2
rufen,
V., unr. abl.;
auch regelmäßige Formen.
1.
›etw. laut, gut vernehmlich, auch in einiger Entfernung hörbar äußern, ausrufen, ausschreien‹; häufig mit Objektsatz, in dem der Inhalt des Geäußerten direkt oder indirekt wiedergegeben wird; ›jm. etw. zurufen‹; auch: ›jn. wecken‹; ›einen Schrei, Ruf ausstoßen‹ (von Menschen und Tieren gesagt); dies häufig mit Anschluss einer direkten Rede; oft als Ausdruck negativer (z. B. auf Furcht, Erschrecken, Zorn oder Schmerz beruhender) Emotionen; auch: ›laut brüllen, schreien (und dadurch Aufmerksamkeit, Mitgefühl, öffentliches Ärgernis erregen)‹; metonymisch für den durch die Handlung realisierten direktiven Sprechakt: ›durch lautes Rufen um etw. bitten, zu etw. auffordern‹.
Phraseme:
rufende sünden
›zum Himmel schreiende Sünden‹ (vgl.  1);
friede rufen
›öffentlich zu friedlichem Verhalten auffordern‹;
einer über den anderen rufen
›alle durcheinander reden‹.
Bedeutungsverwandte:
 1,  2, ,  1, , ,
2
,  3, (V., unr. abl.) 125, ; vgl.  1.
Syntagmen:
j. / etw
. (Subj., z. B.
der hirsch / klagvogel / tod, die stimme, die froschleute / frösche, die weisheit gottes
)
r
. (absolut);
j. etw
. (z. B.
den tag, die stunden, wunderliche worte
)
r
.,
j. jm. r
.;
j
. [wie] (z. B.
einhelliglich / frisch / laut / oft / senlich / überlaut, nicht umsonst, mit heller / lauter stimme, mit grossem / lautem schalle
)
r
.,
j. lauter stimme
(Gen.)
r
.,
j
. [wo, wohin, aus welcher Richtung] (z. B.
am tor, aus dem wasser, aus einem löwen, durch das her, in der gasse / tür, in die kamer, unter dem volk, zu jm
.)
r
.,
das blut
(Subj.)
zu got in die himlischen oren r
.,
j
. [aus welchem Grund] (z. B.
aus zornes grim, aus der eingebung gottes
)
r
.,
j
. [wann] (z. B.
aber, bald, alle tage, im sommer, zu dem anfang aller tagzeiten
)
r
.,
j. r
. [+ Objektsatz oder direkte Rede],
j. r
. [+ in direkter Rede folgender, häufig verdoppelter Ausruf] (z. B.
alassi / hala / mord / waffen, davant davant, glük zu glük zu, heilig heilig
); subst.:
j. das rufen hören
;
das rufen
(Subst.)
sich in der gasse erheben
;
die hünlein ane rufen in dem nest sein
;
das elende rufen
.
Wortbildungen
rufer
1 ›j., der lautstark Aufmerksamkeit einfordert‹ (dazu bdv.: ,  3),
ruffigur
›Exclamatio (in der Rhetorik)‹,
rufgeld
›Entgelt des Ausrufers einer Versteigerung‹ (um 1500).

Belegblock:

Chron. Magdeb. (
nrddt.
,
1550
/
1
):
machten sich die feindt mit ihrem schiff an die Magdburger, schossen [...], schrien und ruften alle wolgewunnen.
Luther, WA (
1519
/
20
):
hat mich auch itzt zwungen zuschreyen unnd ruffen, ob got yemand den geyst geben wolt, seine hand zureychen der elenden Nation.
Ebd. (
1520
/
1
):
laß nu deyn fedder krachen [Emßer] odder alle glocken leutten, und ruff lautt, es sey allis teuffels werck, was ynn mir ist.
Wenn aber S. Johan [...] und S. Paul von der posaun Gottes reden, meinen sie nicht, das Christus selbs persoͤnlich ruffen und blasen werde.
Ders. Hl. Schrifft.
Sach. 4, 7
(
Wittenb.
1545
):
er sol auffüren den ersten Stein / das man ruffen
[
Wormser Proph.
1527:
sprechen
;
Froschauer
1531:
frolocken vnd zarten
]
wird / Glück zu / glück zu.
Alberus, Barf. (
Wittenb.
1542
):
Esaias hat Franciscum figuriert / da er hoͤret zween Seraphim ruffen / Heilig / Heilig.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
619, 3556
(
Magdeb.
1608
):
[Die Froschleut] nicht stum sind / wie die Fisch / | Sondern ruffen vnd bellen frisch.
Ebd.
630, 3886
:
Mein Jungfrawen seufftzten auch tieff / | Als wenn eins aus dem Wasser rieff.
Ebd.
699, 5117
:
die Froͤsch rarten / rieffen / pfiffen.
Meisen, Wierstr. Hist. Nuys
730
(
Köln
1476
):
Man sach sy louffen vp der vart | Ind royffen luyd: ,dauant, dauant!‘.
Tiemann, E. v. Nassau-S. Kgn. Sibille
171, 22
(
rhfrk.
,
um 1435
):
wollen wir durch das here dun rüffen / das sich die manne alle sollen vß dun bis vff yre hembde.
Jahr, H. v. Mügeln
423
(
omd.
, Hs.
1463
):
ich [Musica] [...] | ruf unde weck uß sorgen tif, | die vor in leides banden slif.
v. Tscharner, Md. Marco Polo
23, 14
(
osächs.
,
2. H. 14. Jh.
):
so trit eyner [...] her vor unde rufit: ,Neygit ugir hopt [...]!‘.
Böhme, Morg.R.
15, 2
(Hs. ˹
schles.
,
1612
˺):
die Weisheit GOttes [...] lest sich hoͤren auff den gaßen / sie ruffet in der thuͤr / am thor fornen unter dem Volck.
Opitz. Poeterey
32, 21
(
Breslau
1624
):
wie offte rufft er wol | Das Ganymedes jhm den Mund so machen sol | Als einen Stein.
Gille u. a., M. Beheim
28, 14
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Als er entwachet und sein gut was alls dahin, | do ruffet er: ,mort, waffenn, ymer waffen! [...]‘.
Ebd.
65, 11
:
Da ruft ein stim | aus czornes grim | aus einem lewen.
Bell, G. Hager
412, 1, 27
(
nobd.
,
1595
):
Der ander deile
[der Leute]
| solt Hala Rüfen.
Trunz, Meyfart. Rhet.
1, 347, 25
(
Coburg
1634
):
BJßher die Figuren in den Sprachen / folgen die in den Spruͤchen sich erzeigen. Vnter diesen ist am gemeinesten die RuffFigur / Exclamatio zu Latein.
Fischer, Folz. Reimp.
25, 53
(
Nürnb.
1479
):
Vier ruffend sund merck auch darnach, | Die in den himel schreien um rach.
Voc. Teut.-Lat.
bb iiijv
(
Nürnb.
1482
):
Ruffer schreyer gaugler. baratro.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
daz ellend ruͤffen, daz du hortest, daz ist, daz min toͮd hie an vahet ze ruͤffene, und iemer me schriet.
Lauchert, Merswin (
els.
,
1352
/
70
):
so tuͦt er die tv́re vf vnd ruͦfte in die kamer vnd sprach zuͦ den zweigen beginen: [...].
Pfeiffer-Belli, Murner im Glaubensk.
2, 33, 21
(
Luzern
1526
):
so fil tusent menschen [...] erschlagen sint, welcher bluͦt [...] zuͦ got in die hymlischen oren rieffet.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
und waren gar stoltz und rueften zu den burgern, ob sie wolten mit in scharmützlen.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
des adelars hüenl sint in dem nest ân winseln und ân rüefen.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. (
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
Sy ruefften uberlautt ainer uber den andern, das sy der kunig nicht versteen mocht.
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
44, 2
(
moobd.
,
1473
/
8
):
Hector mit lauttem schalle | rueft unnd mitt heller stimm: | „Nun hört, ir herren alle! | [...]“.
Quint, Eckharts Pred. ; ;
Dünnhaupt, Werder. Gottfr. v. Bullj.
7, 18
;
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Mt. ;
v. Tscharner, a. a. O.
61, 11
;
Kehrein, Kath. Gesangb. ;
Gille u. a., a. a. O.
21, 5
;
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
78, 23
;
79, 29
;
Vetter, Pred. Taulers ;
Kurz, Murner. Luth. Narr ;
Moscherosch. Ges. Phil. v. Sittew. ;
Matthaei, Minner. I, ;
Koppitz, Trojanerkr. ;
Pfeiffer, a. a. O. ; ;
Hohmann, H. v. Langenstein. Quästio
215, 13
;
Voc. Teut.-Lat.
bb iiijv
;
Vgl. ferner s. v. ,  1,  3.
2.
›um Hilfe rufen, schreien‹; speziell: ›um Gnade, Erlösung flehen‹; mit Objekt der Person: ›jn. (meist: eine höhergestellte Person, einen Machthaber, häufig: Gott, Christus, Maria oder einen Heiligen) um Beistand, Hilfe, Gnade bitten, anrufen, anflehen‹.
Überwiegend Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘.
Bedeutungsverwandte:
 2,  3, (V.) 3, (V.) 2, (V., unr. abl.) 347, , .
Gegensätze:
(V., unr. abl.) 6.
Syntagmen:
j. r
. (absolut);
j. r., das [...], zu [...]
;
j. jm. r
.;
j. zu jm
. (z. B.
zu got, zu dem herren, zum himmelkeiser, zur heiligkeit / frau, zum himlischen vater, zu der mutter aller barmung
)
r
.,
j. (zu jm.)
[wie, von wo, wohin] (z. B.
getrost / umsonst, auf heidnische weise, aus der tiefe, aus herzens grund, gen himmel, in ängstlicher wat, mit geld, mit ganzer / inniger andacht, mit lobes stimme, mit auferhobenem herzen
)
r
.,
j. zu jm. in der not, um barmherzigkeit / hilfe r
.; subst.:
got js. rufen erhören
;
das leben ein rufen sein
;
got seine oren zu js. rufen aufschliessen
;
das rufen der altväter
;
das klägliche rufen
.

Belegblock:

Luther, WA (
1509
/
21
):
Darumb kum ich zu dir, mein erloͤser, und fal nider auff meine knye, ruffe, schrey und demuͤtiglichen bitte dein goͤtlich gnade, hilffe und beystant.
Ebd. (
1524
/
7
):
not leret beten und ruffen zu Gott.
Ebd. (
1525
):
drumb mag solch kleglich ruffen und bitten nicht von zeittlicher huͤlffe verstanden werden, sondern von Christo und seinem reiche.
Ebd. (
1526
):
Denn yhr Gott lest sie sincken ynn der not und umb sonst ruffen, das sie so gar verzweyffeln.
Ebd. (
1524
):
Es sthet yhr trawen nicht auff Gott, | sie ruffen yhm nicht ynn der nott.
Quint, Eckharts Pred. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Allez ir
[
crêatûren
]
leben und ir wesen daz ist allez ein ruofen und ein îlen wider ze dem, von dem sie ûzgegangen sint.
alle creature [...] ruffent [...] hie im zeit mit allem irem wesen [...], wider vmb ze kumen zu dir, auß dem sie geflossen sint.
Dubizmay, kurß zu Teutze
43, 2
(
hess.
,
1463
):
Ich riffe zu got vnd er erharet mich.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
34, 36
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
genediger erhörer aller zu dir rufender – erhöre mich!
v. Keller, Ayrer. Dramen (
Nürnb.
1610
/
8
):
Von einer vnglaubigen Macht, | Die der Türck hab zusam gebracht, | [...] | Darumb rufft zu eur Heiligkeit [Babst] | Der Keiser vmb ein Hilff mit Gelt.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 552, 33
(
Hagenau
1534
):
nicht woͤllen zu Gott umb barmhertzigkeyt ruͦffen / das ist eyn sünde.
Wickram
4, 48, 35
(
Straßb.
1556
):
Wer seine ohren verstopfft vor den armen / der würt auch ruͤffen / und nit erhoͤrt werden.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
Vil lute ruͦfte Joachim | Ze Got alsus mit lobes stim.
Martin, H. v. Sachsenh. Tempel
76
(
schwäb.
,
1453
):
Ich rüff zuo dir und schry, | Du hoher hymmelkeyser.
Brandstetter, Wigoleis
214, 37
(
Augsb.
1493
):
dye genad des almechtigen gotes zuo dem er vmb hilf mit ganczer andacht ruofft.
Klein, Oswald
15, 18
(
oobd.
,
um 1410
):
ich rüff in engestlicher wat: | hilf mait, mit ganzer trinitat.
Mollay, H. Kottanerin
30, 13
(
moobd.
,
1439
/
40
):
ich [...] rueffat zu der muͤter aller parmmung, daz Si vns gnad erWurf von Irem Sun.
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. (
moobd.
,
1478
/
81
):
Otilo rüeft zu Got, dem herrn, mit inniger andacht, pat in umb gnad und beistant im und seinem her.
Pippinus [...] viel [...] auf das erdtrich, mit auferhabem hertzen und augen rüefend zu Got.
Roth, E. v. Wildenberg (
moobd.
,
v. 1493
):
in dieser aufrur ruͦften [...] die bürger der stat Kölen zuͦ keiser Friderich umb hilf.
Gille u. a., M. Beheim
49, 7
;
Bell, G. Hager
114, 3, 9
;
371, 1, 2
;
648, 4, 3
;
Moscherosch. Ges. Phil. v. Sittew. ;
Bauer, Geiler. Pred.
83, 18
;
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
76, 14
;
Piirainen, Stadtr. Sillein
39b, 32
;
Vgl. ferner s. v.  1,  1.
3.
›nach jm. / e. S. rufen, schicken‹ (überwiegend mit Dativobjekt der Person); ›jn. (durch eine mündliche Aufforderung, lautes Rufen) zu sich bestellen, herbeiholen, an einen Ort holen (lassen)‹; ütr.: ›etw. Gewünschtes, Benötigtes herbeirufen, herbeiwünschen‹; negativ konnotiert: ›etw. beschreien‹; speziell: ›jn. wohin (auch: wozu) einladen‹.
Phraseme:
got jm. rufen
›Gott jn. zu sich rufen‹ (Metapher für das Sterben).
Bedeutungsverwandte:
, ,
2
 23,  2,  8, ; vgl. (V.) 7,  1,  2, (V.) 4.
Syntagmen:
j. jn. / etw
. (z. B.
den priester / zwerg, steine, die zwölf jünger, den geist der weisheit
)
r
.,
jn. zu sich, zu dem auflauf, zu der kur / speise, die brüder zum kapitel r., der keiser
(Subj.)
den heiligen Sebastian für sich r
.;
j. jm. / e. S
. (Dat.obj., z. B.
dem calefaktor / esel / förster / herren / hund / man / subprior / wirt, der frau / hausdirne / magd / mutter / schwester, dem kind, den knechten / mägden, aller ritterschaft
)
r. (lassen)
,
j. den gästen zur hochzeit r., der herre
(Subj.)
allem volk zu sich r
.;
j. nach jm., die alten väter
(Subj.)
nach dem reich der gnade r., der kranke man
(Subj.)
zu dem arzt r
.;
kläglich r
.
Wortbildungen:
rufampt
›Amt des Ausrufers bei Gericht‹ (a. 1348),
rufer
2 ›j., der zu e. S. einlädt, auffordert‹ (dazu bdv.:
2
 1).

Belegblock:

Holland, H. J. v. Braunschw. V. e. Weibe (
Wolfenb.
1593
):
Iohan, gehe du so lang ins Losament, vnd warte, biß ich dir ruffe.
Mieder, Lehmann. Flor.
823, 30
(
Lübeck
1639
):
Es gehet wie beym Babylonischen Thurn / wenn man Stein rufft / so bringt man Wasser.
Luther, WA (
1524
):
wiewol myr Gott die gnade geben hat [...], das ich willig und gerne sterbe, so sollen sie es doch nicht ehr thun, meyn stuͤndlin sey denn da und meyn Gott ruffe myr.
Ebd. (
1527
):
Da ward Rebeka angesagt dis wort yhres groͤssern sons und schickt hyn und lies Jacob, yhrem kleynern son, ruffen.
Ebd. (
1533
/
6
):
Der cij. Psalm. Jst ein Betpsalm, darin die lieben alten Veter des Gesetzes, der sunden und des sterbens muͤde, so hertzlich sich sehnen und ruffen nach dem Reich der gnaden.
Lohmeyer, K. v. Nostitz (
preuß.
,
1578
):
hetten sie die knecht [...] hissen hienaußgehen, wen sie imants haben wolten, so wolten sie ihnen roffen.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
101, 1820
(
Magdeb.
1608
):
Vbr Hertz vnd Heupt er jammer klagt / | Rieff seiner Frawn / dem Knecht vnd Magd.
Quint, Eckharts Pred. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Ich hân in geruofet und in gelocket und in geladen, und in mich ist komen der geist der wîsheit.
Tiemann, E. v. Nassau-S. Kgn. Sibille
145, 8
(
rhfrk.
,
um 1435
):
Der konnig [...] det zu stunt eyn priester ruffen / das er das kint lerete.
Ebd.
171, 20
:
da sange der babest messe / vnd rieff Ludewige vnd syner müder.
Jahr, H. v. Mügeln
1030
(
omd.
, Hs.
1463
):
Da sie [die Natur] der meide [künste] wart gewar, | sie winkt in unde rif in dar.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
173, 13
(
thür.
,
1474
):
wy ir zcu eyme ufflouffte geruffen unde darczu komen siet als eyn amptman unde obirster richter.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Mt. (
osächs.
,
1343
):
Dô rûfte ime
[
Mentel
1466:
vodert in
;
Froschauer
1531:
forderet jn [...] für inn
;
Eck
1537 /
Luther
1545:
foddert jn [...] fur sich
]
sîn herre und sprach zuͦ ime: [...].
Sachs (
Nürnb.
1524
):
[
Schuster
:]
Wo ist der herr?
[
Köchin
:]
Er ist im sommerhauß, ich will im ruffen.
Lieb köchin, rüf unserm calefactor.
Dietrich. Summaria
23v, 12
(
Nürnb.
1578
):
der HERR [...] ruͤfft allem volkck zu sich / vnnd leret sie [...].
Ebd.
19r, 8
:
er rieff seine zwoͤlff Juͤnger zu sich.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
14. Jh.
):
din und min sele, wir alle sin geruffet und geladen, und alle ding sint bereit [...] in der vereinunge Gotz mit der minnender selen.
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
146, 22
(
els.
,
1362
):
Do rief sant Basilie dem manne zuͦ ime, vnd sprach: [...].
V. Anshelm. Berner Chron.
5, 231, 3
(
halem.
,
n. 1529
):
ist dargestanden der vogt von Erlach, Niclas Manuel, gesezter ruͤefer, und hat beruͤeft [...] die beschribnen vier bischof.
Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
graf Jacob [...] erblaicht, rufft seiner schwester ganz cleglich zu sich, sie welt doch helfen.
Wolf, Norm im sp. Ma.
52, 60
(
oobd.
,
1486
):
nach dem Capitel zu pfingsten mugen dy provinczialen ministern [...] al [...] jm selben jar jn yr custodi ainfart yr bruͤder zum Capitel rueffen.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
122, 10
(
tir.
,
1464
):
Ich pin gewesen ain vorlauffentter pot des christenleichen gelaubens vnd ain lader vnd rueffer des volkches.
Tiemann, a. a. O.
122, 21
;
144, 28
;
Küther, UB Frauensee
282, 27
;
Perez, Dietzin
1, 206, 22
;
Kohler u. a., Bamb. Halsger. ;
Bachmann u. a., Volksb. ;
Williams u. a., a. a. O.
68, 24
;
134, 5
;
Fuchs, Murner. 4 Ketzer
1613
;
Bolte, Pauli. Schimpf u. Ernst ;
Lemmer, Brant. Narrensch.
31, 32
;
Bauer, a. a. O.
109, 44
;
Rot
287
;
4.
›jn. öffentlich auffordern, sein Amt auszuüben oder eine andere rechtsrelevante Handlung auszuführen‹; häufig speziell: ›jn. öffentlich (laut vernehmlich) einer Straftat bezichtigen und diese dadurch zur potentiellen Rechtssache machen; jn. beschreien‹; ›jn. (typischerweise durch dreifaches lautes Rufen) vor Gericht laden‹; ›das Gericht anrufen (z. B., um einen Anspruch auf etw. anzumelden)‹; dies selten refl.: ›sich an das Gericht wenden‹.
Gehäuft Rechts- und Wirtschaftstexte.
Bedeutungsverwandte:
 7,  12, ,
2
 4; vgl.  2.
Syntagmen:
j. jn. r
.;
j. jm
. (z. B.
dem antworter / banrichter / richter
)
r
.,
jn. / jm
. [wie] (z. B.
dreistund, zum dritten mal, öffentlich, mit lauter / verständlicher stimme, durch den weibel
)
r
.,
jn. / jm
. [wohin] (z. B.
an das gericht, in die schranken, nach dem zölner, zum ding / gericht
)
r., j. sich an das oberste gericht r
.;
j. über jn. (um seine missetat) r
.; subst.:
der kläger das rufen bitten
;
das rufen
(Subst.)
nach ordnung des gerichts geschehen
;
der kläger eines rufens begeren
;
j. mit rufen ein geschrei machen
›eine Straftat öffentlich anzeigen‹
, das gericht
(Subj.)
jn. mit dem rufen begreifen
;
das rufen der universität
(gen. subjectivus).

Belegblock:

Große, Schwabensp. (Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
Cuͦmt der richter, her sal in dre stuͦnt lazen roffen.
Luther, WA (
1525
):
da die Universitet, aus furstlicher ordnung schreyb und yhn [Carlstad] foddert zu seyner pflicht und ampt gen Wittemberg [...], Da muste der Universitet ruffen Papistisch, und weys nicht wie, heyssen.
Ermisch, Freib. Stadtr. (
osächs.
,
1325
):
Nu man rufe zu dinge.
Palm, Veter Buoch (
schles.
, Hs.
E. 14.
/
A. 15. Jh.
):
saz antonius vnd hiez einen bruder nach dem andern vor sich kumen. Nieman kvnd im gesagen, wer eulogius hieze, vnd er selber rufte driestunt mit namen vnde sprache: Eulogi.
Rennefahrt, Zivilr. Bern (
halem.
,
1447
):
als den selben von Heitenried zem dritten mal geruͤffet ward, und si, noch nieman von ir wegen kamen, [...], do sast aber Höyo zem rechten.
Ebd. (
1510
):
durch der statt weybel geruͤfft werden solt Hanns Jacoben [...], sich zuͦ verantwurten des morts.
Welti, Stadtr. Bern (
halem.
,
1539
):
dem todtschleger sich [...] zeueranntwurtenn durch den weybel gerüefft werden solle.
Gehring, Würt. Ländl. Rechtsqu.
3, 184, 15
(
schwäb.
,
1580
):
so dieselb partey [...] nit erscheint, so solle derselben partey [...] offenlichen mit lauter verstendlicher stimen gerüfft werden.
Bischoff, Steir. Landr. (
m/soobd.
, Hs. 
v. 1425
):
Ist daz nŷmant da ist, so sol ain man dreystund rûffen nach dem zolner.
Ders. u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
16. Jh.
, Hs.
17. Jh.
):
soll man den lantrichter [...] drei stunt riefen, ob er hie sei.
Köbler, Ref. Franckenfort
6, 3
;
Laufs, Reichskammergo.
232, 21
;
262, 20
;
Merz, Urk. Wildegg
52, 65
;
Rennefahrt, a. a. O. ;
Cirullies, Rechtsterm. Anh.
1981, 287
.
5.
›eine rechtliche Regelung öffentlich und rechtswirksam verkündigen, bekräftigen‹; ›einen rechtlich relevanten Termin ausrufen, verkünden‹; speziell: ›etw. zum Verkauf ausrufen‹; ›den Preis für eine Ware amtlich festsetzen‹.
Rechts- und Wirtschaftstexte.
Phraseme:
den frieden rufen
›einen vertraglich gesicherten Frieden ausrufen‹;
jn. von hinnen rufen
›js. Verbannung öffentlich bekannt machen‹;
jn. zum erbsal rufen
›jn. gerichtlich zum Erben bestimmen‹.
Bedeutungsverwandte:
 1,  14,  2,  3,  2.
Syntagmen:
j. etw
. (z. B.
den ban / käse / markt / pfand / schmalz / wein, die busse / herschau / rechnung, das getreide / umgeld, die lehen
)
r
.,
etw. zu verkaufen r
.,
etw
. [wo] (z. B.
öffenlich, auf dem markt, in der kirche / stat
)
r., j. r., das [...]
; part. Adj.:
der gerufte markt, die gerufte freiheit
.

Belegblock:

Chron. Köln (
rib.
,
1. H. 15. Jh.
):
doi leis der konink in der stat uptrumpen und leissen roffen offenbar, daz si guden muet nemen solten.
Lamprecht, Dt. Wirtschaftsl. (
mosfrk.
,
1476
):
Were sach, [...] dat einich man in vurg. hoef auch ausfaren wurde, der sal des sontags in der kirchen roefen, he wil aus dem hoef faren.
Chron. Augsb. Anm. 2 (
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
wa si aber den nicht haben mügen, den zuͦ ewigen tagen von hinnen rüffen.
Baumann, Bauernkr. Oberschw. (
schwäb.
,
v. 1542
):
Am ersten sontag [...] hat Hans Jacob Brigel ain wein, die maß umb 12 kr., rüeffen lassen.
Langmantel, Schiltb. Reiseb. (
oobd.
,
n. 1427
):
der hauptmann [...] rufft ein frid auff ein hor.
Roth, E. v. Wildenberg (
moobd.
,
v. 1493
):
Der keiser Heinrich lies ein grosse herfart ruͦfen wider die Winden.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
, Hs.
1443
):
Auch ist das recht, Das man alle jar die stiftung rüefen sol vierzehen tag vor stiftzeit.
Qu. Brassó
5, 138, 39
(
siebenb.
,
1562
, Hs.
1613
/
7
):
so ist der Ban aus der Wallachei, welcher vom König geruefen worden, mit vielem Volk eraußer kommen und sich in Zekeliland gelägert.
6.
›jn. als Individuum mit seinem Namen ansprechen‹; ›jn. (öffentlich) als jn. / etw. bezeichnen‹; auch: ›jn. verspotten, jm. übel nachreden, über jn. lästern‹.
Bedeutungsverwandte:
1
 2,  2.

Belegblock:

Luther, WA (
1526
):
Hie mustu nicht dencken, das man yhn [Gott] noch seiner person also nennen oder ruffen solte, wie man sonst yemand bey seinem namen rufft.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
120, 2375
(
Magdeb.
1608
):
Der [Wolff] lernt die Hund ruffen bey namen.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
las die tumben toren uff dich ruͤffen, swie vil sú wend.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel (
Straßb.
1466
):
Ob sy den vatter des ingesindes ruͦffent
[Var. 1475
2
–1518:
heyssen
;
Froschauer
1531 /
Luther
1545, Mt. 10, 25:
Haben [...] geheissen
]
beeltzebub: wie vil mer sein heimlichen.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
Ain engel im mit namen rief.
Brévart, K. v. Megenberg. Sphaera
1, 25
(
noobd.
,
1347
/
50
):
Da mischent sich die äwlen zü | Und rüfent auf mich ,hü hü hü‘.
7.
›jn. zu etw. berufen, ausersehen, für etw. bestimmen, in etw. einweihen‹; auch: ›jn. zu etw. auffordern‹; speziell: ›jn. zu einer religiösen Existenz berufen‹; speziell: ›jn. kraft höherer Autorität in ein Amt einsetzen‹.
Gehäuft Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘.
Phraseme:
jn. von der welt rufen
›jn. zu einem heiligmäßigen Leben berufen‹.
Bedeutungsverwandte:
(V.) 3,
2
 2,  2; vgl. (V.) 34.
Wortbildungen
rufung
(dazu bdv.:  4,  2; vgl.  4).

Belegblock:

Luther, WA (
1526
):
Inn des wil ichs bey den gesagten zwo weysen lassen bleyben [...], die jugent zu uben und die andern zum glauben zu ruffen und zu reytzen.
Quint, Eckharts Trakt. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
wan alle liute ensint mit nihte in éinen wec ze gote geruofen.
Franz u. a., Qu. hess. Ref.
4, 159, 18
(
hess.
,
1538
):
Dan also solchs auch noch wol gain, das ein dail boiswichter sich spait bekeren werden [...], deshalb auch da noch unverworfen bleiben, deweil sei [...] der roifung gottes [...] folgen.
v. d. Lee, M. v. Weida. Spigell
85, 33
(
omd.
,
1487
):
es [frōmes kind] gedenckt dye freẇde der ewigenn seligkeitt. (. darzcu wir alle geruffenn.) gebrauchen.
Böhme, Morg.R.
14, 30
(Hs. ˹
schles.
,
1612
˺):
So hat [...] der Sohn Gottes / der keines Suͤnders ewigen todt begehret / sondern dieselbigen zur busse ruffet / uns treulich gewarnet.
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
118
(
Nürnb.
1517
):
Die [creatur] rüft got von der arbeit, das er sie erkücke.
Reichmann, Dietrich. Schrr.
183, 25
(
Nürnb.
1548
):
Ich bin kommen die suͤnder zur busse zu ruffen.
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
10, 5
(
els.
,
1362
):
Zuͦ dem ersten het er [der herre] sú [iunger] geruͤffet in sine erkantnisse.
Ebd.
26, 11
:
sant Nyclause wart [...] bischof in der selben stat, der doch vertriben wart von hasse. [...]. Do aber er wider zuͦ der stat wart geruͤffet, do flos das oley also vor.
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
2, 844
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
alle sine lebtagen worent sine liplichen crefte vnd sine beuintlicheit, hertze vnd sinne geheischet vnd geruͤffet von dem vattere zvͦ der hohen glorien.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
E. 14. Jh.
):
daz sú von Gotte gemant werdent und geruͦffet werdent úbermitz suhte oder betruͦpnisse [...], so kerent sú sich zuͦ Gotte.
do er [Christus] ime [sant Johans] von der welte rief und mahte in zuͦ eime aposteln.
Ebd. (
1359
):
wir gemeinen cristene menschen wir súllen vil eben war nemen was unser ambacht súlle sin dar zuͦ uns der herre geruͦffet und geladen hat.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel (
Straßb.
1466
):
Dorumb brúder fleysst eúch mer: daz ir durch die guͦten werck macht gewiß eúwer rúffung
[
Froschauer
1531 /
Eck
1537 /
Luther
1545, 2. Petr. 1, 10:
Beruff
]
vnd die erwelung.
Rieder, St. Georg. Pred. ;