stilschweigen,
das
;
-s/–
.
1.
›Stille, Ruhe; Schweigen; Abwesenheit und (teils strafbarer, da ein Vergehen deckender) Nicht-Vollzug menschlicher Sprechtätigkeit und von damit Assoziierbarem‹; speziell bei
Luther
ist
stilschweigen
das Gegenteil der Verkündigungspflicht;
vgl.  2.
Syntagmen:
s. halten
;
die menschen mit s. zum teufel faren, jn. mit s. stärken / vereren, die bosheit mit s. billigen, etw. mit s. unterdrücken / verantworten / verraten / vorbei gehen lassen, jn. in einer schrift mit s. übergehen
;
das kurze s.; die pflicht des stilschweigens
.
Wortbildungen:
stilschweigenheit
.

Belegblock:

Luther, WA
21, 298, 34
(
1544
):
Sol man denn gar nicht die Warheit predigen und durch solch stilllschweigen schlecht alle Menschen zum Teuffel faren?
Ebd.
21, 308, 1
(
1544
):
so man, die da suͤndigen [...] mit stilschweigen stercken solt zum boͤsen, das were nicht geliebt.
v. Ingen, Zesen Rosenw.
89, 15
(
Hamburg
1646
):
Ich sing’ ihn nicht / weil ich ihn nicht genug ehren kan / als wan ich ihn mit stilschweigen verehre.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
6496
(
Magdeb.
1608
):
Dem schneid man ab die Zung so bald / | Das er ewig stillschweigen halt.
Opitz. Poeterey
4, 3
(
Breslau
1624
):
damit ich nicht / wann ich sie [HErren] in diesen vnd andern meinen schrifften lenger mit stilleschweigen vbergienge / fuͤr vndanckbar moͤge gescholten werden.
Dasypodius
232r
(
Straßb.
1536
):
Taciturnitas Stilschweigenheit.
Gilman, Agricola. Sprichw.
2, 55, 22
([
Augsb.
]
1548
):
Mit stillschweygen kan man vil verantworten.
Winter, Nöst. Weist.
3, 367, 15
(
moobd.
,
1588
):
bevilcht haubtman dem diener ein stillschweigen zu verruefen bei verlesung der freihait.
Piirainen, Stadtr. Kremnitz
50
(
mslow. inseldt.
,
1537
):
Ein Ietzlicher d(er) solches horende, gestattende [...], derhalben mit Bruederlicher vnntherrichtung nicht strafft vnd von seinem negsten nit abwennt, derselbig soll seines stilschwaigens vnnd verhengkniss dem selbst schuldigen glaich gestrafft werden.
Eschenloher. Medicus
33, 13
;
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim.
318b, 6
;
Weise. Jugend-Lust
97, 1
;
159, 25
;
v. d. Broek, Suevus. Spieg.
214r, 14
.
Vgl. ferner s. v.  2.
2.
›innere, mystische Ruhe, Gelassenheit in der unio mystica‹;
vgl.  3,  3.
Älteres Frnhd.; Texte der Mystik.

Belegblock:

Quint, Eckharts Pred.
1, 312, 9
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
alle stimme und alle lûte die müezen abe und muoz ein lûter stilnisse dâ sîn, ein stilleswîgen.
Ebd. Anm.:
in dem stilleswîgen, dâ niht in die sêle sprichet, dâ wirt daz wort gesprochen in die vernünftekeit.
Vetter, Pred. Taulers
117, 31
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
In diseme versinket der geluterte verklerte geist in daz goͤtteliche vinsternisse, in ein stille swigen und in ein unbegriffenlicheme und unsprechenlicheme vereinen.
Bihlmeyer, Seuse
438, 7
(
alem.
,
14. Jh.
):
dar zuͦ hoͤret stille swigen und hoch betrahten, wenig wort und vil strenger werk.