stil,
stille,
Adj.;
beide Formen mit ungefähr gleicher Häufigkeit; mit einer Fülle von Komposita belegt, die bei aller Verschiedenheit im einzelnen morphologisch (
stil-
häufiger als
stille-
), semantisch und hinsichtlich der Zusammen- bzw. Getrenntschreibung sowie der Frequenz der Belegung als (teils nur ansatzweise, teils deutlich) lexikalisiert betrachtet werden müssen. Je nach Zutreffen dieser Kriterien erfolgt Behandlung im Rahmen des vorliegenden Artikels oder eigener Lemmaansätze.
1.
›physisch unbewegt (generell)‹, im einzelnen vor allem von Naturerscheinungen gesagt; z. B. ›ruhig, still (vom Wasser)‹; ›ruhig, schön (vom Wetter)‹; vereinzelt auch: ›unbewegt (z. B. von der Hand)‹.
Wortbildungen:
stilligkeit
1,
stilragen
(subst. V.) ›anhaltende Erektion des Penis‹ (a. 1563; dazu bdv.: ).

Belegblock:

Luther. Hl. Schrifft. Jes.
57, 20
(
Wittenb.
1545
):
die Gottlosen sind wie ein vngestüm Meer / das nicht stille sein kan
[Froschauer
1530
/ Eck
1537
:
ruͦwe͂ kan
].
Schottelius. HaubtSprache
59, 29
(
Braunschweig
1663
):
wie gleichsam wesentlich fleust das Wasser mit stillem Gesaͤusel von unser Zungen?
Thiele, Minner. II,
15, 261
(Hs. ˹
wobd.
,
15. Jh.
˺):
da was vergangen wol die nacht | und was das weter worden stil.
Morrall, Mandev. Reiseb.
36, 1
(
schwäb.
,
E. 14. Jh.
):
so múgent ir die hitz von der sunnen nit geliden noch die hand still heben.
Steer, Schol. Gnadenl.
5, 71
(
halem.
,
15. Jh.
):
[súnde] ist als suͤsse vnd als stille als das bitter tobende mer.
Schib, H. Stockar
32, 18
(
halem.
,
1519
):
Uff den 19. schwebtend wier uff dem mier und was stilykatt und schon wett(er).
Barack, Zim. Chron.
3, 627, 39
(
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
wie man sagt, das die stillen wasser, [...], schedlicher und nachtailiger, dann die röschen fliess.
Luther, WA
19, 206, 27
;
51, 649, 105
;
52, 123, 16
 ff.;
Quint, Eckharts Pred.
2, 81, 7
Alberus, Barf.
249, 7
;
Heydn. maister
22v, 11
;
Maaler
388v
;
Schweiz. Id.
6, 719
;
11, 248
 f.
2.
›ruhig, akustisch still (meist von der menschlichen Stimme, auch von Musik)‹, mit Tendenz zu ›leise, flüsternd‹.
Phraseme:
stil und überlaut
›auf jegliche Weise‹;
der stille freitag
(dazu bdv.:
karfreitag
) ›Karfreitag‹ (wegen des Verbots jeglichen Lärmes hier anschließbar; vgl. dazu: Goertz, Liturgie.
1977, 250
; 370).
Bedeutungsverwandte:
vgl. (Adj.) 1.
Syntagmen:
s. sein / werden; s. dagen / spielen / sprechen, jm. s. rufen, etw. s. verdachet schwören, j. von jm. s. unvermeldet bleiben
;
die stille ruhe
;
in stiller weise
.
Wortbildungen:
stilnissen
›schweigen‹.

Belegblock:

Große, Schwabensp.
214a, 39
(Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
an deme stillen vridage nach none So solen der Joden vienster vnde ire tuͦre tuͦ getan sin.
Luther, WA
49, 74, 4
(
1540
):
Sie semper habemus stillen freitag und ostertag, quia praedicatur mors, resurrectio.
Beckers, Bauernpr.
59, 17
(
Köln
1515
/
18
):
Der. iij. dat is der styllen wijssen frydach.
Schützeichel, Mrhein. Passionssp.
1018
(
mrhein.
,
um 1335
):
so rufen ich her vil stille | vwerm knethe vrian.
Froning, Alsf. Passionssp.
2643
(
ohess.
,
1501 ff.
):
Heiß swigen, her, die jungern dinn | Und sprich, daß sie stille sinn!
Loesch, Kölner Zunfturk.
1, 7, 13
(
rib.
,
1397
):
die meistere gebiedent mallich, dat hei stille si, einwerf, anderwerf, [...], sowilch broider da spreche buissen oirloff, de gilt einen ember wins zo boissen.
v. Ingen, Zesen. Ged.
394, 12
(
Breslau
1641
):
die schoͤne Musen hoͤrten auff zu spielen / ja es ward gantz stille.
Schein, NA
7, 12, 15
(
Leipzig
,
1621
;
Straßb.
1632
):
Daß man [...] den Bass auff einer Trombon, [...], fein still darzu spielen lasse.
Dreckmann, H. Mair. Troja
17, 11
(
oschwäb.
,
1393
):
do sprach der küng still zu ir, daz si sezz zwischen Jason und Hercules.
Gierach, Märterb.
5796
(Hs. ˹
moobd.
,
A. 15. Jh.
˺):
da pede still und uberlaut | ergiengen zaichen und geschachenn.
Klein, Oswald
41, 48
(
oobd.
,
1428
):
sein rat ich ie müsst swëren still verdachet.
Schülke, Geistl. Gemahelsch.
1694
(
moobd.
, Hs.
15. Jh.
):
Red selten, stillnüzz mit hüt: | daz ist ewch, fürstleiche fraw, güt.
Kummer, Erlauer Sp.
4, 24
(
m/soobd.
,
1400
/
40
):
da von suͤllt ıͤr still dagen.
Luther, a. a. O.
32, 43, 39
;
v. Ingen, a. a. O.
397, 25
;
Lexer, Tucher. Baumeisterb.
81, 19
;
Bauer, Zist.-Pred. Haller
57, 290
;
Sappler, H. Kaufringer
13, 31
;
Klein, a. a. O.
40, 10
;
Schmitt, Ordo rerum
15, 34
;
Dalby, Lex. MHG Hunt.
1965, 224
.
Vgl. ferner s. v. .
3.
›der idealisierten religiös-inneren Seinsweise der textlichen Bezugsgegebenheit oder -person entsprechend, still, ruhig, gelassen, in sich ruhend, aus innerem Antrieb‹.
Texte religiösen, oft mystischen Inhalts; gehäuft älteres und mittleres Fnhd.
Phraseme:
stil und offenbar
(auch zu 4 und 6 stellbar) ›in jeder Hinsicht‹.
Bedeutungsverwandte:
(Adj.) 2, , , , , , ,
1
, ; vgl. (s. v.  7),  10,  4.
Syntagmen:
etw. / j. s. sein / werden, s
. [wo]
ruhen, etw. s. werben, jm. etw. s. geben, das herz s. halten, gelassen s. halten
;
s. etw
. (z. B.
die gnade
)
empfangen
;
jm. das herz s. getröstet sein
;
der stille geist, die stille aufmerkung / bärde / finsternis / heimlichkeit / hut / kraft / sele / stille, das stille sitzen / schweigen
.
Wortbildungen:
stilhalten
4,
stilsitzen
2,
stilsprechen
(auch zu 2 stellbar).

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok.
934
(
nrddt.
,
14. Jh.
):
In deme guten willen | Entphienc der vater stillen | Die gnade die der sun begienc.
Ebd.
9136
:
Die [botschaft] wart also stillen | Geworben in der alden e | Daz sie do niemant woste me | Wen die Gotes getruwen.
Luther, WA
9, 126, 28
(
1518
):
er wil nicht haben gross gepreng, [...] sunder allein die stille heimlikeit des hertzen.
Ebd.
10, 1, 1, 728, 14
(
1522
):
Es [gottis wortt] ist eyn unendlich wort und will mit stillem geyst gefasset [...] seyn.
Ebd.
35, 438, 22
(
1524
):
Myt frid und freud ich far do hyn | ynn Gotts wille, | Getrost ist myr meyn hertz und syn | sanfft und stille.
Pfefferl, Weigel. Ges.
4, 18
(
Hamburg
1646
):
Darumb sol sie sich auch ihres Wesens, Könnens, [...] nicht annemen sondern bloß vnter Gott gelaßen stille halten.
Quint, Eckharts Pred.
1, 180, 11
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
und ie daz holz denne heizer wirt, ie ez stiller wirt und geruowiger, und ie glîcher ez dem viure ist, ie vridelîcher ez ist, biz ez zemâle viur wirt.
Ebd.
2, 307, 2
:
der nû diz wort hœren sol in dem vater – dâ ist ez gar stille –, der mensche, der muoz gar stille sîn und gescheiden sîn von allen bilden.
Ders. Eckharts Trakt.
112, 17
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Der fünfte grât ist, sô er lebet allenthalben sîn selbes in vride, stille ruowende in rîcheit und in übernutze der obersten unsprechelicher wîsheit.
Strauch, Par. anime int.
127, 19
(
thür.
,
14. Jh.
):
Got ist ein licht in ime selbir swebinde in einir stillin stille.
Sermon Thauleri
6va, 36
(
Leipzig
1498
):
Du salt mit vnbegerten sinnen dich erschwingenn vber dich selber. [...] in die vorborge͂ stille finsterniß.
Vetter, Pred. Taulers
54, 20
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
in diseme so werdent sú [frúnt] denne also gesast, also wesenlich geloͤibig und also stille.
Bihlmeyer, Seuse
190, 16
(
alem.
,
14. Jh.
):
in der úberweslichen drivaltekait der úbergegoͤteten gotheit, in dem togenlichen, [...], aller hoͤhsten gibel da hoͤrt man mit stillsprechendem swigene wunder.
Strauch, Schürebrand
44, 10
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
lerent langbeitekeit, gesossetheit, stille und sittig sin und friden haben von innan.
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
2, 2124
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
merkent die wise, wie men dirre naturlichen rasten pfliget: daz ist ein stille sitzen sunder vͤbungen von innen oder von vssen in einer ledikeit.
Goldammer, Paracelsus
4, 245, 24,
(
1530
):
daß wir auch in uns das herz ersettigen und unser gemuet und wissen tragen desjenigen, das uns got geben hat still und heimlich in der natur.
Gierach, Märterb.
9724
(Hs. ˹
moobd.
,
A. 15. Jh.
˺):
Also habent dye martrer | paide still und offenber | denn glauben her erwert.
Luther, WA
6, 248, 35
;
10, 1, 2, 264, 28
;
Quint, Eckharts Pred.
1, 388, 10
;
Kehrein, Kath. Gesangb.
3, 130, 5
;
Schützeichel, Mrhein. Passionssp.
327
;
Jostes, Eckhart
51, 24
;
Bihlmeyer, a. a. O.
211, 5
;
Vetter, a. a. O.
401, 23
;
Päpke, Marienl. Wernher
1693
;
Ukena, Luz. Sp.
2559
;
Sappler, H. Kaufringer
17, 247
;
Bauer, Geiler. Pred.
94, 6
;
Voc. Teut.-Lat. ff iijr.
Vgl. ferner s. v.  2.
4.
›ruhig, friedlich (mit Bezug auf das öffentliche Verhalten und den privaten Umgang)‹.
Bedeutungsverwandte:
, , , (Adj.),  2, , ; vgl.  1, .
Gegensätze:
 4,  2,  2.
Syntagmen:
j. s. sein / werden, s. im land werden
;
der stille friede / gehorsam
.
Wortbildungen:
stille
4 ›Stillstand, Unterbrechung von Unruhen, innerer Friede‹,
stilstand
2 ›gesellschaftliche Ruhe, innere Stabilität‹.

Belegblock:

Luther, WA
16, 339, 19
(
1524
):
denn man sonst das Euangelium nicht wol predigen kan, es sey denn zuvor in einem Lande stille und werde guter friede gemachet.
Ebd.
17, 1, 149, 34
(
1525
):
die straff muß bleiben, das die andern in forcht gehalten werden [...], damit jederman still und zuͦ ruͦw sey.
Schorer, Sprachposaun
78, 17
(o. O.
1648
):
hat vns Gott also verwirret / daß man kaum einen Stillstand vnd Ruhe / bey vns zu hoffen habe.
Aubin, Weist. Hülchrath
214, 23
(
rib.
,
1547
):
Ich gepiete, das ein jeder alhie still und zuchtig sei.
Reichmann, Dietrich. Schrr.
132, 34
(
Nürnb.
1548
):
Auch mit sonderm fleyß / euch dahin gewehnet / das jr
[Eheleute]
still vn̄ fridlich seid.
Dreckmann, H. Mair. Troja
12, 26
(
oschwäb.
,
1393
):
sein sin ist, daz er sein land maint in stillem frid zu halten.
Chron. Augsb.
2, 48, 33
(
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
die weil er [der Onsorg] da gefangen lag, da ward ain stille von den Onsorgen, daß sie sich nit fast dorsten geregen.
Gilman, Agricola. Sprichw.
2, 154, 21
([
Augsb.
]
1548
):
Derhalben sollen sich die Unterthanen / in stillem gehorsam fridlich halten.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron.
160, 32
(
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
Dem Zackl dett der schad und scham vast antt und mocht es doch die zeyt nicht gerechen und wardt ein zeyt styl im lanndt.
Luther, WA
18, 99, 2
;
19, 147, 33
;
Grossmann, a. a. O.
99, 33
;
Voc. Teut.-Lat. ff iijr;
Dasypodius
401r
.
Vgl. ferner s. v. .
5.
phras.:
in stiller gewer
›in ruhigem, unbestrittenem Besitz, rechtlich unangefochten‹.
Rechtstexte.

Belegblock:

Große, Schwabensp.
65a, 9
(Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
Off en man wizzenlichen duͦplich guͦt kouͦfft vnd hater daz in stiller gewere lenger wan druͦ iar.
Leman, Kulm. Recht
2,
V. 53, 2 (
Thorn
1584
):
Was andirs gutis ist. das nicht varnde gut ist. hat das eyn man in syner stillen gewer. tzen iar ane rechte wedirsproche.
Ebd.
54
:
Ab eyn man koufet dubig adir roubig gut ane synen wissen. vnd hat das in syner stillen gewer. lengir denne dry iar.
6.
›unauffällig, heimlich, geschickt, ohne Aufsehen (vom menschlichen Verhalten)‹.
Bedeutungsverwandte:
, ; vgl. (Adj.) 2.
Syntagmen:
s. vorübergehen, s. von jm. scheiden, etw. s. kaufen / handeln / verbergen / volbringen
;
der stille sitte, die stille hut, das stille wort
;
in stiller weise
.
Wortbildungen:
stilsam
(a. 1545).

Belegblock:

Dedekind/Scheidt. Grob.
127, 6
(
Worms
1551
):
Geh still fúr vber / vnd passier / | Daß dir dein haͤuplein nicht erfrier.
Hübner, Buch Daniel
7472
(
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
ieclicher in stillen | Gedachte gantz volbringen | Al sines herzen ringen | Listlich an der vil guten.
Mone, Adt. Schausp.
1, 1500
(Hs. ˹
omd.
,
1391
˺):
daz [ongemach] duͤ hast durch mynen willen | gehabit uff deser erden stillen
[hier Reimzwang].
Voc. Teut.-Lat. ff ijv (
Nürnb.
1482
):
Stille. helich. heymlich. clam.
Matthaei, Minner. I,
7, 374
(Hs.
15. Jh.
):
ir truͤwe muz sie [wib] stillen, | verborgen und heimlich tragen.
Sappler, H. Kaufringer
7, 39
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
das si [fraw] es
[ihre Liebe]
mit glimpf prächt | an den knaben in stiller weis.
Ebd.
16, 80
:
si hetten in stiller huot ir spehen, | wie si die lüt gemaincleich, | [...] | möchten an leib und guot beswärn.
Klein, Oswald
45, 49
(
oobd.
,
1415
):
Ich wolt dann ainen slegen still | da kouffen umb ain ratze | in zu tratze.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid.
514, 22
(
m/soobd.
,
1515
):
den sol ein lantgericht mit stillen worten dreimal an den amptman vodern.
Sappler, a. a. O.
14, 589
;
16, 24
;
285
;
18, 67
;
Schweiz. Id.
11, 274
.
Vgl. ferner s. v.  1.