martern,
marteln,
V.;
vereinzelt mit Uml.
1.
›(Christus) der Passion zuführen, der in den Evangelien beschriebenen Folge von Hohn, Spott, Schlägen, Qualen, Kreuzigung und Tod unterziehen‹;
zu (
die
1.
Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘.
Bedeutungsverwandte:
,  1,  3,  113,  1.
Syntagmen:
den herren m
., (Christum,
seine menschheit
)
zu m. geben
;
sein kind gemartelt sehen, Christus für die sünder gemartert sein
(ähnlich vielfach).
Wortbildungen:
marterung
1,
martyren
(V.; Anlehnung an die Entlehnungsgrundlage).

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
[Daz] her [son] die schult uf sich nam | Von der her in die werlt quam | Zu der bitteren marterungen | Vrilich und unbetwungen.
Froning, Alsf. Passionssp.
5943
(
ohess.
,
1501ff.
):
o we des ganges, des ich ge, | synt ich myn kynt gemartelt se!
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
22
(
Nürnb.
1517
):
Aus gleichmesiger notturft ist auch Christus für die sünder gemartert, gekreuzigt und gestorben.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
und wurd wider zuͦ Pylato geschicket und wurd vor im [...] ze marteren und ze crútzgen geben an Barrabas statt geheischet.
Rieder, St. Georg. Pred. (Hs. ˹
alem.
,
M. 14. Jh.
˺):
sine werden menscheit gap er angistliche ze martyrene und ze toͤten.
Adrian, Saelden Hort
11032
(
alem.
, Hss.
E. 14.
/
15. Jh.
):
Crist ist ain unmáhtiger got, | sit daz er selb gemartrot | von armen lúten blóden | wart und lie sich toden.
Baumann, Bauernkr. Oberschw. (
schwäb.
,
v. 1542
):
Wan die Juden nit verhanden gewesen weren, so hettend die Bairen unsern herren gemartret.
Buijssen, Dur. Rat.
18, 2
(
moobd.
,
1384
):
Wenn er gemartert ist mit den czungen der schelter, mit den henten der slahunden und mit den nageln der chrewzunden.
Strauch, Par. anime int.
29, 25
;
2.
s. (
die
3.
3.
›jn., oft: sich selbst, aus religiöser / moralischer Motivation ängstigen, psychisch und physisch quälen, martern‹, teils mit Ansatz einer Abstraktgröße (z. B.
der minne glut, sorge
) als handelnder Instanz; resultativ: ›sich durch Selbstqual, Askese läutern‹;
vgl. (
die
47.
Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘.
Wortbildungen:
martilien
1.

Belegblock:

Schöpper (
Dortm.
1550
):
Cruciare. Engstigen bemuͤhen creutzigen marteren ängsten vexieren peynigen qüelen pressen vnseligen vmbtreiben verkuͤmmern ketzern.
das alle, die on glawbenn unnd gnaden sind, keyn gesetz halten, ob sie gleych sich tzu todt mit des gesetzs wercke martereten.
da leufft der ynß Carthuß, der ynn dießen orden, der wirt eyn pfaff, der legt eyn heren hembd an, der geyssellt sich, der martert sich sonst [...] sie sind doch nit heylig, sie dencken nit an den glawben, sturmen nur mit gutten wercken (als sie meynen) unnd sich selbs marteren tzum hymell tzu.
Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
4045
(
rib.
,
1444
):
Dat is as dir tribulatio kompt bij | [...] | Ind oever dich schickt yre serganten dan | De dich so werdent martilien.
Ebd.
13595
:
Mer do ich lach gemartiliet also, | Horte ich des conventz clocke luden.
Neumann, Rothe. Keuschh.
1302
(
thür.
,
1. H. 15. Jh.
):
so wirstu ein gemertet
[hier: ›geläutert‹]
magit, | di got unnd den luten behaget.
Lauchert, Merswin (
els.
,
1352
/
70
):
derzuͦ wart ich svͥnderliche groͤseliche gemartelt vnd gepineget in groser bekorvnge in himelschen bilden.
Thiele, Minner. II,
17, 28
(Hs. ˹
wobd.
,
15. Jh.
˺):
Noch me glob ich da by: | das die rain, die zart [jung wipp] | gemartert und gepingt wart | von sorgen da sú by schlieff.
Wiessner, Wittenw. Ring
1326
(
ohalem.
,
1400
/
08
):
Do martret in der minne gluot | So ser, daz im die nas pluot.
4.
›jn. dem Martyrium zuführen, als Vertreter(in) eines Glaubens, eines moralischen Wertes martern, peinigen; sich selbst das
fleisch
kasteien‹;
vgl. (
die
468.
Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘, auch berichtende Texte.
Bedeutungsverwandte:
,  134; vgl.  14, ,  1.
Syntagmen:
jn
. (z. B.
die christen / jungfrauen / mägde, St. Blasius / Laurencius / Peter / Marcus
)
m., etw
. (z. B.
das fleisch
)
m
.;
j. mit got gemartert werden
.
Wortbildungen:
martilien
2.

Belegblock:

Fischer, Brun v. Schoneb. (
md.
, Hs.
um 1400
):
welcher hande swere not | adir den grimmen bittern tot | der mensche unschuldig lidet, | [...] | der wirt mit gote gemarterot.
Chron. Köln (
Köln
1499
):
want sent Peter was lange vur der zit gemartiliet ind gedoit van dem keiser Nero.
v. Tscharner, Md. Marco Polo
3, 29
(
osächs.
,
2. H. 14. Jh.
):
Do ist Sabasten di stat, do gemartirt wart sente Blasius.
Schönbach, Adt. Pred. (
osächs.
,
1. H. 14. Jh.
):
do man in briet uf dem roste, dar umme so vorspottete er beide vuͦer und dar zu gene die in da marterten.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
E. 14. Jh.
):
daz súllent die lúte mercken die das arme fleisch martelent.
Strauch, Schürebrand (
els.
,
E. 14. Jh.
):
zornmuͤtigen wuͤteriche und tyrannen, die [jungfrouwelin] sú do gar swere pinigetent und marteltent, das sú alles gar gewillecliche und froͤliche littent in vesteme glouben.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, zu
1524
):
ist aber der mein [glaub] gerecht, so wirdt er mich mer martern, und zum zaichen will ich den gerechten fueß uber den lincken schlahen.
Hohmann, H. v. Langenstein. Quästio
191, 152
(
moobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
Dauon spricht sand Pernhart: „Wie vil du dich chestigst vnd marterst, so geyt sich got, [...] dier nymer“.
v. Tscharner, a. a. O.
71, 6
;
Bihlmeyer, Seuse ;
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
615, 8
;
616, 6
;
Morrall, Mandev. Reiseb.
38, 28
.
Vgl. ferner s. v.  3.
5.
›jm. durch Anwendung physischer Gewalt Schmerzen bereiten, jn. aus politischen / religiösen / strafrechtlichen / medizinischen, auch aus nicht angegebenen Gründen quälen, verfolgen (bis zum Tod hin); jn. schmerzen‹; mit Subj. d. P. oder S. (in letzterem Falle z. B. von Tieren, Befindlichkeiten des Körpers gesagt);
vgl. (
die
6.
Bedeutungsverwandte:
 1,  23,  23, (V.) 1,  1,  1,  2,  2,  1, , ; vgl. .
Syntagmen:
jn
. (z. B.
zigeuner
)
m., j
. (auch:
der antichrist / teufel, die juden
)
/ etw
. (z. B.
nattern, gewalt / hauptwehtum, das ziehen der bandadern
)
jn. m
.
Wortbildungen:
marterbet
›Wochenbett‹,
martergerüst
›Martergerüst‹,
marterkolben
,
martersak
›Sack zum Ertränken / zur Qual eines zu Verurteilenden‹.

Belegblock:

Alberus, Barf. (
Wittenb.
,
1542
):
das Heubtwehthumb / welchs sie eine lange zeit gemartert hatte.
Voc. inc. teut.
p vjv
(
Speyer
um 1483
/
4
):
Martelkolbe͂ Lãtuniu͂ e͂ instrume͂tu͂ v’berãdi.
Altmann, Wind. Denkw. (
wmd.
,
um 1440
):
also wart der selbe Lanclut [...] zu sins selbes venster ußgehangen und vor gar sere gemartelt.
Logau. Gott
157, 2
(
Breslau
1644
):
die wir vbrig / sind zurings vmbfangen / | Mit Nattern / die vns ohne Maß vnd Zehlen Martern vnd Quaͤlen.
Sachs (
Nürnb.
1558
):
Warhafft gewalt, ehr und reichthumb | Den menschen gar zu rhu nicht stellen, | Sonder in stets martern und quelen.
Ebd. (
1562
):
Sie heitzten ein die bawrenstuben | Und auff das marterbeth ihn huben, | Das war gemachet nur von stro.
Bremer, Voc. opt.
30033
(
wobd.
,
1328
/
9
):
Lantumnum [...] martergeruͤst [...] marterkolb [...] marterkolk [...] est instrumentum verberandi latum et obtusum.
Ebd.
30037
:
Culleus martersak [...] est saccus, cui dampnandus insuiter; et in eo submergitur.
Wiessner, Wittenw. Ring
3154
(
ohalem.
,
1400
/
08
):
So martret mich der huost so ser.
Schib, H. Stockar
160, 6
(
halem.
,
1520
/
9
):
Uff dye zitt komand zyeguner har, und dye fye(n)g man, [...], und fürt uff ratthus, und mardaratt myan ubel.
Völker, Antichrist
21
(
wschwäb.
,
15. Jh.
):
wie er [anticrist] die welt betriegen vnd verlaitend wirt vnd wie lang er die lút nötiget vnd martret.
Rot
290
(
Augsb.
1571
):
Angsten, zwingen / dringen / martern.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
sô ziehent si [pantâdern] sich zesamen, und daz ziehen martert den menschen jæmerleichen.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. (
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
ein wunderzaychen von ainem chindt, das die schalckhafftigen Juden zu Tryennt gemortert und getodt haben.
Thür. Chron.
13v, 13
;
Gille u. a., M. Beheim
99, 182
;
Tiemann, E. v. Nassau-S. Kgn. Sibille
1483
;
6.
›jn. den Qualen der Hölle aussetzen‹;
zu (
die
5.
Bedeutungsverwandte:
.
Wortbildungen:
marterlich
4.

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
Do
(in der
tufe der helle
)
sie so marterlichen leben | Die dar in treit der sunden schimel.
Gille u. a., M. Beheim
179, 8
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
wann der teufel mit feur der hell | die leüt martert und haiczigt.
Stammler, Berner Weltger.
654
(
ohalem.
,
1465
):
Jr soͤnd sy [lüte] martren jemer me, | Daz sy fast schryent ach vnd we!
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß .
7.
›jn. zur Erzwingung eines Geständnisses foltern‹; in einigen Belegen steht
martern
im Gegensatz zu
jn. ler aufziehen
›ohne Gewicht strecken‹ sowie zu
mit guten ausstreichen
(dazu bdv.:
gütlich besprachen
, s.  4);
martern
bezieht sich demnach auf schwerere Arten des Folterns;
zu (
die
8.
Wortbildungen:
marterbank
›Streckbank, Folterbank‹ (a. 1591/2),
marterbaum
›Streckleiter‹,
marterkräuel
›Folterhaken‹,
marterung
2.

Belegblock:

Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim.
310b, 5
(
Frankf./M.
1649
):
sintemahln die einbildung ihro
[der
Tortur
]
die gegenwertige Marterung vielmehr vnd lebhaffter vorstelt / alß den kuͤnfftigen Todt.
Skála, Egerer Urgichtenb.
45, 7
(
nwböhm.
,
1563
):
Nach dießem Ist er noch harter geschraubet (vnd gemartert) worden.
Ebd.
85, 2
(
1571
):
Sager habe diese Thadt Nit lenger dan diesen Tag Inn Sin gehabt Sej Zuuor nit gemertert sonder Zu Kelheim Leer aufgetzogen worden.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
184, 13
(
thür.
,
1474
):
eynen vorlornen kelch, darumbe eyner gespylet unde gemarttert ist, belangende.
Bremer, Voc. opt.
30031
(
wobd.
,
1328
/
9
):
Vngula marterkrewel [...] proprie est cornea excressencia, que annascitur pedibus iumentorum; [...]; et transsumitur pro ferreo instrumento, (quo carnifices et lictores carnes dampnatorum lacerant, vt concedant).
Ebd.
30034
:
Eculeus marterboͮm [...] voltergeruͤ est instrumentum, in quo tormentandi leuantur in altum, vt propria fateantur.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, zu
1513
):
da lag er da und ließ sich martern und peinigen; man kunth nichts von im bringen bis in die fasten vor letare.
Brunner, Rechtsqu. Krems u. Stein
134, 31
(
moobd.
,
1425
):
darumb man uns herttiglich und swarleich gegichttigt und gemartert hat.
Fischer, Eunuchus d. Terenz (
Ulm
1486
):
ist gleich als so man ain martert untz das er sagen muͦß was man wil.
8.
›sich mit etw. (Weltimmanentem, oft: Tagesärgernissen) abquälen, abmühen‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  4, ,  16, ,  2.

Belegblock:

Luther, WA (
1544
):
Da gieng es unter den Juͤden an ein martern
[gemeint sind:
fasten
, den
zehenten geben
,
nach dem Gesetz leben
].
Opitz. Poeterey
35, 13
(
Breslau
1624
):
Welchem die reime nicht besser als so von statten gehen / mag es kuͤnlich bleiben lassen: Denn er nur die vnschuldigen woͤrter / den Leser vnd sich selbst darzue martert vnnd quelet.
Trunz, Meyfart. Rhet.
1, 328, 21
(
Coburg
1634
):
Es ist aber auch nicht der Muͤhe werth / daß man sich viel daruͤber martere
[über eine sprachliche Angelegenheit].
Kohler, Ickelsamer. Gram. (wohl ˹
Augsb.
1. Dr. 16. Jh.
˺):
Got werd noch ainmal, [...], seine gaben der kunst vnd sprach, so klar herfür geben, das man nicht mit solchem martern vnnd zabeln drin̄ muß lernen.