1
rechnen,
3
rechen,
V.
1.
›rechnen, zählen‹ (als erlernbare Fähigkeit, Gegenstand des Elementarunterrichts, oft im Orientierungsfeld mit 3 und , V., 1); auch subst.: ›Rechenkunst‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl. , II, 1.
Wortbildungen:
˹
rechenbank
,
rechentafel
,
rechentisch
˺ ›Abacus, Rechenbrett‹ (dazu bdv.: 5; vgl. 1),
rechenschule
.

Belegblock:

Ziesemer, Gr. Ämterb.
711, 34
(
preuß.
,
1416
):
3 kasten und eyn rechentisch yn seyme gemache.
Chron. Nürnb. (
nobd.
,
E. 15.
/
A. 16. Jh.
):
was ein junger pei 16 jarn, lernt hie rechen: [...].
Voc. Teut.-Lat.
aa vjr
(
Nürnb.
1482
):
Rechentafel richimachia.
Sachs (
Nürnb.
1534
):
wann sind all künst erlesen | So klar und scharpff am tag gewesen, | Singen, sprechen, astronomey, | Rechnen, messen und poetrey, | Allerley sprach nach rechter art?
Dasypodius (
Straßb.
1536
):
Abacus [...] rechen banck.
rechenschul / f. Eschole dʼArithmetique.
Nyberg, Birgittenkl.
2, 214, 50
(
um 1522
):
sy ist auch ein pfeningerin geweßen, kund auß der maßen wol rechnen vnd schreiben.
Kohler, Ickelsamer. Gram. (wohl ˹
Augsb.
1. Dr. 16. Jh.
˺):
es ist ser vnrecht, das die teütschen Schulmaister nit mehr [...] thun woͤllen, dann ainen jungen lesen, schreiben, vnd rechen leren.
Henisch (
Augsb.
1616
):
Es wirt keiner arm / on der nicht rechnen kan.
2.
›etw. zusammenzählen, berechnen, ausrechnen‹; ›den Wert von etw. ermitteln‹; dazu speziell auch: ›das Umrechnungsverhältnis zwischen unterschiedlichen Währungen, Münzeinheiten ermitteln‹; ›etw. (nach einem Prinzip, auf einer bestimmten Berechnungsgrundlage) zählen, zusammenzählen‹; ›etw. überschlagen, schätzen, veranschlagen‹; vereinzelt: ›etw. aufteilen, einteilen‹.
Phraseme:
etw. an den fingern rechnen
›etw. an den Fingern abzählen‹.
Syntagmen:
j. etw
. (z. B.
das tara, die zerung, fische / personen, x tagreisen
)
r
.,
x mark zu x schilling r., etw. nach etw., von stunde zu stunde r
.;
j. r., was [...], wie [...], wieviel [...]
.
Wortbildungen:
rechenei
›Rechnungsstelle‹,
˹
rechenherre
,
rechenrat
˺ ›für die Finanzverwaltung zuständiges Ratsmitglied, Beamter‹ (dazu bdv.: 1, 1; vgl. ),
rechenlade
›Kasse (einer Zunft)‹ (dazu bdv.: vgl. ).

Belegblock:

Joachim, Marienb. Tresslerb. (
preuß.
,
1408
):
119½ m. an artingen, dy von Gotland qwomen, yo 2 artinge vor 1 sch. gerechent.
Luther, WA (
1527
):
Wenn wir die personen rechnen in disem Ewangelio, so finden wir zway und viertzig gelider.
Ebd. (
1544
):
Man zele und rechne es an der fingern, [...], was die dazu geben und thun, so des Euangelij geniessen.
Ders. Hl. Schrifft., 1. Makk.
7, 43
Marg. (
Wittenb.
1545
):
(ADAR) Jst der monat Februarius / nach dem Mond gerechnet.
Loesch, Kölner Zunfturk. (
rib.
,
15. Jh.
):
de boissen [...], de sall man in ein buis werfen [...]. Und wat dan da inkomen ist, dat sullen de meister zo allen halven jairen rechenen.
Brinkmann, Bad. Weist. (
rhfrk.
,
1581
):
Dem ernvesten hoch- und wolgeachten der churfürstlichen Pfalz herrn cammermeistern und andern verordneten rechenräten
(Anrede).
Köbler, Ref. Wormbs
218, 6
(
Worms
1499
):
ein yeder Erbfall soll [...] in zwoͤlff [...] teil gerechent werden.
Schmidt, Frankf. Zunfturk.
1, 285, 35
(
hess.
,
1531
):
wo einicher maister diesser zunfft den rechenmaistern in die rechenlade schuldig were.
Ebd.
2, 221, 26
(
A. 16. Jh.
):
solches [...] jehrlichs uff Walpurgis sampt einer richtigen rechnung uff die recheney geliffert.
Ralegh. America (
Frankf.
1599
):
Von hinnen biß an den Fluß Caroli, rechnete man acht Tagrheysen.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
18, 10
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
Wir sahen dich die sterne zelen, des meres grieß und sein fische rechenen, die regentropfen reiten.
Ries, Rechenb.
E 6r, 10
(
Erfurt
1522
):
rechenn zum ersten wie theur [...] ein pfundt koͤmet.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Lk. (
osächs.
,
1343
):
wer ist undir ûch ein mensche der einen torm wolde bûwin, wie sitzet her niht von êrst nider und rechent
[
Mentel
1466:
acht
;
Luther
1545:
vberschleget
]
di zcerunge di sîn nôtturft sint.
Ermisch, Sächs. Bergr. (
osächs.
,
1479
):
es mocht auch ein sache so groz sein, die er nicht gesparn kont biß uff die [...] zcukunfft der rechenhern.
Mon. Boica, NF.
2, 1, 52, 22
(
nobd.
,
1464
):
nach dieszer myner rechanung der moͤnz ist all moͤnz zwͤ handeln und zwͤ rechen nach der alten moͤnz.
Rupprich, Dürer (
nobd.
,
1506
):
Vnd als mir gut frewnt den rÿng gerechnett haben, so kumt der stein nit vill höher den vm 19. fl. rheinsch.
Baumann, Bauernkr. Rotenb. (
nobd.
,
n. 1525
):
alle burger [...] uff hewt zu siben urn, nach der clain hor zu rechen, uff den markt alhie zu erscheinen [...] gebotten worden ist.
Memminger Chron. (
Ulm
1660
):
Es werden aber vor einen Bazen nur 14. pf. gerechnet.
Ziesemer, Marienb. Konventsb.
194, 16
;
Loesch, a. a. O. ;
Ries, a. a. O.
E 3v, 6
;
Vogel, Pract. Alg. Ratisb.
265, 22
;
Gehring, Würt. Ländl. Rechtsqu.
3, 701, 4
;
Rot
359
;
Rwb  f.;
3.
›(mit jm.) abrechnen, sich mit jm. über Schulden bzw. Forderungen verständigen, einen bestimmten Betrag in Verhandlung mit jm. festsetzen‹.
Gehäuft Rechts- und Wirtschaftstexte.
Bedeutungsverwandte:
1; vgl.
2
1, II, 2.
Wortbildungen:
rechenmas
›bei der Abrechnung zu zahlender Zusatzbetrag, Trinkgeld‹,
rechenwein
›Wein, der anlässlich des Rechnungsabschlusses ausgeschenkt wird‹ (dazu bdv.: vgl. ),
rechner
›Buchhalter‹ (dazu bdv.: 1).

Belegblock:

Küther, UB Frauensee
234, 23
(
thür.
,
1469
):
Anno Domini M CCCC LXIX [...] han ich [...] gerechet mit Apel dem hoffman [...] unde das closter bliebet eme schuldig 24 schog gr. vor hauwe unde vor pferde.
Wutke, Schles. Bergb., Cod. Sil. (
schles.
,
1537
):
dieselben aufnemer [...] rechen ire sambcost auch nicht im ambthaus.
Lexer, Tucher. Baumeisterb. (
nürnb.
,
1464
/
75
):
wenn der stat paumeister mit dem walthawer rechen will, so soll der werckmeister darob sein.
lade [...] meister Ekarius, Hannsen Ruprecht, [...] sag ine, das ich der stat rechnung gethan hab und geb ine do ein rechenwein.
Dietrich. Summaria
25v, 30
(
Nürnb.
1578
):
Das Himelreich ist gleich einem Koͤnige / der mit seinen Knechten rechnen wolt.
Roder, Stadtr. Villingen (
önalem.
,
1371
):
Wir setzen ouch daz [...] niemant kain rechen mǎss me geben sol.
Rennefahrt, Zivilr. Bern (
halem.
,
1502
):
das deßhalb zuͦ jedem handel [...] zwen erber man verordnet, [...] die selben gewalt [...] haben, uͥber die schuld und buͤcher zuͦ sitzen, mit erbern luͥtten zuͦ rechnen.
Maaler (
Zürich
1561
):
Raͤchner / Raͤchenmeister / Der rechnung machet vnd stelt.
Drescher, Hartlieb. Caes. (
moobd.
,
1456
/
67
):
Herr, dyser knecht gett nit treülich [...] mit ewren dingen umb, wir raten das ir mit im rechett.
Cirullies, Rechtsterm. Anh.
1981, 270
.
4.
›etw. (in eine Summe, einen Betrag) einrechnen, jn. (zu einer Gruppe) dazuzählen‹; auch: ›jn. / etw. einer je spezifisch definierten Kategorie, Gruppe zuordnen‹; gehäuft im Passiv belegt.
Gehäuft md.
Bedeutungsverwandte:
; vgl. (V.) 3, 5, 8.

Belegblock:

Chron. Magdeb. (
nrddt.
, Hs.
E. 16.
/
A. 17. Jh.
):
kynder, die unter acht Jaren sein, ßollen nicht gerechent werden.
Luther, WA (
1544
):
Er heisse Stenckefeld, Zwingel oder wie er wolle, Denn ich rechen sie alle in einen kuchen.
Köbler, Ref. Wormbs
214, 19
(
Worms
1499
):
zele [...] von dem ein Enckel biss zum Vranhern das ist der gemein Stamm vnnd vff der andern syten wider herab vff das ander Enckel den gemeinen Stamm nit gerechnet.
Ralegh. America (
Frankf.
1599
):
Reyno de Granada [...] vnder die groͤßte Fluͤß der Welt wirt gerechnet.
Neumann, Rothe. Keuschh.
1279
(
thür.
,
1. H. 15. Jh.
):
di ir blut han vorgossen | [...] | das sy danne auch offenbare | werden gerechet an der merteler schare.
Kisch, Leipz. Schöffenspr. (
osächs.
,
um 1524
):
ime sulch gelt, dhweil sie ime das nicht ablegen, zu verzinsen, und auch, das sie die ablegung mit IV ß. gr., die zins darinne gerechent, alleweg tun sollen.
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Bautzen
1567
):
Zum Creutz bistu vorurteilt gar, | Gerechnet zu der buben schar.
Opitz. Poeterey
54, 28
(
Breslau
1624
):
so gaben auch die / welche in der zahl der Poeten wolten gerechnet werden / jhre getichte anderen Poeten zue vbersehen.
Chron. Nürnb. (
nobd.
,
15. Jh.
):
wie wol wir kien, slaissen [...] und solch klain ding nit rechen.
5.
›jm. etw. berechnen‹; ›jm. etw. (positiv oder negativ) anrechnen, als Soll in Rechnung stellen bzw. gutschreiben‹; speziell: ›jm. (nach dem Tod) ein Werk als gute oder sündhafte Tat anrechnen‹ (von Gott gesagt).
Rechts- und Wirtschaftstexte.
Syntagmen:
j. etw
. (z. B.
die missetat, kosten, hab und güter
)
r., got
(Subj.)
etw. r., j. jm. etw. r., jm. etw. an die hauptsumme r., jm. x pfenning / schilling für etw., x heller ze lützel r
.;
j. r., das [...], wie [...]
;
js. tränen
(Subj.)
für got gerechnet, etw
. (Subj.)
von got zu einer pein gerechnet werden
;
jm. mer / minder, zu viel r
.

Belegblock:

Luther, WA (
1535
):
Gott [...] rechne auch, was man guts thue bey dem leben.
Ebd. (
1549
):
Das er gewis sey [...], seine Threne seien fur Gott alle gezelet vnd gerechnet.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
494, 7202
(
Magdeb.
1608
):
GOtt aber er sonderlich batt / | Er wolt nicht rechnen Missethat / | Jhm diese Thorheit nicht zumessen.
Werbow, M. v. Amberg. Gew.
668
(
omd.
/
oobd.
,
v. 1382
):
Alz oft und sie denn sundet, alz oft wirt ez ym von got gerechent zw einen besundern pein.
Euling, Kl. mhd. Erz. (
nobd.
,
E. 15. Jh.
):
Sih, liebe sel, also wil | Maria [...] | [...] | dein zeher arbait rechen, | und wirt die Jhesu legen fur.
Rennefahrt, Stadtr. Bern (
halem.
,
1353
):
von des selben angriffes wegen sullen wir inen noch si uͥns dekeinen kosten rechnen.
Köbler, Stattr. Fryburg (
Basel
1520
):
alle die nutz vnd frücht [...] die sol er dem schuldner an die houptsum rechnen.
Koller, Ref. Siegmunds (Hs. ˹
Augsb.
,
um 1440
˺):
da sol man im [...] für alle dinck ain pfennig rechen.
Schmidt, Frankf. Zunfturk.
1, 241, 30
;
Köbler, a. a. O. ;
Cirullies, Rechtsterm. Anh.
1981, 269
.
6.
›etw. (einen Sachverhalt, Zusammenhang) auf der Basis einzelner Gegebenheiten, Beobachtungen erschließen, mit dem Verstand erfassen; etw. ermessen, sich denken können‹; als Ütr. zu 2 auffassbar.
Phraseme:
leichtlich zu rechnen sein
›auf der Hand liegen‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl. (V.) 4, (V.) 6, 4,
2
3, (V.) 3; 5, 1, (V.) 1, 6.

Belegblock:

Luther, WA (
1531
):
Das aber wedder unser vleissig gebet [...] noch unser trew vermanung an sie etwas geholffen hat, ist leichtlich zu rechen, was es bedeut, nemlich, das sie Gott [...] nicht werd hellt.
Ebd.
335, 3
(
1531
):
Was nu gutes solt jm gantzen Edict von solchen teuffels dienern [...] gestellet sein, ist gut zu rechen.
Ebd. (
1547
):
Denn weil ein solcher Tod muste fur unser suͤnde geschehen, [...], Jst gut zu rechnen, Das entweder unser Verdienst nichts [...] ist, Oder Christus tod vnd Aufferstehung ist kein nuͤtz.
Bell, G. Hager
629, 4, 4
(
nobd.
,
1598
):
was sie
[die verstorbene Ehefrau]
gelitten Hat für schmercz, | kan ein jedes wol rechen.
Goldammer, Paracelsus
3, 278, 12
(
1530
):
Gott hat im alten testament durch bildwerk vil bedeutung [...]. dergleichen solcher stuck mehr, welche alle abgöttisch mehr dann göttisch gerechnet sollen werden.
Rieder, St. Georg. Pred. (Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
Nu merche den bluͦmen siner scho
v
nhait. sin scho
v
ni diu ist unmœzsich ze sprechinne und untaillich ze rechinenne.
7.
›(eine Person, einen Sachverhalt) in bestimmter Weise beurteilen, als etw. ansehen, für etw. halten (und entsprechend behandeln)‹; vereinzelt: ›etw. als wichtig bewerten, etw. gelten lassen‹; als Ütr. anschließbar an 4.
Phraseme:
zu rechnen gegen
›im Verhältnis zu‹;
der natur gottes nach gerechnet
›aus Gottes Perspektive‹.
Bedeutungsverwandte:
30; vgl.
1
5, (V.) 6, (V.) 11, (V.) 3, (V.) 8, 10, II, 1, 8.
Syntagmen:
j. etw. einen schimpf, ein vorspiel r., die zukunft einen augenblik r., jn. (für) gerecht / hoch / klug, für den meister, für einen freund / tyrannen / wüterich, wie eine hure, ein schwein r., sich einen unnützen knecht r., etw. malefizisch, für eine ere / torheit, ein unmenschliches / unnatürliches stük r
.

Belegblock:

Luther, WA (
1529
):
Das heisset freylich recht die stifft, kloͤster und kirchen stuͤrmen und rauben, das der auffrhuͤrischen bawer stuͤrmen kaum ein schimpff und vorspiel zu rechen ist.
got wil fur gerecht [...] rechen vnd halten [...], Alle die solchenn glauben an seinen Son haben.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
136, 2886
(
Magdeb.
1608
):
WJe bin ich
[Fuchs]
[...] | Viel kluͤger gegen euch zu rechen.
Kurz, Waldis. Esopus (
Frankf.
1557
):
nimpt sich an all deins gebrechen, | Den magst vor einen freundt wol rechen.
Wer sich an gute tage fleißt, | [...] | [...] seufft sich vol vnd legt sich nider, | [...] | Die sein zu rechen wie die Schwein.
Sachs (
Nürnb.
1561
):
bin ietzt zu rechen nur | Wie ein schamloß stinckende hur.
Goedeke, Fischart. Schiff / Kehrab
848
(
Straßb.
1576
):
im sauscheren und stechen | Wollen wir dich den maister rechen.
8.
›sich e. S. verantwortungsvoll zuwenden, für etwas Sorge tragen‹.
Bedeutungsverwandte:
; vgl.
1
10, 2, 9, 1, 19, 8, (V.) 3.

Belegblock:

Rueff, Rhein. Ostersp.
2118
(
rhfrk.
,
M. 15. Jh.
):
mag eyn iglicher selbst rechen, | daz man woil mag von eme sprechen.
Strauch, Schürebrand (
els.
,
E. 14. Jh.
):
lerent [...] frühte samelen untze in uwer heimuͦte des ewigen lebendes [...]. do noch ir ouch dicke mit senender begirde rechenen und zilen süllent.