1
rotte,die
;-Ø, -n/-n
;1.
›Schar, Menge, Gruppe von Personen (unterschiedlich begründeten Zusammenhangs)‹; im Einzelnen: ›Schar der Engel‹; ›Volk; Population‹; ›interessen-, gesinnungs- und / oder funktionsgebundener Zusammenschluss von Personen‹; metonymisch zur Bezeichnung der entstehenden Gliederungseinheiten z. B.: ›Klasse, Abteilung‹; ›Gruppierung, Partei; Interessengruppe‹; ›Anhängerschaft‹; ›Haufen‹; dies je nach Sprecherperspektive mit abwertender Tendenz und damit partiell offen zu 2 und 3.Syntagmen:
got die r. erhören, j. rotten unter den bürgern haben
; die r
. (Subj.) [wo] sein, volkommen vor got sein, heulen
, [wie] heissen, jn. anrufen, sich aufmachen, miteinander gehen, sich nach js. gebot richten, nicht das eitel brot haben, an gemeinen plätzen zusammenkommen, eine r. mit der anderen kriegen
; j. rotten
(Dat.obj.) mit zeitigem rat fürkommen
›Parteiungen mit Hilfe eines rechtzeitig durchgeführten Plans zuvorkommen‹; j. aus der r. sein, in einer r. beieinander / versammelt sein
; die r. des landes, der alchimisten / auserwälten / barfüsser / eitlen / engel / kaufleute, der tapferen leute
; die arme / fröliche / ganze / gemeine / partische / seligliche / sonderbare / spitzige / tugendhafte / verlassene r
.Belegblock:
sô daz nâch irm [prophêtisse] gebote | al des landis rote | sich richte vil ebin | gar âne widirstrebin.
O du arme Rotte der Barfuser heule / vnd ruffe an Franciscum den Vater der armen.
Darumb
[trotz ihrer Experimente zur Goldherstellung]
der Alchymisten rott / | Offtmals nicht hett das eytel broth. An warer schult begrife ich mich, | Daz ich bin uz der iteln rote.
hilff uns an die rechten wal | czu deiner engel rote.
Do waß englisch hofiren, | Lust, wun und jubiliren | Der auß erwellten rott, | Die in ir samenungen | In [Got] lobten.
Darnach ging ein gancze roth sehr tapfferer leuthe, herrlich und köstlich beklaidet.
hie merck, Du spiczige rot
[gemeint: die Intellektuellen],
| zu diser zeit, ir klügling vnd welt weisen, | Die nur dreiben den hon vnd spot | aus gottes wort. Jn einer hohen Schuͦlen waren siben oder acht Studenten bei einander in einer Rot.
wan einer durch den Otenwald solt gon, da niemans allein gieng, ein Rott gieng alwegen mit einander.
Und damit sott [...] kein Ejdgnos sich für den andern / jn sunderbarer partt, sect oder rott us zeychnen.
Sy kriegẽ an allen ortẽ / alle zyt [...] Ein volk schlecht mit dem andrẽ / ein statt mit der andren / ein rott mit der andren [...] vmb einer naͤrrischen torechten ansprach.
Rott (die) ein hauff. [...]. Rott oder gesellschaft die an gemeinen orten oder plaͤtzen zesamen kompt zeschwaͤtzen vnd die leüt außzerichten.
Cnejus Pompejus und Caius Julius Cesar baid große römische hör in iren provincen, auch sonst große anheng und rotten under den römischen bürgern hetten.
ain erber rat hat alle anheng, parteien, absonderungen und rotten, wöliche den zunftlichen freien stand zuvor in Cartago und Rom zu nichten gemacht [...] haben, hierinnen mit zeitigem rat fürkomen wollen.
Da Christus der herr prediget, macht sich auch ain rat
[sic!]
auf under dem schein des gesatz gottes, wolten dem kaiser weder zins noch steur geben. Es waren auch domals in allen landen noch vil risen und recken [...]. In Hispanien und Italien war ein ganze rot, hiessen [...] Lonimmer und Lestrer.
2.
›Bande, Rotte; wilder Haufen‹; als (vorübergehende) Zusammenrottung (tendenziell) gewaltbereiter Personen mit vom Sprecher als negativ und gefährlich bewerteten Absichten; dies (wohl auch unter Einfluss von 5) in spezieller Ütr. zur Abwertung, Verunglimpfung von politischen, konfessionellen, ideologischen Gegnern.Gewisse Beleghäufung für erzählende / berichtende Texte.
Syntagmen:
j. die r. zu sich nemen, an den galgen hängen, zu gebürender strafe ziehen, eine menge der räuber eine r. heissen
; die r
. (Subj.) auf dem rathaus rupfen
, [wohin] kommen, jn. fangen / jagen, mit gewalt nemen
; die r. (der) juden / mörder / räuber, (der) männer und weiber
; die aufrürische / böse / faule / grosse / tolle / trunkene / ungetreue / volle / wilde r
.; die händel der rotten
; Lucifer, der papst mit seiner r
.Wortbildungen:
Belegblock:
kegen den Abend im selbigen Dinstage sein abermals eine rotte Manne und Weiber auß der Altenstadt vor das Kloster gekummen und haben noch drey Jungfrawen auch mit Gewalt nehmen wollen.
Der Reuber rotte aber leufft hernacher an / vnd wird an den liechten Galgen gehengt.
Solche Junckerlin mus man nicht rottisch noch auffruͤrisch heissen, ob sie es gleich weren. Der baur sols leyden, der mus herhalten.
so bald ers [Regent] setzt ins Werck
[= einen autoritären Regierungsstil]
/ | Vnd wil versuchen seine sterck / | So braucht der Schalck auch seine Tuͤck / | Damit er auß der straff entruͤck / | Vnd klagt bey seinen Rottgesellen / | Wie die Regenten jhm nachstellen. In michilligem schalle | Giengen der meistre boten, | Mit en vil groze roten | Juden, uf daz sie viengen | Cristum.
der bapst mit seiner ganzen rot | verachtet dich und dein gebot.
Von haher er und wirde | viel Lucifer mit seiner rot | in ewig laster, schand und spot.
des nachtz am obenttantz da rupfet die wild rott auf dem rathaus und zugen der guten dirn, [...] irn slair auch ab.
Die voll rott offt ein buler jagen, | [...] | Etwan ir freundschafft ihn ergreifft | Bey ir, und hinder ihm auffpfeifft | Und schelten ihn ein ehrendieb.
Besorg mich [König], das er [Bruder] zu jm nem | Villeicht ein böß auffrührisch Rott | Vnd thu mir an jammer vnd noth.
Die andern hondt ein beren dantz, | Sunst wer der buͦben rott nit gantz.
demnach unghorsame, fraͤfne, rotische waghaͤls [...] unverschont der personen nach verdienst strafen.
3.
›Abspaltung einer Gruppe von Personen von einer genannten oder pragmatisch vorausgesetzten größeren Gruppe bzw. Organisationseinheit‹; überwiegend speziell im Rahmen konfessioneller Auseinandersetzungen: ›Zusammenschluss von aus Sicht des Sprechers als Abweichler, Ketzer, Sektierer handelnden Personen‹; metonymisch zur Bezeichnung der entstehenden Gliederungseinheit: ›Sekte‹.Syntagmen:
die r. anheben / anrichten / aufrichten / haben / machen
; die r
. (Subj.) vor got heilig sein
, [woraus] entspringen, sich finden, gottes wort verspotten, hinter der ordnung zusammenfallen, die rotten sich mit etw. schmücken, ire eigene weise erfinden, mit iren gedanken gegen got handeln
; die wiedertäufer
(Subj.) eine r. sein
; in den rotten nicht viel geist stecken, j. die summe des volkes in mancherlei rotten verfüren, alle land vol rotten machen
; die bäbstische / evangelische / gotlose / heimliche / täufische r
.Wortbildungen:
rottengeist
rottenstifter
1
rotter
rottisch
Belegblock:
das der teuffel durch seynen diener Ciclop gerne wolt / wie er zu Muͤlhausen auch durch seynen rotten meyster gethan hat / secten / rotten vnd teylung unter euch auffrichten.
layder vil schoͤn allzuͦ gelert worden sindt, und waiß nichtt, wie vil fuͦder mosts sie berait dem hailigen gaist haben außgesoffenn, biß sie schier alle land vol Rotten machen, mit woͤlichen Gott vil mer muͦß zuͦschaffen haben, das er sie wider ungelert mache.
und uns huͤtten fuͤr den leichtfertigen fliegenden geistern, die es ynn wind schlagen und fuͤr nichts halten, als unsere Rotten, die yhre eigene weise erfunden haben, mit yhren gedancken gegen Gott zu handlen.
ALSO sihet man an allen bepstischen Sophisten, Rotten und was nicht der reinen lere des Euangelij ist, was sie furgeben von grossen trefflichen wercken und sich zum hohesten damit schmuͤcken.
Jst meine lere auffrhuͤrisch und rottisch odder ketzerisch [...].
wie der Bapst und die Rottengeister thun, die geiffern, schnitzen, machen dran
[an
Gottes wortt],
was ihnen nur gefellet. jtzt zu vnser zeit [...] finden sich der tollen Heiligen viel (welche man Rottengeister / Schwermer vnd Ketzer heisst) die alle zu früe klug vnd gelert worden sind.
daß ihr vill die Biblia lesen, vnd nihts dann Rotten, sekhten, darauß anrichten.
Doch lebn wir [Muͤnich] jetzt anderß auff Erdn / | Mancherley Orden / Rott vnd Sect | Da nicht viel Geistes innen steckt.
Dawider sich mit falschen schein, | Die Rottengeister ruͤsten, | Mit fleischlicher freyheit allein, | Jhr Partey zubeluͤsten.
Verführen auch deß volckes sumb | In mancherley secten und rotten, | Die auch wie sie gotts wort verspotten.
Was sein vernunfft nicht kan verstan | Da wil er auch nicht glauben han, | Sonder nach seinem kopff glosirn | Und nach seinem sinn exponirn. | Auß dem entspringen mancherley | Irrthumb, rotten und ketzerey.
das mans dem heiligen Euangelio nit soll schuld geben / das allwege so vil Rotten vnd Ketzereyen / vnd sonst allerley ergerniß sich finden.
Rotten stiffter. Haeresiarcha.
4.
›wehrhafte Gruppe von Personen (bzw. von als Personen gedachten Wesen) unterschiedlicher Größe, die in der Regel durch einen gewissen Grad an Organisation und Strukturiertheit gekennzeichnet ist‹; überwiegend speziell: ›einzelner Trupp eines Landsknechtsregiments (Fähnlein, Kompanie)‹; ›taktische Formation, Staffelung hintereinander stehender Soldaten in einer Kampftruppe‹; auch: ›Einheit der Bürgerwehr, des städtischen Wachschutzes‹; als Spezialisierung zu 1 auffassbar.Phraseme:
die streifende rotte
›Wachpatrouille, kleine Gruppe von Kundschaftern‹; die verlorene rotte
›einzelner Stoßtrupp mit besonderen taktischen Aufgaben‹.Syntagmen:
die r. aufrichten / auftreiben / aufzeichnen / bescheiden / bezalen / ordinieren / verwunden
, [wohin] schicken, auf x pferde schätzen
; die r
. (Subj.) auffaren, ausbrechen / ausreisen / durchbrechen / herandringen, sich
[wo] lagern / niederlassen, einen rottenmeister erwälen, jn. zum hauptman gewinnen, x rotten
[wo] sein
›liegen, stationiert sein‹, unter dem banner der stat reisen
; x schützen, nicht unter x
[Personen] in der r. sein, j. sich in die r. schliessen, die bürgerschaft in rotten teilen, j. mit seiner r
. [wohin] kommen, jn. vertreiben, über die brücke ziehen, mit rotten auf- und abziehen
, [wohin] reisen, sich unter die rotten dringen
; die r. des volkes, der engel / juden / kriegsknechte
; die r. von x knechten / kriegsleuten / soldaten
; die freche / freie / gerüstete / grosse / mächtige r
.; der hauptman der r
.Wortbildungen:
˹, ˺ ›in einzelnen Trupps‹,
rotecht
rottenweise
˹ 2a), (a. 1485)˺ ›Mitglied einer Söldnertruppe‹,
rotgeselle
rotman
rotgeselle
Belegblock:
die vordraber, verloren hauff, streyffende Rott, cuiusmodi multos habet Turcicus Tyrannus.
der sechste strit wirt [...] | zwuschen dem koninge der kundekeit | und dem koninge der eren gote, | zwuschen luten und der engel rote. | zu desem strite brenget durch were | got al daz hemelische here.
ein große rot, me dan ses hondert wol bereit mit ufgerachten paniren.
Dayr dryngt heran eyn mechtich rot, | Troystlych wyllen wyr vns weren!
wann dann vor den pforten guter friede und nichts verdächtiges, den rottgesellen, so wachen sollen, [...] von oben heraber ein zeichen geben, damit sie desto sicherer die pforten eröffneten.
Man soll auch alle rotten also ordiniren, daß nicht unter acht in jeder rotten [...], und sollen in jedern rotten zum wenigsten zwei schützen sein von wegen der tagwachen an den pforthen.
Allerleie wapen man sach | daz en dekeiner niht gebrach, | rottecht sie riten die vrien | ufgeriht ir glavenien.
der Todten war so viel / das sie Hannibal ließ in das Wasser Cello werffen / vnnd eine Bruͤcken auß jhnen machen / daß er mit seiner Rotte daruͤber zoch.
bey derselbenn zeil herein jn der wagenburgk sol der wagenburgkmeister ein verlorne roͤt volcks schickenn, das dieselbenn jn derselbigenn zeil viel dampfs vnnd rauchs machenn mit feuchtem stroͤ [...], damit mann die veindt mocht plendenn.
Als Alexander diese Worte ausgeredet / ist er mit zornigen Grim̃ von dem Thron herab gesprungen / vnd hat sich mitten vnter die geruͤsteten Rotten gewaltiglich gedrungen.
zugend ouch nit mit fennlinen uf noch ab / sunder alleyn mit rotten / – Und wurdend zuͦ zytten früntlich trünck / und gspraͤch / von gmeynen knechten / beder huffen getan.
der was nun kommen biß gen Mumpelgarten wol mit 20000 mannen, under den waren, als man sagt, bei 500 rott juden.
so hat sich der bischoff Otto und cardinal zuͤ Augspurg mit ainem rat daselbst und dem adel in der marggrafschaft Burgau verglichen, ain straifende rott zemachen und zehalten.
Jr sollen euch fenlein⸗ oder rottenweiß, ain jeder nach des obersten begern, brauchen und schicken lassen.
Der chunig der chriegt gen Schotten. | Der helt mit vrechen rotten | Vil dike reist in Schotten lant.
In solicher zeyt [...] kham der Wolfftarffer mit seiner rott und mit etlichen, die herr Reinprechten hawbtman pey im hett, nachtlich fur Newnmarckht, das die kunigischen innen hetten.
[dass sie mit ihren]
rotgesellen und dienstleuten [...] in burgermaister, rats und gemainer stat daselbs zu Wienn sold und dinst gewesen sein. Wenʼs jar auß was, so muestens wider haim ziehen, raist ein ander rot auß.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
597, 2891
; Gille u. a., M. Beheim
453, 1936
; Neubauer, a. a. O.
119, 32
; Schweiz. Id. ff.;
Vorarlb. Wb.
2, 769
.