stille,
die
;
, auch
-n/–
.
1.
›physische Unbewegtheit (auch z. B. von einem Leichnam)‹; speziell: ›Windstille‹; tropisch für Konkretes: ›stehendes Wasser‹;
vgl.  1.
Bedeutungsverwandte:
 1.

Belegblock:

Luther. Hl. Schrifft. Mk.
4, 39
(
Wittenb.
1545
):
der wind leget sich / vnd ward ein grosse stille.
Adrian, Saelden Hort
2, 327, 1
(
alem.
, Hss.
E. 14.
/
15. Jh.
):
Daz ander: in sînem loufe suochet er [himel] eine stille.
Schib, H. Stockar
33, 22
(
halem.
,
1519
):
wier [...] schwebtend uff dem mier und hattend gros stilin.
Kehrein, Kath. Gesangb.
1, 351, 39
(
1586
):
Da nun dein Leib lag im Grabe, | In grosser still vnd rhu.
Maaler
388v
(
Zürich
1561
):
Stille vnd schoͤne des waͤtters.
Jostes, Eckhart
6, 9
;
Schweiz. Id.
11, 273
.
2.
›Stille, Ruhe (z. B. bei Versammlungen); andächtiges (z. B. klösterliches) Schweigen‹ (mit dieser Nuance offen zu 3); vereinzelt auch: ›ruhiges, leises Sprechen‹;
vgl.  2.
Bedeutungsverwandte:
, (
das
); vgl. .
Gegensätze:
,  2.
Syntagmen:
eine s. halten / machen / rufen
›gebieten‹
/ schaffen
;
eine s. werden
;
in der s. bleiben, in der s. stärke werden, etw. in s. bereden, sich in einer s. halten, etw. in der s. behalten
›nicht darüber reden‹;
die grosse s
.
Wortbildungen:
stilfrage
›Bitte um Ruhe beim Taiding‹,
stillebrechen
.

Belegblock:

Chron. Köln
1, 82, 2368
(
rib.
, Hs.
1. H. 15. Jh.
):
Hervmb murmelden sy gemeine | beide grois ind cleine. | Dar na wart euer eyne stille.
Sievers, Oxf. Benedictinerr.
9, 2
(
hess.
,
14. Jh.
):
Hie zeugit uns der propheta, obe man von guden reden etwanne geswigen sal durch die stille zu haldene.
Ebd.
21, 11
:
Dan sal da grozze stille sin zu dische, Daz kein rununge noch keine stimme, danne ockert die letze gehort werde.
Wagner, Erk. Ps.-J. v. Kastl
2, 52
(
nürnb.
,
1. H. 15. Jh.
):
In der still und in der hofnung wirt dein sterck. Wann wer vil redt, der dempft auß.
Vetter, Pred. Taulers
238, 21
(
els.
,
1359
):
wenne man des gewar wirt das der herre do ist, so sol man im das werk lossen [...], und alle krefte súllen denne swigen und im ein stille machen.
Ebd.
276, 2
:
ich gib mich schuldig das ich gesúndet han [...] mit worten an unnútzen und unfruchtberigen worten, an stillebrechene an stetten, an ziten do es nút geurlobt enwas.
Wiessner, Wittenw. Ring
7106
(
ohalem.
,
1400
/
08
):
Die nacht ıͤr still ist worden bar.
Dreckmann, H. Mair. Troja
38, 12
(
oschwäb.
,
1393
):
do sazz der küng [...] in dem künglichen sal, und hiezz ruffen ain still.
Ebd.
49, 6
:
dem [sun] maht man ain still zu seiner red. er sprach also [...].
Baumann, Bauernkr. Oberschw.
135, 33
(
schwäb.
,
v. 1542
):
Auf dein frag zimpt mir antwurt zu geben, doch sags nit von mir, behaltz in der stull: eß sent etlich, die nit geren heren, wan man sy ruert.
Bastian u. a., Regensb. UB
132, 32
(
oobd.
,
1358
):
si schuͤllen auch sust uͤberal in dem haus ir nottuͤrfft gein einander wereden mit soͤlher still und gepaͤrden, daz man ez an di strazze icht enhoͤr.
Mell u. a., Steir. Taid.
103, 30
(
m/soobd.
,
16. Jh.
):
Wo der richter [...] ain still schafft, und wer [...] dawider tät, ist das frävel lxxij ₰.
Winter, Nöst. Weist.
2, 284, 3
(
moobd.
,
15. Jh.
):
von erst purd dem lantrichter zu von dem pantaiding und von der stillfrag 1 tal. ₰.
Sievers, a. a. O.
9, 5
;
28, 7
;
Sermon Thauleri
6ra, 7
; XVIra,
35
;
Buck, U. v. Richent. Chron. Conz.
105, 30
;
Sexauer, Schrr. in Kart.
224, 10
;
Schweiz. Id.
11, 271
 f.
3.
›Stille als Seinsqualität Gottes; dem Menschen zugesprochene Teilhabe an dieser Qualität in der unio mystica; mystische, letztlich im Glauben gründende Ruhe, Gelassenheit‹; vereinzelt Verflachung dieses zentralen mystischen Konzeptes in normalsprachlichen Texten religiösen Inhalts; mehrfach Verwendung in Oxymora und figurae etymologicae;
vgl. am ehesten  3.
Gehäuft Texte mystischen Inhalts, dann älteres und mittleres Frnhd.
Bedeutungsverwandte:
, ,  2; vgl.  3.
Syntagmen:
s. haben, in sich machen
;
die s. in js. sele kommen
;
die natur der gotheit eine s. sein
;
in s. leben, got in s. schweben, sich mit der s. in die sele senken, in der s. in die sele sprechen, in der s. die minnenden herzen verloren sein, etw. mit s. betrachten
;
die s. des gemütes, der ruhe, des götlichen schauens
;
s. ane faulkeit
;
die heilige / hohe / dunkle / finstere / rechte / stille s
.

Belegblock:

Luther, WA
37, 433, 6
(
1534
):
es heisst: ,Jn der stille‘, das ist: mit gedult beten und loben.
Strauch, Par. anime int.
127, 20
(
thür.
,
14. Jh.
):
Got ist ein licht in ime selbir swebinde in einir stillin stille.
Bihlmeyer, Seuse
477, 10
(
alem.
,
14. Jh.
):
der wissage David, der was eins males besoffet in der stille des goͤtlichen schowens.
Vetter, Pred. Taulers
11, 27
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
also sol ouch dise dirne Gottes sin ingeslossen, obe sú dise geburt wil in der worheit in ir bevinden, doch nút allein von zitlichen uzloͮffungen, [...], sunder ouch von sinnelicher uͤbunge der tugende, und sol ein raste, ein stille in ir machen und sich in sich sliessen und vor den sinnen in dem geist sich verbergen.
Ebd.
270, 21
(
1359
):
In dem kore do súllent ir sunderlichen úwer stille als flisklichen haben, an allen unerlobten stetten: in dem tormente und vil anderen stetten halten.
Rieder, St. Georg. Pred.
334, 11
(Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
in allen dingen sont dez mentschen gebaͤrde sin gevellig: daz ist stilli ân fulkait, vroͤlich ân verlassenhait, swaͤre ane trakait.
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
2, 941
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
Die hohe nature der gotheit [...] ist [...] eine vinster stille [...] aller heiligen ruͦwe in einikeit.
Wyss, Luz. Ostersp.
3, 63, 27
(
Luzern
1616
):
Mengklicher wöll guͦtt acht druff gän, | Das alles flyssig zhertzen nän, | Mitt zucht vnd stille trachten das.
Steer, Schol. Gnadenl.
6, 58
(
moobd.
,
15. Jh.
):
dar durch ein mensch got ganczleich [...] geaynigt wird, das er nichtcz ausser got sücht oder begert, [...], als got in ym selbs rwet vnd swebet in heiliger still, daz ym aygen ist.
Moscouia D iiv,
22
(
Wien
1557
):
Vnnd das in rhuͤe vnd stille on Zwitracht in aller guete vnnd rainigkhait leben / das was etwas stiller gesprochen / Aber mit lauter stimb / du bist der Khünig der welt.
Quint, Eckharts Pred.
1, 317, 4
;
2, 200, 1
;
421, 1
;
Jostes, Eckhart
75, 7
;
Strauch, a. a. O.
49, 34
;
Vetter, a. a. O.
250, 24
;
Bihlmeyer, a. a. O.
152, 10
;
352, 12
;
Eichler, a. a. O.
2, 1284
;
3, 236
;
Strauch, Schürebrand
35, 28
;
Schweiz. Id.
11, 271
.
4.
s.  4.
5.
in der Wendung
in der/einer stille
›unauffällig, heimlich, insgeheim‹;
vgl.  6.
Gehäuft obd.
Phraseme:
in der stille bleiben
›in der Schwebe bleiben‹.
Syntagmen:
in der s. um etw. bitten, etw. in s. handeln, jn. in s. begraben, jn. in einer s. fragen, etw. in der s. bringen, in der s. e. S.
(Gen.)
warten, die flotte ausrüsten, sich in der s. abdrehen, sich in einer s. hinaus, zu der stat machen, mit reutern bewerben
.

Belegblock:

Luther, WA
10, 3, 186, 9
(
1522
):
jn des gadt gots gericht inn der stylle Yimmer für sich.
Chron. Nürnb.
4, 143, 5
(
nobd.
,
15. Jh.
):
das procht der Stromer hinter den predigern in einer still mit listen.
Dreckmann, H. Mair. Troja
29, 27
(
oschwäb.
,
1393
):
sullend uns in ainer still machen zu der stat und uns da verdrüken in die weingärten.
Gilman, Agricola. Sprichw.
2, 152, 16
([
Augsb.
]
1548
):
Wirt er aber zuͦ aim Ampt erfordert / so brauchet ers mit fleiß / und wartet sein / wirt er nicht erforderet / so wartet er des seinen inn der stille.
Barack, Zim. Chron.
3, 100, 17
(
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
er manet seine leut uf, bewarb sich hin und wider in der stülle mit reutern.
Klein, Oswald
81, 21
(
oobd.
,
1428
?):
Wer haimlich sündt, dem wird sein büss / in ainer stille auf gesatzt.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron.
148, 13
(
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
und belayb dy sach also eyn weyl in der styl.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
57, 440
;
Gille u. a., M. Beheim
453, 762
;
Mayer, Folz. Meisterl.
23, 7
;
Grossmann, a. a. O.
191, 24
.
Vgl. ferner s. v.  2,  1, , ,  5,  1, .
6.
›Zeit zwischen dem letzten Propheten und dem Auftreten des Johannes‹; anschließbar an 2.

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok.
556
(
nrddt.
,
14. Jh.
):
do daz wort an sich sloufte | Den ie geordenten Gotes willen, | Und die mittelot der stillen | Waz an allen sachen, | Die Got wolde machen, | [...] | Quam her zu der menscheit, | Diz dinc alsus waz uf geleit: | Do die seligen propheten | So lange gebeitet heten | Nach Criste biz iz sie vordroz, | Do wart ein swigen harte groz, | So daz nieman ie zu vunden | Wart der iz hir wolde kunden, | Und hette des ungelouben nacht | Die werlt also vinster gemacht.
Ebd.
12745
:
Daz lamb daz sibent ingesigel entsloz, | Als im geriet sin wille, | So wart in himel ein stille | Sam enmitten der zit.
Ebd.
21544
.