raten,
V., unr. abl.
1.
›jm. einen Rat, eine Empfehlung, Anleitung geben‹; ›jm. etw. nahelegen, empfehlen‹; auch mit Tendenz zu: ›jn. zu etw. bewegen, von etw. überzeugen‹ und ›jm. etw. eingeben‹; dies auch negativ konnotiert: ›jm. etw. einflüstern; jn. zu etw. anstiften‹; häufig mit
das
-Objektsatz; speziell in der Partizipialkonstruktion
geraten sein
›ratsam, richtig sein‹.
Bedeutungsverwandte:
 2,  7, (V.) 2,  13,  3,  12, , , , ; vgl. (V.) 5.
Gegensätze:
(V.) 1.
Syntagmen:
j. (jm.) etw
. (z. B.
die jungfrauschaft, das beste, ein böses, wiederwärtige dinge
)
r., der teufel falsch / has / mord, gierigkeit, lügen, das fleisch
(Subj.)
bosheit / untugend r., der böse geist dem menschen eine untugend, ein schädliches ding r., j. (jm.) etw
. [wie] (z. B.
ernstlich / fein, in treuen
)
r., (jm.) r., das [...], was [...], wie [...], (jm.) r
. [+ Infinitivsatz mit
zu
];
an jn. raten
›jn. (für eine Aufgabe) empfehlen‹,
der gute engel / der böse geist (den menschen) auf etw. r., j. von einem ding, jm. zu etw
. (z. B.
zu einem kauf, zum weg der tugend, zu fleissiger lesung der heiligen schrift
)
r
.

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Nicod. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
[der tiefel] retet da mort unde haz, | valsch, giricheit und lugene.
Mieder, Lehmann. Flor.
589, 20
(
Lübeck
1639
):
Jm rhaten ist wol in acht zu nehmen / ob der / den man rhat fragt / jhme getrew vnd hold sey.
Große, Schwabensp. (Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
REt ein mensche Deme anderen, Daz her stele, vnd sprichet [...].
Luther, WA (
1544
):
Wiltu nu den widerstand nicht haben, so radt Jch dir, das du demutig seist.
Ebd. (
1548
):
Vnd Emser, der weise Man, wolt nicht wissen, obs zu raten were, das man die Biblia verdeudschet.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
519, 408
(
Magdeb.
1608
):
Sie brachten mir Blehbauch getragen / | Jch solt jhm besprechen das Blut / | Rathen / was wer zu machen gut.
Quint, Eckharts Trakt. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Der guote engel rætet und âne underlâz neiget er (ûf) daz guot ist, daz götlich ist.
Daz vleisch rætet untugent und bôsheit.
Schützeichel, Mrhein. Passionssp.
555
(
mrhein.
,
um 1335
):
Radent, ir herren, wie sollen wir duͦn?
Tiemann, E. v. Nassau-S. Kgn. Sibille
131, 3
(
rhfrk.
,
um 1435
):
Lieber frünt rade mir das beste.
Ebd.
164, 11
:
jch bieden sye vmb goddes willen / das sye myme vader dar zü raden / das er myn müder widder neme.
Karnein, Salm. u. Morolf
370, 2
(
srhfrk.
, Hs.
um 1470
):
nu rate, Morolff, dugenthaffter man, | wie wir wider gewinent das schone wip?
Froning, Alsf. Passionssp. (
ohess.
,
1501 ff.
):
was dich nu duncket geradden synn, | das sage uns, lieber meynster mynn!
v. d. Lee, M. v. Weida. Spigell
84, 21
(
omd.
,
1487
):
Warlich ich wil keinen rathen das er sich vff seiner kinder gut thuͦn vorlasse.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
78, 2
(
thür.
,
1474
):
Heinrich Rote habe yn auch dy egker bewieset unde habe yn auch zcu deme kouffe geraten.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Joh. (
osächs.
,
1343
):
[der heilige geist] sal ûch lêren alle dinc und sal ûch râten
[
Mentel
1466:
redt euch
; nd. Bibel 1478:
inblest
;
Krumpach
1522:
erindern, ermanẽ oder eingebẽ
;
Emser
1527 /
Eck
1537:
eingeben
;
Luther
1545:
wird [...] erinnern
]
alle dinc di ich ûch zuͦ sprechinde werde.
Langen, Myst. Leben
171, 35
(
nobd.
,
1463
):
Kain arczt rat dem krancken / etwas zw tuen furdy kranckhait, daz wider seiner sel hayl / sey.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
1359
):
Kinder, ich rate úch und manen und bitte úch das ir lerent Gotte innerlichen und luterlichen bichten alle úwer gebresten.
Chron. Strassb. (
els.
,
A. 15. Jh.
):
[Papst
Zacharias
]
lobete und riet so vaste geistlich leben, das der künig von Lamparten und des küniges bruͦder [...] ir lant ufgobent und müniche wurdent.
Kurz, Murner. Luth. Narr (
Straßb.
1522
):
Zuͦm andern wendstu felschlich für | Die heilige geschrifft vnd endrests mir, | Darin sant peter radet fein, | Der oberkeit gehorsam zuͦ sein.
Roloff, Brant. Tsp.
69
(
Straßb.
1554
):
Ir [fraw Wolust] lon würt nur dann hertze leyd | Den weg woͤllest fliehen wie den todt | Zuͦm weg der Tugent ich dir rath.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 24, 14
(
Hagenau
1534
):
Ahitophel riedte Absalon / das er sich solt auffrürisch widder seinen vatter David aufflehnen.
Maaler (
Zürich
1561
):
Jch hab jm das Geradten / ich bin darã schuldig.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
[Alexander] rât, daz man die wunden
[nach Biss von
ainem töbigem hunde
]
ain jâr offen lâz.
Baptist-Hlawatsch, U. v. Pottenst.
229
(
moobd.
,
A. 15. Jh.
):
Wer ain pöses ratet der tüt ain pöses.
Hohmann, H. v. Langenstein. Quästio
191, 141
(
moobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
[der pöz geist] legt dem ainuoltigen menschen füer den grossen schüech - das ist das leben der heyling - und rëtt ym, das er den anleg.
Mollay, H. Kottanerin
14, 5
(
moobd.
,
1439
/
40
):
Da riet
[›empfahl‹]
ich an ainen, der mich bedeuͤcht, er wër meiner frawn mit ganczen trewen.
Quint, a. a. O. ;
Palm, Veter Buoch ;
Böhme, Morg.R.
17, 25
;
Roloff, a. a. O.
1232
;
Rieder, Gottesfr. ;
Päpke, Marienl. Wernher ;
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. ;
Wolf, Norm im sp. Ma.
38, 31
;
Hohmann, a. a. O.
193, 169
;
ders., H. v. Langenstein. Untersch.
65, 43
;
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
41, 6
;
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. ; ;
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
2, 5
;
Voc. Teut.-Lat.
aa iiijv
;
Vgl. ferner s. v. .
2.
›jm. Ratschläge geben, jn. beraten; jn. unterstützen, jm. mit Rat (und Hilfe) beistehen‹; im Unterschied zu 1 allgemein und meist intrans.; teils mit Tendenz zu ›Hilfe leisten‹; vereinzelt: ›miteinander beraten; überlegen‹ (von mehreren Handlungsträgern).
Phraseme
raten oder taten
(formelhaft) ›jn. intellektuell oder physisch unterstützen‹; sprichwörtlich:
wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen
›wer keinen Rat annimmt, dem kann man nicht helfen‹;
wer nicht wil worte hören, dem müssen spiesse und büchsen raten
.
Bedeutungsverwandte:
,  12; vgl.  1.
Syntagmen:
j. etw. über jn. r
.;
jm
. (z. B.
seinem anderen / nächsten
)
r., js. leib, sele r., j. miteinander raten, der bergmeister allen / jeglichen, einem jeden r., j. jm
. [wie] (z. B.
treffenlich / treulich, auf seinen nuz, in e. S., mit ganzer macht / treue, nach gelegenheit der sache
)
r
.;
die ärzte
(Subj.)
zu der schwere r
.

Belegblock:

Mieder, Lehmann. Flor.
596, 26
(
Lübeck
1639
):
Verstand gehoͤrt zum rathen: Gottes Beystand zu den Thaten.
Enders, Eberlin (
Wittenb.
1525
):
wilcher seynem nehsten nicht hilfft noch redt, so viel er vermag, der ist wider Christen noch mensch.
Luther, WA (
1526
):
Es ist wol war, das man guͦtte werck thuͦn sol, andern helffen, radten unnd geben, aber davon wirt kainer ein Christ genantt.
Ebd. (
1529
):
Wer nicht wil wort hoͤren, dem muͤssen Spiess und Buͤchsen raten.
Stambaugh, Friederich. Saufft.
34, 22
(
Frankf./O.
1557
):
wem nicht zu rathen ist / dem ist auch nicht zu helffen.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
468, 6413
(
Magdeb.
1608
):
Was sol man rathen / oder thaten / | Da alle sachen sein verrathen.
Chron. Köln (
rib.
, Hs.
1. H. 15. Jh.
):
,nu rade man darzo bi zide‘, | sprach van der Porzen her Johan, | ,we wir Colne komen an | [...]‘.
Laufs, Reichskammergo.
105, 10
(
Mainz
1555
):
Auf daß auch niemants armuth halber rechtloß gelassen werde, so soll der cammerrichter [...] den advocaten und procuratorn, inen darin
[in ihren Rechtsangelegenheiten]
zu rathen und zum besten im rechten fürzubringen, bevelhen.
Opel, Spittendorf (
osächs.
,
um 1480
):
Sie waren eine gutte weyle da gewest, was sie uber uns pfenner rieten, das weis got.
Rupprich, Dürer (
nobd.
,
1506
):
jr wist, daz jch sollichs nix verste, allein den glauben mus, dy mir rotten.
Moscherosch. Ges. Phil. v. Sittew. (
Straßb.
1650
):
im Werck ist er nur ein Heuchler, will der witzigste sein vnd anderen rathen, da es ihm doch [...] an dem sensu communi selbsten ermanglet.
Bachmann, Morgant (
halem.
,
1530
):
Sy versamlettend sich all uff einem platz, mit ein andren zerătten, inn wellicher gstalt sy dem rytter vergälten möchtend, der [...].
Martin, H. v. Sachsenh. Jesus
14
(
schwäb.
,
1455
):
ir artzat, trettent herr: | Unnd rautend al zuo diser swer.
Piirainen, Stadtr. Kremnitz
40
(
mslow. inseldt.
,
1537
):
Zum Zwelfften, soll d(er) Pergkmaister vernommen vnnd erfragen wer, wie vnnd wie vil miteinand(er) pauen, damit er dester paser einem Ieden [...] raten mag.
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim. ;
Rennefahrt, Stadtr. Bern ;
Sudhoff, Paracelsus ;
Wyss, Luz. Ostersp.
6519
;
Piirainen, a. a. O.
30
;
Rwb  f.;
Vgl. ferner s. v.  2.
3.
›die Befehls-, Entscheidungs-, Leitungsgewalt haben und ausüben‹; im Einzelnen: ›entscheiden, urteilen‹; ›Recht sprechen‹.
Bedeutungsverwandte:
 12, , .
Syntagmen:
got r
. (absolut);
j. der stat nuz und ere r., j. r., das [...]
;
j. für jn
. (z. B.
für die diet, für das volk
),
über das volk r
.

Belegblock:

v. Bunge, Livl. UB
4, 762, 19
(
nrddt.
,
1411
):
he
[
heren meister
von
Liflande
]
en si des bischopes to Ozele nicht mechtich, de wil vor sin land sulven raden.
Luther, WA (
1534
):
die andern koͤnnen das selb nicht warten, so jm predig ampt sind, noch die da regiren und raten sollen, Darumb mus der dritte stand auch da sein (nemlich der gemein man).
Gerhard, Hist. alde e
1719
(
omd.
,
um 1340
):
Heli, als ich so vort las, | Phaffe und ein richter was, | Der zu den geziten rit | Vur di israhelische dit.
v. Tscharner, Md. Marco Polo
17, 27
(
osächs.
,
2. H. 14. Jh.
):
Der kunig seczt eynen houbtman alle dem volke, der schickit ym vorbas di do rotin vor tusint, di heysin eyliarchi.
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Nürnb.
1631
):
GOTT wil ich lassen Rahten, | Denn er all ding vermag, | Er segne meine Thaten.
Sappler, H. Kaufringer
31, 21
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
sie
[die Stadträte]
sollten raten
[hier wohl allgemeiner: ›die Verwaltungsgeschäfte führen‹]
, das wär mein ler, | der statt gemainclich nütz und er.
Gerhard, a. a. O.
1234
;
v. Tscharner, a. a. O.
18, 1
;
Nyberg, Birgittenkl.
1, 288, 25
;
Rwb  f.
4.
phras.:
auf jn. raten
›etw. gegen jn. planen‹; ˹
jm. an js. haupt raten
;
jm. an den leib raten
;
an js. tod raten
˺ ›jm. nach dem Leben trachten‹.
Älteres und mittleres Frnhd.; Texte gebundener Form.

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Nicod. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
Do gienc der arme Judas, | da Annas und Cayphas | [...] | in ir synagogen sazen | und uf Jesum rieten.
Karnein, Salm. u. Morolf
426, 4
(
srhfrk.
, Hs.
um 1470
):
laßest du ine faren uber se, | sine liste kennest du nit, | er rattet dir an das heubet din.
Koppitz, Trojanerkr. (Hs. ˹
noschweiz.
,
15. Jh.
˺):
Min mütter, daz vil faige wip, | Wirtt mir rattende an den lip | Wenn sy des [Minothaurus lag da tod] wirtt innen.
Wackernell, Adt. Passionssp. St. I,
180
(
tir.
,
v. 1496
):
Was sol ich ratten an des todt, | Der mir gesechende augen pot, | Da ich plindt wardt geporen.
5.
›etw. erraten, durch Überlegen, Nachdenken herausfinden; ein Rätsel lösen‹.
Phraseme:
rat, räter gut!
formelhafte Einleitung von Rätseln.
Bedeutungsverwandte:
 1,  8, .

Belegblock:

Froning, Alsf. Passionssp. (
ohess.
,
1501 ff.
):
bistu gottes sone, ßo raid, | wilch under uns dich geslagen hot!
Österley, Kirchhof. Wendunmuth (
Frankf.
1602
):
Rath, räther gut, merck das verborgn, | Welch thier hat vier bein früe am morgn?
Gille u. a., M. Beheim
53a, 70
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Ir werden leüt, | verhorent mich, | merkent den sin | und ratent, was er teut.
Bächtold, N. Manuel. Krankh.
231, 1
(o. O.
1528
):
Nun rat, retter guͦt, wie wir unbrämpt vom kessel komend, es hilft doch weder schryen noch salbes.
Schützeichel, Mrhein. Passionssp.
835
;
Wackernell, Adt. Passionssp. St. I,
1142
Var.;
6.
›mit etw. umgehen; sich um etw. kümmern‹; speziell: ›e. S. abhelfen, gegensteuern‹.
Bedeutungsverwandte:
 16.

Belegblock:

Luther, WA (
1531
):
Hastu feinde, den todt, sunde, böss gewissen, Teuffel [...], so haltte stille, gleube an mich [Christus], Jch will dem allem rhaten.
Ebd. Anm. 3 (
1535
):
Es fahen wol itzt etliche Kluͤglinge an zu flicken, wollen den sachen raten und den hadder schlichten.
Ebd. (
1544
):
Die [welt] hat Ertzte, die zuͦ leyblichen kranckheyten rathen unnd helffen koͤnnen.
Opitz. Poeterey
53, 4
(
Breslau
1624
):
Schawt das jhr fuͤr den todt dem edlen coͤrper hier | Gleichfalls rahtet / | Vnd vmbschatet | Mit gruͤner lust seinʼ asche fuͤr vnd fuͤr.
Bächtold, H. Salat (
halem.
,
1546
):
Wellend [...] mich mit gnuͤgsamem manrecht versächen [...], damit ich miner armuͤtt raaten [...] konn vnd mög.
Maaler (
Zürich
1561
):
Jm selbs schaͤdlich Radten / Etwz schwaͤrs fürnem̃en / namlich sich selbs zetoͤden.