rur,
der / die
,
rüre
I,
die
;
außerordentlich stark divergierendes Bedeutungsfeld.
1.
›Durchfall‹; oft blutig, dann als
rote rur
bezeichnet;
vgl.  1.
Syntagmen:
j. die r. haben / heilen / machen / überkommen
›überwinden‹;
die r
. (Subj.)
sich legen, jn. treiben
;
j. an / von der r. sterben, siech sein, der ars nicht von der r. zerbrechen, etw
. (Subj.)
gut zu der r. sein
;
die gelbe / neue / rote / weisse / wilde r
.
Wortbildungen:
rüretrank
›Abführmittel‹,
rurkraut
›die Pflanzengattung Ruhrkraut‹ (dazu bdv.: ).

Belegblock:

Follan, Ortolf. Arzneib.
27, 6
(
rib.
,
1398
):
vnde hat he noch dy ruͤre, so gef eme czucker.
Dubizmay, kurß zu Teutze
1, 9
(
hess.
,
1463
):
fur dy Roten Rur Recipe faul | pirnbaum holtz zu puluer gemacht.
Mylius (
Görlitz
1577
):
Dysenteria Rote Ruhr / od’ rote wehe. Dysenteriacus. Der die rote Ruhr hat.
Sachs (
Nürnb.
1563
):
Gar mancherley schwere kranckheit, | [...] | Gelsucht, ruer und pestilentz, | Fundt er bey den krancken.
Strauss, A. v. Villanova dt.
164v, 19
(
obd.
, Hs.
1421
):
Nymant so lazzen [...] so er dye rure hat gehabet.
Chron. Strassb. (
els.
,
1362
):
der keiser [...] wart [...] siech zuͦ Hartesburg und starb an der ruͦre.
Dasypodius (
Straßb.
1536
):
Gnaphalium, Rode kraut / Rhurkraut.
Barack, Teufels Netz (
Bodenseegeb.
,
1. H. 15. Jh.
):
gemüs, | Das muos man in wol durkochen, | Das ainr der ars nit werd zerbrochen | Mit ainem ruor.
Sudhoff, Paracelsus (
1527
):
Dan nembt ein exempel von der roten rur, so man sie purgiret, [...] so ist es der kranken genesen von stunt an.
Maaler (
Zürich
1561
):
Ruͦrkraut / Ror. Gnaphalium.
Müller, Welthandelsbr.
203, 32
(
schwäb.
,
1506
):
das wasser [...] ist gesaltzen. Und die leut, die es trinckhen, überkomen die rur.
Henisch (
Augsb.
1616
):
Bauchfluß / rhur / rote rhur / in welcher die daͤrm verwundt sein.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
regenwazzer [...] ist guot zuo der ruor.
Eis u. a., G. v. Lebenstein
55, 13
(
oobd.
,
15. Jh.
):
wer gelben ruer hat, der trinck lauch wasser.
Haage, Hesel. Arzneib.
8v, 14
(Hs. ˹
noobd.
/
md.
,
E. 15. Jh.
˺):
flegma [...] mag man [...] mit lassende und mit rure tranck vertreiben.
Ebd.
19v, 12
:
Welcher mensch hat die wilde ruͤr, [...] dem sol man sein harem fohen.
Drescher, Hartlieb. Caes. (
moobd.
,
1456
/
67
):
Da was ain junger ritter [...], der was so vast syech an der rwͦr das er an seinem pett sich selb nit mocht wenden.
Turmair (
moobd.
,
1522
/
33
):
Er starb jemerlich an der rotten ruer.
Piirainen, Stadtr. Sillein
55b, 19
(
sslow. inseldt.
,
1378
):
Diser keyser otte starbe von der ruͦr.
Follan, a. a. O.
22, 18
;
Strauss, a. a. O.
149v, 11
;
Pfeiffer, a. a. O. ; ;
Ott-Voigtländer, Rezeptar
207v, 22
;
Sudhoff, Paracelsus ; ;
2.
›Hetzjagd, Treibjagd‹; ütr.: ›sehr schnelles Fortbewegen‹; speziell auch: ›actio coeundi‹;
vgl.  3.
Zur Sache:
Dalby, Lex. Mhg Hunt.
1965, 182
f.

Belegblock:

Mayer, Folz. Meisterl. (
nobd.
,
1517
/
8
):
Sein feint umblegten in mit macht, | Und umb mytnacht | Seczt er in ein solche rüre | Pey dur und dor für war, | Schlos und rigel nam er geringe.
Menge, Laufenb. Reg.
4351
(Hs. ˹
nalem.
,
um 1470
˺):
[Schwangere]
sönd ouch vor ruͦre sich | [...] hüten.
Primisser, Suchenwirt (
oobd.
,
2. H. 14. Jh.
):
Die veinde hetzten auz der ruͦr | Starch tze schiffen auf der see.
Klein, Oswald
41, 50
(
oobd.
,
1428
):
gen Aach miet ich ain karren wilder rür
(wohl: ›schnell fahrender Karren‹).
3.
›militärischer Schlag, Stoß, Angriff‹;
vgl.  6.
Syntagmen:
einem reich eine r. geben
;
die bessere / erste r
.

Belegblock:

Tobler, Schilling. Bern. Chron. (
whalem.
,
1484
):
man bekant die rúter zuͦr ersten ruͦr, | [...] | gros manheit hat man do erworben.
Turmair (
moobd.
,
1522
/
33
):
die Persier [...] haben so oft dem römischen reich ein ruer geben und die Römer und ir kaiser gemant.
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß ;
4.
›Strandung, Auflaufen eines Schiffes‹;
vgl.  3.

Belegblock:

Lemmer, Brant. Narrensch.
108, 104
(
Basel
1494
):
Des würt vns bald eyn boͤse ruͦr | Dan̄ vns bricht mastboū / saͤgel / schnuͦr.
5.
phras.: in der Fügung
zu rur(s)
›ganz nahe‹;
vgl.  7.

Belegblock:

Österley, Kirchhof. Wendunmuth (
Frankf.
1602
):
jagt ein attisch schiff der königin flüchtigem schiff nach, war auch ietzo zu rur und gantz nahe an ihr.
Tobler, Schilling. Bern. Chron. (
whalem.
,
1484
):
etlich knecht von Bern [...] sich in die garten vor der stat Walzhuͦt zuͦ ruͦr an die bolwerk machten.
Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
in der cammer [...] hat er den gaist allernegst [...] ersehen, also das der gaist den kopf an des grafen haupt zu rurs gehapt.
Wyss, Luz. Ostersp.
3, 292
;
6.
›zweite oder dritte Umpflügung des Feldes; Behackung des Weinbergs‹ (
Dwb
14, 1458
);
vgl.  4.
Syntagmen:
die r
. (Subj.)
geschehen
;
einen acker zur r. pflügen
;
die böse r
.
Wortbildungen:
rüreisen
I,
rurzeit
.

Belegblock:

Ermisch u. a., Haush. Vorw.
50, 41
(
osächs.
,
1570
/
7
):
Ein pflug kann einen tag einen acker [...] es sey zur prach, ruhr oder zur saat, wohl pflügen.
Ebd.
66, 27
:
Mistfuhre. Die mag zwüschen der brache und der ruhrzeit geschehen.
Ebd.
53, 14
;
Schles. Wb.
2, 1147
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß ;