reizen,
V.;
zu
mhd.
reizen
›(an)reizen, (ver)locken, erregen‹
();
Kausativum zu (V.).
1.
›jn. (auch: sich) zu etw. bewegen, anspornen, antreiben‹; ›js. Verhalten, js. Einstellung u. dgl. beeinflussen, steuern, in eine Richtung lenken‹; im religiösen Kontext insbesondere auf als erstrebenswert erachtete Bezugsgrößen (z. B.  1,  4,  1) gerichtet; dies speziell auch auf
got
als Ziel bezogen: ›jn. zu jm. führen, hinlenken‹.
Gehäuft Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘.
Bedeutungsverwandte:
 2,  6,  2,  2,  2,  12,  3,  4,  9,  3,  1, (V.) 6, ; vgl. ,  5,
1
 2.
Syntagmen:
jn. r., jn
. [wie] (z. B.
alweg / emsiglich / lieblich / stätiglich, von aussen / innen, mit vermanung, mit gottes wort
)
r., jn. zu etw
. (z. B.
zu dem fleis / glauben / guten, zu der arbeit / andacht / begierde / busse / liebe, zum ehelichen leben, zu tugenden, zu guten werken
)
r., j. sich zu etw. r., den guten willen zu grösserem mut r., etw
. (Subj.)
die sele zu der minne r., die beschäude / bewegung
(Subj.)
jn. zu got r., der geist jn. hin zu got r., j. jn. r., das [...]
;
der mensch nach got gereizt werden
.
Wortbildungen:
˹
reizig
1,
reizlich
1˺ ›anspornend, antreibend; anregend, ermunternd‹ (dazu bdv.: vgl.  7).

Belegblock:

Luther, WA (
1525
):
Eyn gesetz treyber dringt mit drewen und straffen, Eyn gnade prediger locket und reytzet mit erzeygter Goͤttlicher guͦte und barmhertzickeyt.
Ebd. (
1528
):
Wir Christen sollens nicht unter uns leiden, sondern [...] frauenheuser abethun und das junge mans volck, darzu auch das weiber volck zum ehelichen leben mit Gottes wort reytzen und vermanen.
Ebd. (
1532
):
Sihe, also wil S. Johannes uns reitzen zur rechtschaffen liebe.
Fischer, Brun v. Schoneb. (
md.
, Hs.
um 1400
):
daz saf daz also bitter was | bezeichent uns [...] | den geist der angist heizet | und uns hin zu gote reizet.
Quint, Eckharts Trakt. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Enhât man aber der begerunge niht, sô reize man sich dar zuo und bereite sich dar zuo und halte sich dar nâch.
Steer, W. v. Herrenb. Büchl.
370
(
pfälz.
,
1436
):
Es ist küntlich, das hoffenunge der frucht des buwes eynen yglichen beweget, reitzt vnd neigt zu dem buͤwe oder zu der arbeit.
Welti, Pilgerf. v. Walth.
64, 32
(
omd.
,
n. 1474
):
So die luthe [...] der liebin heyligin bestendickeit sahen, bewünderten sie sich der lere vnd der guten exempil, do mete sie die lute reisten vnd stergkten zcu deme dinste Ihesu Cristi.
Chron. Nürnb. (
nobd.
,
1488
):
sein [kaiser Cunrads] oberster rat ist gewesen sant Bernhardus, der in stetiglich zu allen tugenden geraitzt hat mit seiner götlichen lere.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
daz ein goͤtlicher mensch [...] alle zit etwaz vinde, daz in von diser valschen niederziehenden welt wider uf zuͦ dem minneklichen got reizlich ziehe.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
E. 14. Jh.
):
in der worheit so solte der mensche von einre iegelichen bekorunge ungeliches me werden erhitzet, in wareme turste noch Gotte gereisset.
Matthaei, Minner. I, (Hs.
15. Jh.
):
ich weyß der namen vil, | son, die der mynnen spil | zu woldatt hat gereyßt.
Rieder, St. Georg. Pred. (Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
aͤllú guͤti flússet von im [Got], und ist ôch aller maist der dinge dú die sel raizent zuͦ der minne.
dú beschoͤwde raitzet in [mentsch] zuͦ Gotte.
Warnock, Pred. Paulis
5, 150
(
önalem.
,
1490
/
4
):
das ist ain soliche tugent oder craft, lit in dem grund der sel, das sy alweg den menschen ist nagen, wenn er daz böss tuͦtt, und in ist stupfen und emtziklich raitzen ze dem guͦtten.
Vetter, Schw. zu Töß (
halem.
, Hs.
15. Jh.
):
[diss gegenwürtig buch] zu einem teil seit von dem seligen leben etlicher vergangener seligen swestren ires closters Tösse, und was grossen wünders Got [...] mit inen würcken was, das do vil reisslich ist zu andacht allen guthertzigen swestren.
Schmidt, Rud. v. Biberach
34, 2
(
whalem.
,
1345
/
60
):
das liecht kvmt ze vns nach siner gvͦti, das es vns erwecke vnd reisse ze siner begirde.
Maaler (
Zürich
1561
):
Reitzig. [...] Incitans, Impellens.
Strauch, Par. anime int.
132, 14
;
Dienes, E. Gros. Witwenb.
39, 24
;
Reichmann, Dietrich. Schrr.
142, 5
;
Bihlmeyer, a. a. O. ;
Steer, Schol. Gnadenl. 3, M
1
,
123
;
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 6, 20
;
Warnock, a. a. O.
8, 104
;
17, 110
;
20, 179
;
Türk, Wortsch. Dietr. v. Gotha.
1926, 97
.
Vgl. ferner s. v.  3.
2.
›jn. zu etw. anstacheln, anstiften, (nachdrücklich) auffordern‹; ›jn. (an)locken, zu etw. verführen, verlocken‹; im Unterschied zu 1 von als nicht wünschenswert erachteteten Verhaltens- und Handlungsweisen gesagt (z. B. von
sünde, trunkenheit, untugend
, häufig:
zorn
).
Gehäuft Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘.
Bedeutungsverwandte:
 11,  3,  23,  2,  2, (V.) 4, , ; vgl.  6,  2, .
Syntagmen:
jn
. (z. B.
junge knaben
)
r., jn
. [wie] (z. B.
mit anfechtungen / begierden
)
r., die natürliche krankheit den menschen auf die sünde r., die nixen die kinder ins wasser r., j. / etw
. (Subj.)
jn. zu etw
. (z. B.
zu zorn, zu begierlichkeit / bulerei / trunkenheit / untugend, zu dem müssiggehen, zu sünden
)
r
.
Wortbildungen:
˹
reiz
,
reizen
(
das
)˺ ›Anreiz, Verlockung‹ (dazu bdv.: vgl.  1,  2), ˹
reizig
2,
reizlich
2˺ ›verführerisch, verlockend‹ (dazu bdv.: vgl.  1, ).

Belegblock:

Luther, WA (
1522
):
Ein untzuchtig weyb schmuͤcket sich mit golt und seyden, das sie iunge knaben reytzt.
Ders. Hl. Schrifft.
Eph. 6, 4
(
Wittenb.
1545
):
jr Veter reitzet
[
Mentel
1466:
bewegen
; nd. Bibel um 1478:
reissen
]
ewre Kinder nicht zu Zorn / Sondern [...].
Palm, Veter Buoch (
schles.
, Hs.
E. 14.
/
A. 15. Jh.
):
Ez ist ein reizen der verliezvnge, das saltv vertriben mit gebet vnd mit guten werken, so gewiñestv rue.
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
170
(
Nürnb.
1517
):
Etlich sagen, wann die fürsehung gepredigt wirdet, so nem sie weg den freien willen, verdamme die erwelung, reize zum mussiggeen.
Sachs (
Nürnb.
1562
):
[Ein junckfrawe] hüt sich auch an allen orten | Vor hoffart, thu sich nit auffspreytzen, | Mannsbilder zu bulrey zu reytzen.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
Wilt du aber lichtiglichen dar zuͦ gebaren, als etlich toͤrin tuͦn, die da mit reitzlichen wincken vergifften, so bist du tod.
Rieder, St. Georg. Pred. (Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
dú natúrlich krankait, dú [...] und alle zit den mentschen raitzet uff die súnde, daz ist der schlange.
als er siht daz der mentsch ist betruͤbet, so wirfet er sin netz in, daz ist sin
[des Teufels]
rât und sin raitzen.
Maaler (
Zürich
1561
):
Einen zuͦ kriegen Reitzen / ziehen oder noͤtigen. [...]. Reitzig. [...] Inuitabilis.
Schmitt, Ordo rerum
678, 34
(
oobd.
,
3. V. 15. Jh.
):
raycz vben in malum.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
33, 8
(
tir.
,
1464
):
v̈ber alle ding ist si [die vnlauterkait] raiczen den zorn gottes.
Ebd.
87, 22
:
da hueb der pös geist an, darum das er die selbigen menschen raiczet zu zorn vnd si prëcht in grössere feintschaft vnd neid wider den heiligen pischholf.
Piirainen, Stadtr. Kremnitz
52
(
mslow. inseldt.
,
1537
):
das khainer [...] seinem negst(en) mit Einigerleÿ getrenkh, Wain od(er) bier [...] Zum volsauffen beschaid zuthun, noch zur Trungkhenhaidt raitze.
Vgl. ferner s. v.  2,  1.
3.
›jn. (physisch oder psychisch) reizen, aufregen, in (heftige) Erregung versetzen‹; ›jn. provozieren, ärgern, herausfordern, wütend machen‹; ›jn. (gegen jn.) aufhetzen, aufwiegeln‹; speziell auch: ›unangenehme, schmerzhafte körperliche Empfindungen, Reaktionen hervorrufen‹; anschließbar an 2.
Syntagmen:
jn. / etw
. (z. B.
den feind, die liebe / schlange, die geistlichen oren
)
r., jn
. [wie] (z. B.
gar viel, durch einen rat, in dem sacrament, mit husten
)
r., jn. auf jn., wieder jn., zum streit r., j. / etw
. (Subj.)
jn
. (z. B.
die schar, die kriegsleute / obrigkeiten
)
r., das [...]
.
Wortbildungen:
reizer
›Aufwiegler‹ (dazu bdv.: vgl.  2),
reizig
3 ›provozierend‹; 4 ›reizbar, erregbar‹ (dazu bdv.: vgl. ,  1),
reizwort
›zum Zorn reizendes Wort‹ (a. 1599; dazu bdv.: vgl.  3,  2).

Belegblock:

Luther, WA (
1528
):
der Teuffel ruhet nicht, sondern reitzet unser fleisch on unterlas widder Gott.
Ebd. (
1544
):
Das also die summa der heuttigen predigt dise ist, das der Herr uns gern reytzen und schrecken wolt, das wir das wort mit ernst fassen.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
295, 1069
(
Magdeb.
1608
):
Das eines Narren fauler Wind / | Vns all todt blaß mit Weib vnd Kind / | So bald jhn reitzt der tolle Sinn / | Das er vns opffern wil dahin.
v. Liliencron, Dür. Chron. Rothe (
thür.
,
1421
):
sso tedt her [bischouf Baldewyn] sie [die von Erfforte] zu banne und reissete marggraven Frederichen unde vaste irbar lewte yn Doryngen weder sie.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Mk. (
osächs.
,
1343
):
Abir di obirsten prîstere und di bischofe reizten
[
Mentel
1466:
bewegeten
]
di schare, daz her en ummer Barraban lîze.
V. Anshelm. Berner Chron. (
halem.
,
n. 1529
):
dass uf bed siten alle unzimliche, reizige schmaͤchwort verboten, und wer soͤlich bot ubersaͤh, dass der selb [...].
Schmidt, Rud. v. Biberach
156, 10
(
whalem.
,
1345
/
60
):
Dis wort beruͤrt die geistlichen oren vnd reiset si in dem sacramente vnd tuͦt si vf ze enphindung.
Maaler (
Zürich
1561
):
Außhinladen / Zum streyt reitzen. [...] Eim ein wenig anlaß gaͤben vnd reitzen.
Den feind Reitzen ein vaͤldschlacht zethuͦn. [...]. Die trum̃eten Reitzend vñ machẽd gehertzt die kriegsleüt. [...]. Das Reitzen vnnd staͤchen deß schmertzens. Stimulus doloris. [...]. Reitzig. Irritabilis.
Österley, Steinhöwels Äsop (
Ulm
1474
/
82
):
Do sprach Esopus: Du bist ain vil ze böser angel und raiczest den herren ze ser uff den knecht.
Fischer, Eunuchus d. Terenz (
Ulm
1486
):
Will sie dich raitzen mit dem phedria so raitz sie mit der pamphilia
(hier speziell: ›jn. eifersüchtig machen‹).
Jaspers, St. v. Landskron
108r, 7
(
Augsb.
1484
):
jch hab in also vnd also gereiczet [...] mit huͦsten. ausspürczen. liegen. reÿßpen vnd pfuiczen.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
diu slang [tis] schat niemant, dann man raiz si gar vil.
[ir früht] haizent prânper oder kratzper dar umb, daz si die läut kratzent oder reizent, wenn man die paum angreift.
Boot, Cassiodor. Hist. Eccl.
471, 1
(
moobd.
,
um 1385
):
Darumb so sprachen dy reizzeͣr von im, der ochs, der chert dy welt umb.
Hohmann, H. v. Langenstein. Untersch.
67, 68
(
moobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
,Aber die lieb‘, [...], ,die ist gedultig vnd gutig, si erhebt sich nicht, si wirt auch nicht geraitzet, sy leit auch allew ding.‘
Kopp, Volks- u. Gesellschaftsl. ;
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim. ;
Primisser, Suchenwirt ;
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
109, 21
;
Voc. Teut.-Lat.
aa iiijv
;
ff jv
;
Cirullies, Rechtsterm. Anh.
1981, 285
.
Vgl. ferner s. v. ,  14, (Adv.) 10.
4.
›Tiere (speziell: Greifvögel) anlocken, zu sich locken‹; meist als Jagdmethode (Beizjagd).
Bedeutungsverwandte:
 1,  1; vgl.  4,  2,  1, .
Wortbildungen:
reizklobe
›Vogelfalle mit Köder‹ (Gw zu  1).

Belegblock:

v. Tscharner, Md. Marco Polo
24, 26
(
osächs.
,
2. H. 14. Jh.
):
noch der ordenunge des grozen chaam sten czen tusint man [...] czu reysin di vogil und czu lockin wen des czit ist, das man yn neme den roub
(bei der Beizjagd).
Gille u. a., M. Beheim
300, 44
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Hach auss den lufften ab | kan ich den valken raissen | mit loken und mit paissen, | daz er mein luder
[›Köder‹]
nympt.
Leisi, Thurg. UB
8, 589, 18
(
Konstanz
1383
):
Wer dekainen vogel vahet [...] inrent ainer mile weges, mit dem raitzkloben, mit garn, mit klieg [...], der muͦss von je dem vogel V ß den. ze buͦss geben.
Spanier, Murner. Narrenb.
37, 49
;
Dalby, Lex. Mhg Hunt.
1965, 170
.