locken,
V.
1.
›jn. / ein Tier (oft: einen
falken
) mittels geeigneter Reize zu einer Bewegung in eine bestimmte Richtung veranlassen, jn. / ein Tier zu jm. / etw. hinlocken, heran- / weglocken‹; jeweils, auch in den mystischen Texten, mit Betonung der Richtung.
Phraseme:
nicht einen hund aus dem ofen locken
.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  1.
Syntagmen
meist mit Akk.obj.:
jn
. (auch:
das volk
)
[...] l
., ein Tier (z. B.
den fisch / vogel, die muräne
)
l., jn. süs l
., seltener mit Dat.obj.:
jm., dem vogel / falken l
.; mit adverbialer oder präfixaler Richtungsangabe:
[jn. / jm
., ein(em) Tier]
einhin / herab / herzu / zuhin l
.; mit Präpositionalangabe der Richtung:
[jn. / jm
., ein(em) Tier]
aus im selber, aus dem wasser, aus der burg, ausser dem leid, durch die heide, in ein nez, in die virre, von jm. (got) l., zur himmelspforte, zu der hand, zu einer se, zu jm. (got), zu js. geburt l., etw. in den (ab)grund lockend sein
, mit Präpositionalangabe des Mittels:
[jn., dem falken / vogel] mit -as / fleisch / lieblichkeit l.
; subst.:
den valken mit locken reisen
.
Wortbildungen:
löckeln
,
locker
›Lockvogel‹,
löckern
,
lokbis
›Anregung‹ (a. 1587),
lokfleisch
›Köder, Aas‹ (um 1400; dazu bdv.: vgl.
1
 4, ,
1
 1),
lokgauch
›Lockvogel‹ (ütr.),
lokgeld
(dazu bdv.: ),
lokluder
(um 1400),
lokpfeife
,
lokschnur
eine Schnur, mittels derer der Habicht abgerichtet wird (a. 1480),
lückern
.

Belegblock:

Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. (
preuß.
,
um 1330
/
40
):
dî [truht] vor in weich in semftir vlucht | sich vaste mit in zockinde | und in dî virre lockinde.
Luther, WA (
1526
):
auff das er [der welt furst] uns nicht aus unser wehre und burg locke.
Ebd. (
1535
):
Kan nicht ein hünd aus dem ofen locken.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
636, 4053
(
Magdeb.
1608
):
Das jhrs / wie ichs befohlen / macht / | Jhn fein locket zu vnser See / | Da sol jhn werden bange vnd weh.
Helm, H. v. Hesler. Apok. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
Die lucket her mit worten | Zur vronen himel porten | Als valken mit dem lodere.
Quint, Eckharts Trakt. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
sô gibet unser herre daz solchen liuten durch ein lückern und durch ein reizen.
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim.
258a, 25
(
Frankf./M.
1649
):
welche von hauß zu hauß / eine ansehenliche summe͂ erhoben / vnd jhne [Bawern] zu lock oder Ludergelt Pro artha zubracht haben.
v. Tscharner, Md. Marco Polo
24, 26
(
osächs.
,
2. H. 14. Jh.
):
noch der ordenunge des grozen chaam sten czen tusint man [...] czu reysin di vogil und czu lockin wen des czit ist, das man yn neme den roub.
Enders, Eberlin (
Erfurt
1523
):
Die Muͤnch woͤllen also ewer gewaltig werdenn, so sie ewer kynd loͤcklen yn yhre netz.
Stackmann u. a., Frauenlob
4, 114, 10
(Hs. ˹
nobd.
,
3. V. 15. Jh.
˺):
mit der vünde vleische | locke ich im [valke] so, daz er zuhant spürt, daz ich in eische. | wart er mit kunst gelocket ie, licht wirt im ruf geneme.
Gille u. a., M. Beheim
331, 185
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Ich hub mich auff die spor | und ward in [valke] aber raissen | mit laken und ach paissen.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
E. 14. Jh.
):
aber hiemitte locket und loste er [herre] sú [frúnt] uz in selber und usser allem leide der gevengnisse.
Ebd. (
1359
):
Dis wort das ist eigenlichen des himelschen vatters und leitet und locket uns zuͦ siner geburt.
so enist kein widerwertikeit [...], ja och gebreste die uf den menschen vallent, es ensi alles leitende und lockende und tribende in den grunt.
Rieder, St. Georg. Pred. (Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
,ir sont‘, spricht er, ,Got minnen von allem hertzen, also daz úch kain aͤndrú suͤskait von im loke.
Fuchs, Murner. Geuchmat
254
(
Basel
1519
):
Des hant sy mich ein gouch geschetzt, | Vff dass [...] | [...] ich ein lockgouch vor dran sey.
Ebd.
815
:
[die geuchin] wolt des gouchs gern ledig syn. | Warumb lockt sy jm dann haryn?
Moscherosch. Ges. Phil. v. Sittew. (
Straßb.
1650
):
der doch mit all sinem verstand kaum einen Hund könte auß dem Offen locken.
Rennefahrt, Gebiet Bern (
halem.
,
1617
):
soll ouch niemandt, [...], den rhäbhuͤneren nachsetzen, [..., ouch kein vorstehnden hund, noch lockeren bruchen.
Maaler (
Zürich
1561
):
Mit lieblichkeit der stim͂ gefangen / oder eynhin Geloͤckt.
Dict. Germ.-Gall.-Lat.
3b
(
Genf
1636
):
Abbaͤyssen / durchs Baͤys abrichten oder herzu locken.
Ebd.
309, 5
:
Lockpfeiffe / [...]. Aucipitis fistula.
Bobertag, Schwänke (
Augsb.
1548
):
der [Franzose] hat in mit gueten worten biß uf die frontiren, da sich das Teutschlandt und Lottringen schaiden, gelöckert.
Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
Die [dochter] hab er zu im in sein gemach hinauf gelöckert.
hernach gerow es graf Hannsen. das er dise gueten frawen von Insprugk heraufs het gelückert und ir ain solchen abschiedt gegeben.
Henisch (
Augsb.
1616
):
anbiß / damit man die Voͤgel vnnd fisch locket.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
diu slang locket die murên auz dem wazzer mit sänftem wispeln.
Klein, Oswald
19, 19
(
oobd.
,
1416
):
Der ainen vogel vahen müss, | das er im nicht emphliege, | der tü im richten, locken süss, | domit er in betriege.
Munz, Füetrer. Persibein
366, 7
(
moobd.
,
1478
/
84
):
wo er solich lúeder sach zw streit, | da torfft man im mit veder as nicht locken!
Strehlke, a. a. O. ;
Quint, Eckharts Pred. ;
Stackmann u. a., a. a. O.
5, 114, 11
;
Hör, Urk. St. Veit
256, 2
;
Klein, a. a. O.
38, 18
;
42, 77
;
Dalby, Lex. Mhg Hunt.
1965, 138
;
140
;
2.
›jn. psychisch zu etw. bewegen, veranlassen, reizen, verlocken‹.
Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘.
Bedeutungsverwandte:
 1,  4, , , , ; vgl.  4, ,  1,
2
 2.
Gegensätze:
(s. v. , V., 5), .
Syntagmen:
got, den teufel / argen, das herz, js. schmak, Jerusalem l., jn. freundlich / lieblich / senlich, mit dem lone l., jn. zum glauben, zur busse l.
;
das evangelium
(Subj.)
l., das gleichnis l., die warnung l., das [...]; dem kämpfer, dem guten, dem verständnis l
.; subst.:
ein locken zu etw. haben, sich mit locken bemühen, jn. mit locken zu etw. bringen
.
Wortbildungen
lockung
(dazu bdv.: ,  1, , ).

Belegblock:

Schöpper (
Dortm.
1550
):
Illicere. Anreitzen weigeln locken.
Ziesemer, Proph. Cranc Jes.
40, 2
(
preuß.
,
M. 14. Jh.
):
sprecht Jherusalem zu herzen und locket
[
Wormser Proph.
1527:
schreyet
;
Eck
1537:
beruͤfet
;
Luther
1545:
prediget ir] si.
Helm, H. v. Hesler. Apok. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
sie suenten Gotes zorn | Und Got dachten locken | Mit stieren und mit bocken.
Dem guten ist gut zu sagene, | Den argen sal man locken.
Luther, WA (
1520
):
die musz man wie die jungen kinder locken und reitzen mit den eusserlichen [...] geschmuck, leszen, beten.
Ebd. (
1521
):
ßo wirstu [...] sehen, [...] das er dich lieblich und freundtlich locket und reitzet, an tzunemmen, das er dyr schencket.
Ebd. (
1537
):
alles, damit der Teffel reitzen und locken odder schrecken [...] kan.
Quint, Eckharts Pred. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
das lamp spiset vnd kleidet vnd tuͦt das alse guͤtlich, vnd das sol vͥnserm verstentnisse loken.
Daz ander werk ist, daz ez iemermê locket dem guoten.
ich hân in geruofet und in geladen und hân in gelocket, und in mich ist komen der geist der wîsheit.
Ders., Eckharts Trakt. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
glîchnisse vliuzet von dem einen und ziuhet und locket von der kraft und in der kraft des einen.
Jahr, H. v. Mügeln
465
(
omd.
, Hs.
1463
):
biß das ich [Musica] in des herzen gruft | lokte got, als es im zam, | und menscheit von der meide nam.
Neumann, Rothe. Keuschh.
4612
(
thür.
,
1. H. 15. Jh.
):
wer den tuvel locket | unnd in fleischlicher liebe ist vorstocket, | [...] | so ist vollenbracht di unselickeid.
Roloff, Naogeorg/Tyrolff. Pamm.
149, 1274
(
Zwickau
um 1540
):
Ihr seht das ich / | Mit reitzen / locken / schrecken fleissiglich | Mit hend und fuͤssen mich bemuͤhen thu.
Mayer, Folz. Meisterl. (
nobd.
,
um 1480
):
Jungfraw, dein reynes plut so millt | Dem kempfer locket unde zyllt.
Gille u. a., M. Beheim
21, 28
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
das mein inwendiger smak | mit eitelkait nicht also werd geloket.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
E. 14. Jh.
):
wie der mensche sine gesiht het uzgekert und irre get, doch so het er ein ewig locken und ein neigen herzuͦ und enkan kein raste nirgent han.
Rot
289
(
Augsb.
1571
):
allicion, zendlung / raitzung / lockung / anmuͦttung.
Hohmann, H. v. Langenstein. Untersch.
63, 32
(
moobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
soltu wissen, daz die vodristen uͦrsprung der anruerung [...], die da [...] lokchent vnser hertz, drey sint: die gewonhait der natur, der guͦte geist vnd der poͤse geist.
Klein, Oswald
61, 33
(
oobd.
,
1417
):
so la dir, herzlieb, aberfrein, | des ich lang hab gebitten, | und das mich senlich locket.
Quint, Eckharts Trakt. ;
Strauch, Par. anime int.
41, 20
;
3.
›verlocken, verleiten (als dem Bösen, der Sünde inhärente Disposition); jn. verlocken, verleiten‹; eng an 2 anschließbar.
Bedeutungsverwandte:
 1; vgl.  4, ,  3,  2, .

Belegblock:

Neumann, Rothe. Keuschh.
2653
(
thür.
,
1. H. 15. Jh.
):
die hubscheid das hertze betruget, | di girikeid ess locket.
Ebd.
2759
:
di notdorfftikeid vorder locket | das der mensche dar ynne vorstocket.
Fuchs, Murner. Geuchmat
880
(
Basel
1519
):
Agstein zücht nit so hefftig an, | Alß so ein wyb wol locken kan.
Adrian, Saelden Hort
4678
(
alem.
, Hss.
E. 14.
/
15. Jh.
):
so dann der tiefel nit verbirt | siner alten dúke | und dir beginnet lúken | ze gaislicher hohvart.
Neumann, a. a. O.
3059
.