menschheit,
die
;
-Ø/–
.
– 1-3 gehäuft Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘.
1.
›Menschheit, Gesamtheit aller Menschen; Menschen unter heilsgeschichtlichen Aspekten der Sündenverfallenheit und ihrer teils als Strafe gesehenen Folgen, z. B.
angst
(
die
) 2,
gebrechlichkeit
2,
leiden
(
das
) 1,
not
(
die
) 5,
peinung
1,
schuld
,
tod
4‹ sowie (schwächer belegt:)
1
genist
›Erlösung, Rettung‹;
vgl.  1.
Syntagmen:
got die m. zum himmel füren
;
die m
. (Subj.)
wachsen, den tod leiden, in ängsten sein, not leiden, betört, mit gebrechlichkeit gebüst / gepeinigt werden, durch jn
. [Christum]
los
›frei, gerechtfertigt‹
sein
;
die götliche art gegen der m. so hart sein, das [...], got den tod von der m. vertreiben, liebe zu der m. haben
;
der m. genist
;
die tödliche m
.;
das leben der m
.

Belegblock:

Große, Schwabensp. (Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
des donnerstages vorte got vnse menscheit tuͦ himele.
Helm, H. v. Hesler. Apok. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
daz unser herre Crist | Durch der menscheite genist | Mit angenomenen schulden, | Daz her uns wider zun hulden | Sineme vater brechte.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
32, 37
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
O die tötliche menschheit ist stete in engsten, in trübsal, in leit, in besorgen, in forchten.
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Leipzig
1537
):
O du werdes opffer so gutt, | [...] | Durch dich ist loß alle Menscheyt.
Gille u. a., M. Beheim
75, 111
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Wann nach der sund wart die menschait | gepusst mit vil geprechlicheit | czu ersten an dem geiste.
Martin, H. v. Sachsenh. Jesus
34
(
schwäb.
,
1455
):
Die wund das ist der leipplich tod, | Den alle menschheit leiden muͦß.
Wiessner, Wittenw. Ring
7008
(
ohalem.
,
1400
/
08
):
Der [got] die wunn geschaffen hat | daz die menschait wachsen schol.
Sappler, H. Kaufringer
27, 2
(
schwäb.
, Hs.
1472
):
Gott der vatter in ewigkait | hat solich lieb zuo der menschait, | die grundlos ist oun endes zil.
Schützeichel, Mrhein. Passionssp.
665
;
1062
;
Froning, Alsf. Passionssp.
3740
;
Hübner, Buch Daniel ;
Feudel, Evangelistar
73, 5
;
Koller, Ref. Siegmunds .
Vgl. ferner s. v. .
2.
›das Sein, Wesen, die Existenzweise, der Charakter des Menschseins unter den mehr oder weniger offensichtlichen Aspekten religiöser Erhöhung des Menschen, seiner Gottesebenbildlichkeit, der Möglichkeit, auf dem Wege mystischer Heiligung sowie aufgrund der Gnade Gottes Gleichheit / Ähnlichkeit mit diesem zu erkennen oder zu erreichen, selten unter Aspekten seiner ,natürlichen‘
blödigkeit
1,
unvolkommenheit
‹; als Metonymie zu 1 auffaßbar.
Syntagmen:
das gemüt die m. erhöht beschauen
, [Gott sich]
die m. meinen / vereinen
;
die m
. (Subj.)
uns eigen betagen, an jm. (am ärmsten menschen / keiser / bapst) volkommen sein
;
der m. minne erzeigen, den rücken keren
;
der mensch unvolkommenheit an der m. haben, vater und son ein anderer / nicht ein anderer an der m. sein
, [Gott sich]
ein kleid von der m. schroten
;
die kranke / pure m
.;
die m. Christi
;
die zunemung der m. in got
;
das oberste an der m., das kleid von der m
.

Belegblock:

Quint, Eckharts Pred. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
menscheit ist an dem ermsten oder versmæhesten menschen als volkomen als an dem bâbeste oder an dem keiser.
Ders., Eckharts Trakt. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
këret den rücke der menscheit und daz antlitze ze gote, [...] und lachet den himelschen vater ane.
Voc. inc. teut.
p viijv
(
Speyer
um 1483
/
4
):
Me͂scheit Humanitas.
Jostes, Eckhart
2, 29
(
14. Jh.
):
Si [sel] sol mit der menscheit begriffen die person dez suns, (und mit der person dez suns) wegriffen den vater und den heiligen geist in in baiden und si peide in dem heiligen geist.
Stackmann u. a., Frauenlob
1, 16, 12
(Hs. ˹
omd.
/
schles.
,
14. Jh.
˺):
die menscheit unser eigen immer muz betagen
[›Menschsein zeigt sich als uns eigen‹],
| kein zuschicht noch kein abeschicht er mac getragen, | ern si got den ich gebar.
Asmussen, Buch d. 7 Grade
634
(
nobd.
, Hs.
A. 15. Jh.
):
daz du mit wunderlicher kunst | uns noch dir und dich noch uns | host so minnenclichen vermenget, | daz dir dein wirde dez henget, | daz du uns dein gotheit | und dir unser menscheit | host so paidenthalben gemainet, | so parmherzeklichen verainet.
Ebd.
642
:
Do schriet du dir ain klaid | von unser kranken menschait.
Gille u. a., M. Beheim
80, 89
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
unvolkomenhait, plodikait | die er [mensch] hat an seiner menschait.
Thiele, Minner. II,
17, 52
(Hs. ˹
wobd.
,
15. Jh.
˺):
ich glob abläs miner pin | nach kunft ir [wipp] gegen werttikait. | ich glob in ir zart menschait, | das die mir min hertz digk uff clieb
(hier Anlehnung an die Form des Glaubensbekenntnisses;
menschheit
hier im Sinne religiöser Interpretation der Minneideologie: ›hohe Würde, Heilkraft der Minnedame‹).
Höver, Bonaventura. Itin. B
544
(
moobd.
,
1450
/
60
):
so denn vnser gemuͤt beschawet jn gottes sun, der da ist ain vnsichtleich pild gottes durch natur, vnser menschait so wunderleich erhocht, so vnaußsprechleich geainigt.
Steer, K. v. Megenberg. Sel
62
(Hs. ˹
moobd.
,
1411
˺):
ob er [Ihesus Christus] got vnd mensch ist, doch sind ir nicht zwen, sunder ain krist. Sunder ainer nicht in der wandlung der gothait inz fleisch, sunder in der zunëmung der menschait in got.
Quint, Eckharts Pred. ; ;
Asmussen, a. a. O.
665
.
3.
›Menschheit, Menschsein, Menschennatur als Existenzweise Gottes in der Person des Sohnes Jesus Christus‹, teilweise wird diese Glaubenstatsache verstanden als körperliche und psychische Existenz (z. B. mit Bezug auf das Leiden und den Kreuzestod Christi) und mit Öffnung zu ›Körper‹ sowie zu ›Christus als Person mit menschlichen Eigenschaften‹, teils Bezug auf die Einheit mit Gott-Vater; als theologischer Sinn der
menschheit
gilt die Erlösung des Menschen; die sprachliche Vermittlung der schwer faßbaren
menschheit
erfolgt teils in relativ festen Formulierungen (z. B.
die m. annemen
), teils in kühnen Bildern und Metaphern;
die einzelnen Aussagen zeigen oft Undeutlichkeiten und stehen in mehr oder weniger deutlichem Widerspruch zu einander; vgl.  3.
Syntagmen:
die m. geiseln / verachten, jm. die m. bieten, dem son die m. verleihen, got die m. anlegen
(Kleidermetapher)
/ annemen
(dies kollokativ),
an sich nemen, die gnade die m. bilden, Christus die m. bedeuten, mergel die m. bezeichnen
;
die m
. (Subj.)
in der person Christ sein, der gotheit anhaften, bei der arche befiguriert, ein acker, ein weg zu got, jm. eine luzerne sein, verstand / vernunft haben, schmerzen empfangen, verblichen sein, krank werden
;
ein stein, ein tor die m. sein
;
die götliche natur sich der m. mit einen
;
der himmel durch die m. erschlossen werden, Christus in m. geboren sein, ein kind in m. geboren werden, j. got
(Akk.obj.)
in seiner m. sehen, Maria got
(Dat.obj.)
in seiner m. kleid geben, Christus in der m. aufgeopfert sein, der son in der m. zur rechten des vaters sitzen, jn
. [uns]
mit der m. erlösen, die sele mit der m. die person des sons begreifen
. [Gott, Subj.]
mit der m. vor die sünde bessern
›büßen‹,
Jesus nach der m
. [wie]
alt sein, Christus nach der m. regieren, etw. geleisten, etw. [ein gut] besitzen, got gleich sein, der vater sich nach der m. minnern, den herren im fel nach der m. abbilden
›darstellen‹,
die gotheit mit dem fel der m. bedekt sein, got nach der m. minner dem vater bestehen, die arche Christum nach der m. bedeuten, von der m. ein bach fliessen, schweis von der m. tropfen
;
die m. Christi / Jesu / gottes, des messias
;
die angenommene
(vielfach) /
arme / blöde / blutfarbene / gelittene / grosse / heilige / hochgelobte / kranke / reine / vergottete / zarte m
.; ˹
die angenommenheit / lere / offenbarung, das durchgehen der m
.˺ (jeweils gen. objectivus),
das fel, der acker / leichnam der m
.

Belegblock:

Luther, WA (
1518
):
das er nit spricht [...], das Christus nach der menschait got nit gleich, sonder under got ist.
Ebd. (
1530
):
das Christus warhafftiger gott ist undt das zwo Naturn in der person Christi sindt, als die menscheit undt gottheit.
Quint, Eckharts Pred. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
allez daz guot, daz alle heiligen besezzen hânt und Marîâ, gotes muoter, und Kristus nâch sîner menscheit, daz ist mîn eigen in dirre natûre.
Nû möhtet ir mich vrâgen: sît ich in dirre natûre hân allez, daz Kristus nâch sîner menscheit geleisten mac, wâ von ist danne, daz wir Kristum hœhen und wirdigen als unsern herren und unsern got?
Er hœret Kristum geborn von dem vater in voller glîcheit des vaters mit angenommenheit unserer menscheit.
diu hôchgelobete menscheit Jêsû Kristî [...] daz ist der edelste acker, der von erde ie geschaffen wart.
Buch Weinsb. (
rib.
,
um 1560
):
A. 1551 den 3. aprilis bin ich [...] so alt gewest als min gott und her Jhesus Christus nach der menscheit was, do hie gekrutzigt wart.
Hübner, Buch Daniel (
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
wand sie [Marie] gab kleit | Gote in warer menscheit | Ane bruch vollenkumen.
Jostes, Eckhart
9, 24
(
14. Jh.
):
Ez sprach auch sanctus Augustinus, daz alle di wort und di ler der menscheit gotes sein ein bilde und ein figure unsers herren lebens und grozzer wirdicheit vor got.
Neumann, Rothe. Keuschh.
1617
(
thür.
,
1. H. 15. Jh.
):
da god di menscheit an sich nam. | in kuscheit entphangen unnd geborn | erloste di da warn vorlorn.
Schönbach, Adt. Pred. (
osächs.
,
1. H. 14. Jh.
):
mergil ist wiz ertriche und bezeichent unsers herren gotes menscheit die da wiz und schone was an allen tugenden und luter und reine an aller hande suͤnde.
Mathesius, Passionale (
Leipzig
1587
):
wie denn auch der HERR Christus im Buch der Richter / im trockenem Fell / nach seiner Menscheit in den Tagen seines Ampts vnnd lauffs abgebildet wird.
Mayer, Folz. Meisterl. (
nobd.
,
um 1480
):
Daz die gotlich natur ist ungeprechlich gancz | Und einet sich der menscheit mit | Durch anemung der selben ymer mere.
Mönch v. Heilsbronn. Fronl.
13a, 32
(
nobd.
,
E. 14. Jh.
):
mit deinem rat / geschuf vns der vater nach seinem pilde mit dein’ manvng / schuf sich der svn nach vnserm pilde der armen menschait da mit er vns / erloͤste.
Reichert, Gesamtausl. Messe
88, 15
(
Nürnb.
um 1480
):
Und gelauben in Ihesum Cristum. ,Ihesus‘ – der name bedeut die gotheyt und ,Cristus‘ die menscheyt.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
daz ist ein groz wunder in minem herzen: minneklicher herr, ich suͦch alles din gotheit, so bútest du mir din menscheit.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
E. 14. Jh.
):
die grosse sunne das ist der himelische vatter, der het under ime gemaht eine minre sunne, das ist der sun; allein er ime gelich si noch der gotheit, so het er sich selber geminret noch der menschheit, nút uns zuͦ verbergen, sunder [...] daz wir in gesehen moͤchtent.
Rieder, St. Georg. Pred. (Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
sin mentschait ist úns ain schoͤnnú lucerne.
Nu sprichit abir der wissage: ,ir sunt den bach trinken der von der gotheit und von der menscheit vliuzt‘.
Glatz, Chron. Bickenkl. (
önalem.
,
um 1640
):
die zway, költen und hüz, drüben von im den bluotigen schwayß, das er allenthalben abtropfnete von der zarten menscheit Jesu.
Schmidt, Rud. v. Biberach
161, 20
(
whalem.
,
1345
/
60
):
hest dú nv́t gessen, [...] „min [Cristus] waben mit minen honge“, daz ist suͤssekeit miner gotheit mit dem lichamen miner bluͦtvarwen menscheit?
Lindqvist, K. v. Helmsd.
4143
(
halem.
, Hs.
um 1435
):
Din menschait do enpfieng mit trur | Den hoͤchsten schmertzen der natur.
Steer, Schol. Gnadenl.
1, 337
(
noschweiz.
,
15. Jh.
):
so merke, das die gnad die menscheit Jhesu Christi in vnmaͤsshait der ture bildet.
Sappler, H. Kaufringer
16, 529
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
da die gothait was bedeckt | mit der kranken menschait vel.
Spechtler, Mönch v. Salzb.
23, 94
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
sein plöde menschait ward so kranchk, | das in betwang der durst nach menschen hail.
Buijssen, Dur. Rat.
11, 7
(
moobd.
,
1384
):
der alter [bedewt] die geselschaft des hymels, di arch bedewtt Christum nach der menschait.
Steer, K. v. Megenberg. Sel
58
(Hs. ˹
moobd.
,
1411
˺):
Volchömen got, volchomen mensch, aus redleicher sel vnd menschleichem fleisch bestend, gleich dem vater nach der gothait, mynner dem vater nach der menschait.
Kummer, Erlauer Sp. (
m/soobd.
,
1400
/
40
):
wi doch die menschait ist verplichen | und naturleich chraft entwichen.
Quint, a. a. O.
445, 9
;
Kehrein, Kath. Gesangb. ;
Dubizmay, kurß zu Teutze
83, 1
;
Strauch, Par. anime int.
10, 30
;
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. ;
v. d. Broek, Suevus. Spieg.
291r, 1
;
Mathesius, a. a. O. ;
Mönch v. Heilsbronn. a. a. O.
31b, 10
;
Gille u. a., M. Beheim
76, 12
;
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
75
;
Stamm, Schwarzw. Pred.
5, 181
;
Bihlmeyer, a. a. O. ; ;
Vetter, a. a. O. ; ;
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
1, 208
;
Schmidt, a. a. O.
2, 7
;
18
;
Wyss, Luz. Ostersp.
3025
;
Spechtler, a. a. O.
24, 92
;
37, 31
;
Niewöhner, Teichner
332, 110
.
Vgl. ferner s. v.  3,
1
 3,  1,  1,  2,  8,  2.
4.
s.  5.
5.
s.  7.
6.
›männliche Geschlechtsteile, Genitalien‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  11,  5.

Belegblock:

Niewöhner, Teichner
635, 107
(Hs. ˹
moobd.
,
1469
˺):
so wolt ich wol haben stat | das man in der kirchen pat | und zu dem gewant sammen liess, | das man yms ettwenn understiesz, | das er die menscheit niden dekcht | und die kind dest myner schrekcht.
Haltaus, Liederb. Hätzlerin (Hs. ˹
schwäb.
,
1472
˺):
da er tantzet aller best, | do zerprast im die grundvest, | das im hieng die menschaitt | für den rock wol also braytt.