sage,
sag,
die
;
-Ø/-e, -en
.
1.
›einzelne Sprechhandlung in einem je spezifischen situativen Kontext‹ (unabhängig vom Inhalt des Geäußerten; in der Regel lässt der Kontext jedoch implizit auf Länge und Ausdrucksweise des Ausgesagten schließen); im Einzelnen z. B.: ›(beiläufige) Bemerkung, Äußerung‹; ›direkte, an eine Person gerichtete Anrede‹; ›Antwort auf eine vorhergehende Äußerung‹; ›Bericht, Mitteilung, Botschaft‹; ›Rede, (längerer) Vortrag‹; ›Proklamation; Ausruf, (öffentliche) Ansage‹; dies implizierend auch: ›Plan, Vorhaben‹; speziell: ›Gelübde, Versprechen‹;
vgl.  413.
Phraseme:
über alle sage
›nicht in Worte fassbar‹;
grosse sage haben
›große Reden schwingen‹.
Bedeutungsverwandte:
 23,  2, ; vgl.  5.
Gegensätze:
(
das
1.
Syntagmen:
j. die / eine s. anfangen / anheben / anhören / volenden, mit weisheit an den tag bringen, zu jm. tun, die (lange) s. abschneiden
;
j. etw. mit der s. verkünden, das kränzlein vom kopf reissen
;
die s. von den söldnern
;
die grausame / grosse / kurze / lange s
.

Belegblock:

Kopp, Volks- u. Gesellschaftsl. (Hs. ˹
pfälz.
,
M. 16. Jh.
˺):
des wachters stymm | der uns mit grymm | vil freuden thuet vertreiben, | mit seiner sag | verkündt den tag.
Opel, Spittendorf (
osächs.
,
um 1480
):
so vorvollwortte der rath, man solte Walttheim sein gutt schreyben etc., wiewol sie zuvorne grosse sage hatten, der rath were ein, sie wolten ihme das pfanwerck niederlegen.
Pyritz, Minneburg
524
(
nobd.
, Hs.
um 1400
):
Der meister der hub an sin sage. | Er sprach uz susser rede furt.
Mayer, Folz. Meisterl. (
nobd.
,
v. 1496
):
Ein engel det zu yn die sag, | Allß sie dem grabe nachten: | ,Ir sucht Jhesum von Nazaret? | [...]‘.
Sachs (
Nürnb.
1550
):
Ja geh hin, kumb nach deiner sag!
(›tu, was Du angekündigt hast‹). Matthaei, Minner. I, (Hs. ˹
nalem.
,
1459
˺):
frow, ich gehoͤret kain ding
[die
worte
der Dame]
lieber nie; | solt es weren alle min tag, | es verdruͤß mich nit, fol endent uͤwer sag!
Ebd. (Hs.
15. Jh.
):
kuͤndet mir mit kurczer sage: | habt ir kein swester noch?
lang sag ich dar von han | mit willen ab geschnytten, | denn vil ludt han den sytten | das in kurtz red geveltt.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
Also huͦb not sich aber an | Mit vil jæmerlicher klage | Und rúweklich úber alle sage.
Sappler, H. Kaufringer
17, 256
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
wer ain stund mit seiner sag | durch gotz willen ain sweigen tätt | und doch gern geredet hett, | der verschwendt mit diser pein | etwie vil des aigen pluotz sein.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
und was so große sag und rüsten von den herrn
[sinngemäß: ›die Herren machten bedrohliche Kampfansagen und rüsteten sich‹]
überall und west niemant, was sie tuen wolten.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. (
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
das [crisem] namen etlich unvernunfftig soldner, – darumb die hawbtlewdt kayn wissen hetten – und schmirbten ire ross damit. Also was die sag von den andern soldnern.
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß ;
2.
›Ausdrucksweise, Redeweise‹; auch: ›Wortlaut, Formulierung‹;
vgl.  123.
Texte gebundener Form.
Phraseme:
lose sage
›frivole Rede (im Zusammenhang von Geplänkel, Flirt u. Ä.)‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  6,  2,  6,
1
 4.

Belegblock:

Pyritz, Minneburg
4531
(
nobd.
, Hs.
um 1400
):
Ich west vor hin lutzel baz | Waz trubsal waz und jamers sag.
Mayer, Folz. Meisterl. (
nobd.
,
v. 1496
):
Die drit paus diser sage | Lauten entlich: ,der her mit dir!‘.
Sachs (
Nürnb.
1567
):
Sprich nit: Bessr warn die voring tag! | Denn solchs ist eines narren sag.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
als ich nu hoͤre dich | Sprechen so mit trostes sage.
3.
›mündliche Erzählung, Geschichte von ungeklärtem bzw. unklärbarem Wahrheitsgehalt‹; speziell: ›Stofftradition, der eine Erzählung folgt (z. B. die Troja-Sage)‹; im Gegensatz zum Gerücht (vgl.  4) meist bezogen auf ein in der Vergangenheit liegendes, nicht in jedem Fall glaubwürdiges, aber dennoch erinnerungswürdiges und als Stoff von Erzählungen geeignetes Geschehen; speziell: ›Sage, Legende‹; auch: ›Kunde von einem heilsgeschichtlich bedeutsamen Ereignis‹; metonymisch: ›mündliche oder schriftliche Überlieferung‹;
zu  5.
Bedeutungsverwandte:
,  34; vgl. (
das
3,
1
 7,
1
 13.
Gegensätze:
 9, .
Wortbildungen:
sagmäre
1 ›Erzählung, Geschichte von zweifelhaftem Wahrheitswert‹ (zum Gw s.
1
 13; dazu bdv.: ).

Belegblock:

Luther, WA (
1528
):
Wir Christen sollen [...] unsere Sache nicht auff ungewisse schrifft und sagmerlin bawen.
Ders. Hl. Schrifft.
Lk. 5, 15
(
Wittenb.
1545
):
Es kam aber die sage
[
Mentel
1466:
rede
;
Froschauer
1531 /
Eck
1537:
es kam aber ye weiter auß
]
von jm
[von der Heilung des Aussätzigen]
je weiter aus.
Fischer, Brun v. Schoneb. (
md.
, Hs.
um 1400
):
des geistes genize, | den du nach warer sage | in dem heiligen pfingestage | dinen aposteln santest nider.
Chron. Nürnb. (
nobd.
,
1488
):
Darumb geen wir an die history und werfen zu rucken alle fabel oder sagmer.
Reichert, Gesamtausl. Messe
1, 32
(
Nürnb.
um 1480
):
wenn niemant west, ob ein kirche geweicht wer oder nit – und mags weder durch sag noch geschrift wissen –, so sol man sie wider weihen.
Chron. Strassb. (
els.
,
A. 15. Jh.
):
der es aber gerne wissen welle, der vindet es in der bibele und in scolastica hystoria. und ist nüt eine sagemer, wan die cristenheit haltet und gloubet die selben buͤcher.
Spanier, Murner. Narrenb.
2, 53
(
Straßb.
1512
):
Das ich üch bin ein gouckel man, | Do moͤgt ir frylich recht an han, | Den ich den narn in disen sagen | Mit goucklen manches hab verschlagen.
Koppitz, Trojanerkr. (Hs. ˹
noschweiz.
,
15. Jh.
˺):
Dem frumpt er mit ainem schlag | Nach der aventüre sag.
Nach der waren geschrifte sage | Fürtten sy in [Paris] mitt umbehage | Vil nach enmitten uff daz mer.
Jörg, Salat. Reformationschr.
255, 7
(
halem.
,
1534
/
5
):
waͤr ein grosse gassen maͤr gsin und sag / vor jaren haͤte das gotzhus Jtingen ein eberschwin ghan / das eynem hindersaͤssen ein kind ummbracht.
Maaler (
Zürich
1561
):
Ein liebliche lustige Sagmaͤr oder fabel dẽ menschen zuͦ nutz vnd zuͦ lust erdicht. Fabula, Apologus.
Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
daher die sag erwachsen, es sitzen etlich der Gremlichen in der hell in fürinen sesseln.
vil jare her ein sag gewesen, es seie ein schatz im schloss zu Seedorf vergraben.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
Nu habent die prunnen ain end nâch des puochs sag ze latein.
4.
›Gerede, Klatsch über (häufig: aktuelle, die Tagespolitik, das Handeln der Mächtigen betreffende) Gegenstände von allgemeinem Interesse‹; metonymisch: ›etw., das im Gespräch ist, über das man / jeder spricht‹; ›(beunruhigendes) Gerücht von zweifelhaftem Wahrheitsgehalt‹; auch: ›allgemeine Ansicht, landläufige Meinung‹;
zu  7.
Gehäuft berichtende Texte, oft Chroniken und historiographische Texte.
Bedeutungsverwandte:
 4,  10,
1
 5,  1 (subst.),  4,  4,
1
 2, ; vgl.  2.
Syntagmen:
j. die s. ausbringen / ausgiessen / ausspreiten / haben / hören / treiben
;
die s
. (Subj.)
in aller welt, in allen ländern sein, die s. sein / werden, das [...], wie [...], die s. auskommen / entstehen / erhellen / gehen / herumgehen,
[woraus]
erwachsen, sich zutragen, jm. für die oren kommen
;
etw
. (unpersönlich)
eine s. sein
;
j. der s
. (Dat.obj.)
nachfolgen, stärkung tun
;
j. etw. durch s. wissen, jn. von s. erkennen
;
die s. des gemeinen mannes
;
die s. von jm
. ›über e. P.‹;
die alte / gemeine / gewisse / grosse s
.
Wortbildungen:
sagerede
›Hörensagen‹,
sagmäre
2 ›Kunde; Gerücht‹.

Belegblock:

v. Liliencron, Dür. Chron. Rothe (
thür.
,
1421
):
gar schire qwam eyne sage, das herzoge Witoldt tot were.
Bindewald, Texte schles. Kanzl.
190, 30
(
schles.
,
1480
):
Jch bekenne, das ich e. l. geschrebn̄ habe sagerede, dy mir zcur olße gesagit wort.
Chron. Nürnb. (
nobd.
,
15. Jh.
):
1482 jar da kom ein sag auß, wie hertzog von Burgundi, Carl, nach in dem leben wer.
Gille u. a., M. Beheim
453, 2420
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
sy hetten ach wol daz gerucht, | Auch sölche mer und sage, | wie daz zw Wipach lage | Ain grosses volk, daz in in dem | gesess kurczlich zw hilffe kem.
Sachs (
Nürnb.
1552
):
Es kumpt aber vil sag | Deglich al tag vür meine oren.
v. Keller, Ayrer. Dramen (
Nürnb.
1610
/
8
):
Mein Agrippa, es geht die sag, | Amulius hab gestrichen tag | Sein Bruder thun ins elend jagen.
Spanier, Murner. Schelmenz.
35, 15
(
Straßb.
1512
/
3
):
Wes trybt ir dann so manche sag? | das üch der plix, der dunder schlag!
Chron. Augsb. (
schwäb.
, zu
1550
):
da was die sag, daß der bischoff von Saltzburg gar kranck were, und were darzuͤ nit priester.
Brandstetter, Wigoleis
197, 35
(
Augsb.
1493
):
Nun ist die sage in allen landen, dz hie die besten vnd teüristen ritter seien so man in der welt vinden müg.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. (
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
Es war auch die sag, wie hertzog Ludweig von Payren seinen sun auch des ketzer
[Georg von Podiebrad]
tochter zw weyb wollt geben haben.
Ist die gemain sag erholln, er sey ursacher gewesen des schnoden kriegs.
Chron. baier. Städte. Regensb. (
noobd.
,
1543
):
warumb er aber nit seiner gewonhait hieheer chomen, waß zwaierlai sag.
McClean, Havich
1588
(
moobd.
, Hs.
15. Jh.
):
von sag er in erchant, | ïr yegleicher den andern nye gesach.
Drescher, Hartlieb. Caes. (
moobd.
,
1456
/
67
):
do unnsers ordensschiffung uber see nicht geschiffen torsten von den raubschiffen doselbs, des komen sagmaͤr gen Kollen, wie das dieselben unnsers ordens schiffe beraubt und nyder gelegt waren.
Leidinger, V. Arnpeck (
moobd.
,
v. 1495
):
schnell kamen die sagmer in alles Holland.
Turmair (
moobd.
,
1522
/
33
):
wo gewisse anzaigen [...] nit vorhanden gewesen,
[bin ich]
der sag des gemainen mans und gemainem rüech nachgevolgt.
Es ist die gemain sag, die Teutschen sollen auch in disem krieg [...] gewesen und davon wider haim kommen sein.
5.
›Behauptung von zweifelhaftem Wahrheitswert‹ (gelegentlich in der Doppelformel
rede und sage
); ›Vermutung, Hypothese‹; speziell auf Personen bezogen: ›Anschuldigung, geäußerter Verdacht‹; selten eindeutig negativ konnotiert: ›Lüge‹;
zu  8.
Phraseme:
js. rede
(Subj.)
eine sage sein
›das, was j. sagt, eine bloße Behauptung sein‹;
die sage
(Subj.)
auf jn. gehen
›der Verdacht sich auf jn. richten‹.
Bedeutungsverwandte:
,
2
 3, ,  5, ; vgl.  1, , , ,  1,
1
(
die
1.
Gegensätze:
 8.
Syntagmen:
j. die s. wiederlegen / wissen
;
etw
. (Subj.)
die s. sein
;
j. der s
. (Dat.obj.)
glauben / wiedersprechen
;
j. sich an js. s. keren, etw
. (Subj.)
aus js. s. folgen, j. jm. nach js. s. helfen
;
die s. des buben / klaffers, der juden / luftsager / wettersager, der alten meister
.

Belegblock:

Holland, H. J. v. Braunschw. V. e. Weibe (
Wolfenb.
1593
):
Sagt jhr mir das zu, bey ewrem Eide, Das jhr keiner sage gleuben wollet, Es sey dann, Das jhr mich auff offenbarer that findet.
Luther, WA (
1531
):
Es gehet iczt allenthalben die sage, wie es ßo wol yn der welt unter dem Bapst gestanden habe
(auch zu 4 stellbar).
Schützeichel, Mrhein. Passionssp.
372
(
mrhein.
,
um 1335
):
[Der Pharisäer spricht:]
Der mensche ist nit von gode, | der wider godes gebode | dir nach diner sage | half an eime vierdage.
Bolte, Pauli. Schimpf u. Ernst (
Frankf.
1545
):
,Thuͦ gemach‘, sagt der Bawer, ,auf eynes Mans Sage gibt man nit so bald, es gehoͤren mehr Zeugen darzuͦ.‘
Strauch, Par. anime int.
11, 13
(
thür.
,
14. Jh.
):
Warumme ouch Godis son den menschen irloist habe und nicht den engil, da sint file rede und sage fon.
Skála, Egerer Urgichtenb.
154, 8
(
nwböhm.
,
1575
):
wer [...] Viel Keß vnd putter gestoln worden, wer die Sag vff den adler gangen.
Mayer, Folz. Meisterl. (
nobd.
,
1517
/
8
):
Dan die jünger Jesw | Den leichnam in der nacht gestolen heten, | Alls denoch ist der jüden sag | Aüf dissen dag.
Karlstadt, Papistische Messen
2, 35
(
Basel
1524
):
die weil auß solicher sage oder rede dz folget. Das Christus opfer vnrein / schuldig / sündig [...] gewest / vñ noch sey.
Wyss, Luz. Ostersp.
9682
(
Luzern
1545
):
[Magock spricht:]
Herr, du weist wol des buͤben sag, | wie er rett, er wurd am dritten tag | von tod erstan.
Sappler, H. Kaufringer
3, 257
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
der pfaff der liugt mich boßlich an. | ich widersprich zwar all sein sag.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
daz lieht ist sam an den sternen nâch der alten maister sag, wann die wânten, daz die stern feurein wærn.
dar an prüefent die luftsager oder die wetersager künftigez weter, wan vindet si daz würmel mitten in dem laubapfel, sô kümt ain scharpfer winter nâch irr sag.
Rot
333
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß ;
6.
›lehrhafte (in der Regel: in einem Text niedergelegte, seltener: mündlich überlieferte) Aussage einer traditionell anerkannten geistlichen oder biblischen Autorität, der in Bezug auf eine Glaubenswahrheit Zeugnischarakter zuerkannt wird‹; speziell: ›Verkündigung, Weissagung, Prophezeiung‹;
vgl.  6.
Gehäuft literarische Texte (oft in gebundener Form) mit religiösen Inhalten.
Bedeutungsverwandte:
 8, (
der
3,
2
 5; vgl.  24.
Syntagmen:
j. die s. erfüllen
;
die s
. (Subj.)
etw. beweisen
;
j. der s
. (Dat.obj.)
glauben
;
die s. sankt Bernhards, der geschrift, der heiligen schrift, des heiligen evangeliums, der (weisen) lerer / meister / pfaffen / prediger / propheten
;
die ware s
.

Belegblock:

Froning, Alsf. Passionssp. (
ohess.
,
1501ff.
):
nach der wyßen lerer sage.
Hübner, Buch Daniel (
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
Nach wiser meistre sage | Wandelte er die plage | Im zu siben manden louf.
Mayer, Folz. Meisterl. (
nobd.
,
1517
/
8
):
Ich mein nach sag der heilling schrifft | On all upich erforschung gancz, | Aüf das eüch zweiffel nit vergifft.
Reichert, Gesamtausl. Messe
85, 30
(
Nürnb.
um 1480
):
am dritten tag aufferstanden nach sage der geschrift und ist auff gefarn in den hymel.
Strauch, Schürebrand (
els.
,
E. 14. Jh.
):
und mit uwerre besserlichen bekerde noch lute und sage des heilgen ewangelies alles himelsches her erfrouwent.
Lindqvist, K. v. Helmsd.
921
(
halem.
, Hs.
um 1435
):
Hie merkend nach der lerer sag | Wie an dem hailgen balm tag | Jesus hat sunderlich volbracht | Drú ding, der hie nach wirt gedacht!
Ebd.
1539
:
Als uns sant Bernhartz sag | Bewÿset gar mitt sender klag.
Ebd.
2893
:
Hie hoͤrend nach der geschrifte sag | Wie an dem fiertzigosten tag [...].
Stammler, Berner Weltger.
800
(
ohalem.
,
1465
):
Fuͤrent sy ab minen ǒgen, | Wann sy woltent nie gelǒben | Miner bredier sag vnd lere.
Wyss, Luz. Ostersp.
4947
(
Luzern
1571
):
Wann du der war Messias bist, | Der kon soll nach der propheten sag.
Wackernell, Adt. Passionssp. St. I,
51
(
tir.
,
v. 1496
):
Doch so wolt er erfüllen | Der prophetten geschrift und sag, | Da mit alles das käm an den tag, | Das dye prophetten verkündet hyetten.
Fischer, Brun v. Schoneb. ;
Reissenberger, Väterb. ;
Schade, Sat. u. Pasqu. ;
Bell, G. Hager
45, 1, 22
;
Lindqvist, a. a. O.
974
;
2689
;
7.
›Spruchweisheit, lehrhafte Sentenz, Sprichwort‹; speziell: ›Devise, Leitsatz‹; tendenziell negativ bewertet: ›Allgemeinplatz, Bauernweisheit‹ (kollektives Wissen ohne authentifizierten Ursprung);
vgl.  67.
Bedeutungsverwandte:
 3,  2; vgl.  1, ,
2
 4,  1.

Belegblock:

Peil, Rollenhagen. Froschm.
433, 5378
(
Magdeb.
1608
):
Das werd Jch
[Froschkönig]
gedencken mein Tag / | Das wird jmmer sein meine Sag.
Sachs (
Nürnb.
1564
):
Thu zu dem herren dich bekehrn, | Und scheub es nit von tag zu tag | Weiter auff, gleich nach der welt sag.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 553, 27
(
Hagenau
1534
):
Es ist ein gemeine sage in aller welt / wie die weiber uber die menner herschen und regiern.
Maaler (
Zürich
1561
):
Ein Sag (die) Ein gemeine red / sy seye guͦt oder boͤß.
Heydn. maister
1v, 8
(
Augsb.
1490
):
vil irer sprüch vñ sagen so notturftig seind dẽ mẽschen zemerckẽ.
8.
›Aussage vor Gericht; Zeugenbericht im Rahmen eines Gerichtsprozesses‹;
zu  9.
Gehäuft Rechts- und Wirtschaftstexte.
Bedeutungsverwandte:
 7,  3, ; vgl.  1,  2, ,  1,  2,  9.
Syntagmen:
j. die s. angeben / aufschreiben / behalten / darlegen / enden / erzälen / festigen / fürbringen / hören / rechten / sagen / urteilen / vorlesen, in schrift legen, dem richter zuschicken, vor gericht lesen, für genügsam achten, in irem wert vermerken, mit dem eid stärken, allein für sich, jm. zu lieb oder leid, bei seinen treuen, in abwesen der anderen zeugen, aus sein selbes mund tun
;
die s
. (Subj.)
jm. gut, eine warheit sein, offenbar geschehen, bei der klage liegen, an einem brief besiegelt sein, die sagen
(Pl.)
zusammen stimmen, in gegenwart beider parteien geöfnet werden
;
j
. (Pl.)
sich der s
. (Gen.obj.)
vereinigen, mit einander unterreden
;
j. der s
. (Dat.obj.)
glauben geben
;
j. an der s. bleiben, der richter
(Subj.)
bei der s. sein sollen, der zeuge
(Subj.)
in der s. wandelwärtig sein
;
die s. des amptmans / ansprechers / büttels / geschworenen / richters, eines mannes, der leute / zeugen
;
die falsche / unwarhaftige / warhaftige s
.;
die abschrift der s
.
Wortbildungen:
sag(s)leute
›Zeugen‹.

Belegblock:

Loesch, Kölner Zunfturk. (
rib.
,
1396
):
In urkunde unser sagezluide mit namen Johan van der Merkatzen [...].
Köbler, Ref. Franckenfort
100, 12
(
Mainz
1509
):
Wo aber zügen vsserhalb gerichts von den Schoͤffen / jn beywesen des gerichts schrybers verhoͤrt / vnd jre sage vff geschryben werden.
Ders., Ref. Wormbs
36, 25
(
Worms
1499
):
der gezügen Person vnnd Jr sag fürzubringen zu syner zyt.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
302, 24
(
thür.
,
1474
):
wanne danne dyselbigen geczugen yr sage met yrem eyde stergke worden.
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Bautzen
1567
):
Die [Juͤden] mit gefahr, | Vngruͤndter klag, | Vnd falscher sag, | Vorklagten dich [Jesu] zu straffen.
Kohler u. a., Bamb. Halsger. (
Bamb.
1507
):
der zeugen sage, die allein von frembden hoͤren sagen, sollen nit fur gnugsam geacht werden.
Ders. u. a., Peinl. GO Karls V. (o. O.
1532
):
soll man sy, sovil gefengklicher behalltnuss halb sein mag, vonn einander theillen, damit sy sich vnwarhafftiger sage mit einander nit [...] vnnderreden mögenn.
Köbler, Stattr. Fryburg (
Basel
1520
):
was er aber vsserthalb syns ampts kuntschafft gibt / dz hat nit wyter krafft dañ eins andern einigen mans sag.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, zu
1563
):
es seind der sagen mererlai
[den Brand des Rathauses betreffend]
, die doch nit gleich zusamen stimen.
Gehring, Würt. Ländl. Rechtsqu.
3, 186, 37
(
schwäb.
,
1580
):
Es soll ain jeder zeug sein sag aus sein selbs mund allein für sich selbs [...] tun.
Ebd.
763, 37
(
1622
):
Und sol eines ieden amptmanns, geschwornen, richters oder pittels sag allweg für sonst zweyer gerechtet werden.
Fischer, Eunuchus d. Terenz (
Ulm
1486
):
Wir sprechen unser sag zefestigen als mir got helff.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
15. Jh.
):
[
Perchtold Khrottendorffer
hat]
solich zwitracht und irrung der pigmerkt [...] zu austrag und ent bracht [...] nach solichen sagen so di obgenanten gemain leut all bei irn treuen an eins geschworn aides statt darumb gesagt haben.
Köbler, Ref. Franckenfort
28, 11
;
ders., Ref. Nürnberg
129, 3
;
Kohler u. a., Bamb. Halsger. ;
Lexer, Tucher. Baumeisterb. ;
Rennefahrt, Recht Laupen ;
Müller, Alte Landsch. St. Gallen ;
Gehring, a. a. O.
336, 28
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß ;
Vorarlb. Wb.
2, 812
.
9.
›verbürgte, rechtsverbindliche Form (in Bezug auf Wortlaut, Inhalt und / oder Textsorte) einer normativen Referenzgröße mit je unterschiedlichem Geltungsbereich (z. B.
frieden, spruch, zunftbrief, päbstliche bulle, geistliches / weltliches recht
sowie traditionelle Rechtsbräuche und Rechtsgewohnheiten)‹; metonymisch: ›Rechtsbrauch, Rechtstradition‹; in zum Phrasem tendierenden syntaktischen Verbindungen mit Genitivattribut auch stellvertretend für die (im Genitivattribut genannte) Referenzgröße selbst; häufig in der formelhaften Verbindung
nach (laut und) sage
[+ Referenzgröße]: ›nach dem Wortlaut des / der [...]‹; dies implizierend: ›nach Ausweis / Verlautbarung des / der [...], mit Bezug auf den / die / das [...], kraft des / der [...]‹; speziell: ›der Tradition, dem Gewohnheitsrecht zufolge‹;
vgl.  6111214.
Phraseme:
ane alle sage
›kurzerhand (ohne rechtliche Legitimation)‹.
Bedeutungsverwandte:
 7, (
der
3,  3; vgl.  1, ,
2
 1,  5,  6.
Syntagmen:
die s. des briefes / buches / friedens / majestätsbriefes / rodels / spruchs / zunftbriefes, der päbstlichen bulle, des versiegelten anlasbriefes, des briefes seiner königlichen majestät, der rechte, der hauptbriefe / kaufbriefe / zinsbriefe, der vorfaren, der alten / handfestlichen briefe, der geistlichen / keiserlichen / weltlichen rechte
.

Belegblock:

Luther, WA (
1542
/
3
):
So ist auch im Bapstum die sage allzeit blieben: Wer der Beicht nachsagt
[= den Inhalt eines Beichtgesprächs öffentlich macht],
dem sol man die zung hinden zum hals erausreissen.
Köbler, Ref. Wormbs
103, 27
(
Worms
1499
):
der ym schmach oder iniuri gethan hat soll gestrafft werden nach sag der keyserlichen recht.
Neumann, Rothe. Keuschh.
782
(
thür.
,
1. H. 15. Jh.
):
man vindet ouch etliche lute | den man nicht wol kan bedute | das di bosslichen cleider zu tragen | sunde si nach unseren sagen.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
152, 28
(
thür.
,
1474
):
[er muß] solliche smeliche unde unrechtliche zusage [...] nach sage unßers vorigen spruchz mit dreyen bußen [...] vorbessern.
Baumann, Bauernkr. Rotenb. (
nobd.
,
n. 1525
):
allein mich [...] mit ainem gotslehen [...] beromen darf und mich in ander weg als ain gaistliche person nach sag gaistlicher und weltlicher recht [...] mit nichten zu beschwern verhoff.
Kohler u. a., Bamb. Halsger. (
Bamb.
1507
):
man sol sich nach sag der recht nit allein vor verbringung der vbeltat, Sunder auch vor aller gesteltnuss des vbels, [...], huͤten.
derselbig eebrecher sol nach sage der Keyserlichen recht mit dem schwert zum todt gestrafft werden.
Ders. u. a., Peinl. GO Karls V. (o. O.
1532
):
Derselbig eebrecher sampt der ehebrecherin soll nach sage Vnnserer vorfaren vnnd vnserer keiserlicher Rechte gestrafft werden.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
Do man begieng die phingsttage | Nach gebot und nach geseczter sage.
Rennefahrt, Statut. Saanen (
halem.
,
1429
):
alles nach sag des versigeltten anlaß brieffes.
Welti, Stadtr. Bern (
halem.
,
1438
):
wer zuͦ den burgern gat, der sol sinen harnesch nach des rodels sag haben.
UB Zug
1646, 6
(
halem.
,
1495
):
nach lut, sag und begriffung baͤpstlicher bull.
Tobler, Schilling. Bern. Chron. (
whalem.
,
1484
):
darumb si im dann alwegen nach sag des vorgenanten fúnfzechenjerigen fridens, zuͦ Costenz gemachet, gern gerecht worden werent.
Chron. Augsb. (
schwäb.
,
1368
):
die (zunfft) sullen wir halten [...] nach dez zunftbriefs sage den wir gemachet haben.
Ebd. (
1398
):
daz ir uns nach unser brif lawt und sag helffet.
Niewöhner, Teichner
294, 32
(
moobd.
,
1360
/
70
):
da gewint seu nu ıͤr leipnar mit, | daz si fuͤgt suͤnd und schant. | wer die alten hutzeln chant | [...] | man solt sey prennen an allew sag.
Dirr, Münchner Stadtr. (
moobd.
,
1380
):
swen ich ze gericht sitz, daz ich dann nach des puchs sag trewleich richt.
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. (
moobd.
,
1478
/
81
):
nach sag allter prief, so gehört Regenspurg in der fürsten zu Payrn erblich purgkgrafthumb zu Riettenburg.
Mollay, Ofner Stadtr.
1, 5
(
ung. inseldt.
,
1. H. 15. Jh.
):
Vnd [das Rechtpuech nach Ofnerrstat Rechten] ist geschriben nach allen ausgesprochen vrtaillen vnd nach gueterr löblicher gewonhait, Vnd allermaisten nach sag hantfestlicherr prieff.
Kohler u. a., Peinl. GO Karls V. ;
Merk, Stadtr. Neuenb. ; ;
Boos, UB Aarau ;
Dirr, a. a. O. ;
Leidinger, V. Arnpeck ;
Vorarlb. Wb.
2, 813
.
10.
›Anweisung, Aufforderung, Anordnung, Befehl‹; speziell: ›Gebot Gottes‹;
vgl.  14.
Bedeutungsverwandte:
 2,  1; vgl.  2,  8,  10.
Syntagmen:
der könig
(Subj.)
die s. gottes verachten
;
j. auf js. s. das insigel aufdrucken, jn. nach js. s. richten, nach (gesezter) s. den pfingsttag begehen, nach der s. des königs die brücke abbrechen, Moses
(Subj.)
nach gottes s. schläge mit der gerte tun, got
(Subj.)
die sonne nach seiner s. zum heiteren tag verordnet haben
;
die s. gottes
;
die gesezte s
.

Belegblock:

Küther, UB Frauensee
369, 29
(
thür.
,
1526
):
hab ich uff sag und bitt Heinrich Wolffs mein ingesigell hinden zu endt dieser schrifftt auffgetrucktt.
Mayer, Folz. Meisterl. (
nobd.
,
1517
/
8
):
Do Moyses das volck gemein | Und alles fich mit trencket gar | Dürch schlege mit der gerten sein, | Die er tran thet nach Gottes sag.
Sachs (
Nürnb.
1550
):
Geh hin! richt in nach meiner sag!