streben,
V.
– Für 1 bis 3 gehäuft Texte gebundener Form.
1.
›zappeln‹ (vereinzelt); ›leben, sein Leben führen, wandeln, handeln‹ (selten); ›in einer durch widrige Umstände aller Art gekennzeichneten Situation festsitzen; mühevoll dahin leben, sich abmühen, abarbeiten, mit etw. ringen‹.
Bedeutungsverwandte:
1, 1, (V.) 1; 2, .
Syntagmen:
j. s
. (absolut);
j. ringer busse s
.;
j. auf der erde s., j. in betrachtung / hunger / jamer / nöten / sorgen / trauren / ungemach, in gottes dienste, in einer suche
(s.
1
)
s., j. in (js.) segene
(s. dazu )
s
.
Wortbildungen:
strebeln
›sich abmühen‹ (wohl Intensivbildung zu
streben
, s. ).

Belegblock:

Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. (
preuß.
,
um 1330
/
40
):
dî bîgraft hatte dâ irwelt, | dî wîl er dennoch lebete | und in der sûche strebete | dî in bestandin hatte hart.
Kochendörffer, Tilo v. Kulm (
preuß.
,
1331
):
Di selben si beriefen | Und gelobn in langes lebn | Und ouch ringer buze strebn.
Luther, WA (
1519
/
20
):
Wen goth will angefochten lasßen werden, den macht er fuͤr zcappeln, schuttern und streulen.
Henschel u. a., Heidin
1885
(
nobd.
,
um 1300
):
Der heide in sorgen strebete | Der grave mit vrevden lebte.
Gille u. a., M. Beheim
21, 18
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
lass mich nicht in poser petrachtung strëbm.
Voc. Teut.-Lat.
ff iiijr
(
Nürnb.
1482
):
Streben odʼ zabeln mit den fußen. obstrepare.
Vizkelety, Spangenberg. Glücksw.
657
(
Nürnb.
1613
):
Bey dir ich / lieber Liendle, bleib: | Und wag mit dir Gut / Ehr und Leib. | Ich leb und strebe(!) mit dir fast / | So lang du Haar auff deim Kopff hast.
Thiele, Minner. II,
4, 76
(Hs. ˹
nalem.
/
sfrk.
,
1470
/
90
˺):
ich muß unnd soll | alczit one frewd leben | unnd stett in drurn streben.
Barack, Teufels Netz (
Bodenseegeb.
,
1. H. 15. Jh.
):
Der tüfel sprach: ‚Für, wie er well, ain leben, | Wil er nument nit widergeben, | So wirt er in miner sege streben.‘
Wiessner, Wittenw. Ring
215
(
ohalem.
,
1400
/
08
):
Seht, do sach man streben | Ein und zehen degen | Auf der erd und in dem bach!
Ebd.
1440
:
Jn den selben streben | Die kuo ward messen eben | Bertschin über seinem dank | Zwen stich in einem swank.
Maaler (
Zürich
1561
):
Straͤben / Vnderston / Sich arbeiten oder vnderwinden etwas zethuͦn.
Steben / sich bemuͤhen.
Primisser, Suchenwirt (
oobd.
,
2. H. 14. Jh.
):
Da von so mŭz ich streben | Jn iamer und in ungemach.
Helm, H. v. Hesler. Apok. ;
Barack, a. a. O. ; ; ;
Päpke, Marienl. Wernher .
2.
›sich gegen etw. sträuben, e. S. widerstreben, gegen etw. / jn. angehen, sich jm. / e. S. widersetzen‹ (jeweils mit Subj. d. P.); ›einander entgegenlaufen‹ (von
ordnungen
); ›gegen etw. sprechen‹ (von einer
rede
).
Phraseme:
wieder den strom streben
.
Bedeutungsverwandte:
1
, 4, 13, , .
Syntagmen:
eine rede
(Subj.)
wieder etw. s., j. gegen etw
. (z. B.
gegen ein ampt / testament
),
mit jm., wieder jn
. (z. B.
wieder vater / mutter, got
)
/ etw
. (z. B.
js. gnade
)
s., mit worten / werken wieder etw. s
.; refl.:
sich gegen das testament, wieder etw., wieder ein best s
.;
sich des richters / gerichtes
(Gen.obj.)
s
.; im Part. Präs.:
j. strebend nach jm. gehen
;
wieder einander strebende ordnungen
; subst.:
das streben sich erheben
.
Wortbildungen:
strebgehorsam
›unwillig, gezwungenermaßen‹,
strebwort
›Widerwort‹ (dazu bdv.: vgl. 2,
1
6, ).

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
Hir wider ein ander rede strebet.
Luther, WA (
1518
/
9
):
Dan der eygen will von Adam angebornn mit allenn glidern wyder die gute neygunge strebt.
Loesch, Kölner Zunfturk. (
rib.
,
1489
):
Daruntgaen sich die meistere ind verdienden streveden, meinende, wes si daeinnen gedaen hedden, dat hedden si [...].
Buch Weinsb. (
rib.
,
1579
):
Sin vorsohn war uffgewassen, hat [...] den futter damit und sunst (mit) streffworten dermaissen erzornt und bekommert, das er [...].
Ebd. (
um 1560
):
das sich einer uber das arm beist streifde und das ermort hatte.
[Valentinus] dreif vil moitwillens mit mir an, verachtet mich, spotte meiner, floichten mir, scloich und streift sich stetich mit mir.
die protesterende haben sich zum heichligsten darwidder gestreift.
Ebd. (
1579
):
Sin versohn war uffgewassen, hat [...] den fatter damit und sunst (mit) streffworten dermaissen erzornt und bekommert, das er [...].
Gille u. a., M. Beheim
99, 376
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
er sol hangen, daz ist sein lan. | da wider nieman strebe!
Thiele, Minner. II,
15, 214
(Hs. ˹
wobd.
,
15. Jh.
˺):
Venus, die wil ich hän das leben, | und wider din gnad númer streben | dann allzyt leben indim gebott.
Ebd.
18, 286
:
fast widerstellen, striben, streben, | bagken, blegen, ringken, rancken, | kropff stossen und winken, | wancken, | des huͦb sich vil.
Ebd.
28, 65
(Hs. ˹
md.
/
rhein.
,
1. V. 15. Jh.
˺):
ich streven leyder tegen stroem, | myne bitter klacht ist eme eyn droem.
Matthaei, Minner. I, (Hs.
15. Jh.
):
iren weg sie gein dem schiffe vieng, | alles strebend
[hier: ›äußerst widerwillig‹]
er da nach ir gieng.
Barack, Teufels Netz (
Bodenseegeb.
,
1. H. 15. Jh.
):
wer ewig leben well erwerben, | Der sol wider vatter und muoter nit streben.
V. Anshelm. Berner Chron.
5, 278, 25
(
halem.
,
n. 1529
):
unwillen zuͦ loͤschen muͦst ein stat Bern iren strebghorsamen von Thun, [...], geschriftliche erluͤtrung geben.
Sappler, H. Kaufringer
27, 100
(
schwäb.
, Hs.
1472
):
[die] allezeit wider gott streben | und ligent in der sünden mail.
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Dillingen
1561
):
Wie vnsere zeit, mit sovil neuen, wunderbarlich wider einander strebenden
[›einander entgegenlaufenden‹]
Kirchen ordnungen genuͤgsam anzeigt.
Niewöhner, Teichner
389, 19
(Hs. ˹
moobd.
,
1360
/
70
˺):
ich mach in offt zorens vol | und han vil wider in gestreben.
Winter, Nöst. Weist. (
moobd.
,
1. H. 16. Jh.
):
wo aber ainer ainen rumor [...] anfing, siech des dorfrichter und geschwornen widersetzet [...], sich des gerichts strebet, der [...].
Loesch, a. a. O. ; .
Vgl. ferner s. v. .
3.
›etw. erstreben‹ (trans.; selten); ›sein ganzes Sinnen und Trachten auf einen weltlichen (hohen wie niedrigen) Wert oder auf ein geistliches Ziel hin richten‹; auch: ›von etw. wegstreben‹; im Einzelnen z. B. auch: ›nach der Minnedame streben‹.
Bedeutungsverwandte:
(V.) 2; 7, 5, 6, (V., unr. abl.) 2; 3,
1
, 26, 8, (V.) 3.
Syntagmen:
js. mut abwegs s., etw. mit zorn s., der glast (eines sternes) verre hin s., j. hoch, aus dem kloster, in den himmel, nach jm., nach eren / rum / tugenden, nach den künsten, nach dem ewigen leben, nach geld / wollust s., alle dinge nach vollkommenheit s., j. wieder / zu got s., die selen in gottes willen s., j. danach / dahin s., das [...]
; subst.:
durch streben aus dem paradiese getrieben werden
;
das streben des gemütes
.

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
die cristenheit, | Da Gotes irwelten inne leben | Und immer in den himel streben.
Schöpper (
Dortm.
1550
):
Eniti. Jrgend nach Ringen dringen fechten trachten stellen hengen sinnen jagen kempffen stehen streben arbeiten sehnen.
Luther, WA (
1520
/
1
):
wie strebt der Bapst. Gott zcu seyn ynn vorigen artickelln.
Ebd. (
1535
):
sie habens darauff gesetzt mit jrem harten kopff hindurch zu reissen und fuͤrsetzlich darnach streben, das es uber jre koͤpffe ausgehe.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
188, 4332
(
Magdeb.
1608
):
weil all ding zu seiner zeit / | Strebt nach seiner volkommenheit.
Ebd.
544, 1184
:
Es wolt denn Gott das gluͤck nicht geben / | Denn widder Gott ist nicht zu streben.
Schützeichel, Mrhein. Passionssp.
48
(
mrhein.
,
um 1335
):
beszernt vwer leben, | wollent ir zuͦ gode streben.
Rueff, Rhein. Ostersp.
21
(
rhfrk.
,
M. 15. Jh.
):
wie er zu der hellen quam | und die lieben selen dar uß nam, | die in sinem willen strebten | do sie hie uff erden lebten.
Valli, Baldemann
24
(
rhfrk.
/
nobd.
,
um 1350
):
Wie kunge, keyser lebten | Hie vor und welche strebten | Noch erin.
Froning, Alsf. Passionssp. (
ohess.
,
1501ff.
):
hie ist selber das ewige leben: | Dar nach meget ihr alle streben.
Harms u. a., Alberus. Fabeln
44, 12
(
Frankf./M.
1550
):
Der Han zeigt an die tollen Leut / | So gar nach nichts dann wollust streben / | Fressen vnd saufen ist jhr leben.
Ulner (
Frankf.
1577
):
Streben. Darnach stehen / all sein sinn vnd fleiß darauff schlagen darnach dencken / darnach trachten [...] ringen.
Henschel u. a., Heidin
1852
(
nobd.
,
um 1300
):
Al die wile daz ich lebe | Nach dir ich immer strebe.
Stackmann u. a., Frauenlob
7, 22
[a], 18 (Hs. ˹
nobd.
,
3. V. 15. Jh.
˺):
du buman solt (nicht) hoher streben, | daz lere ich dich.
Gille u. a., M. Beheim
124b, 1037
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Alz wir menschen czu ainer weis | auss dem irdnischen paradeis | ainn weg wurden getriben | Durch sünd sam haffart, streben, | unmass, trakait, neid, czorn, unkeusch.
Ebd.
301, 79
:
waz mit synnen lebt, | nach hahen kunsten strebt, | stainmeczen, singer, tichter.
Ebd.
1246, 1037
:
Alz wir menschen czu ainer weis | auss dem irdnischen paradeis | ainn weg wurden getriben | Durch sünd sam haffart, streben, | unmass, trakait, neid, czorn, unkeusch.
v. Keller, Ayrer. Dramen (
Nürnb.
1610
/
8
):
Wenn du wilt zu den Göttern schwern, | [...] | Dein lebtag bhalten rein dein ehr, | Auß dem Closter strebn nimmermehr, | So will ich dir dein Leben schencken.
Ruh, Bonaventura
358, 23
(
orhein.
,
1480
):
so wúrst du [...] mit follem streben dines gemüttes [...] dinem schöpffer anhangen.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
Sin
[des
sternes
]
liechter glast der strept | Úber allú lant gar verre hin, | Vil me denn aller sternen schin.
Maaler (
Zürich
1561
):
Nach Goͤttlicher eer Straͤben.
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
274, 2
(
moobd.
,
1473
/
8
):
was ir mit zoren strebt, | des achten sʼ gleich aim hare.
Munz, Füetrer. Persibein |
127, 6
(
moobd.
,
1478
/
84
):
wie ich durch preis sust von dir [fraw] streb, | so sen ich mich nach deiner mynn doch ymer.
Schützeichel, a. a. O.
846
;
Ralegh. America ;
Böhme, Morg.R.
16, 8
;
Opitz. Poeterey
47, 17
;
Vgl. ferner s. v. 2, , 2.
4.
›aufrecht stehen‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl. 1.
Wortbildungen:
strebe
›schräg verlaufende Stütze‹ (dazu bdv.: vgl. 5, , 1),
strebholz
,
strebpfeiler
,
strebstok
(zum Gw vgl. 6),
strebweise
›strebepfeilerartig‹.

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
Do gienc sin schin wol under, | Do man in legete in daz grab | Strebende tot als ein stab.
v. Tscharner, Md. Marco Polo
13, 15
(
osächs.
,
2. H. 14. Jh.
):
das dach bleyb stende unvorserit [...] mit deme stender hangende in der luft, strebinde unwegelich von der arnunge
[s.
arnung
1]
sente Johannis baptistin.
Rupprich, Dürer (
nobd.
,
1513
/
5
):
Dan dÿ fersen soll ein wenig avswertz getzogen werden, also das sÿ vürtreff den ewssern knoren des schinpeins fan der streb wegen dest sterker zw tragen.
V. Anshelm. Berner Chron. (
halem.
,
n. 1529
):
Diss jars Aprel ist das ek im spiz an der kilchofmur 32 schuͦch dik angelegt und in straͤbwis ufgefuͤert.
Strebholtz / ein holtz / welches an einem baw / so fallen will / gesetzet wirdt / damit es dem fallen wehre.
Auer, Stadtr. München Anh. (
moobd.
,
1489
):
die stapfen vor allen crämen sollen nit verrer geraichen, dann die strebpfeiler raichen.