stirn,
die
;
-Ø/–
.
1.
›Stirn, vorderer Teil des Gehirnschädels, obere Gesichtspartie (des Menschen sowie, seltener belegt, einiger Tiere)‹; vereinzelt ütr., z. B. auf den Beginn der Morgenröte; in den Phrasemen tendiert
stirn
zum pars pro toto für den Menschen; offen zu 2.
Phraseme:
eine eiserne / harte stirn haben
;
heis für der stirn sein
.
Syntagmen:
die s. durchstechen
;
die s. jm. wehe tun
;
in die s. gewundet / wund werden, den mörder an die s. treffen, ein horn an die s. setzen, jm. eine krone durch die s. drücken, jm. einen nagel durch die s. schlagen, den hund vor die s. schlagen, mit der s. wieder die wand laufen, dem schaf etw. an der s. ansehen
;
die s. mit hörnern
;
die s. der morgenröte
(ütr.);
die breite, schmale / rechte / schlechte / schöne / scharfe / unverschämte s
.;
die adern, das horn an der s
.
Wortbildungen:
stirngerät
ein Teil des Viehgeschirres,
stirnhorn
ein Inventarstück des
schnizamptes
, wohl ›Rinderhorn‹ (in Ziesemer, Marienb. Ämterb., s. u., auch als
sternhorn
belegt),
stirnling
›Kopffleisch von Schlachttieren‹ (s. u. Belegkommentar zu
Winter
),
stirnlos
›frech‹ (um 1500; dazu bdv.: ),
stirnnickel
›Schlag auf die Stirn‹ (zur Erklärung von Wort und Sache s. Dwb
10, 2, 2, 3206
; 3489),
stirnrieme
,
stirnschmerz
.

Belegblock:

Ziesemer, Marienb. Ämterb.
143, 33
(
preuß.
,
1393
):
16 schok bokshorner, item 8 schok stirnhorner, item 14 hyrsgewye.
Luther, WA
24, 424, 14
(
1527
):
Die styrn aber ist das angesicht fur Gott.
Ebd.
30, 3, 294, 1
/18 (
1531
):
also die luͤgener und neider gar redlich auffs maul geschlagen, Wie wol sie ein eisern stirn haben und sich nicht schemen.
Ebd.
41, 34, 1
(
1535
):
Er ist 1 junger Man und ist heis fur stirn und gros eifer.
Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
7641
(
rib.
,
1444
):
Umb die lude zo stoissen hain ich eyn horn | Gesat an myne sterne vor.
Oorschot, Spee. Trvtz-N.
20, 3
(
wmd.
,
1634
):
Die reine Stirn der Morgenröt | War nie so fast gezieret.
Ebd.
261, 14
:
Richt auff du Purpur Morgenstund | Die Stirn, besteckt mitt Rosen.
Mylius B
8r
(
Görlitz
1577
):
Talitrum Stirnnickel.
Rupprich, Dürer
2, 47, 38
(
nobd.
,
um 1500
):
so heb an jnn dem obersten triteill der prawnen strich zu machen die leng der stiren.
Franck, Klagbr.
222, 18
(˹wohl
Nürnb.
˺
1529
):
Ja sind einer solichen vnuerschampten stirn / daß sie auch den zehend von dem lidlon der armen dienstmaid [...] duͤrffen fordern.
Golius
283
(
Straßb.
1579
):
Frontale, stirn riemen / oder das gereid am zaum.
Päpke, Marienl. Wernher
939
(
halem.
,
v. 1382
):
Ir [Maria] stirne vri und schlecht, | Froͤlich, nit zebrait, ze male recht.
Maaler
389r
(
Zürich
1561
):
Das Stirngerädt / Der Stirnriemen an eim Zaum. Frontale.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat.
157, 23
(
oobd.
,
1349
/
50
):
daz daz selb tier oben als ain mensch sei und hab ain scharpf stirn mit hörnern.
Ebd.
376, 13
:
daz ist gar guot wider [...] die huosten und wider den stirnsmerzen.
Leidinger, V. Arnpeck
455, 11
(
moobd.
,
v. 1495
):
Detricus ward da gebundt mit ainem pfeil in sein stiren, des schaft er in seiner stiren gen Rom pracht.
Winter, Nöst. Weist.
3, 125, 21
(
moobd.
, Hs.
1565
):
das kain geifleischacker der gen markt ferth hie nicht soll außfillen dan zwen schnit, ain an den zagl und ain an den stirling
[lesbar als
stirnling
?].
Wackernell, Adt. Passionssp. St. II,
1913,
Var. Br. (
tir.
,
v. 1496
):
Im ist getruck durch sein hirne, | Durch augen und durch stirne | Ain kron.
Luther, WA
8, 543, 22
;
21, 332, 25
;
31, 1, 105, 17
;
Peil, Rollenhagen. Froschm.
511, 142
;
Tiemann, E. v. Nassau-S. Kgn. Sibille
140, 19
;
147, 11
;
Wunderlich, Fierrabr.
146, 4
;
Belkin u. a., Rösslin. Kreutterb.
174, 3
;
v. Tscharner, Md. Marco Polo
55, 13
;
Gille u. a., M. Beheim
268, 19
;
Strauss, A. v. Villanova dt.
169r, 5
;
Lindqvist, K. v. Helmsd.
2620
;
Bremer, Voc. opt.
1015
;
Dasypodius
78v
;
431r
;
Hulsius R ijr;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß
341
.
Vgl. ferner s. v.  3, ,  5.
2.
›Material aus Tierköpfen zur Leimherstellung‹.

Belegblock:

Ziesemer, Marienb. Ämterb.
9, 33
(
preuß.
,
1437
):
hat der huwskompthur [...] empfangen vom schuemeister [...] das satelhuws [...] 3 mandel rymen zcu gerwen, item stirnen und leder zcu leyme, damete man sich magk behelffen bis zcu ostirn.
3.
›äußere Stirnfläche, Haut der Stirn‹ (in den Belegen sehr vereinzelt auch auf Tiere bezogen).
Syntagmen:
die s. anpfeien / falten / mützen / (ent)rümpfen / runzeln, jm. die s. salben
;
die s
. (Subj.)
ausschrumpeln, sich runzeln
;
dem bären etw. auf die s. schmutzen, die mücke sich auf die s. setzen, an der s. runzeln werden, etw. wachsen, (jm.) etw. an die s. brennen / schreiben / schmieren / streichen, jn. an der s. mit aussaz schlagen, ein amal an der s. haben; die glatte / hübsche / runzlechtige s
.;
der schmerz
›Wunde‹
auf der s., die runzeln / urschlechten an der s
.
Wortbildungen:
stirnband
,
stirnbinde
,
stirngeschmeide
,
stirnlocke
,
stirnspange
(a. 1525).

Belegblock:

Luther, WA
24, 423, 29
(
1527
):
kleinod, wie man den breuten gibt, inaures odder stirnspangen.
Mieder, Lehmann. Flor.
200, 19
(
Lübeck
1639
):
Niemand hat mehr Freyheit / als ein Mück / die setzt sich auf eines jeden Stirn.
v. Tscharner, Md. Marco Polo
71, 3
(
osächs.
,
2. H. 14. Jh.
):
dy sarraceni, [...], sint geczeychnit ouch undir den ougin mit sibin langin strichin di sich czien von der stirne bis an den munt.
Doubek u. a., Schöffenb. Krzemienica
287
(
schles. inseldt.
,
1464
):
ap sÿ ÿm czewgin den smarczin, [...], eÿn off der naszin, dÿ ander off der stern.
Keil, Peter v. Ulm
248
(
nobd.
,
1453
/
4
):
salb jm sein haubt mit populeon vnd sein stirn – mit veyelöl zusamen gemengt.
Gille u. a., M. Beheim
328, 715
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
das er daz mal must han | An seiner stirnen stan.
Golius
203
(
Straßb.
1579
):
Frontale, stirn geschmeid. Item ein bendel oder borten so die Jungfrawen auffsetzen.
Maaler
389r
(
Zürich
1561
):
Das alter machet vil runtzlen an der Stirnen. [...]. Die Stirnen entrümpffen / das ist sich froͤlich oder muͦtig erzeigen. [...]. Stirnbinden (die) darmit man das kranck haupt verbindet. Pittacium. [...]. Stirnlocken (die) huͦrenlocken.
Barack, Zim. Chron.
3, 253, 20
(
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
Indess liesen sich die urslechten an der stürnen, an den armen [...] sehen.
Henisch
57
(
Augsb.
1616
):
harte bruͤstlen werden weich / [...] / Vnd werden runtzel an der stirn.
Weber, Füetrer. Poyt.
288, 6
(
moobd.
,
1478
/
84
):
auf zuckt der wanndels plos | ain stain vil schwär, mit krefften er den schmutzte | dem peren auf dy styrne vor.
Bauer u. a., Kunstk. Rud.
602
(
oobd.
,
1607
/
11
):
1 indianisch hals oder stirnband von rott und gelben federn.
Luther, WA
9, 128, 17
;
22, 70, 14
;
Quint, Eckharts Pred.
1, 217, 2
;
Belkin u. a., Rösslin. Kreutterb.
142, 1
;
192, 16
;
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim.
256b, 20
;
v. d. Broek, Suevus. Spieg.
151v, 11
;
Gille u. a., a. a. O.
159, 81
;
Scholz, Lanfrank. Chir. Parva
236v, 17
;
Moscherosch. Ges. Phil. v. Sittew.
8, 22
;
11, 27
;
Wyss, Luz. Ostersp.
3, 88, 85
;
Bauer u. a., a. a. O.
1927
;
Byland, Wortsch. Zürcher AT.
1903, 65
(s. v.
stirnspange
).
Vgl. ferner s. v.  2, , ,  5.
4.
›Stirnschutz (als Rüstungsteil für Menschen und Pferde); Stirntuch (als Zierstück der Frauenkleidung)‹; wohl auch ›Frauenhaube‹ (17. Jh.; Schweiz. Id.
3, 396
).

Belegblock:

Ziesemer, Gr. Ämterb.
297, 19
(
preuß.
,
1513
):
9 par hantschuch, 1 glider, 4 stirn, 6 fechtsettel.
Buch Weinsb.
1, 263, 27
(
rib.
,
um 1560
):
und jeder pert hat ein stelen stirn vur dem heubt.
Roder, Stadtr. Villingen
209, 38
(
önalem.
,
1668
):
solle ihnen jung zuemahl und alten, hiemit stirnen von sammet, glatt oder gebluembten atlaß [...] und andere dergleichen costbarliche seidene zeug [...] abgestrickt sein.
Buch Weinsb.
1, 265, 23
.