minniglich,
in 1 Beleg
minnig,
Adj.
1.
›liebend, liebevoll‹, von einer wesenhaft als
minne
1 gedachten innertrinitarischen Seins- und Wirkungseinheit der drei göttlichen Personen, von deren demütig liebendem Bezug auf den Menschen sowie vom Menschen gesagt, der diese Liebe als von Gott empfangen, ihn dadurch Gott gleich machend und seine Liebe in Gott zurückstrahlend betrachtet.
Älteres und mittleres Frnhd.; Texte der Mystik (beides gilt auch für 2-4).
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld):  1,  1,  9,  13, , , .

Belegblock:

Jostes, Eckhart
103, 26
(
14. Jh.
):
Ich wil úch mit mir vereinen, mich iwer genieten, adelich, minneclich, úbernaturlich, wunderlich, vaterlich und gótlich! [...]. Alzo solt och du dich mit im vereinen, im dich minneclich erbieten.
Asmussen, Buch d. 7 Grade
631
(
nobd.
, Hs.
A. 15. Jh.
):
daz du mit wunderlicher kunst | uns noch dir und dich noch uns | host so minnenclichen vermenget, | daz dir dein wirde dez henget, | daz du uns dein gotheit | und dir unser menscheit | host so paidenthalben gemainet.
Quint, Eckharts Pred.
1, 407, 6
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
dô diu klâre sunne der gotheit sîne sêle durchschein, dô wart ûzgedrungen von der liehten rôsen sînes geistes des minniclîchen götlîches underscheides vluz.
Ebd.
2, 115, 2
:
Allez, daz der vater minne geleisten mac, als vil ist der sun minniclich.
Ebd.
125, 4
:
Diu sêle sol niemer ûfgehœren, si enwerde des werkes als gewaltic als got. Sô würket si mit dem vater alliu sîniu werk; si würket mit im einvalticlîche und wîslîche und minniclîche
[Z. 1: sie
ist ein mitewürkerin
] (dazu Anm. von J. Quint: „Die drei Adverbien kennzeichnen wieder die göttliche Ordnung der Trinität, zu der die Seele [...] erhoben wird, um in der Einigung mit dem Vater zur Mitwirkerin seiner Werke zu werden“).
Bihlmeyer, Seuse
250, 26
(
alem.
,
14. Jh.
):
Liden machet mir den menschen minneklich, wan der lidende mensch ist mir anlich.
Eichler, Ruusbr. steen
1168
(
els.
,
sp. 14. Jh.
):
Wenn do wir, eines mit dem sún gottes, minneklichen widerboͤiget sin in vnsren beginne, do hoͤrent wir des vatters stým.
Ders., Ruusbr. obd. Brul.
1, 475
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
Alse der demuͤtige minnende mensche merket, daz im got gedienet hat so demuͤtekliche, so minnenkliche vnd so getruweliche, [...]: hinnan abe vntspringet in das demuͤtige hertze so grosse ere vnd wirdikeit zvͦ gotte.
Ebd.
2, 1859
:
sine vnsprechenliche miltekeit vnd alsoliche minnekliche eigenschaft, die in gotte sint vnsers minners.
Asmussen, a. a. O.
1257
.
2.
›liebend, liebevoll, Liebe, Freundlichkeit ausstrahlend (als Eigenschaft der Mutter Gottes); zu lieben, Liebe verdienend, liebenswert (als Aufruf an den Menschen)‹; teilweise idealisierend auf Maria als liebende und leidende Mutter bezogen, teilweise religiöse Überhöhung durch eine ihr zugeschriebene Rolle in der Heilsgeschichte (Besiegung des Teufels, gnadenreiche Arche Gottes);
vgl.  2.
Wortbildungen:
minnigliche
(
die
) ›Freundlichkeit‹.

Belegblock:

Fischer, Brun v. Schoneb.
5478
(
md.
, Hs.
um 1400
):
[Maria] vortribet des tubels slange | von uns und tut si ange | mit irem minniclichen ruch.
Feudel, Evangelistar V.
372
(
omd.
,
M. 14. Jh.
):
sy
[
ryne mayt
, Maria]
bat dy Juden mynnclich: | ,lat mich sprechen das kynt myn, | e iz lyde dy groze pyn‘.
Rieder, St. Georg. Pred.
56, 39
(Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
da mit ruͤmet si
[Maria]
sich daz er si so reht wol geschaffen hatte und als wirdeklich, und ruͤmet sich ir schoͤni und ir minneklichi.
Päpke, Marienl. Wernher
14823
(
halem.
,
v. 1382
):
[Got] Der dich [Maria] hat us gesunderot | So wunder minneklichen gar.
Lindqvist, K. v. Helmsd.
2611
(
halem.
, Hs.
um 1435
):
Da bÿ
[Ermordung des Holofernes durch Judith]
so wirt uns schon betút | Das Maria minnenklich | Och hat den fúrsten der helle rich | Ertoͤt.
Spechtler, Mönch v. Salzb.
23, 146
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
man legt in da mit jamer groß | Maria toten in ir schoß. | vil haisser zäher sie vergoß | und halst in minneclich.
Klein, Oswald
13, 18
(
oobd.
,
1416
):
ei du [magt] traut minnikliche, keusche creatur!
Banz, Christus u. d. minn. Seele
310
;
Klein, a. a. O.
114, 53
.
Vgl. ferner s. v.
1
 3, .
3.
›liebend, barmherzig, Liebe ausgießend (als Eigenschaft Gottes)‹; diese Eigenschaft ergibt sich aus
minniglich
1 und wird dem
empfänglichen
Menschen als Gnadengabe in Form von  1, als
gnade
1,
seligkeit, zuversicht
, Hilfe zur
empfänglichkeit
des
heiligen geistes
, zur Findung von
warheit
, zur Gewinnung von
tugent
1 zuteil; vereinzelt: ›(von Gott) geliebt‹; teils Tendenz zu formelhaftem Gebrauch und damit verbundener theologischer Verflachung bis hin zum schmückenden Beiwort im Sinne von ›liebend, liebreich, gütig‹;
vgl.  3.
Bedeutungsverwandte:
 1,  3, (Adj.) 3, , , .
Gegensätze:
.
Syntagmen:
got, Jesus, der herre m. sein
;
Jesus m. trähenen vergiessen
;
der minnigliche Cristus / heilige geist / got / herre / schepfer / leib
(Christi),
der minnigliche ausflus / flus
(aus der Seite Christi),
der minnigliche apfel
( Jesus),
die minnigliche geburt / gegenwart
( Jesu)
/ gemahel (sele) / gotheit / miltigkeit, das minnigliche herz
(Christi).

Belegblock:

Quint, Eckharts Trakt.
61, 10
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Der minneclîche milte got, diu wârheit, gebe mir und allen den, die diz buoch suln lesen, daz wir die wârheit in uns vinden.
Dubizmay, kurß zu Teutze
95, 1
(
hess.
,
1463
):
minichlicher himellißcher schopfer wer Bin Ich das ich dich hochwirdigs gut
[Hostie]
wil enntentsvaenn.
Froning, Alsf. Passionssp.
7071
(
ohess.
,
1501 ff.
):
uß dyner [got; schepper] mynneclichen gotheit | ist gefloissen des mentschen selikeyt!
Bechstein, M. v. Beheim. Evang.
15, 18
(
osächs.
,
1343
):
her [herre] was an der bestrafunge irverlich. An der vormanunge senfte. vnd minneclich.
Sermon Thauleri
1rb, 13
(
Leipzig
1498
):
Vnd meinet die minnigliche͂ geburt die alle tag vnd in allen augenblicken sal geschehen vñ geschiet in einer iglichen guten heiligen sele / ab sie sich dartzu keret mit warnemen vñ mit lieb.
Ebd.
11ra, 36
:
Das vnnß das allen widerfare das vorley vnß der mynnigliche tzarte barmhertzige guttıͤge got.
Asmussen, Buch d. 7 Grade
1637
(
nobd.
, Hs.
A. 15. Jh.
):
daz er minenklicher got | uns geben seiner engel prot.
Bihlmeyer, Seuse
211, 16
(
alem.
,
14. Jh.
):
mich [sel] hatte der himelsche vater úber alle liplich kreatur gezieret und im selber ze einer zarten, minneklichen gemahel us erwellet.
Warnock, Pred. Paulis
2, 236
(
önalem.
,
1490
/
4
):
daz ir [jungfro Sant Clar] daz kindli Jhesus gesichtiklich waz erschinen und dy also mit siner miniklichen gegenwürtikait trösten.
Ebd.
3, 87
:
wie hat der pom der gehorsamkait so ainen wúnniklichen, süssen opfel getragen, in des schonen húpschen gestalt, minklich geschmakt und süssen versuͦchung die engel ainen lust habent!
Lindqvist, K. v. Helmsd.
926
(
halem.
, Hs.
um 1435
):
Das erst sind die traͤchen groͮss | Die er [Jesus] so minneklich ver goss | do er Jherusalem ersach.
Klein, Oswald
29, 14
(
oobd.
,
1409
;
1426
?):
Gesegen uns heut altissimus, | darzu der minnikliche fluss, | den Longinus mit seinem spiess hett funden.
Quint, a. a. O.
54, 7
;
Jostes, Eckhart
6, 37
;
Vetter, Pred. Taulers
80, 24
;
Illing, Albert. Sup. miss.
2555
;
Banz, Kreuztr. Minne
54
.
Vgl. ferner s. v. ,  14,  3,  3.
4.
›Gott demütig liebend, voller Liebe zu Gott, diesen als Geliebten in sich tragend, ihm leidend nachfolgend, sich dabei selbst aufgebend,
vernietend
‹;
vgl.  4.
Alem.; 14. Jh.; Texte der Mystik.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): (Adj.),  1, (Adj.) 2,  3,  34, , , .
Syntagmen:
m. leben, got m. anblicken, die vernunft jm. m. zu etw. dienen
;
der minnigliche aufgang / sünder, die minnigliche andacht / begerung / furcht, das minigliche anhangen / anblicken / bild, minnigliche leute
.

Belegblock:

Vetter, Pred. Taulers
23, 39
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
dis sint minnencliche lúte, es sint úbernatúrliche goͤtliche lúte, und dise enwúrckent noch entuͦnt nútzit sunder Got.
Ebd.
401, 34
:
do sol man sich vor huͤten und mit einre minnenclicher vorhten ston in underworffener demuͤtekeit, in vernútende sich selber.
Eichler, Ruusbr. steen
555
(
els.
,
sp. 14. Jh.
):
die frv́nde enbevindent anders nv́t in in dennen einen minnenklichen lebenden vf gang in wise.
Ders., Ruusbr. obd. Brul.
2, 1258
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
so kummet er [mensche] bi wilen in soliche minneliche andaht vnd beuintlich mitteliden, daz er begert, mit Cristo genegelt zvͦ sinde an dem crúze.
Vetter, a. a. O.
19, 31
;
20, 22
;
Eichler, Ruusbr. steen
517
.
Vgl. ferner s. v. (Adj.), ,  1,  1.
5.
›unter erotischen, auch moralischen Aspekten sowie aufgrund der gesellschaftlichen Stellung liebens-, begehrenswert, liebreich, liebevoll‹; insofern (vereinzelt:) ›geliebt‹; in aller Regel aus der Sicht des Mannes auf die Frau bezogen, in je 1 Beleg von einem Mann und (dann ohne erotische Nuance) von einem Kind gesagt;
vgl.  5.
Gehäuft nobd., schwäb., oobd.; älteres und mittleres Frnhd.; oft Verstexte.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld):  12,  1,  1, , (Adj.) 16,  1, , , ,  123, , , .
Syntagmen:
j
. (z. B.
die frau
)
m. sein
;
sich m. grüssen
;
der minnigliche herre / falke, die minnigliche dirne / gestalt / magd / weiblichkeit, das minnigliche äuglein / umfangen / kind / weib / wort, die minigliche Helena
; subst.:
die minnigliche
(Akk.obj.)
auf die brust drücken
;
die minnigliche
(Subj.)
erlaub nemen, weibliche ere halten, jn. freudenreich machen, jm. gegeben werden
;
zu der minniglichen gegangen kommen
;
Gynover die minnigliche
.

Belegblock:

Henschel u. a., Heidin
512
(
nobd.
,
um 1300
):
Hie mit senfte mir die pin | Vil minnenklicher herre min.
Gille u. a., M. Beheim
267, 25
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Sie hat zwai mynnigliche aͮglein als ain strauss, | dy sten ir nach der zwerche.
Haltaus, Liederb. Hätzlerin
1, 11, 2
(
schwäb.
,
1471
):
Ich hort durchklingen süsse | Ainer mynneclichñ Maget stymm.
Sappler, H. Kaufringer
1, 66
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
der wirt, die fraw, das ingesind | legten all ir sinn genzlich | auf das selb kind minneclich.
Klein, Oswald
88, 4
(
oobd.
,
1408
?):
ich druckt die minniklichen zu mir auf die brust | nach meines herzen lust.
Seemüller, Chron. 95 Herrsch.
139, 4
(
oobd.
, Hs.
1. H. 15. Jh.
):
wie er daz ze weg précht, daz im die minnichleich wurd gegeben.
Munz, Füetrer. Persibein
341, 5
(
moobd.
,
1478
/
84
):
wie das ir klaider gar | verarmet warnn, si was doch mynikleiche.
Ebd.
439, 2
:
Darvmb thúe dich palld anen | des myniklichen weibs.
Weber, Füetrer. Poyt.
49, 2
(
moobd.
,
1478
/
84
):
Alls er zwm turen gangen | kam zu der minikleichen, mit armen schon vmb vanngen | ward er da von der süeß vnd tugent reichen.
Kummer, Erlauer Sp.
3, 224
(
m/soobd.
,
1400
/
40
):
di [frau] ist minnichleich als ein wasserlagel, | und weis alz ein rabenzagel.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
30, 17
;
Henschel u. a., a. a. O.
85
;
Gille u. a., a. a. O.
103, 8
;
Mayer, Folz. Meisterl.
97, 65
;
Päpke, Marienl. Wernher
13634
;
Wiessner, Wittenw. Ring
2585
;
Sappler, a. a. O.
12, 25
;
Klein, a. a. O.
12, 80
;
40, 34
;
46, 4
;
49, 22
;
107, 20
;
124, 9
;
Munz, a. a. O.
29, 3
.
Vgl. ferner s. v. ,  3,  2,  1.
6.
›achtungsvoll, wohlwollend, freundschaftlich, auf Einvernehmen mit dem anderen zielend‹;
vgl.  8.
Bedeutungsverwandte:
(s. v.  2),  24, (Adj.) 3,  1,  1.
Syntagmen:
m. leben / richten / rufen, sich m. halten / verrichten, jn. m. machen / erhören / corrigieren, jm. m. werden
;
der minnigliche tag
›Tag, an dem eine gütliche Regelung besprochen wird‹,
die minnigliche botschaft / schiedung
(eines
krieges
) /
verbindung, das minnigliche recht
.

Belegblock:

v. Bunge, Livl. UB
4, 141, 15
(
nrddt.
,
1396
):
wen ir wedir eine minnicliche vorbindunge, [...], wedir ruffet und ufsaget.
Stackmann u. a., Frauenlob
5, 18, 12
(Hs. ˹
md.
auf nd. Grundlage,
v. M. 14. Jh.
˺):
er sprach: ,wie wirde ich minnic den, die mich in nide solgen?‘ | Sie sprach: ,die minne ist solcher art, | den haz, den nit sie machet zart‘.
Reissenberger, Väterb.
6998
(
md.
, Hs.
14. Jh.
):
Wie er solde halten sich | Einvaldec und minnenclich | Bi den andern brudern.
Chron. Köln
1, 4349
(
rib.
, Hs.
1. H. 15. Jh.
):
men bespreche eynen mynnentlichen daich, | [...] | ind laissen sy [vrunt] vmb dat beste weruen.
Leman, Kulm. Recht
1, 5, 43
(
Thorn
1584
):
Wil der cleger her mag sich ouch mynnetlich vorrichten myt dem dybe. adir myt dem rouber. Das mus geschen myt des richter wille.
hail. altvaͤter
67r, 18
(
schwäb.
,
E. 14. Jh.
):
vnd sant ym och hin under sin gruͦsslich vnd minneklich bottschaft.
Vetter, Pred. Taulers
113, 8
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
[Man ensolte] nút slahen zehen wunden do man eine heilet, und nút ruͦffende noch ungestuͤmeklichen, sunder minneklichen und mit getult.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat.
448, 24
(
oobd.
,
1349
/
50
):
er [Gerarchites stain] macht auch den menschen liep und minnencleich.
Wolf, Norm im sp. Ma.
94, 66
;
Rwb
9, 659
;
Schöpper
56b
;
Dubizmay, kurß zu Teutze
87, 13
;
Stammler, Berner Weltger.
260
.