subtilheit,
auch
subtilkeit
sowie
subtiligkeit,
die
;
–/-Ø
.
1.
›Feinheit, teils materiale Qualität konkret gedachter Gegenstände, teils religiös fundierte und dann der Körperlichkeit enthobene, teils sozial begründete, sich rationaler Beschreibbarkeit entziehende, am ehesten als ‚feines Gewebe‘ metaphorisierbare innere Seinsform und Qualität der menschlichen Psyche, des Geistes, der gesellschaftlichen Bildung und des gesellschaftlichen Verhaltens‹; vgl.  1, auch 2.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld):  2,  58,  1345, , , .
Gegensätze:
 235.
Syntagmen:
seine s. anzeigen / finden, jn. s. leren
;
die s
. (Subj.)
wie / wo liegen / wirken, an dem geseligten leib bestehen
;
ein leben in s. in jm. geboren werden, jn. [Maria] mit s. an einen stab fugen, etw. zu s. werden
;
die s. der buchstaben, eines steines, des (himlischen) leibes (Christi, des herren)
;
die grosse s
.

Belegblock:

Luther, WA (
1528
):
das Christüs durch beschlossene thur kome / nemlich durch die sübtilickeit des leibs hab er sich hinen gethan / das nicht zween leibe habe mussen an einem ort sein / Wen̂n̂ ich nŭ frage / Welchs sind denn solche wege / vnd wie ist die subtilickeit hinein komen?
Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
3790
(
rib.
,
1444
):
dar umb so is sij [Maria] durch werdicheit | Ind ouch mit groisser subtijlheit | Zo eynē appel an desē staff gevoecht, | De yederman de bas genoecht.
Schneider, Pont. u. Sid.
59, 19
(
rhfrk.
/
mosfrk.
,
2. H. 15. Jh.
):
das sie die kinder wolten leren allerley togende vnd subtilkeyt, is were von jagen, birßen, beißen, von schiessen, springen vnd vechten mancherley.
Belkin u. a., Rösslin. Kreutterb.
146, 8
(
Frankf.
1535
):
es ist ein dürrer steyn / das sein subtiligkeyt anzeygt.
Ebd.
160, 5
:
Der best aber vnder den allenn ist der spiegel steyn / da man die zeychen der gebew auß machet / des subtiligkeyt sich meret / so mann jn brennet.
Strauch, Par. anime int.
60, 5
(
thür.
,
14. Jh.
):
daz di gropheit der element abe gê und di behendikeit und die subtilikeit des himmillischen libes beste an deme geseligiten libe unsis herrin.
Gille u. a., M. Beheim
115, 149
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
wann czuht, suptilkait, er, kunst, weh | man nit mer sicht auss sundern.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
E. 14. Jh.
):
jo, sú [die spise] wurt so kleinlich das keine vernunft enkan vinden wie und wo die subtilkeit lige und wurke; man mag es wol gelouben, aber nút mit sinnen begriffen.
in úch wurt geborn ein engelsch leben in subtilheit, in vernunft.
Drescher, Hartlieb. Caes. (
moobd.
,
1456
/
67
):
Was dann der leib hatt von dem lufft, das wirt zu subtilikait, und was er von dem feẃr hatt, das wirt vermischt in klarhaytt, und was her hatt von der erd, das wirt ver wandelt in untoͤtlikait, und was her hatt von dem wasser, das wirt verwandelt in behendikait.
Luther, WA ff.;
Haage, C. H. v. Hoff. Kunstb.
137
;
Kohler, Ickelsamer. Gram. .
2.
›Scharfsinn, Rationalität, kluge Überlegung, Unterscheidungsfähigkeit (des Menschen)‹;
vgl.  45.
Obd.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld):  3,  4, , ; vgl.  13.
Syntagmen:
die s. üben, von jm. erben
;
mit s. antworten, etw
. (z. B.
den glauben
)
mit s. erlangen
;
die s. des verstandes
;
die natürliche / wunderliche s
.

Belegblock:

Luther, WA (
1518
/
9
):
Ettlich uben yhre kunst und subtilickeit, trachten, wo das brott bleybt, wans yn Christi fleysch vorwandelt wirt.
Reu, Süddt. Kat.
1, 233, 19
(o. O.
1544
):
Was ist aber der selbig recht Christlich glaube an im selbs, in seiner natur, fur ein ding, [...], oder kan mans auch vmb gelt erkauffen, oder mit kunst vnd subteylikeit erlangen?
Chron. Nürnb. (
nobd.
,
1488
):
der
[Bezug auf
hantwerksleut
]
was als witzig, daß er sach das gras wachsen, und het geerbt von Salomon all seine weisheit und von Aristoteles alle subtilligkeit.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
1359
):
Bi den propheten nemen wir die grossen swinden vernúnftigen geiste, die in irre natúrlicher vernunft stent in subtilheit und flogierent do inne.
Karnein, de amore dt.
221, 313
(
moobd.
,
v. 1440
):
Es ward auch von der künigin gefragt, welcher pas zu ainem pueler taug als ain jungling oder ain bestanndner man? Die frau antwort gar mit wunderlicher subtilkait vnd spricht also: ‚Die lieb wirt geschaiden vnd genant von ains manhait, frunckhait, gut siten vnd gepärdt vnd wirt nit nach dem allter gemessen‘.
Kohler, Ickelsamer. Gram. ;
3.
›kluge List zur Erreichung eines negativ zu bewertenden Zieles, Schläue; List / Schläue als Haltung‹; als Pejorisierung an 2 anschließbar.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld):  1,  2, .

Belegblock:

Meisen, Wierstr. Hist. Nuys
2015
(
Köln
1476
):
Myt subtilheit der vysserst graeff | By Auerport gelaissen aeff | Jst worden.
Ebd.
2431
:
Dair
[in
Colne
]
dye subtijlheit ist vonden | Des brieff schiessens tiesen stonden.
Fastnachtsp. (
nürnb.
,
vor 1494
):
Und het der weil nit, das ich den jungen dirn | Mit hübscher sübtilheit künd hoffirn.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
E. 14. Jh.
):
So kummet denne die geistliche schalkeit in den himeln, daz sind subtile geiste, die túfele die verre úber die andern sint in subtilkeit und in bosheit.
Dasypodius (
Straßb.
1536
):
Spitzigheit / subteilheit.
4.
›Komplexität, schwer überschaubares Ausmaß e. S. (z. B. religiöser Tatbestände); feine innere Strukturiertheit e. S. (z. B. des menschlichen Körpers, der Grammatik), innere Verfasstheit eines Handlungsbereiches (z. B. der Landwirtschaft, der Rhetorik, des Rechtswesens)‹;
zu  7.
Syntagmen:
die s. e. S. ansehen, unbegreiflicher machen
;
die s
. (Subj.)
schwer sein, eine s
. [wie]
geschehen
;
mit s. etw. verschaffen
;
die s. der glieder, der rechte
;
die grosse s
.

Belegblock:

Karlstadt, Beide Gestalten B
1r
(
Wittenb.
1521
):
Was haben sie aber mit irer subtilickeit anders verschafft / dan das sie vns vom Ewangelio / in ire tolhe meinung gefurt haben: vñ aus einem vnbegreufflichẽ artickel / vier artickel schwerer vñ vnbegreufftlicher gemacht haben.
Trunz, Meyfart. Rhet.
1, 59, 1
(
Coburg
1634
):
Schwer ist die Subtiligkeit / noch schwerer die WohlRedenheit: Schwer ist die Natur-weißheit / noch schwerer the WolRedenheit.
Köbler, Stattr. Fryburg (
Basel
1520
):
des woͤllen wir vns nit [...] zuͦ vil in subtilikeiten der rechten in disen satzungẽ zuͦ verflechten.
Löffler, Columella/Österreicher (
schwäb.
,
1491
):
So aber ich die grossy des ganntzen wercks gelich als ettlichi grossy witti des libs oder siner tail gelich als die subtilkait iettlicher gelider an sich, fúrcht ich das mich ee der lest tag des lebes begriff dann ich múg die gantzen zucht und ler des velds erkennen.
Kohler, Ickelsamer. Gram. (wohl ˹
Augsb.
1. Dr. 16. Jh.
˺):
Mit solcher feiner subtiligkait soltē auch die schulmaister jre schuler uͤben [...], dan̄ das geb jrem verstand hernach zu vilen andern dingẽ geschickligkait.
Es seind auch zeyten solliche verwandlung vn̄ verenderung der woͤrter, [...], nit one sonderliche kunst vn̄ subtiligkait also geschehe, als nemlich auß lieblicher ainigkeit vnd verwandnus der Buchstaben.
Baumann-Zwirner, Augsb. Volksb.
1991, 269
.