reis,
das
;
-es/-er
;
zu
mhd.
rîs
›Reis, Zweig‹
().
1.
›Schössling, Spross, Trieb einer Pflanze‹; ›junges Pflänzchen‹; auch als Symbol für Hoffnung (auf Erlösung); metonymisch: ›frisches Grün der Pflanzen im Frühling‹; speziell: ›Setzling, Steckling‹; ütr.: ›Kind, Sprössling; Abkomme‹; dies überwiegend im Zusammenhang mit dem biblisch geprägten Bild der Wurzel Jesse.
Gehäuft Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘.
Phraseme:
das ganze reis abreissen
›ein Herrschergeschlecht ausrotten‹.
Bedeutungsverwandte:
1, , , 1, I, 3, , , ; vgl. 1, ,
2
.
Syntagmen:
das r. aufpfropfen / florieren
›zum Blühen bringen‹ /
schneiden, von dem ast brechen, in den stam setzen, in den pfropfstok stossen, der ast sein r. erzeigen
;
das r
. (Subj.)
aufschiessen / aufspriessen, jn. formen, vom vieh abgefressen werden
;
minne ein r. der züchte sein
;
ein baum aus dem r. werden, der prophet Christum mit einem r. vergleichen
;
das r. des meien, der aue / barmung, der tugenden
;
das blüende / edle / eingepflanzte / elende / fruchtbare / grüne / wunderliche r
.
Wortbildungen:
1
reisen
›ausschlagen, austreiben‹ (dazu bdv.: vgl. , , 23, , , V., 3).

Belegblock:

Luther, WA (
1528
/
31
):
Das ouch die Reyßer und summerlepchen sollen vom vihe abgefressen
[werden].
Ebd. (
1537
):
Der Weinstock und Reben sind nicht zu samen gesetzt oder gepfropfft als ein zweiglin oder reiss auff einen durren stam.
Ders. Hl. Schrifft.
Jes. 53, 2
(
Wittenb.
1545
):
er
[Gottes Knecht]
scheusst auff fur Jm / wie ein Reiss
[
Mentel
1466:
ruͦt
; nd. Bibel um 1478:
een ionghe lode
;
Wormser Proph.
1527:
schoß
]
/ vnd wie eine Wurtzel aus durrem Erdreich.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
179, 4222
(
Magdeb.
1608
):
Man setzt damit ein reys in stam / | Mittn im Winter / so wird man sehen / | Blumen / vnd Obs daran auffgehen.
Reissenberger, Väterb. (
md.
, Hs.
14. Jh.
):
Swa die wurzele ist behaft, | Diu hat also groze craft | Daz ir diu ris uz spriezen.
Thiele, Minner. II,
30, 169
(Hs. ˹
md.
/
rhein.
,
1. V. 15. Jh.
˺):
mynne ist ein vont der hoher eren, | der zuͤchten rys.
Hübner, Buch Daniel (
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
Sust pfropften ir gedanken | In den stoc ane wanken | Cristum, daz vil edle ris.
Strauch, Par. anime int.
41, 21
(
thür.
,
14. Jh.
):
unse herre Got hat uns gelockit mit dem lone alse daz schôf mit deme grûnen rîse.
Mathesius, Passionale (
Leipzig
1587
):
Erstlich vergleichet der Prophet den HERRN Christum mit einem Reißlein vnd gruͤner Wurtzel / welche aus einem duͤrren / trockenem / hartem vnd vnfruchtbarm [...] Erdreich herfuͤr scheust.
endlich wird aus dem elenden Reißlein ein grosser gruͤner Bawm des Lebens.
Gille u. a., M. Beheim
10, 43
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Der engel prach im von dem ast ein reis | und sprach czu im: ,den soltu tragen heine, | wann er gepiret fruchtperleiche speis [...]‘.
Ebd.
161, 14
:
so hebt er
[der Kuckuck]
an und brüllet | Und schreiet aus des maien reis.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
aller liehten owen gruͤnú ris, aller schoͤnen heiden zartú bluͤmlú.
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
1, 89
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
Ein fruhtber ris daz kummet vs dem lebenden paradyse des ewigen rises, das ist das lieht der gnaden gottes.
Schlosser, H. v. Sachsenh.
8
(
schwäb.
,
1455
):
mänig ast sin blüend riß | Naͮch allem wunsch erzöget haͮt.
Primisser, Suchenwirt (
oobd.
,
2. H. 14. Jh.
):
Jz ward nie nicht so lindes | Sam deiner [Maria] parmung reys.
Eis, Gottfr. Pelzb.
184, 21
(
öoobd.
,
E. 15. Jh.
):
vnd sneyt [...] der reyßer denn alßo vil, alßo du ir wilt stoßen in den pfropph stog.
Schottenloher, Flugschrr.
65, 3
(
Landshut
um 1523
):
Es soll geschehen, das geb gott bald, ee dy bauͤm wider reisen
(aus einer auf November datierten Flugschrift).
Schmitt, Ordo rerum
404, 3
;
Karsten, Md. Paraphr. Hiob ; ; ;
Neumann, Rothe. Keuschh.
5530
;
Kehrein, Kath. Gesangb. ;
Pyritz, Minneburg
4309
;
Vgl. ferner s. v. 4, .
2.
›Zweig, dünner Ast‹; im Zusammenhang mit der Thematik des Blühens, Fruchttragens offen zu 1; auch: ›Halm, Binse‹; für unterschiedliche Verwendungszwecke bearbeitet (in den Belegen nicht immer eindeutig identifizierbar) auch: ›Stab‹; ›Stange, Pfahl‹; ›Latte, Brett‹; ›(biegsame) Rute, Gerte‹; speziell, im Übergang zur Ütr.: ›Zuchtrute‹; kollektiv: ›Bündel aus Zweigen‹; ›Baumschnitt; Reisig‹; zur Verwendung als Rechtssymbol in verschiedenen Funktionen (z. B. als Weg-, Grenz- und Markierungszeichen sowie als Symbol für den Übergang eines Grundstücks an einen neuen Besitzer) vgl. mit weiteren Belegen.
Phraseme:
[ein Grundstück, eine Nutzfläche]
zu reis
(auch:
reisach
; s. d.)
ausgeben / lassen / legen / sagen / stiften
›deklarieren, dass ein Grundstück zum Verkauf steht bzw. an einen neuen Besitzer übergeben wird‹.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): 1, 1, 2, 1, 2, 1; 3, .
Syntagmen:
das r. abstreifen / aufsetzen / einhauen / fortstechen / füren / nemen, jm. bringen,
[wohin]
tragen, zum saubersten aufmachen, reiser zusammenbinden, an die beine der pferde binden
;
das r
. (Subj.)
wachsen, frucht bringen
;
j. holz auf ein r. hacken, sich auf ein r. setzen, jm. etw. mit dem r. aufgeben / überantworten / überreichen, jn. mit dem r. bessern / strafen, das kind mit dem r. streichen, das schaf mit dem r. locken, die leute mit dem r. bessern, mit dem r. den hunden weren, hütten von reisern machen
;
das r. der barmung
;
das abgeschnittene / dürre / grüne / harte / scharfe / strafende r
.;
die überflüssigkeit des reises
;
die hütte von reisern
.
Wortbildungen:
1
reisgeld
›Anzahlung bei einem Grundstückskauf‹ (der Besitzwechsel wird durch die Übergabe eines Halms symbolisch vollzogen),
reisgut
›Grundstück, das aus Gründen schlechter, unrentabler Bewirtschaftung als neu zu vergeben (bzw. zu verkaufen) deklariert wird bzw. zu diesem Zweck an den Grundherren zurückfällt‹,
reisgutrecht
›rechtliche Regelungen bei der Vergabe heimgefallener Grundstücke‹,
reisholz
,
1
reisig
(Adj.) ›aus Flechtwerk gemacht, bestehend‹ (dazu phras.:
reisiges gut
wie
reisgut
),
1
reiswerk
›Flechtwerk aus Binsen‹ (dazu bdv.: vgl. , 1).

Belegblock:

Mieder, Lehmann. Flor.
813, 23
(
Lübeck
1639
):
Viel Reißlein zusammen gebunden / mchen
[sic!]
ein starcken Besem.
Luther, WA (
1527
):
Er nennet yhn aber Zemah, das heist auff deudsch ein gewechs, gleich wie ein zweig, reis odder rute wechst.
Ebd. (
1535
/
6
):
Meister hans schuler, der sol poltern, schwerd nemen in ira, furore, non mansueto spiritu. Sic pedagogus harte, scharffe reiser.
Chron. Köln, Koelhoff
9v, 34
(
Köln
1499
):
dan Sij maechten hudden vã rijserẽ vñ van binzen.
Loersch, Weist. Boppard (
mosfrk.
,
1598
, Hs.
18. Jh.
):
sticht man das reiß
[hier als Markierungszeichen]
fort, welcher darüber schneidt, der wedt dem erbvogt vier pfennig.
v. Liliencron, Dür. Chron. Rothe (
thür.
,
1421
):
do hiess Allexander seyne ritter [...] die reiss an die beyne der pherde bynden, das sie dormete den stoup gemachten.
Lippert, UB Lübben
2, 252a, 7
(
osächs.
,
1528
):
sontag Letare [...] hat Wentzell Zeigeler ein hauß, ßo Hans Toppers gewest, vom rat vor 12 swertsch. gekauff(t) und darauff zu reißgelde 1 sch. gegeben.
Schnelbögl, Salb. Karls IV.
131, 28
(
nobd.
,
1366
/
8
):
Die smide sullen hawen wipfel und ligents holz, dürres reysholz, daz nicht pan hat.
Gille u. a., M. Beheim
50, 45
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
O maget weisz, | du pist daz reisz, | daz Joseph truge | Den thempel eÿn
(hier bezogen auf einen Holzstab, den Joseph dem apokryphen Jakobus-Evangelium zufolge bei seiner Werbung um Maria in den Tempel bringt und der plötzlich zu blühen beginnt).
Ebd.
262, 27
:
her Aron wundert ach, do im ain durres reiss pracht frucht.
Ebd.
441, 23
:
du pist bezaichent pei der tauben, die das reise | der barmung braht, | als Noe het erdaht, | da er sie auss der archen jaht.
Bell, G. Hager
652, 6, 5
(
nobd.
,
1616
):
Sie [Tartel Teüblein] seczt sich [...] | auff keinen grünen ast; | Nur auff ein dieres Reise.
Sachs (
Nürnb.
1559
):
Beritola lauft aus der hölen, wehret mit eim reiß vor den hunden.
Thiele, Minner. II,
13, 10
(Hs. ˹
nalem.
/
sfrk.
,
1470
/
90
˺):
[Mang jeger] kent doch nit die rysser, | hoch abgestreiffet dort uß hirses ban, | die doch ein ieglich jeger soll erkennen.
Müller, Grafsch. Hohenb.
2, 248, 19
(
schwäb.
,
1449
/
50
):
8 ₰ aim karren ain tag riss zu fürnd.
Sappler, H. Kaufringer
26, 90
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
leiden ist ain strafendes reis: | es kestigt den leib hie mit puoss, | der doch darnach faulen muoss.
Löffler, Columella/Österreicher (
schwäb.
,
1491
):
man múß ain risigen zun dar zwischen legen.
Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
man spricht, was nit sein soll, das schickt sich nit und straift aim ain reis ab
(sprichwörtlich: ›Was nicht sein soll, das vermag ein kleiner Zweig abzustreifen‹).
Bauer u. a., Kunstk. Rud.
428
(
oobd.
,
1607
/
11
):
korbladen vonn geflochtnem reißwerkh.
Niewöhner, Teichner
109, 63
(
moobd.
,
1360
/
70
):
wer daz nicht geleiden mag | daz ein chind wainens phlag, | ob ers streich mit einem reis | umb sein unbericht weis.
Ebd.
224, 28
:
ein man der mit einem reis | sein lauͤt pezzern muez.
Uhlirz, Qu. Wien (
moobd.
,
1469
):
[dass die Weingärten]
all und jeglich gancz in urpau und öd legen und reisigs gut weren [...].
Ebd. , 46 (
1481
):
Die clagerin bestimb [...] solh weingarten, was der die antwurterin zu reis und öd gelegt.
Winter, Nöst. Weist. (
moobd.
,
1564
):
wer dem pergherrn sein pergrecht und gerechtigkait nit gibt [...], darauf sol der pergmaister seine pergenossen besprechen vor offnem recht, das es reißguet sei; so ist der grund dem pergherrn verfallen für sein perkrecht, als pergs und reißguet recht ist in dem land zu Österreich.
Ebd. (
1446
):
ob ainem pergmaister ain weingarten zu reis gesagt wurde und sich der pergmaister des weingarten underzuͤg ôn des gruntherren willen und wissen, der [...].
Rechn. Hermannst. (
siebenb.
,
2. H. 14. Jh.
):
dy riser und blankon gefurt haben und czu der muren haben gearbeyt.
Lippert, a. a. O.
211b
, 33;
256a
, 2;
283b
, 30;
Loersch, a. a. O. ;
Gehring, Würt. Ländl. Rechtsqu.
3, 535, 42
;
Spechtler, Mönch v. Salzb.
36, 94
;
Uhlirz, a. a. O. ;
Mell u. a., Steir. Taid. ;
Vgl. ferner s. v. , , 3, (V.) 6.
3.
›Gebüsch, Gestrüpp‹; ›Unterholz, dichtes Niederholz‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl. 2, 1, (
die
) 3, 2.
Wortbildungen:
reisgejaid
1 ›Jagd auf Niederwild‹; 2 metonymisch: ›(jagdbares) Niederwild‹; 3 ›Niederjagd, Jagdgelände (einschließlich der Jagdrechte)‹ (dazu bdv.: ),
reisjäger
1 ›Pächter einer Niederjagd‹; 2 ›Wilderer‹ (dazu bdv.: vgl. ).

Belegblock:

Peil, Rollenhagen. Froschm.
627, 3814
(
Magdeb.
1608
):
Da lebt vnd bebt das gantze Land / | Das auch die Vogel / so vngefehr / | [...] | Dafuͤr sich entsatzten dermassen / | Das sie jhr Reiß musten verlassen.
Goedeke, Fischart. Flöh Haz
3205
(
Straßb.
1594
):
Er hat mich oft wol mehr erschreckt, | Als wann ich sach ain wolf im reiser
(hier wohl als Kollektivum aufgefasst).
Primisser, Suchenwirt (
oobd.
,
2. H. 14. Jh.
):
Do slaich ich in des hages reys | Hin tzuͦ, daz mich do niemand sach.
Winter, Nöst. Weist. (
moobd.
,
E. 15. Jh.
):
begreuft man aber ein
[jemanden, der wildert bzw. ohne Erlaubnis jagt],
so mus er dem reisjeger den varst ausrichten und mus darnach mit dem hern abdingen umb das wandel.
Ebd. (
1541
):
Wiltpan und reißgejait gehören der herrschaft Stainaprun soweit die gehülz und gemerk dises orts gehen.
Mell u. a., Steir. Taid. (
m/soobd.
,
15.
/
16. Jh.
):
Alle reißgejaid als wild, huener, vögel, hassn, fux, aichorn, mader [...] bei schwarer straf verpoten sein.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
1478
, Hs.
16. Jh.
):
wirdt er dann in mißhandlung verrer begriffen, so soll er alsdann am leib und nit an guet gestrafft werden, als di raiszjeger, von den bisher alle jar wandl genamen werden, dardurch si dann in irer ubltath und miszhandlungen beliben sein.
4.
›in stehenden Gewässern versenkter, mit Pfählen markierter Reisighaufen, der Fischen Unterschlupf gewährt‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl.
1
9, 1.

Belegblock:

Schweiz. Id. (a. 
1552
).