reie
,
1
reige,
der
;
-n/-n
;
gelegentlich verkürzt zu
rei
,
rey
;
zu
mhd.
reie, reige
›Reigen, Frühlings- oder Sommertanz‹
().
1.
›fröhlicher (Rund)tanz, bei dem man sich singend begleitet‹; bildlich im Übergang zur Ütr.: ›Aufruhr, Kampf, Tumult‹; metonymisch: ›Formation von Tanzenden‹; generalisierend: ›Gemeinschaft, Gruppe von Personen, deren Zusammenhalt unterschiedlich begründet ist‹.
Phraseme:
an den reien müssen
›sich einer unangenehmen Sache nicht entziehen können‹ (speziell als Metapher für das Sterben; vgl. f. mit weiteren Belegen);
den reien ganz machen
›zum Zug kommen‹;
js. reien springen / tanzen (müssen)
›nach js. Pfeife tanzen (müssen); jm. gehorchen‹;
js. reien fürchten
›den Kampf mit jm. scheuen‹;
zu dem reien genötet werden
›zum Kampf gezwungen werden‹;
am lezten reien tanzen
›der Letzte bei e. S. sein‹;
nach den alten reien springen
›Neuem gegenüber nicht aufgeschlossen sein‹.
Bedeutungsverwandte:
, , 1,
2
, ; zur Ütr.: vgl. , 3, , 3; 4,
2
.
Syntagmen
(teils ansatzweise phrasematisiert):
j. den reien anfahen / aufmachen / füren / haben / lernen / springen / tanzen / verderben, ganz machen, im gras halten, in der stube tun, um das goldene kalb anstellen, mit Christus den reien füren / treten, jm. einen reien geben
;
der r. js. sein, jm. verdries tun
;
etw
. (Subj.)
ein r. sein
;
j. an den reien gehören, der blasebalg
(Subj.)
an den reien läuten, j. an dem reien gehen / singen, den tanz an dem reien füren, sich an dem reien verhändeln, j. in einem reien tanzen, mit reien umschwenzen, freude / kurzweil mit einem reien haben, von reien viel freuden pflegen; der bestalte
›organisierte‹
/ fröliche / kluge / schöne / singende / zünftige r
.;
die schar des reien
.
Wortbildungen:
reienlied
›Tanzlied‹ (dazu bdv.: vgl. , 2),
reientanz
(dazu bdv.: vgl. ),
reitag
›Festtag, an dem öffentlich getanzt werden darf‹.

Belegblock:

Chron. Magdeb. (
nrddt.
,
1524
):
Dornach sind sie wider in das Paulercloster gelawffen, doselbst dy bilde von den altarien [...] abegerissen [...], vorsehen uns auch, das es ein bestalter reyen gewest seyn soll.
Luther, WA (
1544
):
Troͤste dich aber des, das du auch mit an den Reien gehörest dere, so in gemeinschafft des leidens mit dir gewest.
Ebd. (
1527
):
Wolan, pfeiff auff vnd verderbe den reygen nicht.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
464, 6294
(
Magdeb.
1608
):
Sie
[Frösche]
koͤnnen sich auch nicht verzeihen / | Das sie im Graß nicht hielten reyen.
Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
7738
(
rib.
,
1444
):
Dis blaesbalch deit luden an den reyen.
Opel, Spittendorf (
osächs.
,
um 1480
):
Sie wurden alle auss der pfarre vor den rath geheischet; [...] der reyen thate dem volcke verdriss.
Gille u. a., M. Beheim
23, 51
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
in dem meÿ, | [...] | mit singen furt man manchen clugen reÿ.
Sachs (
Nürnb.
1557
):
Die weiber uns entgegen giengen | Mit harpffen, paucken, thetten singen | An dem rheyen.
Ebd. (
1563
):
trieben aller kürtzweyl viel, | [...] | Etlich hetten reyen und täntz.
Ebd. (
1553
):
Wil gehn am marckt, nach einer [frawen] schawen, | Ob ich den reyen möcht machen gantz, | Villeicht geredt mir noch ein schantz.
Banz, Christus u. d. minn. Seele
1803
(
alem.
,
1. H. 15. Jh.
):
Christus sprach: | Tü von dir venien und betten, | Du müst mit mir den raygen tretten.
Goedeke, P. Gengenb. (o. O.
1516
):
Thuͦn ich vergifften iung vnd alt | Münch, pfaffen vnd auch leyen, | Das sie all springen minen reyen.
Enders, Eberlin (
Basel
1521
):
eben als het er ein geding mit got durch den ablaß gemacht [...], das er vff ein news mag anfahen den vorigen raien.
Schaer, Pyr.-Thisbe-Sp. II, (
Basel
1616
):
Tysbe, die muss an diesen Reyen | Will sie mit grossem Leyd erfrewen.
Ebd. III, (
osächs.
,
1607
):
Stimmet euer Instrument zu Sammen | unnd macht auff einen frölichen Rëyen.
V. Anshelm. Berner Chron. (
halem.
,
n. 1529
):
Costentz [...] | [...] | Bin Eidgnossen dorst nit bliben im veld, | Du forchtest iren reien.
Maaler (
Zürich
1561
):
Der Reigentanz / Daͤntz in ringsweyß wenn man darzuͦ singt.
Bächtold, N. Manuel. Zugabe H. R. Manuel
378, 9
(
Bern
1557
):
Es ist ietz leider darzuͦ kon, | dass fast die ganz tütsch nation | muͦss danzen iren reien.
Müller, Nördl. Stadtr. (
schwäb.
,
1510
):
kain junger gesell soll kain frawenbild zu hochzeit oder raytagen zum wein fürn.
Ebd. (
1467
):
gebieten darumb den selben jungen ledigen gesellen [...] das die an dem tantz nit fraͤvelich schrien [...], auch ir dehainer deß der ray ist, us dem tantz faren, sonder beschaidenlich nach ain ander tantzen.
Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
Gemanet mich vast daran, als [...] graf Gotfridt [...] im ussern schlosshof [...] den jungen leuten zuliess den raien zu springen.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, zu
1560
):
Auf sontag [...] hat ain e. rat [...] verpieten lassen die abendtäntz, raienlieder [...] und alles spil.
Ebd. Anm. 2 (zu
1563
):
nach dem essen haben sie ain klains dentzlin gethon, gar wenig raien, in der stuben.
Klein, Oswald
13, 5
(
oobd.
,
1416
):
Wer ist, die vor an dem raien fürt den tanz | [...]?
Ebd.
100, 5
(
vor 1408
?):
wolgezierter mai, | dein süss geschrai | pringt freuden mangerlai, | besunderlich wo zwai | an ainem schönem rai | sich mütiklich verhendelt hän.
Niewöhner, Teichner
335, 82
(
moobd.
,
1360
/
70
):
,recht wie ich den menschen vind, | also richt ich fuͤr sich dar.‘ | stirbt er an dez raien schar, | so vint in got in uͤber muͤt.
Turmair (
moobd.
,
1522
/
33
):
muesten die leut allerlai tänz und lieder lernen, den drotter, fierltanz und raien.
Joachim, Marienb. Tresslerb. ;
Opitz. Poeterey
10, 17
;
Froning, Alsf. Passionssp. ;
Adomatis u. a., J. Murer. Hest.
845
;
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
166, 1
;
Voc. Teut.-Lat.
aa vijr
;
2.
›Tanzlied‹; auch allgemein: ›fröhliches Lied, Gesang‹; metonymisch zu 1.
Phraseme:
js. reien singen
›nach js. Pfeife tanzen‹.
Bedeutungsverwandte:
,
2
1; vgl. , , 2.
Syntagmen:
den reien aufmachen / pfeifen / singen / vorsingen, auf dem seitenspiel machen
;
der geistliche / himmelische / neue / vielstimmige r
.,
der beste r. in der welt
.

Belegblock:

Luther, WA (
1524
/
7
):
Diese Miriam, Moses schwester [...] singet dem Herrn auch ein dancklied mit paucken und Reigen zur danckbarkeit.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
48, 137
(
Magdeb.
1608
):
Singn auch jhr vielstimmige Reyen / | Jn Pfeiffen / Zithern / Lauten / Geygen / | Fein kunstreich nach der Musen arth.
Wyss, Limb. Chron. (
mfrk.
, Hs.
2. H. 16. Jh.
):
ein monich von den barfußen orden [...] machte di beste lide unde reien in der wernde von gedichte unde von melodien.
v. Keller, Ayrer. Dramen (
Nürnb.
1610
/
8
):
Sie gehn zu dem Altar, Singen ein lied gegen einander oder einen Reyen.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
die himelschar vieng an ze singen einen himelschen reyen.
ir himelschú seitenspil, leichent úch, machent uff einen nuwen reyen.
Vetter, Schw. zu Töß (
halem.
, Hs.
15. Jh.
):
ein jünger himelischer knab [...] hat [...] ein süsses seittenspil in seiner hant [...], und do machet er auf ein geistlichen reien.
Sappler, H. Kaufringer
26, 144
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
wer hie mit leiden wirt gepeint, | des stimm in ewigkait erclingt, | ainen neuwen raien er vorsingt.
Peil, a. a. O.
664, 4952
;
Vgl. ferner s. v. 2.