reiten
II
V.;
zu
mhd.
reiten
›rechnen‹
(); zum etymologischen Zusammenhang mit
reiten
I vgl. .
1.
›zählen, rechnen‹; im Einzelnen: ›etw. abzählen, zusammenzählen‹; ›etw. (zeitlich) gliedern, in Abschnitte einteilen‹; ›etw. e. S. zurechnen, zuordnen‹; ›etw. berechnen, anrechnen‹; ›etw. bewerten, in Bezug auf einen potentiellen finanziellen Gegenwert schätzen‹; speziell: ›etw. (z. B. Besitz, Vermögen) taxieren, steuerlich veranschlagen‹; gelegentlich ütr.: ›etw. (z. B. eine menschliche Verhaltensweise) in seinem Wert, seiner Bedeutung einschätzen‹; ›etw. für etw. halten‹; mit Bezugsgrößenverschiebung (von Gezähltem auf den Schätzenden): ›etw. gelten, wert sein‹; ›als j. / etw. gelten, angesehen werden‹.
Phraseme:
also für und für zu reiten
›in dieser Weise weiterzurechnen‹;
vom datum des briefes gereit
›gültig ab Datierung des Dokuments‹.
Bedeutungsverwandte:
 22,
1
 134, (V., unr. abl.) 4,
1
 12,  5, .
Syntagmen:
etw
. (z. B.
den zol, die grube, das gut / übel, die regentropfen, die zal der tage, Jesu demütigkeit, die kapitel
)
r
.,
etw. an eine summe r
.,
das volk auf x man r
.,
je x gulden für eine mark r
.,
etw. nach seinem wert, nach der arbeit r., das jar nach 12 monaten r
.,
den dukaten um x kronen, den gulden zu x batzen r
.;
jn. einen totschläger r
.; subst.:
(das) reiten lernen
.
Wortbildungen
reitholz
›Kerbholz‹ (dazu bdv.: ),
reitpfennig
›Hilfsmittel zum Rechnen auf Linien‹ (dazu bdv.: vgl. ).

Belegblock:

Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. (
preuß.
,
um 1330
/
40
):
Sust reitin sî der tage zal, | unz daz sî irvullit al | biz an den genantin wârn.
Ziesemer, Marienb. Konventsb.
195,
Anm. 2 (
preuß.
,
1562
):
ain ducaten um 104 kr. geraidt, thund obsteende 500 ducaten an müntz 866 fl, 40 kr.
Koller, Reichsreg. Albr. II.
170, 1
(
1438
/
9
):
die von datum disz brieves zu raiten nechst nacheynander komend sind.
Werbow, M. v. Amberg. Gew.
717
(
omd.
/
oobd.
,
v. 1382
):
die meyligung die do geschiet ym slaffe an dem menschen die ist nicht an ir selber für ein tot sund zw reiten.
Ebd.
1325
:
Wenn ich ein sulcher nicht pin daz mein lere etwaz zu reiten were. Sunder alle meine chunst [...] ist sam ein nessilchrawt neben rosen.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
18, 10
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
Wir sahen dich die sterne zelen, des meres grieß und sein fische rechenen, die regentropfen reiten.
Ermisch, Freib. Stadtr. (
osächs.
,
1325
):
Kein man noch vrowe sal bose silber noch bose pfenninge in den czuber legen zu geschozze
[›steuerliche Abgabe‹]
, he reite iz denne nach sinem werde.
Gille u. a., M. Beheim
70, 154
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Der [fursten der teufel] czal chain mensch nicht raiten mag.
Ebd.
200, 2
:
Hie wil ich singen von trakeit. | etlich stuk, dy man darczu reit, | wil ich melden in sunderheit.
Schib, Urk. Laufenb.
244, 41
(
halem.
,
1551
):
welche poßten alle zusamen an jarlichen zinsen 1452 Gl. vnnd 30 kreuzer [...], allenthalben den gulden zu 15 patzen zu raitten, bringen thuen.
Morrall, Mandev. Reiseb.
52, 24
(
schwäb.
,
E. 14. Jh.
):
wer nun rautten wil daz jar nach zwoͤlff monetten, daz ist trúhundert und fúnff und sechtzig tag.
Gehring, Würt. Ländl. Rechtsqu.
3, 294
, Anm. (
schwäb.
,
1592
):
ainem jeden, der es begert, sein ordenlich kerf- oder raitholz ze machen und gute rechnung ze halten.
Heydn. maister
6r, 21
(
Augsb.
1490
):
der raÿpfening. wellicher zuͦ zeiten gelegt vil ist bedeüten / vnd zuͦ zeiten mÿñdʼ
(d. h., der Wert des Rechenpfennigs bemisst sich nach seiner Position auf dem Rechenbrett).
Gereke, Seifrits Alex.
2660
(
oobd.
, Hs.
1466
):
sein volkch das rait man do | auf sechs und hundert tausent man.
Auer, Stadtr. München (
moobd.
,
um 1347
):
alle die, dy steurn sullen, [sind] ze hant der selben schuld ze geben, und süllen darnach ir guot raiten.
Mell u. a., Steir. Taid. (
m/soobd.
,
1580
, Hs.
1629
/
43
):
welcher würft mit hacken oder stain, und fält, ist ein totschleger zu raiten.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
17. Jh.
):
[Aus einer Verordnung über die Entlohnung des
marktschreibers
]
Weliche brief lesen und schreiben lehrnet 3 ß Weliche raiten lehrnen 4 ß.
Ebd. (
15. Jh.
):
wer ain jar nicht gibt sein perkrecht, der gibt im andern jar selb ander also für und für ze raiten.
Zingerle, Inventare (
tir.
,
1484
):
Doch sol das silbergeschier, klaynadt vnd zyngeschier [...] nach der arbeit
[hier: ›nach der Aufwändigkeit der Verarbeitung‹]
gerait werden.
Gille u. a., a. a. O.
18, 99
;
123, 331
;
148, 351
;
Dinklage, Frk. Bauernweist.
96, 25
;
Müller, Grafsch. Hohenb.
2, 94, 16
;
Niewöhner, Teichner
293, 1
;
Bastian, Runtingerb.
2, 70, 16
;
Voc. Teut.-Lat.
aa iiijr
;
2.
›etw. begleichen, (jm.) etw. bezahlen‹; ›jm. etw. in Rechnung stellen‹; auch: ›mit jm. abrechnen‹; speziell: ›zusammen mit dem Schuldner einen Schuldentilgungsplan aufstellen‹ (vgl.
1
 2); ütr.: ›(jm.) Rechenschaft ablegen‹.
Bedeutungsverwandte:
 18,
1
 2,
1
 3,
1
 1; vgl.  3,
2
 1,
2
,  1,
1
 6.
Syntagmen:
etw
. (z. B.
den dienst / lon, die busse / ürte, die kosten
)
r
.,
etw. mit sich selber r
.,
jm. etw. aus der gülte der stat r
.,
etw
. [wie, wann] (z. B.
recht / redlich / teuer, bei x nächten
)
r
.,
den schaden auf jn. r
.;
j. mit jm
. (z. B.
der schaffer mit dem herren, der bürger mit dem juden, die bürger mit dem baumeister
)
r
.;
j. got
(Dat.obj.)
r
.
Wortbildungen:
reitbrief
1 ›Urkunde über eine Rechnungsprüfung‹; 2 ›Schuldschein; Rechnung‹,
reitbuch
›Rechnungsbuch‹ (dazu bdv.:  1; vgl.  2),
reite
(
die
) ›Rechnung, Kostenaufstellung‹ (dazu bdv.: vgl.  2,
1
 2),
reitkamer
›städtisches Rechnungsamt‹ (a. 1531),
reitleute
›städtische Ratsmitglieder, die mit der
reitung
(s.
1
 2) beauftragt sind‹,
reitmeister
›Buchführer, Rechnungsführer‹ (dazu bdv.:  1; vgl.  2),
reitrat
›Finanzprüfer, Rechnungsprüfer einer öffentlichen Institution‹,
reittag
›Termin, zu dem der Schuldenstand eines Abgabenpflichtigen festgestellt wird‹ (a. 1554 u. ö.),
reitwein
›Wein, der anlässlich einer
reitung
(vgl.
1
 2) ausgeschenkt wird‹ (a. 1486; dazu bdv.: vgl. ),
reitzettel
›Quittung‹ (dazu bdv.: vgl. , ).

Belegblock:

Leman, Kulm. Recht (
Thorn
1584
):
so hette der cleger dy sache do ym das dyng vmme gekundiget were vf den man behalden vnd gewunnen by vyrtzen nachten tzu leystene vnd tzu reytene.
Chron. Mainz (
rhfrk.
,
15. Jh.
):
iß ist auch geret mit namen, waß in dem rade zu setzen ist, ez si umb burgermeister, rechemeister und reidelude zu kiesende.
Löscher, Erzgeb. Bergr.
138, 37
(
omd.
,
1529
/
30
):
Helt man nu
e
dy ordenung, so komt derselbe abzcog dem reitmeister zcu
e
gu
e
t; den es wirt der abzcog den gwerken nicht vorrechent.
Beyer, UB Erfurt (
thür.
,
1352
):
daz der dickegenante Dytwin den obgenanten ratismeistern und den buͤrgern der stad czu Erforthe vor die selben schaden und koste eine reyte tun [soll].
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Nürnb.
1631
):
Jm Hoͤllischen Fewr, da raͤit mans thewr, | Der Speck ligt auff der Fallen.
Sappler, H. Kaufringer
12, 87
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
raitent mit ew selber eben, | was ir mir schuldig seit ze geben.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. (
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
Den schaden rayt der Wulcka Wazla und andern all auff den kayser.
Auer, Stadtr. München (
moobd.
,
um 1347
):
Swer dem andern raittung wett, der sol mit im raitten des selben tags, und sol zwen erber man zuo der raittung nemen.
Niewöhner, Teichner
283, 65
moobd.
,
1360
/
70
˺):
ez ist recht umb peicht, umb puez | als ein schaffer der da muez | raiten mit dem herren sein.
Staub, Qu. Wien
3, 2, 2598, 87
(
moobd.
,
1410
):
Fraw Ann [...] hat geben nucz und gewer von den zwain pfunden wienner phenning gelts [...] nach irs raittbrieff sag.
Winter, Nöst. Weist. (
moobd.
,
M. 15. Jh.
):
er solt im di urten raiten, was des sei das woll er im bezalln.
Dirr, Münchner Stadtr. (
moobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
so sol der rat [...] dem selben sein tail aus der staͤt guͤlt raiten und anlegen.
Brunner, Rechtsqu. Krems u. Stein
210, 18
(
moobd.
,
1526
):
Den wolgebornen [...] herrn raiträten der niderösterreichischen lannde.
Mell u. a., Steir. Taid. (
m/soobd.
,
1523
):
der solichs treulich [...] jerlichen von den verwesern, richter, rat und gemain von allen einnemen und ausgeben aufrichtig raitung tue, und demselben spitalmaister nach genuegsamer raitung sein raitbrief gegeben, damit man alzeit wissen muge, wie [...].
Zingerle, Inventare (
tir.
,
1420
):
ain abgeschrift vnd raytzedẹl vnd mangerlay, sind zam gepunden.
aber ain vrbarpuͦch zum Kunttersweg vnd ander raytpuͤcher vil.
Öst. Wb.
3, 946
;
1253
;
4, 333
;
Vorarlb. Wb.
2, 706
.
Vgl. ferner s. v. .