missetat,
die
;
/-täte.
1.
›strafbare Handlung jeglicher Art vom einfachen Vergehen, das aufgrund gesellschaftlich herrschender Meinungen, Überzeugungen, Normen gegen Recht und Moral verstößt und insofern mißbilligt wird, bis hin zu schweren Verbrechen aller Art‹; als Metonymie auch: ›Buße für eine
missetat
‹ (so ) sowie ›Disposition, Anlage zur
missetat
‹;
vgl. [+ Subst.],  2.
Syntagmen:
eine m. begehen / tun / verbringen / bekennen / beweisen / bedecken
(›verschleiern‹, z. B.
mit wucher
)
/ verschweigen / büssen
(z. B.
mit dem tode
)
/ vergeben / strafen / meiden, m. an jn. weisen, jm. eine m. abnemen / fügen / aufrücken / sagen / zumessen / kündigen, der tod die m. zalen
;
eine m
. (Subj.)
sich begeben / zutragen, ungestraft bleiben, die m. ein gesez haben
;
jn. einer m. bezichten, jn. der m. bereuen
(ohne Subj.),
sich der / einer m. beschulden / fruten / schämen, der m. unschuldig sein, quit werden
;
sich an m. verwirken, ane m. sein
, [wohin]
ziehen, etw. ane m. besitzen, jn. auf m. sagen, nach m. urteilen, um eine m. schande erwerben, jn. um eine m. beschreien / richten, gefangen setzen, überwinden, jm. um eine m. hönen, die stat verbieten, über jn. um eine m. rufen, jn. von m. wegen an das gericht füren, sich vor m. hüten, jm. zu einer m. helfen
;
die m. der eltern / vorfaren / ebenchristen
;
die aufgelegte / begangene / getane / rechte / verdachte m
.;
die betrachtung der m
.

Belegblock:

Große, Schwabensp. (Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
dar vmme ne sol nieman vorswigen sines eben Christen missetat.
So sol sin biscop [...] deme pawese kindegen sine Missetat.
Schöpper (
Dortm.
1550
):
VITIVM. Vntugend vnfrumbkeit vnerbarkeit laster ¶ suͤnd lasterstuͤck vbelthat boͤßheit missethat vnthat lasterthat vngericht boͤßstuͤck mißhandel vnthädtlin schelmerey
(teils auch zu 2 stellbar).
Helm, H. v. Hesler. Nicod. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
und
[die
juden, ungehuren
]
schaffen ouch den selben rat, | daz sie ir groze missetat | mit ir wucher bedecken.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
162, 3658
(
Magdeb.
1608
):
Wer im leben kein Richter hat / | Dem zahlt der Tod sein missethat.
Köbler, Ref. Wormbs
339, 5
(
Worms
1499
):
VAtter vnd Muͦtter [...] moͤgen iunge Persone [...] umb missetat straffen.
Behrend, Magd. Fragen (
omd.
,
um 1400
):
is en sey denne, das her untat begangen habe, do von her schalbar adir rechteloz were worden, als umb dube, roup, meyneyde unde der glich, unde missetat vor gerichte were obirwunden.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
179, 17
(
thür.
,
1474
):
Hat der clegere vater den genanten Mertin Moller [...] umbe sollicher obil⸗ unde missetad halbin, [...], met geschreye [...] beclaget.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
Sú fruͦtent sich ir missetat | Als der vil wol gewerket hat.
Lauater. Gespaͤnste
32r, 19
(
Zürich
1578
):
deßglychen vff den platz der statt stellen / da man pflaͤgt die übel thaͤter zu straaffen / damit sy jr mißthaat selbs offe͂tlich bekañtind.
Dict. Germ.-Gall.-Lat.
324, 26
(
Genf
1636
):
missethat / f. mißhandlung / Obertrettung / Vnthat / Verwirckung / Suͤnde / Vbelthat.
Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
Der allmechtig verleihe im gnad und such seiner elter missenthaten nit bei ime.
Klein, Oswald
78, 15
(
oobd.
,
1416
?):
[das] du nach menschlicher natur | loblichen zart von art keuschliche wat | besitzt an missetat.
Brunner, Rechtsqu. Krems u. Stein
158, 6
(
moobd.
,
1494
):
die Elweinin, so am nägsten bey euch umb ir müssetat gericht worden ist.
Gereke, Seifrits Alex.
3527
(
oobd.
, Hs.
1466
):
dar inn lagen leut vil | zu der zeit gevangen | die myssetat hetten beganngen | in stokch und in pandt.
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
174, 6
(
moobd.
,
1473
/
8
):
Sind si’s [si ⸗ Chriechen] denn wider, so mügt ir mit vil eeren | dann umb ir missetate | sy hönen.
Piirainen, Stadtr. Sillein
78b, 12
(
sslow. inseldt.
,
1378
):
Wer zo dem andern ebenpurtik nicht in ist der mag sein erbe nicht genemen wen dy weib alle erbloze werden gemacht durch ir voruaren missetat.
Lemmer, Schernb. Frau Jutte
871
;
Peil, a. a. O.
637, 4102
;
v. Keller, Amadis ;
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim.
283a, 27
;
Koller, Reichsreg. Albr. II.
168, 7
;
Wattenbach, Urk. Czarnowanz ;
Schultheiss, Achtb. Nürnb.
99, 6
;
Gille u. a., M. Beheim
349, 38
;
Reichmann, Dietrich. Schrr.
78, 5
;
Köbler, Stattr. Fryburg ;
Welti, Stadtr. Bern ;
Graf-Fuchs, Ämter Interl./Unterseen ;
Wiessner, Wittenw. Ring
2458
;
4089
;
4921
;
Sappler, H. Kaufringer
7, 216
;
Primisser, Suchenwirt ;
Brunner, a. a. O.
75, 8
;
Uhlirz, Qu. Wien ;
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. ;
Vgl. ferner s. v.  3,
2
 2,  3,  9,  7,
2
 5, (V.) 11.
2.
›als Vergehen gegen Gott und Gottes Gebote interpretiertes menschliches Handeln, unter Aspekten heilsgeschichtlicher und dogmatischer Lehren des Christentums gesehene Missetat, Sünde‹; als Metonymie: ›aus der
missetat
resultierende Verdammnis‹.
Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld):  1,  1,  12,  1,  2, ,  1 (vielfach), , , , , , .
Gegensätze:
.
Syntagmen:
die / eine m. begehen / vernemen / be-, erkennen / arnen / büssen / dammen / gedenken / abzwagen / rügen / erlösen
›ablösen, sühnen‹
/ meiden / reinigen, js. m. zälen / zudecken, vor augen haben, an den kindern heimsuchen, die m. aus dem herzen faren lassen, jm. die m. schenken
(z. B.
dem schächer
) /
bezeugen / beweisen / vergeben / vergelten / zurechnen, leiden, dem menschen die m. rauben
›büßen, mildern‹;
die m
. (Subj.)
von der erbsünde kommen, jn. verdörnen
;
die barmherzigkeit grösser dan die m. sein
;
der m. entgelten / vergessen / geständig sein, sich der m. schuldig wissen, sich seiner m. erklagen
;
der m. rechnung tun
;
das leben ane m. blühen
(im Paradies),
den menschen durch m. peinen, j. durch m. ungemach leiden, der teufel durch js. (Adams) m. seinen ursprung gewinnen, j. in der m. verdorben sein, um eine m. ungemach leiden, über die m. weinen, jn. um seine m. strafen, sich über eine m. erbarmen, um die m. reue haben, um der m. willen verwundet sein, jn. / sich um seine m. auf das kreuz schlagen, jn. um seiner m. willen richten, von m. schön machen, vor m. behüten
;
die m. Adams, der väter, des menschen, sünders, der kinder Israel, der schuld
(gen. explicativus);
die missetat der jugend
;
die ewige / grosse m
.;
der ablas / mist, die anfechtigung / kette / pein / mannigfaltigkeit der m
.

Belegblock:

Luther, WA (
1529
):
Behuͤt uns heut O trewer Got Fuͤr aller sund und missethat.
Quint, Eckharts Trakt. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
wan sô gewirdet gotes wille ,in der erden‘, daz ist in missetât, ,als in dem himel‘, daz ist in woltât.
Fischer, Brun v. Schoneb. (
md.
, Hs.
um 1400
):
ich weiz daz der tubel hete | durch hern Adams missetete | den ursprung also gewunnen.
Palmer, Tondolus (
Speyer
um 1483
):
O got grosser ist dein barmhertzikeit | dan mein missetat.
Dubizmay, kurß zu Teutze
90, 2
(
hess.
,
1463
):
in dem bittren trünck des todes hat er vnser missetat erloßet.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Mt. (
osächs.
,
1343
):
ob ir vorgebit den lûten ire sunde, sô vorgibet ûch ûwer himelische vatir ouch ûwere missetât
[
Lang
1521:
vbertretu͂g
;
Froschauer
1530:
yrrsaͤl
;
Emser
1527:
sünd
].
Ebd. Mk. :
Wer abir lastirkôsit in den heiligen geist, [...], wan her wirt sculdic der êwigen missetât.
Eggers, Psalter
40, 3
(
thür.
,
1378
):
Wer vornymmet dy missetat von mynen heymelichen sunden reyne mich.
Schönbach, Adt. Pred. (
osächs.
,
1. H. 14. Jh.
):
durch die manichvalticheit diner missedat sint dine suͤnde worden hart.
Reichmann, Dietrich. Schrr.
182, 4
(
Nürnb.
1548
):
er ist vm̄ unser missethat willen verwundet.
Ebd.
249, 24
:
Wol dem Menschen | dem der Herr die missethat nicht zurechnet.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel (
Straßb.
1466
):
er solt allein sein verdorben in seiner mißtat
[
Dietenberger
1534:
sünd
;
Eck
1437:
laster
].
Rieder, St. Georg. Pred. (Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
daz er sich muͦss erbarmen úber des mentschen missetat.
Koller, Ref. Siegmunds (Hs.
um 1474
):
umb dye missetat sol der mensch rew haben.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
du [gesell] bist in schulden, und muͦss vor din missetat gebuͤzet werden.
Sappler, H. Kaufringer
26, 79
(
schwäb.
, Hs.
1472
):
leiden beginnet den menschen rauben | seiner missetat ungehewr.
Ebd.
27, 9
:
ob er sich von dem unrainen mist | der missetat wöll erledigen gar | mit peicht und puoß und rüwe war.
Gilman, Agricola. Sprichw.
2, 189, 15
([
Augsb.
]
1548
):
Die Erbsünde ist der dorn | davon alle missethat kumbt.
Spechtler, Mönch v. Salzb.
8, 10
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
missetat hat uns verdürnet, | sunden dorn hat uns gespürnet.
Mathesius, Passionale ;
Fischer a. a. O. ;
Dubizmay, a. a. O.
11, 17
;
Kehrein, Kath. Gesangb. ; ;
Pfefferl, Weigel. Ges.
22, 22
;
Steer, W. v. Herrenb. Büchl.
764
;
Eggers, a. a. O.
51, 15
;
Karsten, Md. Paraphr. Hiob ; ; ;
Asmussen, Buch d. 7 Grade
450
;
884
;
Gille u. a., M. Beheim
270, 9
;
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
75
;
Reichmann a. a. O.
248, 36
;
Bihlmeyer, a. a. O. ; ;
Vetter, Pred. Taulers ;
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
288, 32
;
Glatz, Chron. Bickenkl. ;
Stammler, Berner Weltger.
46
;
586
;
Ruh, Bonaventura
351, 29
;
354, 2
;
Lindqvist, K. v. Helmsd.
1224
;
3857
;
Adrian, Saelden Hort
1945
;
Sappler, a. a. O.
3, 346
;
511
;
634
;
Bauer, Geiler. Pred.
91, 2
;
Dirr, Münchner Stadtr. ;
Bauer, Imitatio Haller
100, 10
;
Öst. Wb.
4, 916
.