mutwille,
der
;
-n(s)/-n
.
1.
›freie, keinerlei natürlichem, sozialem, rechtlichem Zwang unterliegende, damit eigenverantwortliche Entscheidung‹; als Metonymie: ›freier Wille, Fähigkeit zu freiem, ungezwungenem Handeln‹;
vgl. am ehesten (
der
5.
Phraseme
seines mutwillen
›aus freier Entscheidung‹ (dazu bdv.: , Adj., 4, ,  4, ).
Bedeutungsverwandte:
.
Gegensätze:
.
Syntagmen:
den m. mit mannen haben
;
got mit m
. ›absichtlich‹
erzürnen; jn. aus m. einen dieb schelten, (nicht) nach seinem m. regieren, einen pfleger nach seinem m. nemen, etw. von m. tun, sich von m. unter js. gericht bieten
;
der eigene
(mehrfach)
/ freie / gute m
.
Wortbildungen
mutwillen
(Dativadv.) ›aus freier Entscheidung‹ (dazu bdv.: ),
mutwillens
(Genitivadv.).

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok.
8727
(
nrddt.
,
14. Jh.
):
Die [zwo tugent] dienent ir nacht und tac, | Wen sie niemant getuen mac | Von eigen mutwillen zwarn, | Die minne ensi vor gevarn.
Ebd.
8748
:
Daz sin almechtige gotheit | Nam mutwillens daz cleit | Und doch in also reinen | Vleisch daz wol gemeinen | Mochte mit der reinen gotheit.
Ziesemer, Proph. Cranc Ez.
46, 12
(
preuß.
,
M. 14. Jh.
):
abir wen der vurste tuet eyn willigis brunstopphir adir eyn vredeopphir mutwillin
[
Mentel
1466:
willig
;
Luther
1545:
freiwillig
]
dem herren, so sal [...].
Leman, Kulm. Recht
1, 5, 56
(
Thorn
1584
):
wil her [knabe] en [den pfleger] noch mutwillen nemen des sal ym der richter nicht gestaten.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
261, 6
(
Magdeb.
1608
):
Der nicht nach seinem muthwillen
[hier Tendenz zu ›Willkür‹; vgl. 2]
/ sondern nach beschriebenen Rechte regiere.
Fischer, Brun v. Schoneb.
11304
(
md.
, Hs.
um 1400
):
noch bescheide ich me da bi, | waz mutewille und vriheit | si, waz vengnisse und krancheit.
Ermisch, Freib. Stadtr.
58, 22
(
osächs.
,
1325
):
iz [kint] inhat kein erbeteil nicht zu rechte, man wolle iz im danne von mutwillen gerne geben.
Vetter, Pred. Taulers
107, 20
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
e danne er sinen Got erzurnde mit einer tegelichen súnden mit muͦtwillen und furdachtes, er wolte e lieber sterben.
Leisi, Thurg. UB
6, 297, 7
(
halem.
,
1364
):
und gab úns und únserm gotzhus friges muͦtwillen, unbetwungenlich und gesundes libes [...] alles guͦt.
Chron. Augsb.
4, 445, 6
(
schwäb.
, zu
1503
):
sagt er, (er) hette aus aignem und bedachtem muͦtwillen den Kemlin, ainen unverlaimpten mann, gescholten ain dieb.
Langmantel, Schiltb. Reiseb.
67, 13
(
oobd.
,
n. 1427
):
an dem freyttag, der ir feyertag ist [...], so sein sie
[
eeliche frauen
des
soldans
]
frey und haben iren mutwillen mitt mannen oder mit andern dingen.
Helm, a. a. O.
10274
;
Loesch, Kölner Zunfturk.
2, 267, 2
;
Chron. Köln
3, 938, 8
;
Vetter, a. a. O.
399, 24
;
Illing, Albert. Sup. miss.
1921
;
Boos, UB Aarau
145, 34
;
Rennefahrt, Stadtr. Bern
308, 10
;
Gagliardi, Dok. Waldmann
2, 522, 15
;
Piirainen, Stadtr. Sillein
149r, 10
;
Rwb
9, 1111
.
2.
›(in der Regel) den freien Willen (vgl. 1) voraussetzende oder (seltener) als selbständige Macht präsupponierende, in beiden Fällen negativer (vor allem moraltheologischer, aber auch rechtlicher) Bewertung unterliegende, als vernunftwidrig gesehene Entscheidung; entsprechende Haltung, Prädisposition des einzelnen Menschen zu Selbstbezogenheit, Übermut, Überheblichkeit, Hochmut, Wollust, Macht, Übervorteilung des anderen; tatsächliches Ausleben dieser Haltung‹; besondere Herausstellung des
mutwillen(s)
als ordnungsstörendes bis ordnungswidriges Handeln; dieses erfolgt eher in vertikaler Richtung vom Stärkeren auf den Schwächeren, vom Höhergestellten auf den sozial Abhängigen hin, in diesem Falle Gebrauch von
mutwille
im Sinne von ›Machtwillkür, Zwang, Ausbeutung, Unterdrückung‹, bei umgekehrter Richtung (von unten nach oben) im Sinne von ›Aufruhr, Aufsässigkeit, Ordnungsstörung, grober Unfug‹; offen zu 3.
Gehäuft Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘, auch rechts- und wirtschaftsbezügliche Texte.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld):  4,
1
 2, ,  1, , , , , ,  12, , ,
1
 3, , , (
der
123, , , , .
Syntagmen:
(den) / seinen m. büssen / gelten
›vergelten‹
/ sättigen / suchen / töten / treiben
(oft)
/ tun / weren / zämen / zerbrechen / zwingen, jm. (den) m. büssen / gestatten
;
der m. unrein sein, herlich sein wollen, den adel zieren, jn. zu etw. bringen, ein ende nemen
;
des mutwillen(s) pflegen / leben / spielen, des mutwillen(s) die untertanen zwingen, jm. des mutwillen(s)
›aus Mutwillen‹
etw. verkaufen
;
dem m. etw. gefällig sein
;
aus m. blut vergiessen, jn. durch m. erschlagen, sich durch m. von der kirche abhängig machen, jn. durch m. übel handeln, die untertanen im m. stecken, etw. mit m. bessern, die sele ir selben mit m. schaden, nach seinem m. brandschatzen / leben
(mehrfach)
/ plündern / rauben, jn
. (z. B.
weiber
)
nach seinem m. misbrauchen, jn. von m. erschlagen
;
der m. der herren / priester, des fleisches / herzen
;
der böse / boshaftige / eigene
(oft)
/ grosse / lautere / merkliche / selbsteigene / unaussprechliche m
.;
meister m
.;
der ausrichter, das spiel des mutwillen(s)
.

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok.
13303
(
nrddt.
,
14. Jh.
):
Daz sint die misgemuten, | Die richeit uber vluten | Und noch irme mutwilen leben | Und den armen nicht engeben.
Mieder, Lehmann. Flor.
804, 12
(
Lübeck
1639
):
Vernunfft thut offt nicht / was recht / sondern was Meister Muthwillen gefaͤllig.
Leman, Kulm. Recht
1, 3, 78
(
Thorn
1584
):
Toppil spil ist eyn spil von mutwillen.
Luther, WA
30, 3, 485, 11
(
1531
):
es sind jtzt viel so undanckbar worden und suchen jhren mutwillen unter
[›unter dem Vorwand‹]
der freiheit und erkentnis der warheit.
Ebd.
49, 411, 2
(
1544
):
so komen die maden und durchfressen den leyb nach allem mutwillen.
Quint, Eckharts Pred.
2, 595, 2
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
diu sêle ist ein tempel gotes‘ und ist sô stark, [...], daz ir niemand geschaden enmac, si enschade denne ir selben mit muotwillen.
Palmer, Tondolus
698
(
Speyer
um 1483
):
wirt dir din hochfertiges vnd vnkusches leben vnd grosser wollust / vnd vnusprechlicher mutwil nit gebusset.
Kurz, Waldis. Esopus
4, 45, 25
(
Frankf.
1557
):
Die grossen Hansen jrs mutwillen | Verkauffen stats den armen Brillen.
Schwartzenbach
G vr
(
Frankf.
1564
):
Fuͤrsetzlich. Auffsetzlich. Auß lauter mutwill / oder hochmut. Wider Recht.
v. d. Broek, Suevus. Spieg.
153v, 3
(
Leipzig
1588
):
Manche Eltern gestatten jren Kindern allen mutwillen.
Stackmann u. a., Frauenlob
11, 4, 1
 f. (Hs. ˹
nobd.
,
3. V. 15. Jh.
˺):
Nu, dar, verwegener mut, mutwille! | mutwille quam ie heim und sweig des stille. | din heim, daz ist bescheidenheit | [...]. | Wilt aber nu mutwillen eine, | so wizze, daz din mutwille ist unreine. | mutwille lat dich an unterscheit, | [...] | Wil din mutwille herlich sin, | hil dich und twing in wider in, | wis nicht sin, la in wesen din
(vgl. zur Stelle:
Stackmann
u. a., Frauenlob 2, 976).
Voc. Teut.-Lat.
x jr
(
Nürnb.
1482
):
Mutwille lust wollust. voluptas.
Reichmann, Dietrich. Schrr.
232, 28
(
Nürnb.
1548
):
Ein zeitlang lest sie Gott jren mutwillen treyben / wie dem Pharao inn Egypten.
Sachs
10, 426, 37
(
Nürnb.
1557
):
[Wo sie, oberkeit] Schinden, rauben und lebendt fressen | Wider Got, ehr und billigkeit | Auß frävel, mutwill und boßheit | Vergiessen das unschuldig blut.
Ebd.
9, 217, 4
(
1559
):
sein eygener mutwill, | Faulkeit, unzucht, sauffen und spiel.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel
3, 289, 17
(
Straßb.
1466
):
Ob etlicher erschlecht sein nechsten von muͦtwillen
[nd. Bibel 1494:
vormyddelst anlaghe
;
Eck
1537:
mit listen vnd durch nachstellung
;
Luther
1545, 2. Mose 21, 14:
freuelt
].
[...]: nyme in ab von meim allter das er sterb.
Golius
462
(
Straßb.
1579
):
Lasciuia, muͦtwill / üppigkeit / geilheit.
Lemmer, Brant. Narrensch.
33, 52
(
Basel
1494
):
Welch hatt vil ander mann versuͦcht | Die würt so schamper vnd verruͦcht | Das sie keyn scham noch ere me acht | Jrn muͦtwill sie alleyn betracht.
Koller, Ref. Siegmunds
127, 26
(Hs. ˹
Basel
,
um 1440
˺):
Die bischof tribent oͮch vil muͦtwillen mit der armen priesterschaft.
Goldammer, Paracelsus
7, 172, 21
(
1530
):
in dem daß die ordnung nit vermag, [...] mehr dann éin frau zu haben, so vermag es die natur auch nit, allein der lust, mutwill, freiwill, üppigkeit.
Welti, Stadtr. Bern
433, 8
(
halem.
,
1491
):
mercklich muͦtwillenn by nacht vnd naͤbell mit vngehurem geschrey, geleuff vnd vffruͤrigem anzeugenn.
Maaler
296r
(
Zürich
1561
):
Muͦtwill (der) vnordenlicher glust vnd begird. Libido. Muͦtwill in worten vnd in wercken.
Rot
326
(
Augsb.
1571
):
Maleuolentz / Boͤser will / muͦtwill.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat.
300, 31
(
oobd.
,
1349
/
50
):
ain iegleich üppig gemain, dâ ainr dem andern niht gehôrsam will sein und ein iegleicher mit dem andern muotwillens pfligt.
Rudolf, H. v. Langenstein. Erch.
10, 13
(
moobd.
,
1393
):
Dez ersten svndt der mensch têgleich, [...] wenn der mensch sein weÿp leippleich beslêfft an fursacz der chinder, vnd besunder wann chain not der begier den menschen darczu pringt, nuͤr allain der muͤtwill.
Ebd.
46, 28
:
Es têt auch einem guten werichmaister gar zorn, ob ein ler chnecht an ainem wolvolprachten werich etwas mit frêfeln oder mit muͤt willen pessern wolt.
Klein, Oswald
5, 10
(
oobd.
,
1422
/
3
?):
was ich verfrävelt hab an not, | her leib, den mütwill geldet | mit blaicher farb und ougen rot.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron.
177, 19
(
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
Der lanndverweser [...] gepott [...] solhen muetwillen der dinstlewt helffen zu weren.
Luther, WA
6, 247, 9
;
26, 533, 8
;
33, 325, 1
;
49, 87, 7
;
54, 336, 7
;
Peil, Rollenhagen. Froschm.
417, 4897
;
485, 6938
;
Hilliger, Urb. St. Pantaleon
364, 33
;
Köbler, Ref. Wormbs
356, 6
;
Harms u. a., Alberus. Fabeln
50, 9
;
77, 24
;
Schönbach, Adt. Pred.
19, 18
;
Mon. Boica, NF.
2, 1, 30, 2
;
Franck, Klagbr.
227, 3
;
229, 6
;
Anderson u. a., Flugschrr.
22, 7, 16
;
Goldammer, a. a. O.
6, 193, 4
;
V. Anshelm. Berner Chron.
4, 329, 5
;
Jörg, Salat. Reformationschr.
311, 18
;
Wyss, Luz. Ostersp.
167, 94
;
Brunner, Rechtsqu. Krems u. Stein
178, 40
;
Turmair
4, 70, 11
;
Rwb
9, 1113
 f.
Vgl. ferner s. v.  4,  2,  5,  3.
3.
›aus
mutwille
2 resultierende feindselige, übermütige Handlung‹ (generell); im einzelnen z. B. ›individueller tätlicher Angriff auf jn.‹; ›Notzucht‹ (s. Rwb
9, 1114
); ›Machtübergriff auf einen Schwächeren‹; ›militärischer Angriff‹; Metonymie zu 2.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld):  4,  2, , , (
der
9,  1,  1, , (
der
1, .
Syntagmen:
m. anfahen / brauchen / treiben
(mehrmals) /
üben
;
der m. sich zutragen, jn., die nation angehen
;
dem m. weren
;
sich auf js. m. weren, jm. mit m. schaden, von js. m. schaden kommen
;
der m. des gegenteils
.

Belegblock:

Schöpper
23a
(
Dortm.
1550
):
Pernicacia. Fräfel Mutwill.
Luther, WA
26, 323, 25
(
1528
):
Wenn das gilt, das er mag troppen und mit figuren spielen seines mutwillens.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
516, 291
(
Magdeb.
1608
):
Die verachtung / Muthwill vnd Frevel / | Vnd ander zukuͤnffige grewel / | Gehn mich an [...] | Vnsr Nation vnd Koͤnigreich.
Chron. Mainz
1, 28, 30
(
rhfrk.
,
15. Jh.
):
wir [...] sin des in großen schaden komen von irme mutwel.
Franz u. a., Qu. hess. Ref.
2, 182, 30
(
hess.
,
1533
):
[Etliche] dreiben vile mutwillens gegen uns, sie gehen mit parten und exten in die kirchen.
Schwartzenbach
J ir
(
Frankf.
1564
):
Gewalt. [...]. Bedrang. Vbertretung. Notzwang. [...]. frevell. [...]. mitwill.
Dinklage, Frk. Bauernweist.
43, 24
(
nobd.
,
1451
):
Auch sol nymant keinen angreufen oder mutwillen treiben, er wer den funden oder wegriffen an rechter warn teit.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 85, 23
(
Hagenau
1534
):
weil mann den Schweitzern nicht widerstehen mochte noch yhrem mutwillen weren / welchen sie etwan stets wider das Roͤmisch Reich ubeten.
Ebd.
2, 179, 17
([
Augsb.
]
1548
):
die Maiestat soll [...] kain fraͤvel noch muͦtwillen uͤben / so bleibet man im fride.
Mell u. a., Steir. Taid.
6, 12
(
m/soobd.
,
1523
):
Wo auch iemant im markt oder burkfrid aufruer oder muetwillen anfecht.
Ebd.
33, 9
(
1568
):
Dieweil sich auch durch die pettler, landfarer, hausierende landsknecht [...] allerlai muetwillen und rumor zuegetragen, auch oft zu zeiten aus peser naigung, wo inen ir muetwillen und pöse handlungen nit gestatt.
Siegel u. a., Salzb. Taid.
20, 9
(
smoobd.
,
1625
):
bedenken, das er sich auf seines gegenthails muetwillen hat wöhren müessen.
Gilman, a. a. O.
1, 190, 14
;
Welti, Stadtr. Bern
416, 9
;
Uhlirz, Qu. Wien
2, 2, 3691, 4
.