leumund,
leumd(e),
leumut,
lümut,
der
;
-s
oder
-en/–
;
aufgrund etymologischer Undurchsichtigkeit starke Formvariation: Kontraktionen, Entrundungen (
-ei-
), Zerdehnung der ersten Silbe (zu
leine-
), unterschiedlicher Stand der Diphtongierung sowie der Umlautkennzeichnung (bezogen auf die erste Silbe), volksetymologische Sinngebung(sversuche) der ersten Silbe (z. B.
lein-
,
3
laugen-, leut-
) sowie der zweiten Silbe (
-mund, -mut
);
teilweise völlige Deformation der Schreibung (z. B. zu ).
1.
›Ruf, öffentliche Einschätzung, Leumund, Urteil der sozialen Umwelt über eine Person oder Personengruppe mit Bezug auf ihr sittliches Verhalten‹; a) teils neutral ohne Attribut; b) teils trotz fehlenden Attributs aus dem Textzusammenhang als positiv oder negativ gemeint erschließbar; c) teils mit Wertadjektiven, meist
gut
oder
böse
, attribuiert und dann ansatzweise phrasematisch; offen zu 2; 3; 4; 5.
Gehäuft ˹Rechtstexte, Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘, berichtende Texte˺.
Bedeutungsverwandte
(alle Nuancen zusammenfassend):
1
 4,  1,  3,  1,  4,  5,  9,
1
 13, ,
1
 12, (
der
4, , , , .
Syntagmen:
einen (guten / bösen) l. haben, den l. abschneiden / ärgern, kränken / letzen / schwächen / vermeiligen, js. l. rauben, einen guten l. hören, einen bösen l. gewinnen
;
der l
. (Subj.)
umgehen / wachsen, jm. lieb sein, sich weit ergiessen, einem apfelschal gleich sein
;
eines guten leumundes sein
;
den verdacht durch l. anzeigen, an js. l. rüren, jn. am l. töten, jn. mit dem l. bemorseln, mit dem l. betragen werden, in einen bösen l. kommen, in bösem l. stehen, jn. in einen l. werfen, von bösem l. sein, jn. von dem guten l. bringen
;
der l. des vaters
;
der argwönige / böse / dunkle / erliche / gemeine / grosse / gute / offenbare / offene / übele l
.;
abstrickung / verderben / verkleinerung / zier des leumunds
.

Belegblock:

Zu a):

Laufs, Reichskammergo.
187, 22
(
Mainz
1555
):
soferr dann die klagendt parthei den verdacht durch gnugsam anzeyg oder eyn gerücht, leumuth oder aber durch eynen zeugen [...] anzeygt.
Hertel, Hall. Schöffenb. (
osächs.
, zu
1424
):
daz her sy geschulden hat mit reden vnde worten, dy on ere lip vnde lumund ruren.
Jerouschek, Nürnb. Hexenh. (
obd.
,
1491
):
dar die erste anzeugu͂g sol seinb der lumuͦt mit dem argkwon das iist das geschrey das gemaine͂ volcks.
Bachmann, Morgant (
halem.
,
1530
):
diewyl er [Gannellon] den lǔmbden hat, das er der gröst verretter.
Wedler, W. Burley. Liber
55r
(
moobd.
,
v. 1452
):
du macht / ettwann wol betrogenn werden mit dem lüntden, aber mit der gewissenn nymer.
Baptist-Hlawatsch, U. v. Pottenst.
244
(
moobd.
,
A. 15. Jh.
):
Aines menschen leẅndt warumb der ainem appffelschal geleich ist.
Köbler, Ref. Wormbs
341, 6
;

Zu b):

Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. (
preuß.
,
um 1330
/
40
):
daz sich [...] | sîn luͤmmunt und sîn name | [...] | an guͦtem ruͦche wîte irgôz.
das sie [diaboli] dieselben zu schanden machen, yhren leuttmund offentlich rawben.
Darümb wil Gott des nehisten leumund, glimpff und gerechtickeit so wenig als gelt [...] verkürtzt haben.
Neumann, Rothe. Keuschh.
4229
(
thür.
,
1. H. 15. Jh.
):
so wirt si [maget] zu der stunde | bemorselt mit dem luͤmunde.
Ebd.
5615
:
ab si dich vordencken | unnd dinen lumund dar umme krencken.
Köbler, Ref. Nürnberg
85, 2
(
Nürnb.
1484
):
das der Clager dem oder denselben der person oder habe vnd gut auf sein anpringen verpotten worde͂ wer vnguͤttllich gethan. vñ vnpillich in soͤllichen Ruͦff. schmehe vnd lewmuͦt geworffen hette.
Jörg, Salat. Reformationschr.
417, 3
(
halem.
,
1534
/
5
):
wider die xij ort der Eygnoschaft zuͦ abstrickung und vercleynerung jrs glimpfs, lümdens und eeren.
Bauer, Geiler. Pred.
467, 32
(
Augsb.
1508
):
da aines dem andren mit seinen worten sein eer abschneydet / und ym seinen laümden schwoͤchet.
Müller, Grafsch. Hohenb.
2, 294, 23
(
schwäb.
,
1535
/
6
):
der Brun der mayer waz in ainen lümden, er het ain ku angangen.
Rudolf, Peuntner. Sterbek.
150va, 32
(
moobd.
,
n. 1434
):
Vergibst du [...] allen den, die dich gelaidigt habent an deinem leichnam, an deiner seel, an deinem gut, an deinem lanndt vnd an deinem lob?
Karnein, de amore dt.
165, 368
(
moobd.
,
v. 1440
):
so ain junckfraw in der lieb vnd mynn wol gelert ist vnd macht damit ir güt wort vnd lewnt wachssen, so mag ir man [...] kayn recht haben wider sie zu sprechen.
Franck, Decl.
344, 23
;
Bihlmeyer, Seuse ;
Wagner, Erk. Ps.-J. v. Kastl
8, 33
;
UB ob der Enns
10, 296, 3
;
Pfeiffer-Belli, Murner im Glaubensk.
1, 2, 23, 27
;
Haas u. a., Erasmus/Jud. Klag
7r, 1
;
Leidinger, A. v. Regensb. ;
Türk, Wortsch. Dietr. v. Gotha.
1926, 73
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß .

Zu c):

Luther, WA (
1529
):
das wir unsern nehisten nicht felschlich beliegen [...] odder bösen leumund machen.
Kohler u. a., Peinl. GO Karls V. (o. O.
1532
):
ob der verdacht ein [...] leychtfertige person vonn bosem leymadt vnnd geruch sey.
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim.
287a, 14
(
Frankf./M.
1649
):
Wann nun diese angezeigte Persohnen [...] wegen solcher eintzigen Besagung / vnd gegen sie entstandenen boͤsen Leumuths / zur Hafft vnd Folter hingerissen wird.
Enders, Eberlin (
Erfurt
1523
):
was ist erberkyt vnnd gutter lewmbd nuͤtz, so man sich da durch erhebt vber vnd widder Gottis wort.
Chron. Nürnb. (
nobd.
,
1420
/
41
):
da bracht hertzog Rudolf von Bayrn sein muetter in einen großen leinmuet mit einem ritter.
Mayer, Folz. Meisterl. (o. O. o. J.):
schand die auß dem ubeln leumant des vaters kümpt.
Franck, Decl.
346, 32
(
Nürnb.
1531
):
die sauffsuͦcht / durch welche die gesundtheit des gemuͤths zerkruͤppelt / [...] die vetterliche erbguͤtter verzert vnd zerstreut / der guͦt leumbd außgemustert werden.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel (
Straßb.
1466
):
der guͦt leumunt derfaißt die bain
[Var. 1475
2
/ 1576:
laymung
; 1480:
leümung
; 1483-1518:
lewmut
;
Luther
1545, Spr. 15, 30:
Gerücht
].
Bächtold, H. Salat (
Freiburg
1537
):
So dann gar nach in ganzer tütscher nation etwas dunklen lumbdens und sag krücht und umbgat von dem [...] fründ Gottes, bruͦder Clausen.
Rennefahrt, Recht Laupen (
halem.
,
1545
/
6
):
wo die unseren von Loupen einen an das gricht welten wetzen, der ein boͤsen lümbden hette.
Österley, Steinhöwels Äsop (
Ulm
1474
/
82
):
so ist diser arme man ains guoten lümden alle zyt gewesen.
Voc. Ex quo F
48
(
oobd.
,
1458
):
Fama ein geruchte vel luumont [...] nomen bonarum et malarum rerum.
Niewöhner, Teichner
656, 23
(Hs. ˹
moobd.
,
1469
˺):
wer ein frawn tugenthaft | pringt von irm gueten lewnt, | der ist ir veint.
Kohler u. a., Bamb. Halsger. ;
Geier, Stadtr. Überl. ;
Köbler, Stattr. Fryburg ;
Welti, Stadtr. Bern ;
Bächtold, a. a. O. ;
Dreckmann, H. Mair. Troja
23, 12
;
Müller, Stadtr. Ravensb.
130, 4
;
Dirr, Münchner Stadtr. ;
Drescher, Hartlieb. Caes. ;
Schwartzenbach
G iiijv
;
2.
›Verleumdung, üble Nachrede, Ehrverletzung; Beschuldigung‹, im Unterschied zu 1 deutlicher negativ und eher als Handlung gedacht.

Belegblock:

Toeppen, Ständetage Preußen
2, 546, 14
(
preuß.
,
1443
):
das manicherley rede, bedassunge und lunemund, [...], abgetan werden.
Leman, Kulm. Recht (
Thorn
1584
):
So sal man [...] ym slan vyrzyk slege. vnd sal deme vatir busse geben vor bosen logen munt
[Var.:
lumunt
]
den her von der tachtir hat gemacht.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
daz der boͤse luͤmde also dur die stat wart gend úber den bruͦder.
Roder, Stadtr. Villingen (
önalem.
,
1582
):
leimmuot und erverlötzung mag einer, [...], woll appellieren.
Schib, Urk. Laufenb.
138
(
halem.
,
1450
):
Als denn leider Uͤlrich Voͤgtlin [...] von eins boͤsen luͥmden wegen [...] in den thurn komen.
Boner, Urk. Aarau
663, 3
(
halem.
,
1502
):
die von des hertten schweren luͥmden wegen der hexery, [...], gefangengesetzt worden war
, schwört nach der Freilassung Urfehde
.
Karnein, de amore dt.
239, 6
(
moobd.
,
v. 1440
):
er wirt vnder dem volck versmecht vnd mit pösen leuntten vermayligt.
Bernoulli, Basler Chron. .
3.
›Gerücht, Kunde, unbestätigtes umlaufendes Gerede über einen Sachverhalt‹.
Mehrfach berichtende Texte.
Bedeutungsverwandte:
 1,  4,  10,
1
 1, , ; vgl. .
Syntagmen:
den l. hören
;
der / ein l. sein / werden / bleiben / ausgehen, jn. betrüben, aufs land kommen, auf jn. gehen, das [...]
;
der gemeine
(mehrfach)
/ offene / offenbare / starke l
.

Belegblock:

Schöpper (
Dortm.
1550
):
Fama. Luͤmbd leumbd leymat geruͤcht ruff geschrey.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Lk (
osächs.
,
1343
):
Jhêsus ist wider gegangen in der craft des geistes in Galilêam, und der luͦmunt
[
Mentel
1466:
mer
; 1475
2
:
geschray
;
Luther
1545:
das gerüchte
]
ginc ûz durch daz kuͦnicrîche allesament von ime.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel (
Straßb.
1466
):
es ist nit ein guͦter leumund
[
Luther
1545, 1. Kön. 2, 24:
geschrey
]
den ich hoͤr: das ir macht zuͦ vbergeen das volck des herren.
Dict. Germ.-Gall.-Lat.
305
(
Genf
1636
):
Leumb / Beruff / m. Geruͤchte [...], Rumor.
Vetter, Schw. zu Töß (Hs.
15. Jh.
):
davon kam sy in soͤlichen lúnden das man wond das sy ainen schweren siechtagen het, und hie von ward sy vil verschmaͤhet.
Buck, U. v. Richent. Chron. Conz. (
alem.
,
um 1430
):
ward zwüschen inn zwain ain täding angefangen und ward gemainer lünd, sy wärind mit ainander gericht.
Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
als noch ain gemeiner leumbd, auch wol glaublich, in die erst christenlich kirchen derselben enden verwendet.
das bei unsern vorfarn ain gemainer leumbedt gewesen, es hab [...].
Bechstein, a. a. O. Mt. ;
Kurrelmeyer, a. a. O. ;
Rennefahrt, Staat/Kirche Bern ;
V. Anshelm. Berner Chron. ;
Jörg, Salat. Reformationschr.
740, 15
;
741, 9
;
4.
›öffentliche Einschätzung eines Sachverhaltes‹.

Belegblock:

Rieder, St. Georg. Pred. (Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
ir sont nit gedenken won das war si [...] und daz ewig si und daz guͦtes lúmden si.
Chron. Strassb. (
els.
,
A. 15. Jh.
):
die heilge kirche [...] ist vil geswechet und beswert und die wandelunge het einen boͤsen lymuͦt.
Löffler, Columella/Österreicher (
schwäb.
,
1491
):
das kain gemain gestalt oder geschlecht der winreben zuͦ setzen sy dann usß dem laimden, und kains lang zuͦ buwen dann das durch erfarung bewert ist.
5.
›Beschuldigung, Vorwurf, Anzeige vor Gericht, Anklage‹.

Belegblock:

Pfeiffer, Frk.-bay. Landfr.
86, 4
(
nobd.
,
1379
):
Da warde erteilt, daz er sich dezselben lewmunts und inziht entslahen schölt mit sein ainshant mit dem ayde.
Dinklage, Frk. Bauernweist.
75, 41
(
nobd.
,
1523
):
was mit leumund und warer rüge reyn fur gericht kompt, das weyß man nymands.
Rennefahrt, Stadtr. Bern (
halem.
,
1403
):
so soͤllen wir ze beiden teilen fuͥr den ... schultheissen und rete ze Berne komen und den luͥmden und klegde der gevangnen person da selbs fuͥrlegen.