reissen,
V., unr. abl.;
zu
mhd.
rîzen
›reissen, zerreissen‹
();
infolge der Diphthongierung des Stammvokals sowie aufgrund des Wechsels von Affrikata und Spirans (analog
beissen/beizen
) können gelegentlich formale Überschneidungen mit (V.) bestehen.
1.
›etw. (auch: jn.) zerreißen, vernichten‹; ›etw. durch starken Zug, heftige Bewegung (gewaltsam) in Stücke teilen‹ (auch bildlich); ›etw. aufreißen‹; ›jm. Rissverletzungen zufügen‹; ›heftig (um sich) kratzen, beißen‹; ›jn. / etw. mit heftigen Bewegungen angreifen‹ (von Tieren); auch: ›ein (Beute)tier durch Bisse töten‹; speziell in der Verbindung
durch etw. reissen
›etw. durchbrechen; gegen etw. verstoßen‹.
Bedeutungsverwandte:
(V., unr. abl.) 3; 8, 6,
4
12, 2, , 1, , , , , , ; vgl. 2.
Syntagmen:
etw
. (Subj., z. B.
ein tier, die hunde
)
r
. (absolut);
etw
. (z. B.
die bücher / schafe
)
r., jn. mit zangen r., jm. die kelen r., der wein
(Subj.)
die bulgen r., j. ein loch durch gottes gesez r., j. sein fleisch in tausend partikel r
.;
j. durch etw
. (z. B.
durch das gebot, durch die rechte
)
r., ein tier um sich r
.;
etw
. (z. B.
ein tier, klauen
)
geschikt zu reissen sein
;
die elefanten gerissen
›verletzt‹
sein
.
Wortbildungen:
reissen
(
das
) 1 ›schmerzhaftes Ziehen, Stechen im Körper; krampfartiger Schmerz (z. B. im Bauch)‹ (dazu bdv.: , 4 subst.); 2 ›geräuschvolles Durchbrechen, Zerreißen‹ (von Wolken vor der Entstehung des Donners).

Belegblock:

Luther, WA (
1528
):
der esel ist ein thier, das zu keinem streit geschickt ist, widder zu beissen noch zu reissen.
[ein grausam und wuͤnderlich thier] hatte grose eiserne zeene, damit es fras und umb sich reis.
Darumb solche ferliche, ungeschickte grewel zuvermeiden hab ich durch solch gebot und rechte gerissen und frey geraten, [...], das man die heimlichen verloͤbnis auffhebe.
Ebd. (
1544
):
wens allzuhart widers gewißen wil gehen, da sollen wir ein gros loch durch gottes gesetz reissen.
Ebd. (
1545
):
Er sol Herr und richter sein uber das Concilium [...], Damit der Bapst macht habe zu verdammen, zu reissen, und zu nichtigen, ob etwas vom Concilio wider jn beschlossen wuͤrde.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
135, 2850
(
Magdeb.
1608
):
Wil die [gnad] auch gar nicht finden stath / | So wehr ich mich ohn alle schewe / | Beiß vnd reiß wie ein bruͤllend Lewe.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Lk. (
osächs.
,
1343
):
nîmant lêzit nuͦwin wîn in alde bulgen, anders der nuͦwe wîn rîzet
[
Mentel
1466 / nd. Bibel um 1478:
zerbricht / thobricht
;
Dietenberger
1534 /
Eck
1537:
zerreisset
;
Luther
1545:
zureisset
]
di bulgen.
v. d. Broek, Suevus. Spieg.
73r, 17
(
Leipzig
1588
):
wie man die Parricidas / die jhre Eltern oder Kinder [...] vmbbringen / mit Zangen reisset
(als Strafmaßnahme; vgl.
Rwb
11, 790).
Gille u. a., M. Beheim
52a, 47
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Do raiss er in | allen die cheln.
Mayer, Folz. Meisterl. (
nobd.
,
1517
/
8
):
Wie wol Gotz mensch sein fleisch und plütt | Hy in taüssent partickel rist, | [...] | Ist es der einig Cristüs doch.
Weitz, Albich v. Prag
168, 30
(Hs. ˹
nobd.
,
2. H. 16. Jh.
˺):
dorvmb scholt ir dy pillen gern haben, wan sye seyn auch gut voͤr daz reyssen in dem leibe.
Reichmann, Dietrich. Schrr.
234, 19
(
Nürnb.
1548
):
dʼ Teuffel hetzet seine hund an dich / die zwacken vn̄ reissen da vnnd dort.
Fuchs, Murner. 4 Ketzer
393
(˹wohl
Straßb.
˺
1509
):
Auch wer die buͤchly moͤcht erspehen, | Der solt sye rissen vnd verbrennen.
Sudhoff, Paracelsus (
1528
):
dem ingeweid, so im sein rechte ordnung nit geben wird, mancherlei colica, reißen und grimmen daraus wechst.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
daz reizen, daz der dunst tuot in den wolken und in den lüften, daz haizt der tonr.
Solînus spricht, die elephanten schaden niemd unz daz si gerizzen
[›verletzt‹]
sint oder müed worden von fliehen.
und hât daz tier [merweip] gar scharpf kræuln an den füezen, dâ mit ez reizt waz ez begreift.
Vgl. ferner s. v. 2.
2.
›mit jm. kämpfen, ringen; sich intensiv mit etw. (Unangenehmem) auseinandersetzen, abmühen‹; speziell in der Verbindung
sich um etw. / jn. reissen
›um etw. / jn. wetteifern, streiten, kämpfen‹.
Bedeutungsverwandte:
(V., unr. abl.) 6, , 1, (V., unr. abl.) 2, 2.

Belegblock:

Luther, WA (
1527
):
Und weyst uns Christus unser seligkait, umb den reysset sich denn die gantze weltt, gleich wie umb einen schatz der yederman geoͤffnet ist.
das du auff dem bette muͤstest liggen und dich lange mit deinen sunden, mit dem tod und teuffel reissen, beissen, kempffen und ringen.
v. d. Broek, Suevus. Spieg.
169v, 17
(
Leipzig
1588
):
wenn sich grosse Herrn vmb die Fuͤrstenthumb vnd Koͤnigreich Reissen / Rauffen vnd Schlagen / so muͤssen die armen Vnterthanen die Haar darzu leihen.
Dietrich. Summaria
20r, 9
(
Nürnb.
1578
):
Solche genadenpredigt werde fort an mit allem gewalt gehn / vnd die leut werden sich darumb reissen / vnd mit gantzem ernst darumb annemen.
Turmair (
moobd.
,
1522
/
33
):
Wie sich unsere fürsten [...] umb das rentmaisterambt Straubing [...] lang gerissen zuletzt doch in vier tail getailt haben.
3.
›etw. / jn. durch eine schnelle, kraftvolle Bewegung von etw. / jm. wegziehen; jn. / etw. von einem Ort, von jm. / e. S. wegreißen‹; ›jm. etw. entreißen‹; ›etw. aus e. S. (auch: jm.) herausreißen‹ (in Verbindung mit Präpositionalphrasen mit
aus
und
von
); auch ütr.: ›jm. (gewaltsam, durch Kriegshandlungen) die Herrschaft, Kontrolle über etw. abnehmen‹.
Bedeutungsverwandte:
, , ; vgl. , 2, 1, 1.
Syntagmen:
das schwert aus dem leib, bäume aus der erde, die bilder aus dem tempel r., jn. aus dem haufen, aus der gewalt des todes r., jm. das brot aus dem maul, das herz aus dem leib, jm. Christum aus dem herzen r., der mutter das kind aus den armen, den feinden die spiesse aus den fäusten, den bürgern den nuz aus den händen r., jn. von dem wan / wort, den pfaffen vom altar r., j. die kleider von sich r., jm. jn. von dem arm r
.
Wortbildungen:
reisser
1 ›Ausbeuter, Plünderer‹ (dazu bdv.: 2, 2, ).

Belegblock:

Luther, WA (
1528
):
[der Teuffe] helt uns die sunde fur und Gottes zorn, wil uns also von dem wortte reissen.
Ebd.
266, 16
(
1544
):
mit Christo aufferstehen, das ist, der Suͤnden abgestorben, aus des Tods und der Hellen gewalt gerissen und in Christo trost und leben haben.
Ebd. (
1538
):
wenn er gleich Beume aus der Erden reist, dennoch [...].
Peil, Rollenhagen. Froschm.
515, 272
(
Magdeb.
1608
):
Den erst gebornen Jungen Mann / | Der Wiesel auß der Wieg hinnam. | Den andern das es Gott erbarm / | Rieß Murner mir selbst von dem Arm.
Dünnhaupt, Werder. Gottfr. v. Bullj.
3, 7
(
Frankf./M.
1626
):
Wie dasselbige [Jerusalem] [...] Ritterlich gewonnen / vnd den Saracenen auß den Haͤnden gerissen worden.
v. d. Broek, Suevus. Spieg.
67v, 39
(
Leipzig
1588
):
[
der Vbeltheter
hat]
was man jm aus Gottes Wort fuͤrgesaget / [...] bescheiden nachgesprochen / biss jm der Hencker das Hertz aus dem Leibe gerissen.
Gajek, Seidelius. Tych.
14, 15
(
Breslau
1613
):
[Jocast] Reist das Schwert aus jhrm
[der Söhne]
todten Leib / | Ersticht sich selbs.
Trunz, Meyfart. Rhet.
1, 21, 1
(
Coburg
1634
):
weil er [Alexander] gemercket / welche vor andern sich trotziglichen erzeiget / solche aus dem Hauffen mit der Hand gerissen / vnd dreyzehen Missethaͤter seinen LeibTrabanten zuverwahren befohlen.
Reichmann, Dietrich. Schrr.
186, 15
(
Nürnb.
1548
):
Meine schaffe hoͤren mein stim̄ / vnd ich kenne sie [...] vnnd niemand wirdt sie auß meiner handt reyssen.
Ranke, Umgangsspr.
1951, 183
(
moobd.
,
um 1406
):
Waz sind aber nu vnser reichen? [...] si sind offenbar wuchrer, [...] der purger vnd der pawrn schintaͤr schaber vnd reisser.
Vetter, Pred. Taulers ;
Wyss, Luz. Ostersp.
3, 62, 56
;
Vgl. ferner s. v. 10.
4.
›jn. / etw. mit einer schnellen, kraftvollen Bewegung wohin (auch: zu sich), in eine Richtung, an einen Ort ziehen, zerren‹; ütr.: ›etw. (einen Text) interpretatorisch missdeuten, nach Gutdünken bzw. mit bösen Absichten inhaltlich verzerren‹; vereinzelt refl.: ›sich beeilen‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl. (V.) 1.

Belegblock:

v. Ingen, Zesen. Rosenw.
29, 9
(
Hamb.
1642
):
Denn was ist die Schoͤnheit anders / wenn mann sie mißbrauchet / alß ein Magnet / so die Hertzen zur Hellen reisset.
Luther, WA (
1528
):
wir befoͤrchten, es werden, nach Doctor Luthers zeitten, leute komen, die seine buͤcher nach yhrem lust und mutwillen deutten, zerren, reissen und notpressen werden.
Ebd. (
1544
):
der grosse Ratten koͤnig zu Rom [...], der ist erst der geltschlund, so unter dem namen Christi und der Kirchen aller Welt guͤter zu sich gerissen.
Lichtenstein, Lindener. Katzip.
209
(o. O.
1558
):
du
[als Bote]
muͦst dich aber reyssen, es ist von nöthen.
Jahr, H. v. Mügeln
1593
(
omd.
, Hs.
1463
):
mich [die Sterke] reißt zutal kein übermut, | ouch mich kein forchte fallen tut.
Meisen u. a., J. Eck
45, 50
(
Ingolst.
1526
):
das aber der münch sagt, er find kein exempel oder befelch etc, thut er nach ketzerischem brauch, das ist liegen, Gschrifft reissen, biegen etc.
Jahr, a. a. O.
840
.
Vgl. ferner s. v. (V., unr. abl.) 6.
5.
›eine Zeichnung, einen Entwurf auf einem festen Untergrund (z. B. Holz) anfertigen‹; ›etw. (ein)zeichnen, skizzieren; etw. in eine Unterlage (ein)ritzen‹.
Phraseme:
possen reissen
›Scherze machen; Unfug treiben‹ (möglicherweise zunächst auf
posse
1 ›Bildwerk‹ beziehbar; vgl. zur Motivationsbeziehung auch );
schwänke / zoten reissen
›Scherze, Späße machen‹.
Bedeutungsverwandte:
1; vgl. 12, 3, 2.
Wortbildungen:
reiskol
›Zeichenkohle‹ (Gw zu
2
),
reisser
2 ›Zeichner; Holzschneider‹ (dazu bdv.: vgl. ),
reiszeug
›Zeichengerät‹.

Belegblock:

Schmitt, Fachprosa
33, 27
(o. O.
1486
):
Wilt dv ain grvndt
[vgl.
grund
2]
reyssen czw ainer vialen nach stainmeczischer art [...], so heb an vnd mach ain virvng.
Luther, WA (
1530
):
das man der schrifft zu weilen einen spruch abborget und reisset damit einen bossen.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
90, 1492
(
Magdeb.
1608
):
[Fuͤrchteschne] Setzt selber herzu stuel / vnd benck / | Riß dabey viel possen / vnd schwenck / | Den Gast damit froͤlich zu machen.
Lemmer, Amman/Sachs. Ständeb.
16, 1
(
Frankf./M.
1568
):
Jch bin ein Reisser fruͤ vnd spet / | Jch entwuͤrff auff ein Linden Bret / | Bildnuß von Menschen oder Thier.
Chron. Nürnb. (
nobd.
,
15. Jh.
):
man wirt auch schiessen in einen zirkel in der weit als in dem brief gerissen ist
(aus dem Regelwerk für ein Wettschießen).
Rupprich, Dürer (
nobd.
,
1520
):
hab dem von Roggendorff sein wappen auff holcz geriessen.
Ebd. (
1513
/
5
):
Dortzwischen
[zwischen den Punkten
a
und
b
]
reis ein gerade linj.
hÿ noch will jch dy offen hant dÿses starcken mans eygentlicher vnd klerer beschreiben [...], vnd will sy ein wenig gros reisen.
Sachs (
Nürnb.
1554
):
Dein mann ist erst gewest bey mir [pfaff] | Und hat mir glat das hauß verbotten | Und gerissen gar seltzam zotten.
Maaler (
Zürich
1561
):
Reissen / Entwerffen mit der faͤder.
Reyßkolen / Darmit man entwirfft.
Bauer u. a., Kunstk. Rud.
2212
(
oobd.
,
1607
/
11
):
Ein futral, darin ein reißzeug von lautter messine circul, winckelmaß, richtscheitl, bleyfederr.
Rupprich, a. a. O. ;
v. Keller, Ayrer. Dramen ;
Bauer u. a., a. a. O.
2217
;
6.
›zerreißen, entzweigehen; auseinanderbrechen, zerbrechen; Risse bekommen‹ (meist von materiellen, unbelebten Bezugsgrößen); intrans.; vereinzelt refl.
Bedeutungsverwandte:
4
1, 1, , ; vgl. 5, 5.

Belegblock:

Luther, WA (
1544
):
wie ein kleid auffs tichteste durch und durch einander vernehet und durchsteckt ist, das es nicht reissen kan.
Froning, Alsf. Passionssp. (
ohess.
,
1501ff.
):
die son vorlore irn schyn, | die steyn rysßen von der groisßen pyn.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Lk. (
osächs.
,
1343
):
dô si diz getâten, dô besluͦzzin si der fische eine vollige menge, und ir netze reisz
[
Mentel
1466:
brast
; Var. 1476:
brach
; 1483–1518:
zerbrach
;
Froschauer
1531 /
Eck
1537:
zerriß
;
Dietenberger
1534 /
Luther
1545:
zureis
].
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
Das tempel tuͦch rais und brach, | Das man die inre hailikait sach.
Schib, H. Stockar
130, 1
(
halem.
,
1520
/
9
):
Uff dye zitt kam dye senge in die reben und dett grosen schaden, und rysend
[›platzten‹]
die [druben].
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
daz diu fruht in dem leib dannoch kranch was und daz von der frawen derschrecken diu pant sich rizzen, dâ mit daz kint gepunden was.
Vetter, Pred. Taulers ;
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 184, 26
;
Gereke, Seifrits Alex.
4283
.