.
,
1401
):
7 firdung vor 24 hirzledir und thyerhuthe semisch zu gerben dem meister.
Große, Schwabensp.
202l, 25
(Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
Sleit ein man [...] der vor genanten tier einez zuͦ tode, [...] her ne buͦzet nieman dar vmme.
Luther, WA
30, 2, 176, 8
(
1529
):
So viel thier, so viel seuchen sind umb uns.
Ebd.
3, 112, 15
:
Ein thier kan nit ein thor fassen, ein loch für ein finger, ein kap.
Ders. Hl. Schrifft.
1. Mose 1, 24
(
Wittenb.
1545
):
Gott sprach / Die Erde bringe erfür lebendige Thier
[
Mentel
1466 /
Froschauer
1530/
Dietenberger
1534 /
Eck
1537:
seelen
]
/ ein jglichs nach seiner art / Vieh / Gewürm vnd Thier auff Erden.
Ebd.
Hes. 14, 15
:
wenn ich [HERR] böse Thiere in das Land bringen würde [...] dasselb verwüsten / das niemand drinnen wandeln kündte fur den Thieren.
Quint, Eckharts Pred.
1, 66, 9
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Den sin hân ich gemeine mit den tieren und daz leben ist mir gemeine mit den boumen.
Ebd.
2, 97, 1
:
Sol ich ein mensche sîn, sô enmac ich in eines tieres wesene niht ein mensche gesîn, ich muoz in eines menschen wesene ein mensche sîn.
Ebd.
2, 228, 5
:
man envindet kein tier, ez enhabe etwaz glîches dem menschen.
Ebd.
2, 556, 4
:
Diu tier tretent baz ûf und hânt vihelich und sinnelich leben und blîbent doch in der zît und in der stat.
Gropper. Gegenw.
18r, 8
(
Köln
1556
):
[es] were dz Lamb als ein lebe͂dig / entfindtlich / vnschuldig / demütig / vñ gehorsam thier / mehe anlich [...] den Todt des Herren anzuzeige͂ / dan die vnentfyndtlich creatur des Brots ist.
Tiemann, E. v. Nassau-S. Kgn. Sibille
130, 3
(
rhfrk.
,
um 1435
):
Der hunt bleyp by syme herren / vnd hüde yne vor den dieren.
J. W. von Cube. Hortus
133, 19
(
Mainz
1485
):
so fulet er erst denn bisse deß [...] vergifftigen thiers
(
scorpion
).
v. Keller, Amadis
509, 21
(
Frankf.
1571
):
begaben sich die im Schloß gantz erschrocken auff die flucht, damit sie dieser Thierer wüten vnd grimm [...] entfliehen möchten.
Stambaugh, Milichius. Zaubert.
15, 12
(
Frankf./M.
1563
):
Es ist keyn Kreutlin / gewechß / thier / wurm / steyn / perlin / metal / [...] auff erden / welches nit zu etwas kan gebraucht werden.
Schmitt, Ordo rerum
354, 12
(
omd.
1466
):
Stercus schet [...] tyrdreck [...] dreck.
v. d. Lee, M. v. Weida. Spigell
33, 19
(
omd.
,
1487
):
Villÿber soltt einer wanen beÿ graẃsāmen wilden tÿren den beÿ eÿm bosenn weÿbe.
Thür. Chron.
1v, 20
(
Mühlh.
1599
):
daß die Thier / so von der Sonnen / [...] vnd der Feuchtigkeit wachsen / Als Fliegen / Spinnen / vnd Kaͤffer [...] in der Archen nicht gewesen sind.
Gille u. a., M. Beheim
110, 106
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
daz alles flaisch, menschlich geslecht | und tir end nemen süllet.
Lexer, Tucher. Baumeisterb.
123, 16
(
nürnb.
,
1464
/
75
):
Von den thieren im stat graben.
Köbler, Ref. Nürnberg
209, 3
(
Nürnb.
1484
):
Mer werden fuͤr varende hab gehalten [...] alles vihe. Tyer vñ gefuͤgel.
Franck, Decl.
353, 23
(
Nürnb.
1531
):
Es ist ein wild vnbentig thier vmb den wein / vnd ein auffruͤrisch ding vmb die trunckenheyt.
Kehrein, Kath. Gesangb.
2, 475, 5
(
Nürnb.
1631
):
Dein trewer Hirt [...] | Den Roͤmischen Thier⸗ vnd Schawplatz ziert.
Bihlmeyer, Seuse
172, 18
(
alem.
,
14. Jh.
):
[Wie]
ellú tierlú, dú von dem argen winter verschlossen waren, sich her fúr machent und sich froͤwent und sich zweient.
Menge, Laufenb. Reg.
499
(Hs. ˹
nalem.
,
um 1470
˺):
Ouch als des tieres horne | Raget úbersich In zorne.
Vetter, Pred. Taulers
198, 15
(
els.
,
1359
):
Die tier, das vihe, den genuͤgt an spise, an tranke, an kleidern, an betten, als es Got gemachet hat.
Ebd.
278, 7
:
trag dinen italen wuͤsten grunt, in die wuͤste Gotz den grunt der da ist vol verwachsens unkrutz und lidig alles guͦtz und vol wilder tier diner vichlicher tierlicher sinne und krefte.
Bolte, Pauli. Schimpf u. Ernst
1, 361, 19
(
Straßb.
1522
):
alle Fell oder Huͤwt der Thierer, die sie [Loͤwin] fieng, die bracht sie im [Sant Macharius].
Wickram
4, 22, 18
(
Straßb.
1556
):
Es ist dem menschen und allen thieren [...] von natur angeboren / das ein yedes seine jungen lieb hat.
Sudhoff, Paracelsus
10, 9, 5
(
1536
):
[das erste buch] doctors Paracelsi, von allen wunden, stich, schuß, brend, tierbiß.
Ebd.
14, 220, 2
(
1529
/
32
):
das vich aber ist geteilt in alle species, wie sie in der welt sind, in vierfüßige, zweifüßige, fliegende und onfüßige tier.
Rennefahrt, Gebiet Bern
417, 37
(
halem.
,
1649
):
[Die Jagd auf die]
reißenden thier, als wölf, bären und wildtschwein, sowie auf füchs und dergleichen schedlich gewildt
[ist jederzeit zugelassen].
Schmidt, Rud. v. Biberach
182, 2
(
whalem.
,
1345
/
60
):
Der smak [...] veriagt giftiguͥ tier.
Koller, Ref. Siegmunds
342, 8
(Hs.
um 1474
):
Johannem / und Marcum, dye unnser helffer sein in der zweyer thier figur.
Plant u. a., Main. Naturl.
301rb, 14
(
ohalem.
, Hs.
E. 14. Jh.
):
darumbe wan die sternen die in der selbin gegni sint die sint gestalt nach den tieren nach den si genant sint.
Maaler
400v
(
Zürich
1561
):
Thier (das) Bestia, Animal, Animans. Groß vnnd erschrockenlich Thier. [...] Allerley Thier dere͂ sich der mensch behilfft. Pecus. Thierer die in dem wasser vnnd auff der erden laͤbend. [...] Der in offenlichen schauwspilen mitt den Thieren streytet oder ficht / kaͤmpfft. Bestiarius. Tuͤcher oder tapeten mit Thieren gestickt.
Wyss, Luz. Ostersp.
261
(
Luzern
1583
):
Wurdend inen [Adam und Eua] angelegtt | Von Thierhútten kleider.
Dict. Germ.-Gall.-Lat.
526
(
Genf
1636
):
thiercirckel / der Circkel der zwoͤlff Zeichen an demm Himmel [...]. thierzaͤmer / Der wilde thier zam machet.
Morrall, Mandev. Reiseb.
127, 3
(
schwäb.
,
E. 14. Jh.
):
das die múnch sprechent das die tier sygent edler lút selen, und die habent sich verkert inedel tier [...]. Und die uß den geburen selen werdent, die werdent boͤsser und ungehúr tier.
Barack, Zim. Chron.
1, 6, 31
(
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
Das aber die raisigen Cimbrischen [...] ir hauptharnasch mit flügeln und thierköpfen gezieret.
Reu, Süddt. Kat.
1, 598, 8
(
Nördlingen
1542
):
Was ist Abgotterey? [...] So man silberine, guldine vnd der gleichen bilder, Son, mon, engel, menschen oder thier anbetet.
Kohler, Ickelsamer. Gram.
20, 6
(wohl ˹
Augsb.
1. Dr. 16. Jh.
˺):
Man muͤst jm die aygentliche stym oder laut der Buchstaben durch figur vnd bildtnuß der thier [anzaigen].
Gilman, Agricola. Sprichw.
2, 136, 20
([
Augsb.
]
1548
):
Vier klaine thier seind auff erden / und seind doch kluͤger dann alle Weysen. Amaissen / Caninchen / Hewschrecken / und die Spinne.
Henisch
138
(
Augsb.
1616
):
Es ist auch der aller schoͤnste aff ein heßliches thier.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat.
62, 13
(
oobd.
,
1349
/
50
):
Der fünft planêt haizt Venus [...] und haizt auch dann der tierstern, dar umb, daz diu wilden tier dann her für gênt auz den wälden.
Ebd.
117, 18
:
kain tier sæt seinen sâmen [...] auzwendig seins weibes schôz.
Ebd.
159, 24
:
in allen tiern sint diu weip behender [...] wan die man, ân an den rindern.
Ebd.
284, 6
:
Von der tierslangen. Tirus haizt ain tierslang. dasz ist ein slang, diu [...].
Ebd.
427, 27
:
man vint edel stain, die menschenpild an in habent oder tierpild und vogelgestalt.
Bauer u. a., Kunstk. Rud.
114
(
oobd.
,
1607
/
11
):
[indianische seltzame machara] hatt ein recht nattürlich thiergebiß mit sein zänen.
Brévart, K. v. Megenberg. Sphaera
11, 18
(
noobd.
,
1347
/
50
):
den lauf der aht himl tailt der kraiz, der haizt der tyrzirkel oder der tyrkraiz.
Buijssen, Dur. Rat.
27, 26
(
moobd.
,
1384
):
bei den schuͦchen, die gemacht werden von den heuten der toten tyͤr.
Baptist-Hlawatsch, U. v. Pottenst.
76
(
moobd.
,
A. 15. Jh.
):
Petrus vnd Martinus sind nicht ain tier oder ain mensche nach dem wesenleichen sein aines tÿres oder aines menschen.
Ebd.
396
:
Daz werich des sechsten tages was aller tier vnd alles vieches geschepphe.
Ebd.
1328
:
Abgottrey ist snöder vnd swächer wenn götleiche ere den vierfuezzigen tyrn vnd vieche erpoten wirdet.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
10, 16
(
tir.
,
1464
):
Da was ich ein gesell der schorpion vnd der wilden tÿer.
Mieder, Lehmann. Flor.
113, 14
;
v. Keller, a. a. O.
77, 19
;
Köbler, Ref. Wormbs
336, 1
 f.;
Anderson u. a., Flugschrr.
21, 8, 8
;
Belkin u. a., Rösslin. Kreutterb.
54, 18
;
70, 10
;
92, 18
;
148, 1
;
192, 10
;
Berthold u. a., Zwick. Stadtrref.
145, 24
;
Jahr, H. v. Mügeln
18
;
1970
;
Thiele, Chron. Stolle
443, 28
;
v. d. Broek, Suevus. Spieg.
66r, 41
;
Harsdoerffer. Trichter
3, 449, 10
;
Gille u. a., a. a. O.
114, 12
;
251, 81
;
Sudhoff, a. a. O.
10, 229, 8
;
14, 504, 23
;
Kurrelmeyer, Dt. Bibel
3, 445, 14
;
Goldammer, Paracelsus
3, 284, 28
;
Rieder, St. Georg. Pred.
20, 35
;
Koller, a. a. O.
285, 20
;
342, 5
;
343, 7
;
Lemmer, Brant. Narrensch.
1, 34
;
Scholz, Lanfrank. Chir. Parva
227r, 5
;
Menge, a. a. O.
2729
;
Barack, a. a. O.
1, 6, 1
;
4, 117, 8
;
138, 3
;
Morrall, a. a. O.
19, 11
;
40, 24
;
123, 11
;
174, 19
;
Dreckmann, H. Mair. Troja
24, 28
;
Knape, Messerschmidt. Bris.
28, 15
;
92, 26
;
Pfeiffer, a. a. O.
138, 8
;
158, 6
;
159, 14
;
160, 22
;
Klein, Oswald
21, 8
;
Turmair
1, 1369, 28
;
Weber, Füetrer. Poyt.
290, 2
;
Bauer u. a., a. a. O.
197
;
Dasypodius
473v
;
Mylius
C 8v
;
Pfälz. Wb.
2, 279
;
Schweiz. Id.
1, 1320
;
Dalby, Lex. Mhg Hunt.
1965, 238
.
Vgl. ferner s. v.  1,  1, ,  1,
1
 6, , (
das
1,  8,  1,  1,  5,  4, ,  4,  1.
2.
›Landtier, Wild (im Unterschied zum
vogel
oder
fisch
sowie zum
wurm
)‹; Spezialisierung zu 1.

Belegblock:

Große, Schwabensp.
197l, 14
(Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
Do got den menschen schouͦp, do gap her im gewalt ober vogele vnde vische vnde tier.
Ebd.
40, 1, 22
:
dar tuͦ, here, hemelesche vater [...] geschaffen hast [...] de vogele in den luͦften, de vische in dem watere, de tyer in dem walde, de wuͦrme in der erde.
Joachim, Marienb. Tresslerb.
314, 37
(
preuß.
,
1404
):
1 m. dem scholzen [...] gegeben, als her unserm homeister 1 thir und 2 tonnen fisch [brochte].
Luther, WA
47, 199, 13
(
1539
):
Adam ist dahin nicht kommen, das er uber alle Vogel, fiessche und thiere gehersschet hette.
Hübner, Buch Daniel
1804
(
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
Bischove, vrien, greven, | [...] | Burger, betler glich also, | Vogle, tiere, swie sie sint, | Ezit des bumannis kint.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
18, 22
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
darinnen waren engel, vogel, tier und allerlei fische gestalt.
Müller, Alte Landsch. St. Gallen
231, 14
(
halem.
,
1525
):
diewil alle thier uf erdtrich und der visch im wasser [...] zuͦ nutz und ufenthalt dem mentschen gmein geschaffen sig.
Morrall, Mandev. Reiseb.
11, 12
(
schwäb.
,
E. 14. Jh.
):
da von mag weder fogel noch kainerlay tier dar uff geleben, da von das der lufft ist ze dúrre.
Martin, H. v. Sachsenh. Tempel
478
(
schwäb.
,
1453
):
Der elementen krafft | Ich mein die porten vier, | Visch vogel würm und tier | Lebt als nauch irm gebot.
Joachim, a. a. O.
126, 1
;
Große, Schwabensp.
197a, 20
;
Jungbluth, a. a. O.
8, 9
;
25, 9
;
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
174
;
213
;
v. d. Lee, M. v. Weida. Spigell
27, 41
.
Vgl. ferner s. v.  1.
3.
regelmäßig in der Kollokation
unvernünftiges tier
o. ä. erscheinend: ›Tier als ein im Unterschied zum Menschen nicht mit Vernunft begabtes Geschöpf‹; bei einer in der Regel humanozentrischen Perspektive teils dezidiert in Abgrenzung zum Menschen betrachtet, teils explizit auch auf die Tierhaftigkeit des Menschen sowie die gemeinsame Geschöpflichkeit von Mensch und Tier verweisend, dann: ›Mensch als (unvernünftiges) Tier‹; als Spezialisierung anschließbar an 1; offen zu 5.
Gegensätze:
 4.
Syntagmen:
die tiere anfechten, sich tiere untertänig machen
;
die tiere
(Subj.)
etw
. (z. B.
vernunft
)
gebrauchen / haben, jm
. (z. B.
got
)
gefallen, über jn. schreien
;
j
. (z. B.
der mensch
)
das schönste t. sein, etw
. (z. B.
der hund
 ) /
j
. (z. B.
der mensch
)
ein t. sein
, [in Vergleichen:]
j. als, gleich als, wie die tiere
(z. B.
leben / toben / wüten
),
ärger den die tiere sein
;
den tieren etw
. (z. B.
wollust
)
zugeordnet sein
;
j
. (z. B.
der teufel
 )
etw
. (z. B.
zorn
)
an den tieren auslassen
;
das menschliche tier, unvernünftige / unverstandene / vernünftige tiere
.

Belegblock:

v. Ingen, Zesen. Rosenw.
12, 15
(
Hamburg
1642
):
duch welche
[Pfeile]
er
[Cupido]
konte vernuͤnftige und unvernuͤnftige Thuͤre Ihm unterthaͤnig machen.
Quint, Eckharts Pred.
1, 271, 9
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Des nemet ein glîchnisse an dem hunde, der ein unvernünftic tier ist.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
21, 15
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
das under unvernünftigen tieren ein gatte umb des andern tot trauret von angebornem twange.
v. d. Lee, M. v. Weida. Spigell
64, 41
(
omd.
,
1487
):
Ehliche lewte dÿe kein zceitt Jn werken der ehe vor dÿe ander haltten sein [...] erger den vnúornúfftige thÿr.
Strauch, Par. anime int.
91, 5
(
thür.
,
14. Jh.
):
daz ist den menschin eigin daz he lechlich ist for allin tirin.
Ebd.
133, 35
:
der mensche ist ein redelich tir.
Fischer, Folz. Reimp.
25, 389
(
Nürnb.
1479
):
Wer die unvernufftigen thir ficht an, | Das weib ein weib, der man ein man, | Wer die misprauchet in der ee
[Sodomie].
Dietrich. Summaria
18r, 18
(
Nürnb.
1578
):
weyl er
[Teufel]
nach seinem gefallen dem menschen nit schaden kan / er seinen zorn an den vnuernuͤnfftigen thieren außlest.
Haas u. a., Erasmus/Jud. Klag
27v, 10
(
Zürich
1521
):
Ach was grossen vffruͦr macht das thierlin / der me͂sch / der glich als ein rouch v́gat.
Morrall, Mandev. Reiseb.
89, 21
(
schwäb.
,
E. 14. Jh.
):
so gond sie [cristen] zuͦ dem win und fúllent sich [...] als die unverstanden tier.
Barack, Zim. Chron.
4, 313, 35
(
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
Also befindt sich, das auch die unvernünftigen thierer zu zeiten mer vernunft haben [...] dann die vernünftigen thier.
Niewöhner, Teichner
503, 138
(Hs. ˹
oschwäb.
,
1368
˺):
ain tier belibt da byͤ | als im an gesprochen sy, | daz es nit gelernuͦn mag.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat.
19, 9
(
oobd.
,
1349
/
50
):
Der mensch hât grœzer achseln dann kain ander tier nâch seiner grœzen, daz ez dâ mit trag und hab sein pürd.
Klein, Oswald
2, 1
(
oobd.
,
1421
):
Wach, menschlich tier, | brauch dein vernunft.
Reithmeier, B. v. Chiemsee
28, 14
(
München
1528
):
Die menschen nemen jren geist vnd leben on mittel von got vnnd nit von diser weld, wie die vnuernüftigen tyer, dieselben haben kain besondern geist noch leben.
Ebd.
29, 7
:
wir wueetten vnd toben als vnuernüfftige tyer vnnd als wechslpaelig vnd miszgeraten sün oder panckharden.
Ebd.
30, 1
:
Gemaine tyer haben vil vnderschidlich natur vnd geslaecht, als roszhait, rinderhait, hundhait etc. aber allenthalben nur ainen stand ires vrsprungs vnd gemaines tyerlichs wesens.
Ebd.
35, 1
:
fleischlichem wollust, der allain vnuernüfftigen tyeren zuogeordent vnd dem menschen vnzimlich ist.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
121, 43
(
tir.
,
1464
):
alle tier, das sint die menschen, die da sint ainer chlainen verstentnus, die werden v̈berflüssikleichen ersattet.
Opitz. Poeterey
21, 18
;
Koller, Ref. Siegmunds
85, 3
;
284, 12
;
Dreckmann, H. Mair. Troja
45, 19
;
Anderson u. a., Flugschrr.
23, 3, 29
;
Bauer, Geiler. Pred.
101, 27
;
Reithmeier, a. a. O.
29, 4
;
31, 5
;
78, 5
;
79, 7
;
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
48, 20
;
Mommert, Humery.
1965, 145
.
4.
›Untier, Ungeheuer, Monster, unkontrollierbares, da außerhalb des menschlichen Norm- und Erkenntnisbereichs angesetztes, häufig als unnatürliche Mischung bzw. Mutation aus Mensch und Tier oder nicht kreuzbaren Tieren gedachtes Wesen‹; auch: ›Fabeltier‹; speziell: ›das apokalyptische Tier, Leviathan‹; mehrfach ütr. auf Bezugsgegebenheiten außerhalb des menschlichen Einflussbereichs, darunter auf das Schicksal, den Teufel, den Tod, die Sünde, den
pöbel
.
Bedeutungsverwandte:
 1,  1,  2, , , .

Belegblock:

Luther. Hl. Schrifft.
Offb. 15, 2
(
Wittenb.
1545
):
die den Sieg behalten hatten an dem Thier vnd seinem Bilde / vnd seinem Malzeichen.
Schade, Sat. u. Pasqu.
3, 112, 3
(
Wittenberg
1524
/
25
):
dichten sie [Esopus und etliche andere fabelschreiber] aller art thierer und ietsliches nach seiner natur redend.
Kopp, Volks- u. Gesellschaftsl.
201, 22
(Hs. ˹
pfälz.
,
M. 16. Jh.
˺):
Unfall, unfall, du wildes thier, | wie thuestu dich gegen mir sperren!
Palmer, Tondolus
248
(
Speyer
um 1483
):
do ersach ich ein grulich groß tier dz was engstlicher vnd grosser dan der berg.
Ebd.
801
:
Dz selb grulich thier het tusent hend / vnd ein ieglich hant was hundert elen lang.
Knape, Messerschmidt. Bris.
35, 85
(
Frankf./M.
1559
):
Er verhoffte [...] jhnen selbst die strassen / dieses wurms / vnnd anderer vngehewren vnd grausamen wuͤrmen vnd thieren halben / mit eigner Ritterlicher hand wol zu oͤffnen.
Stoltzius, Chym. Lustg.
53, 4
(
Frankf./M.
1624
):
Das grewlich vnd schreckliche Thier / | Mit grausamen gthoͤn kirrts.
Jahr, H. v. Mügeln
386
(
omd.
, Hs.
1463
):
darinne [fegefür und hellegruft] wonen tire vil, | die keiner maß sint undertan.
Kehrein, Kath. Gesangb.
2, 621, 6
(
1537
):
Durch sein Engel dienet er dir, | Underwirfft dir auch graussam thyer.
v. d. Lee, M. v. Weida. Spigell
75, 31
(
omd.
,
1487
):
Er
[Teufel]
hett woll mogen entscheÿnen Jn der gestalt einer vornúfftigen creatur vnd wold doch nicht. sunder [...] Jn der gestalt eins vorgifftigen vnreÿnen thÿres vnser eldern betrogen.
Sudhoff, Paracelsus
14, 576, 4
(
1591
):
Melusina, so [...] mit einem christen man hat kinder gezeuget, wie die alle samstag ist zu einem monstrosischen tiere worden, das ist under dem nabel ein fisch und oben ein mensch.
Morrall, Mandev. Reiseb.
153, 8
(
schwäb.
,
E. 14. Jh.
):
indem land da sind tier die haissent sie ypotames [...]. Das tier ist halb ain mensch, halb ein pfaͤrit.
Diehl, Dreytw. Essl. Chron.
35, 26
(
schwäb.
,
1548
):
[ist] ein grusam seltzam harig tyr gefundenn wordenn mitt einem menschennköpf.
Sappler, H. Kaufringer
16, 771
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
du pluotigs tier, | zwar du [tiefel] vindest nichtz an mier. | es ist alles sampt gepüesset.
Barack, Zim. Chron.
2, 615, 27
(
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
Wie nun die ordenlich zeit kam, gepar sie ein thier, zugleich wie ain af.
Ebd.
616, 26
:
die [schwester] hat zu Speir ein thier, wie ain igel geformiert, geporen.
Klein, Oswald
6, 1
(
oobd.
,
1425
):
Ich spür ain tier | mit füssen brait, gar scharpf sind im die horen; | [...] | dem tier ich nicht geweichen mag.
Buijssen, Dur. Rat.
11, 30
(
moobd.
,
1384
):
czwen guldein cherubin, daz sind [...] zway guldeine fliegunde tyer, die ain gestalt habent, die vom chaim menschen nie angeschawt ist.
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
230, 5
(
moobd.
,
1473
/
8
):
Halb mensch, halb thier die selben leüte waren.
Palmer, a. a. O.
265
 f.;
Morrall, a. a. O.
32, 6
;
Barack, a. a. O.
2, 572, 4
.
5.
gebraucht als beschimpfende, verspottende, verhöhnende, diskriminierende bis bestialisierende Dehumanisierungsmetapher oder als Dehumanisierungsvergleich für einen Menschen bzw. eine bestimmte Menschengruppe.
Bedeutungsverwandte:
 2, .

Belegblock:

Luther, WA
10, 1, 2, 424, 4
(
1522
):
Darumb haißt die schrifft offt solche gesellen lewen, wolffe, beren, sewe unnd wilde thier, Namlych, die da wuͤtten und alles mit jrer triegerey fressen.
Ebd.
24, 418, 27
(
1527
):
So ist es ein tol thier umb ein weib, das nicht zu settigen ist mit geschmuck.
Ebd.
30, 2, 556, 34
(
1530
):
wo welltlich regiment nicht were, Sondern wurden gewislich aus menschen eitel thiere werden.
Ebd.
30, 2, 561, 5
:
Du mustest ia ein grober vndanckbarer klotz vnd billich von den menschen vnter die thiere zu iagen sein.
v. Ingen, Zesen. Rosenw.
46, 2
(
Hamburg
1642
):
O du vergifftes Tierh! Du verfuͤhrische Hure!
Alberus, Barf.
4, 9
(
Wittenb.
,
1542
):
Hie werden nicht allein aller Heuchler vnd Muͤnch orden verdampt [...] vnd der gantz Christlich Glaub / der so viel hundert jar gestanden hat / ehe man wuste / was Franciscus fur ein thier were.
Franck, Klagbr.
222, 6
(˹wohl
Nürnb.
˺
1529
):
Es sind Bischoff / Abt / Prior [...] das ist rechter warer poppen außrieffer / Vnnd wer kan disse freissige thier (die allein die frucht zuuerzern [...]) all erzelen.
v. Keller, Ayrer. Dramen
3096, 18
(
Nürnb.
1610
):
Mein Mann ist halt ein grobes Thier | Vnd stinckt als wie ein Bock.
v. Birken. Erzh. Österreich
69, 31
(
Nürnb.
1668
):
So ein wuͤtendes Thier / ist die vielkoͤpfichte Bestie / der gemeine Poͤbel.
Barack, Zim. Chron.
4, 187, 29
(
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
Graf Göttfridt Wernher hat sonst kaine narren oder hundt umb sich leiden megen, und so etwann hievon geredt wardt, pflag er die ursach zu sagen, es were ain ungetrew, wüst thüer umb ein hundt.
Ebd.
226, 28
:
Gesell, lass dir nit laiden [...] | Du ainfeltigs thier.
Klein, Oswald
11, 38
(
oobd.
,
um 1423
):
Kain ermer vich | under allen thieren kund ich nie ervaren, | neur aines, haisst ain hofeman.
Vgl. ferner s. v.  3.