recken,
V.;
teils mit Rückumlaut.
1.
›etw. (meist: ein Körperteil, z. B. die Hände, den Kopf) in eine Richtung, auf jn. / etw. zubewegen, erheben, strecken, halten‹; ütr. auf meist abstrakte Bezugsgrößen (z. B.
barmherzigkeit
): ›jm. etw. darbieten, darreichen, geben‹; vereinzelt intrans.: ›in eine Richtung ragen; emporragen, hervorragen‹.
Phraseme:
die oren recken
›aufmerksam sein; aufmerksam zuhören‹;
jm. (hilflich) die hand recken
›jm. zu Hilfe kommen‹.
Bedeutungsverwandte:
(V.) 1,  16,
1
 3; vgl.  1,  23.
Syntagmen:
j. etw
. [wohin] (z. B.
einen bissen brotes aus dem kloster, den arm von sich, die hände gegen jn., die zunge in den mund, die hand nach dem schaz, drei finger über sich, die hand zu der gabe
)
r., jm. die hand r., got
(Subj.)
jm. barmherzigkeit / gnade r
.;
der löffelstiel
(Subj.)
aus dem busen r
.;
die hare zu berge gerecket stehen
.

Belegblock:

Luther, WA (
1544
):
Das ist nun das trefflich edel und troͤstlichste stuͤck, da wir unsere ohren recken und unsere hertzen weyt auff thun solten.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
115, 2235
(
Magdeb.
1608
):
Die Trabanten waren gar schnell / | Zu hoͤren des Koͤnigs befehl / | Reckten auch die Koͤpff zu der steth / | Zusehn was er geschrieben hett.
Buch Weinsb. (
rib.
,
um 1560
):
Man wolt uns auch keinen drunk ader bissen broitz uis dem cloister recken.
Tiemann, E. v. Nassau-S. Kgn. Sibille
119, 33
(
rhfrk.
,
um 1435
):
Syn [getwerch] hare stünt zü berge gerecket / als eyns swynes bürsten.
Sachs (
Nürnb.
1563
):
[Der gute mann] rücket fein heimlich subtil | Den seinen silbren löffelstil, | Daß er frey auß seim busen recket.
Sappler, H. Kaufringer
13, 349
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
wenn si ew dann in den mund | ir zungen reckt, sa zestund | sült ir die zungen beissen auß | behendiclich aun allen grauß.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
als nun derselb brief verlesen ward [...], da rackten etlich zunftmaister die oren und was in laid, daß [...].
Jaksche, Gundacker (
oobd.
, Hs.
1. H. 14. Jh.
):
nu tuͤ mir, herre, ouch also | unt rek mir helflichen din hant | unt tuͤ mir din helfe bechant.
si [die juden] spoten sein [Jesus] manigen ende, | si rakten gegen im die hende.
Langmantel, Schiltb. Reiseb. (
oobd.
,
n. 1427
):
reckt im
[dem vor ihm knienden Gesandten]
dann der chönig die handt, so get er im hin und chüst im die handt und dornach richt er sein potschafft aus.
Weber, Füetrer. Poyt.
282, 3
(
moobd.
,
1478
/
84
):
seinen arm von im rackt er [ris] | vnnd wollt ergriffen han den ritter küen.
Leidinger, V. Arnpeck (
moobd.
,
v. 1495
):
oft im
[dem Herzog]
ain paur oder arm man nur ainen pehamisch gab, den nam er und recket in albeg di hand, dann er das gelt uber di mass lieb hett.
Reithmeier, B. v. Chiemsee (
München
1528
):
Ains ist das er [got] sein parmhertzikait reckt dem vngerechten menschen.
Jerouschek, Nürnb. Hexenh.
5r, 34
;
Steer, Schol. Gnadenl. 3, M
1
,
141
;
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. ;
Niewöhner, Teichner
564, 1419
;
Reithmeier, a. a. O. ;
2.
›etw. / jn. / sich (physisch) dehnen, strecken‹; ›etw. (in eine Richtung, in die Weite) ausbreiten, ausdehnen‹; ›etw. / jn. in die Länge ziehen‹; refl.: ›sich erstrecken‹ (dies vereinzelt temporal); von abstrakten Bezugsgrößen (z. B.
mut
) speziell: ›größer werden, wachsen‹.
Bedeutungsverwandte:
 1,  1; vgl. ,  8,  13,  1.
Wortbildungen:
recke
(
die
) ›Erstreckung, Ausdehnung‹ (ein Leinwandmaß, s. ).

Belegblock:

Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. (
preuß.
,
um 1330
/
40
):
[got] iz alsô vûgete, | daz dit dinc sich rûgete, | und den rât
[hier: ›Verrat‹]
intdakte, | darûf ir
[der
brûdre
]
mût sich rakte.
Luther, WA (
1538
):
Also
[wie
eine Schweins blasen
]
mus er [der Heilige geist] auch unser alte haut wol durch saltzen und plagen, das wir umb huͤlff schreien und ruffen und also recken und dehnen beide, [...] das wir doch also hinan komen und solch hertz und mut, freude und trost von seiner Aufferstehung erlangen moͤgen.
Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
7992
(
rib.
,
1444
):
Dis mantel, da ich [Hoverdie] mit byn getziert, | As du wals sijs, ind gepariert, | Is gemacht vur langer recken | Umb myne unvlait zo bedecken.
Strauch, Par. anime int.
89, 14
(
thür.
,
14. Jh.
):
min vigint ist mir verre, und sal min minne da hine rêchin, so muiz si sich denin und streckin und reckin.
v. Tscharner, Md. Marco Polo
25, 31
(
osächs.
,
2. H. 14. Jh.
):
Dy stat dy hot ouch vil breyter strozen und wol geschickit glich eyme vadime gereckit.
Ermisch, Sächs. Bergr. (
osächs.
, Hs.
15. Jh.
):
Derselbe nuͤfenger hat das recht e der maße, das er syne sale recken mag also lang, als syn lehen ist.
Baptist-Hlawatsch, U. v. Pottenst.
114
(
moobd.
,
A. 15. Jh.
):
Wann er [got] rekchet seinen gewalt in allew czeit vnd an alle stet nach seinem willen.
Ebd.
329
:
Beda vber Genesim [...] spricht: ,Es was czimleich daz sich der tag mit dem liecht aneuieng vnd sich rekchet hincz in die frü des nachkomunden tages [...]‘.
Wackernell, Adt. Passionssp. Br. II,
2503
(
tir.
,
1551
):
Reckh im sein arm von dem pachen
[›Schulter‹]
, | Das im all seine Adern krachen.
3.
›jn. durch Strecken, Überdehnen des Körpers (z. B. auf der
rekbank
) foltern, peinigen‹; allgemein: ›jn. foltern, peinlich befragen‹; anschließbar an 2.
Bedeutungsverwandte:
,  57,  2, ,  2; vgl.  2.
Wortbildungen:
˹
reckebank
,
rekbank
˺ ›Streckbank, Folterbank‹.

Belegblock:

Luther, WA (
1527
):
Wil einer nicht antworten, so strecken und recken sie yhnen.
Froning, Alsf. Passionssp. (
ohess.
,
1501 ff.
):
an hende und an fuß byndet em strenge | und recket en nach des cruczes lenge | byß an der locher zeychen.
Ulner (
Frankf.
1577
):
Man soll die jenigen / so vnter viertzehen Jaren alt seyn / nicht recken noch peinlich fragen.
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim. (
Frankf./M.
1649
):
Ob dann gleich der Beklagte seine Gesellen ohne Folter [...] Anzeigen wolte / so hilfft doch selbiges nicht / sondern er muß von newen auff die Reckebanck.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. (
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
[sye] haben darauf gemacht ain reckpannck, darauf sy zwen officir seiner gnaden gereckt und gepeinigt haben.
Vgl. ferner s. v.  2.