ruf,
der
;-es/-Ø
.1.
›laute sprachliche Äußerung‹; im Einzelnen: ›gerufene Mitteilung an eine Person, die sich in einiger Entfernung aufhält‹; ›Ausruf (z. B. des Erstaunens)‹; ›Schrei (z. B. aus Leid, Not)‹; ›an Gott, einen Herrscher gerichteter Aufruf, Bitte (um Unterstützung, Hilfe in der Not)‹; ›Gebetsruf‹; in spezieller Bildlichkeit: ›gellendes, krank machendes Geräusch, Getöse (gelfen
), das die menschlichen Sünden erzeugen, wodurch sie vor Gott nicht verborgen bleiben können‹; Phraseme:
der ruf Hely
›Christi Ausruf am Kreuz‹ (vgl. Mt. 27, 46); der ruf des waren wortes
Schöpfungstätigkeit Gottes als Sprechakt; (got) den ruf der sünden heilen
›den Menschen aus seiner Sündhaftigkeit erlösen‹.Syntagmen:
j. den / einen r. hören / tun, Christus seinen r. am kreuz tun
; der r
. (Subj.) bate
›Nutzen‹ tun
; j. des rufes achten / hören
; j. mit r. sprechen, für seine feinde bitten, jn. mit r. von dem tod wecken
; der r. des jamers, der sünden
; der r. in den himmel, mit aufgeworfenen augen
; der engste / grosse / laute / offene / seufzende r
.; das gelfen des rufes
.Belegblock:
tuͦstuͦ en [WitWen vnde Weysen] icht leydes, so rouͦffen se tuͦ gote, vnde ich irhore iren roff.
denck, wie Christus mit vielen threnen und ruffen fur dich und alle seyne feynde gpeten hat, der wol billicher gerochen hette.
Sy quaemen in des wassers dryff: | [...] | Sy drijeuen dorch, et was to layt, | Yrs iamers roiff en deed gheyn bayt.
das was myn kint Jhesus, das mich geschuff! | ich horte synen engesten ruff!
ich bin die schönste gottes meit, | [...] | ich heil ouch aller sünden ruf.
Ebd.
1853
: sten muß ich in der formen glich, | darin mich twank der keiser rich, | der in sins waren wortes ruf | die creature ganz geschuf.
zuͦ mitteren nacht ist ein rûf
[
geschreyMentel
1466 / Froschauer
1531 / Eck
1537 / Luther
1545: ]
getân: seht der brûtegum kuͦmet. Jhesus! der wurt euch helffen. | von dises ruffes gelffen | wurt euch erhären Krist.
bat si, daz si [...] ime den werden sun na disem ellende lieplich ze schowen gebi, als der ruͦf des gebetes begert.
ich [...] herbut mich noch dem gemein ruͦff der volkern, [...] mencher hand beschwernis [...] zuͦ stÿllen.
Do Got so grosse gnade tett, | Mit ruͦfe sprach frow Elyzabeth | [...] | Ze Marien sunder.
Ein lautten (ruff) thun.
Jahr, a. a. O.
675
; Martin, H. v. Sachsenh. Tempel
1158
; Voc. Teut.-Lat.
bb iiijv
; Türk, Wortsch. Dietr. v. Gotha.
1926, 100
.2.
›öffentliche, rechtlich wirksame, rechtsverbindliche Bekanntmachung, Mitteilung, Aufforderung (etw. zu tun oder zu unterlassen)‹; häufig in Verbindung mit öffentlichen festlichen Anlässen wie Hochzeiten, Kirchweih u. Ä.; im Einzelnen z. B.: ›das Ausrufen einer Straftat als Voraussetzung für die Annahme einer handhaften Tat (vgl. )‹; ›Friedensgebot‹; ›mündliche oder schriftliche Vorladung vor Gericht‹; auch: ›Bannspruch‹; ›Bekanntgabe von (saisonal bedingten) Terminen, zu denen bestimmte Waren gehandelt werden dürfen‹; ›öffentliche Ausbietung von nicht eingelösten Pfändern‹; ›Ausruf eines Gebotes bei einer Versteigerung‹; dazu metonymisch auch: ›Versteigerung‹; Gehäuft alem.; vorwiegend Rechts- und Wirtschaftstexte.
Phraseme:
der dritte ruf
(Subj.) geschehen
›eine Sache rechtskräftig werden‹; der rechte ruf
›rechtsrelevantes Beschreien einer Straftat bzw. eines Straftäters‹.Syntagmen:
den r. begreifen / machen / tun / verlegen, gehen lassen, den r. dreimal tun
›ein Verbrechen öffentlich dreimal beschreien‹; der r
. (Subj.) bestehen, järlich beschehen, kraft haben, maniger kunde sein, jn. daheim begreifen
›ereilen‹; j. des rufes vertragen / warnemen
; j. nahe am r. sein, auf den r. achtung haben, etw. in einem r. ankündigen, wirdiglich im r. wandeln, etw. mit rechtem r. vorbringen, etw. mit offenem r. verkaufen, jm. etw. mit x rufen verkünden, pfänder nach dem r. geben
; der r. des freien jarmarktes, der gnädigen herren
; der r. an hochzeiten / kirchweihen, bei dem wirtshaus, bei leib und gut, in der kirche
; der gemeine / grosse / lautbare / offene / öffentliche / rechte r
.; die unwissenheit des rufes
›die Unkenntnis einer öffentlichen Beschuldigung‹.Belegblock:
das nach miner gnedigen herren ruͦf oder verbott derselbig amman einen andren ruͦf und verbott [...] hat lassen ußgan.
dem todtschleger sich vmb den todtschlag [...] zeueranntwurttenn durch den weybel gerüefft werden solle. Dieser ruff soll drümal [...] einanndern nach gethon [...] werden.
die vergantenten [...] guͤtter [...] den jhennigen, so sy als die hochstpiettenden im ruͦff behalten haͤtten, unwiderruͤfflich [...] belyben.
Die ambtlüt [...] soͤllend sich gaͤntzlich uberheben, uff die zeenden [...], so in offnen ruͦff kommend [...] zubieten.
an hochziten, kierchwychenen und derglichen versamlungen söllend die ambtlüth den ruof thuͦn wie von alther harkomen, das niemandts kein uflouf [...] mache.
die wehrn, als feuerpüchsen stächel [...], sollen nit bei einer nachberschaft zu tragen am panthädingrechten berueft werten, bei straff sechß schilling zwen pfening, der selb möchte dann sein unwissenheit solichs ruefs darthuen.
[I]st daz ein man vmb notzogen einer ivnchfrauͤwen wirt beschriren vnd mit rechten ruͤffe [...].
3.
›der Ruf Gottes, der dem Menschen seinen Platz, seine Aufgabe im irdischen Leben zuweist‹; ›(göttliche) Aufforderung an den Menschen zur Nachfolge, Imitatio Christi‹; ›Berufung des Menschen zu einer religiösen Existenz‹; Zur Sache:
LThK
ff.2, 302
Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘.
Belegblock:
drumb wil er [Gott] auch, das wyr auff seynen befelh und ruff sehen sollen.
seyn
[Christi]
ruff war der artt, das er nur von sundern mocht angenommen werden. Eyn yglicher bleybe ynn dem ruff, darynnen er beruffen ist.
S. Paulus uns bit das wir wirdeklichen wandelen súllen in der ladunge, in dem ruͦffe als wir geruͤffet sin.
ennimmet der mensche des goͤtteliches ruͦffes nit war, und so in Got inwert wil haben, so kert er usswert.
4.
›wertende, öffentliche Rede über eine Person oder einen Tatbestand, deren Wahrheitskern nicht immer zweifelsfrei nachweisbar ist‹; speziell: ›üble Nachrede‹ (diese auch justiziabel); ›Gerücht, meist unverbürgte, beunruhigende, mündlich weitergetragene Rede, Nachricht; Gerede‹; resultativ: ›Ansehen, das eine Person durch öffentliche Einschätzung in ihrem sozialen Umfeld erwirbt‹; ›guter oder schlechter Ruf, Leumund‹; Zur Sache:
LThK
.8, 1348
Phraseme:
j. allenthalben zu ruf werden
›j. überall zum Gegenstand des Geredes werden‹.Bedeutungsverwandte:
3, 4, 9, 1, (der
) 4, 3, 2; 3, 4, (der
) 4, 4, 2 (subst.), (die
) 1, 3, ; vgl. 1
3, 5.Syntagmen:
j. den r. bekommen / hören, jm., über jn. einen r. machen, etw
. (Subj.) jm. einen r. werben
; der r
. (Subj.) die offenbarung der nachbarschaft sein
, [wo] aufstehen, js. r. in klage stehen
; j. durch den r. bewegt werden, etw. durch den r. erweisen, etw. in einen r. bringen, jn. unbillich in (einen) r. bringen / werfen, js. name
(Subj.) bei jederman in einem r. sein, j. jm. um den r. wandel tun
; der gemeine r
.; die kundschaft durch offenbaren r
.Belegblock:
angereitzt durch die koͤstlichen Kleinoter [...] auch durch den grossen Ruhm vnd Ruff / den Guaiana [...] vnder jhnen hatte.
etliche [...] auch deren nicht verschonen / deren guter Nahme [...] bey jedermaͤnniglichen in solchem ruff ist / daß es zu [...] wiederlegung / der [...] staͤrkesten indicien gnugsamb sein solte.
uß gott [...] es was, | das kint, des hie die meit genas. | in klag muß ewiklichen stan | sin ruf, der zwifel fint daran.
wo [...] der Clager dem [...] ṽnguͤttlich gethan. vñ vnpillich in soͤllichen Ruͦff. schmehe vnd lewmuͦt geworffen hette. so sollt [...] das derselb Clager wandeln.
dez kindes vater muͤsti er sin, und woͤlti in also geschenden mit dem kinde, daz er allenthalb ze ruͦf wurde.
Do rief er uil lúte, es werent gotter in der kammer [...]. Von disem ruͦffe wart die gancze stat Luca beweget.
Ariostus ist nicht der Mann der seine Schrifften wird in solchen ruff bringen, daß sie der Warheit ähnlich seyn sollen.
so haben Guttenberg vnd Genßfleisch [...] den Ruoff bekommen, ob sie Anfangs diese Kunst [Druckerey] erfunden hätten.
Hort, was der vierde
[Becher Wein]
an mir schuof: | er warb mir gar den ruof: | der pracht gar mein ains wart. clagt zu seinen geltern, daß sie im unrecht tun hetten, dann sie hetten im ain ruef gemacht.
es ist yetzo [...] ain gemainer ruͦffe in unser stat ufferstanden, wie das ain potte [...] habe mit gewisse pottschaft gesaget, denselben Neninger [...] durch [...] den baubst zu byschoffe genomen [...] sein.
Vil grösser ist sein
[Hieronymus]
weisshait vnd seine werch wend der rueff, den ir hört.5.
›Preislied‹; speziell: ›kurzer Kehrvers, der von der Gemeinde bei Prozessionen wiederholend gesungen wird‹; Belegblock:
Von den alten liedern, ruefen, maistergesangen und heldenpüechen der alten Teutschen, so durch kaiser Carl [...] gemêrt.
gleichwol gehet jhn
[Kirchenliedern]
in der [...] volkommenheit aller der Materien, vnd sonderlich in andaͤchtigen, von den alten Teutschen Christen so lang gebrauchten Ruffen viel ab.