mis-,
misse-
+
Subst.
eine der Bedeutung des Substantivs entgegengerichtete, sie verfälschende oder ungünstig verändernde Größe. Die folgende Liste enthält eine Auswahl aus einer offenen Reihe von Wortbildungen. Aufgenommen sind die Einheiten, die dichter belegt sind, die als lexikalisiert interpretiert wurden, denen eine gewisse ausdrucks- und inhaltsseitige (semantische) Differenz zum Neuhochdeutschen zugeschrieben wird, deren kulturhistorische Bedeutsamkeit herausgehoben werden soll und die Ausgangspunkt für lexikalisierte Wortbildungen sind. Bei der Abwägung entscheidet jeweils das Urteil des Lexikographen. Aus räumlichen Gründen wird das Informationsprogramm pro lexikalische Einheit bzw. pro Bedeutungsansatz reduziert abgehandelt: meist nur Nennung der Einheit und Beleg, im einzelnen zusätzliche Information. Einheiten, die die genannten Kriterien offensichtlich erfüllen, erfahren die übliche Behandlung in je eigenen Artikeln.
Beispiele:
  • misformung
    ›Mißgestalt‹,
  • misgrif
    ›Überpflügung der Ackergrenze‹ sowie ›Diebstahl‹ (vgl. dazu  6),
  • misheil
    ›Unheil, Unglück‹,
  • mishofnung
    ,
  • miskrankheit
    ›angeborene Krankheit‹,
  • misordnung
    ,
  • misquemkeit
    ›Uneinigkeit‹ (dazu ggs.: ; vgl. ),
  • misrecherin
    ›Falschrechnerin‹,
  • misrechnung
    ›Schaden‹,
  • misrippe
    ›falsche (nicht mit dem Brustbein verbundene) Rippe‹ (a. 1667),
  • missache
    ›Vergehen, Verbrechen‹ (a. 1547),
  • misschanz
    ›Mißgeschick‹ (a. 1532),
  • misse|
    1
    mal
    ›schlechte Bewirtung, Mangel an Speisen‹ (vgl. zum Gw
    1
    mal, das
    , 4),
  • misseschuld
    ›Unschuld‹ (dazu Wortbildung:
    misseschuldig
    ),
  • missewan
    ›Mißtrauen‹,
  • missewank
    (in der Verwahrformel
    ane missewank
    ›unverbrüchlich‹),
  • missewink
    (in der Formel
    ane missewink
    ›ohne jeden Zweifel‹),
  • mis|stand
    ›Fehler, Makel e. P.‹,
  • mistragung
    ›Mißernte, geringer Ernteertrag‹,
  • misverständnis
    ,
  • misvertrauen
    ,
  • miswärme
    ›zur Bildung von Würmern führende Körperwärme‹.

Belegblock:

Zu
misformung
:

Sudhoff, Paracelsus
8, 346, 40
(
1530
):
also weiter ligt nichts an den glidern vater und mutter, sonder alein in glidern matricis, so diselbige in misformung stünd, so wird auch in misformung stehen das kind.

Zu
misgrif
:

Boner, Urk. Brugg
302, 2
(
halem.
,
1503
):
Else Röstin von Reckingen, [...] ist vmb verhandlung mißgrifs vnd diebstals [...] gefangen genommen worden.
Winter, Nöst. Weist.
2, 164, 4
(
moobd.
,
M. 15. Jh.
):
si rügen auch das alle missegrif di do ân gevër sein und werden also gericht, di sint niemant phlichtig.
Ebd.
2, 41, 4
.

Zu
misheil
:

Strehlke, Nic. Jerosch. Chron.
21159
(
preuß.
,
um 1330
/
40
):
dî Littouwin vorgenant | [...] | herten unde sengeten | der gegenôt ein michil teil, | und ân andir misseheil, | daz von in daz lant intpfinc.

Zu
mishofnung
:

Schönbach, Adt. Pred.
31, 7
(
osächs.
,
1. H. 14. Jh.
):
daz ist der tǔvel und der undrost oder die missehoffenunge die der suͦndere ime selber machet.
Fischer, Eunuchus d. Terenz
191, 22
.

Zu
miskrankheit
:

Sudhoff, Paracelsus
7, 407, 31
(
1529
):
Nun aber ist hie mein fürnemen, anzuzeigen von solchen misgewechsen und miskrankheiten, das sie zweierlei geboren werden.

Zu
misordnung
:

Maaler
291r
(
Zürich
1561
):
Mißordnung aller dingen. Confusio.

Zu
misquemkeit
:

Toeppen, Ständetage Preußen
2, 254, 2
(
preuß.
,
1445
):
das alle misquemkeit czum besten gestillet und czu guter eyntracht gefwget werden.

Zu
misrecherin
:

Bömer, Pilgerf. träum. Mönch
9600
(
rhfrk.
,
um 1405
):
[Die handt
der Habgier
ist
]
des Geldes myssereicherynne | Und portenerynne, slegerynne.

Zu
misrechnung
:

Rennefahrt, Statut. Saanen
181, 34
(
halem.
,
1555
):
und entsagend aller und jeder fryheiten, [...], insonders der exceptionen einer mißrechnung.

Zu
misrippe
:

Schweiz. Id.
6, 1195
.

Zu
missache
:

Pfälz. Wb.
4, 1393
:
vmb irer missachen willen gefenklich ergriffen vnd in das bezenloch gelegt.

Zu
misschanz
:

Schweiz. Id.
8, 981
.
Zu
misse|
1
mal
:
Koppitz, Trojanerkr.
3297
(Hs. ˹
noschweiz.
,
15. Jh.
˺):
Doch was hie selten misse mal: | Wirtschaft rich öne alle twal | Man maisterlichen geordnett sach.

Zu
misseschuld
:

Leman, Kulm. Recht
1, 2, 68
(
omd.
,
1. H. 13. Jh.
):
Wen dy were geton ist so but yener syne mysseschult das ist eyn eyt.
Ebd.
74
:
der andir das her mysse schuldig sy. daz ym got so helfe tzu syme camphe.

Zu
missewan
:

Hertel, UB Magdeb.
3, 345, 39
(
nd.
/
omd.
,
1486
):
dadurch sie an dem mandat ein missewann trugen unnd lissen das nicht furder zw.

Zu
missewank
:

Hübner, Buch Daniel
865
(
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
Gewalt von sime [Got] gebote | Zu stet ane missewanc.

Zu
missewink
:

Helm, Maccabäer
5398
(
omd.
/
nrddt.
, Hs.
A. 15. Jh.
):
als hie vor bescheidenliche | sten beschriben alle die dinc, | an allerleie missewinc.

Zu
mis|stand
:

Luther, WA
47, 753, 15
(
1539
):
Ad quid utimur speculo? das man sehe, was ungeschaffen, flugs her mit eim tuch rc. das nicht ein misstand da erscheine, das nicht unfletig, sed fein seuberlich gezieret.

Zu
mistragung
:

Leisi, Thurg. UB
8, 605, 2
(
halem.
,
1387
):
das er [zinser] die zins nit geweren möcht noch künd von mistragung und ungewächst der frucht.

Zu
misverständnis
:

Merk, Stadtr. Neuenb.
92, 20
(
nalem.
,
1504
):
nachdem die koniglichen rät nichts anders dann ein mißverstentnus im handel erfunden worden.

Zu
misvertrauen
:

Chron. Magdeb.
2, 93, 2
(
nrddt.
,
1562
):
weil albereit [...] groß uneinigkeit und Misvortrauwen unther den Bürgern endtstanden.
Barack, Zim. Chron.
2, 284, 5
(
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
wa unainigkait neidt oder ein misfertrawen under brüedern, so sein das die früchten, die [...].

Zu
miswärme
:

Sudhoff, Paracelsus
4, 489, 20
(
1527
):
aber im leib des menschen ist solchs auch also, das aus solcher miswermi und art der speis und tranks solche generationes auch beschehen.