saft,
der / das
;
-(e)s/-Ø, -e
+ Uml.;
zu
mhd.
saf
›Saft‹
().
1.
›natur- bzw. gottgegebene lebensspendende Flüssigkeit‹ (allgemein); im Einzelnen (gehäuft bildlich): ›belebende (z. B. von Regen, Tau verursachte) Feuchtigkeit‹; ›in Pflanzen (insbesondere in Bäumen) bzw. ihren einzelnen Teilen (in Blättern, Wurzeln, Stielen) enthaltene Flüssigkeit‹; mit Bezug auf ihre andere Lebewesen nährende Qualität im Einzelnen auch: ›Milch‹; ›Nektar‹; mit Bezug auf Menschen und Tiere: ›Blut‹; gelegentlich auch auf andere Körpersäfte (z. B. Schweiß, Speichel u. Ä.) beziehbar; vereinzelt: ›Muttermilch‹; bildlich bzw. tropisch: ›durch die Adern fließender Lebenssaft‹; ›Potenz, Energie, Körper-, Lebenskraft‹; speziell in mystischen Zusammenhängen: ›alle Gnadengaben, die Gott über die Menschen ausgießt‹; häufig in der festen Verbindung
saft und kraft
(vgl. 1).
Phraseme:
saft des herzens
›Herzblut‹ (im Sinne einer Liebesgabe; vgl. );
saft des zorns
im Beleg wohl humoralpathologisch zu deuten: ›gelbe Galle‹;
nicht saft noch kraft im leib haben
›zu Tode erschöpft sein‹.
Bedeutungsverwandte:
1
1, , , 1, (
der
), (
der
), ; zur Ütr.: 3, 2, 9; 12.
Syntagmen:
j. den s. auffassen,
[wo]
hineintropfen, von der wurzel aufziehen, aus der hand saugen, die kele der blume
(Subj.)
den s. fangen, die furcht
(Subj.)
den s. ausschöpfen, die sat
(Subj.)
saft haben, die adern
(Subj.)
keinen s. haben, die weisheit
(Subj.)
keinen s. geben, der mai
(Subj.)
den wurzeln s. geben, die zweige
(Subj.)
den s. verlieren, der baum
(Subj.)
den s. in die schöslinge aufwerfen, die immen
(Subj.)
den s. aus den blumen saugen, die dürren selen
(Subj.)
s. von der kraft des heiligen geistes gewinnen
;
der s
. (Subj.)
ausgedört,
[wo]
bei, an einem baum sein, vertruknen,
[wo]
ausfliessen, die erde, das gras / laub erfrischen, von dem heiland triefen, sich aus der angst verzeren
;
der s. die minne sein
;
das laub
(Subj.)
im s. sein, etw
. (Subj.)
vol s. sein
;
der s. des maien / merschneckens, der brust, des blutes, der gaben gottes, die säfte des leibes
;
der s. in dem baum
;
der edle / grosse / innige / triefende s
.;
die fliessung des safts
;
die wurzel voller s
.
Wortbildungen:
saften
›schmecken, Geschmack wahrnehmen‹ (dazu bdv.: vgl. 4,
2
),
˹
saftig
,
saftreich
˺ ›saftig, voller Saft‹,
saftlich
›schmeckbar (bezogen auf den zum Schmecken notwendigen Speichel)‹,
saftlos
.

Belegblock:

Luther, WA (
1528
):
Diese forcht, [...] ist so gros und hefftig, das sie auch ausseufft das marck aus den beynen, und schoͤpffet aus alle macht und safft.
Ebd. (
1529
):
aus diesem Text [...] sind viel trefflicher Psalmen gemacht, welche David wie ein Binlin den edelen safft draus gesogen.
Ebd. (
1529
/
32
):
Fur der welt thun sie grosse werck, aber fur Gott ist es asche, da kein safft, wasser noch gnade bey ist.
Ebd.
33, 426a
, 10 (
1530
/
2
):
in der angst wirdt einem die zunge trucken, aus der angst verzeret sich der safft, das einen durstet.
Ebd. (
1535
/
6
):
Gottes eigen werck, das solcher Thaw alle morgen herab fellet, Und ist doch der zarteste regen und das edelest wasser und safft, so laub und gras und die gantze erden erfrisschet.
Ders. Hl. Schrifft.
Ps. 32, 4
(
Wittenb.
1545
):
deine Hand war tag vnd nacht schweer auff mir / Das mein Safft vertrockete
[
Mentel
1466 /
Eck
1537:
meine beyn seint eralttent / veraltet
;
Froschauer
1531:
mein fuͤchte
;
Dietenberger
1534:
verschmachten meine gebein
]
/ wie es im sommer dürer wird.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
66, 704
(
Magdeb.
1608
):
Ein schwartze Wurtzel voller safft / | Wie Milch.
Quint, Eckharts Pred. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Als der sunnen kraft ziuhet daz aller edelste saf von der wurzel ûf in die este und würket ez ze bluot [...].
Stoltzius, Chym. Lustg. (
Frankf./M.
1624
):
wasch vnser zart Soͤhnelein | Durch fliessung des Saffts
[hier: ›Regen‹]
saubr vnd rein.
Jahr, H. v. Mügeln
958
(
omd.
, Hs.
1463
):
des touwes sprengel durch sie gink: | sin saf der blumen kele fink.
Opitz. Poeterey
42, 36
(
Breslau
1624
):
Das kein gelenckʼ vnd gliedtmaß weder krafft | Noch stercke hat / die adern keinen safft | Noch blut nicht mehr.
Pyritz, Minneburg
3239
(
nobd.
, Hs.
um 1400
):
Uz irer bruste saffe | Zwen eppfel sint entsprungen.
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Nürnb.
1631
):
O bluͤtiger Heyland moͤcht ich dich vmbfangen, | An dem so viel tausend Blutstropffen hangen, | Aufffassen den Safft so von dir trifft.
Ebd. (
Köln
1582
):
Mein krafft vnd safft mir zuͦm verderben | Jst ausgeduͤrt gleich einer scherben.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
ein suͤsses uftringendes seitenspil, wol gereiset uss mines herzen innigostem saffe.
nim hin ze einem opfer mins herzen sapf dis kuͤl trank.
Kurz, Murner. Luth. Narr (
Straßb.
1522
):
Vnser weißheit gibt kein safft
(›führt zu nichts‹).
Dasypodius (
Straßb.
1536
):
Safft das die jmmen auß den baͤumen oder bluͦmen saugen.
Moscherosch. Ges. Phil. v. Sittew. (
Straßb.
1650
):
daß sie [Soldaten] daher gehen verdorret, als ob sie weder Safft noch Krafft mehr im Leib hätten.
Rieder, St. Georg. Pred. (Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
der bôm wirfet uf daz saffe in die schoͤssling.
Ebd. 9:
daz saff in dem bôme ist dú minne dú in der sel ist. dú gússet sich zuͦ den ôgen us.
Karlstadt, Mit heyliger schrifft D
4r
(
Basel
1524
):
Christus hat offt gesagt / dz sie verdorbẽ sind / die [...] sein vergossen bluͦt nit recht schmecken oder versuͦchẽ / dz ist / die es in seinem grossen safft aller gabẽ gottes nicht verstehn.
Maaler (
Zürich
1561
):
Purpurfarb / leybfarb von dem bluͦt oder safft eines meerschnaͤckens.
Safft (das) Natürliche feüchtigkeit. [...]. Safftig / Voll safft. [...]. Safftloß / One safft vnd feüchtigkeit.
safftreich / das voll safft ist.
Ruh, Bonaventura
330, 15
(
oschwäb.
,
2. V. 15. Jh.
):
der mensch [...] wiß, das der, den er lieb hatt, ist nit sichtig, nicht safftlich, nit hoͤrlich, nit griffenlich, nit schmeklich.
Ebd.
334, 11
:
das der mensch lerne ,safften, das der herr suͤß ist‘.
Henisch (
Augsb.
1616
):
An einem baum seind die rind / der safft / das fleisch / die neruen / adern / das marckt / das schmeer.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
wenn der paum gar saffig ist und man ainen spân dar auz hawet, sô vleuzt gar vil saffes dar auz.
Spechtler, Mönch v. Salzb.
11, 41
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
darumb schaff, säldenreicher gart [Maria], | das all dürr seel gewinnen saft | von des heiligen gaistes kraft.
Guth, Gr. Alex. (Hs. ˹
oobd.
,
E. 14. Jh.
˺):
Also wüchs sein kraft | An künst und an leibes säft, | Daz im nymmant geleichen | Moht in allen reichen.
Klein, Oswald
21, 4
(
oobd.
,
1416
):
was uns der kalte winter hat betwungen, | das wil der meie mit geschraie dungen | [...], den würzlin geben safft.
Niewöhner, Teichner
323, 30
(
moobd.
,
1360
/
70
):
so hat der gaist auch nicht slaff, | wann der leib dez zorens saff | hat enphangen. dem ist nicht wol | dez haupt ist ungesuntez vol.
Lappenberg, Fleming. Ged. ;
Thiele, Minner. II,
14, 62
;
Mayer, Folz. Meisterl. ;
Vetter, Pred. Taulers ;
2.
›flüssiges bzw. zähflüssiges, aufgrund seiner medizinischen Wirkkraft und / oder seines Wohlgeruchs als kostbar angesehenes Pflanzenprodukt‹:
a) als natürliche Ausscheidung oder Absonderung von Pflanzen; im Einzelnen z. B.: ›Harz‹; ›Myrrhe‹; ›Gummi‹;
b) als durch einen Produktionsprozess (z. B. Auspressen, Keltern, Destillieren, Einkochen u. Ä. von Pflanzen und / oder ihren Früchten) gewonnene flüssige Substanz; im Einzelnen: ›Wein‹; ›Fruchtsaft (als Getränk)‹; ›medizinische Mixtur, Trank, Elixier‹; ›Balsamöl‹; die Spezialisierung erfolgt überwiegend in Wortbildungen, in denen das Lemmawort als Grundwort fungiert (vgl. z. B.
kamillensaft
; weitere Beispiele ); ütr.: ›Essenz; das Beste, Kostbarste, Wesentliche e. S.‹.
Bedeutungsverwandte:
,
3
1, , 3, 2, 1; 6, .
Syntagmen:
j. den s. ausdrücken / herauszwingen / herreichen / mischen / saugen / stossen / trinken, aus den blättern drücken, aus schlehenblättern machen, aus den kürbissen zwingen, in einem kessel empfangen, jm. in die augen träufen, die traube
(Subj.)
süssen s. geben
;
(der) s
. (Subj.)
den orenschmerzen gut sein, ausriechen, tiefen schlaf verursachen, den menschen dienen, das jucken der augen vertreiben
;
j. mit säften handel treiben
;
der s. der barmherzigkeit / schrift / warheit
;
der s. aus der weintraube, von (dem) nachtschatten / wegerich / wermut, (dem) schelkraut, von äpfeln / hanfsamen / holzäpfeln / kräutern / limonen / maulberen / nachtschattenberen / nusbaumwurzeln / rüben / trauben / zwiebeln
;
der edle / herbe / schädliche / süsse s
.;
die gattung / spezies von säften
.
Wortbildungen:
saftgetränk
.

Belegblock:

Luther, WA (
1509
/
21
):
Sein zcwen safft, die denn menschen dinen, wein dieneth inwendig zcum leyb, gibt im krafft, Oel auswendig zcw denn glidern, macht geschickt und hubsch.
Mirrhe aber ist aynn starcker bitterer safft, der auß den bewmen fleußt inn Arabien wie ain gumi oder wie bey uns das hartz auß den kiffern, fichten oder tannen fleußt.
Ders., WA Bibel , Anm.:
Die besten Myrrhen ist der erste safft, der von jm selber aus dem Myrrhenbaum fleusst, vnd heisst, Stacte, tropffen.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
16, 65
(
Magdeb.
1608
):
Wie der Artzt einem herben safft / | Mit honig gibt ein suͤsse krafft.
Fischer, Brun v. Schoneb. (
md.
, Hs.
um 1400
):
uz im [cedrus] vluzet ein hoe saf, | [...] | daz saf machet siche lute gesunt | und totet worme ime libe.
Wyss, Limb. Chron. (
mfrk.
,
3. Dr. 14. Jh.
, Hs.
2. H. 16. Jh.
):
di wine worden also sure, daz si worden smackende als saft von holzeppeln.
J. W. von Cube. Hortus
103, 27
(
Mainz
1485
):
Der safft von zwobeln in die naselocher gelaissen purgieren das heubt.
Belkin u. a., Rösslin. Kreutterb.
138, 16
(
Frankf.
1535
):
Galactides ist ein milchstein / wann so man den stoͤßt odder reibt so gibt er weiß safft das schmecket wie milch.
Österley, Kirchhof. Wendunmuth (
Frankf.
1602
):
Man sol die alten lehrer lesen, die haben den safft der warheit auß der bibel gesogen.
Perez, Dietzin
1, 411, 18
(
Frankf.
1626
):
hatte aber den Wein mit einem solchen Safft / so einen tieffen Schlaff verursacht / vermischt.
Opitz. Poeterey
23, 32
(
Breslau
1624
):
Alles trawren leidt vnd klage / | [...] | Wil ich in den sússen safft | Den die traube giebt vergraben.
Mayer, Folz. Meisterl. (
nobd.
,
1517
/
8
):
Des laß ich hy | Mein scherczen | Und hab allein aüßkift | Den saft ir [lerer] schrift.
Voc. Teut.-Lat.
bb vv
(
Nürnb.
1482
):
Safftgetranck. succatum.
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
159
(
Nürnb.
1517
):
Derhalb ist das ewig wort [...] mensch worden, domit es were ein speis der kranken und ein saft unaussprechenlicher barmherzikeit.
Warnock, Pred. Paulis
19, 229
(
önalem.
,
1490
/
4
):
Wenn man ain ding ist trotten, es syg win oder honig, so sichstu wol, daz der saft und die süssikait [...] ustrukt wirt.
Sudhoff, Paracelsus (
1526
/
7
):
vom musco ist auch ein solch medicamen zu extrahirn, also das durch den vinum vitae in panno decoquirt werde zu einem saft gleich dem storace
(›Balsamharz‹).
Broszinski, Minner. Chir. Parva
80r, 30
(
halem.
,
2. H. 15. Jh.
):
das saft von roten nachtschattenberen.
Safft / m. Gummi das auß denn Baͤumen fleust.
Sappler, H. Kaufringer
32, 75
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
nun raicht her den edeln saft, | ich main des guoten weines kraft, | und laßt den gast trinken baß!
Rot
290
(
Augsb.
1571
):
sonderlich wirt es [Apoteck] verstanden fuͤr die Laͤden / darinn man mancherley species vnd gattung von kreuttern / saͤfften / wurtzen / vnd was zur Artzney dienstlich findet.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
daz saf, daz man auz des paumes pletern drucket, daz ist den ôrsmerzen guot.
Deinhardt, Ross Artzney
1
(
oobd.
,
1598
):
nimb schelkhraut, stoß den safft dauon, thues dem roß in die augen.
Bauer u. a., Kunstk. Rud.
363
(
oobd.
,
1607
/
11
):
ein kugel von einem eingedruckneten safft oder gummi auß Indien.
Belkin u. a., a. a. O.
78, 1
;
v. Tscharner, Md. Marco Polo
56, 6
;
Keil, Peter v. Ulm
89
;
128
;
161
;
188
;
Ott-Voigtländer, Rezeptar
212r, 20
;
213v, 24
;
3.
›beim Braten von Fleisch austretende Flüssigkeit; Bratensaft‹; als Spezialisierung zu 2 auffassbar.

Belegblock:

Karlstadt, Beide Gestalten A
1v
(
Wittenb.
1521
):
Jch weiß auch fur war. das heylig Euangelium / in sich licht / klar vñ leicht ist / vñ ydermeniglich leichtlich eingeht / der es ym lawtern glaubẽ / vñ in aignẽ safft schmecket.
Stopp, Kochbuch S. Welserin
196, 12
(
Augsb.
1553
):
brats fein jm safft.