innig,
Adj.
1.
›erfüllt von religiöser Hingabe, nach Innen / in sich gekehrt, andächtig, fromm, kontemplativ (von Menschen)‹; ›intim, tiefgreifend, verinnerlicht, in der Tiefe der Seele verankert (von Gefühlen)‹; Subst. ›das Innerste des Menschen, die Tiefe der Seele‹.
Texte religiösen und didaktischen Inhalts.
Phraseme:
buch von der innigen sele
›Hohelied Salomons‹.
Bedeutungsverwandte:
 1, , ,  2; vgl.  1,  2.
Syntagmen:
inniger dank / ernst / geist / grund / hunger / mensch / schmak
,
innige abgeschiedenheit / andacht / begierde / freude / gabe / innigkeit / inwendigkeit / liebe / minne / sele / treue / übung
,
inniges frolocken / gebet / gemerke / heischen / herz / leben / werk / wirken
.

Belegblock:

Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. 
18863
(
preuß.
,
um 1330
/
40
):
sô soltû innic dise wort | gar ân undirbrechin | alle tage sprechin.
Quint, Eckharts Pred.
1, 90, 7
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
gebirt er in in des geistes innigestez, und diz ist diu inner werlt.
Ebd.
2, 95, 3
:
swenne ich spriche: daz innigeste, sô meine ich daz hœhste, und swenne ich spriche daz hœhste, sô meine ich daz innigeste der sêle.
Ebd.
421, 1
:
in dem innigesten, dâ nieman heime enist, dâ genüeget ez jenem liehte, und dâ ist es inniger, dan ez in im selben sî.
Ders., Eckharts Trakt.
41, 5
 (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
ez nimet sîne götlîche güete mittels des innigen werkes.
Meisen, Wierstr. Hist. Nuys
2799
(
Köln
1476
):
Hayt landtgreeff Herman dye froemen | Geystlycheyt dayr laissen komen | Innich vur sent Quiryns altayr.
Froning, Alsf. Passionssp. 
93
(
ohess.
,
1501 ff.
):
darumb solt er alle innigk synn | und eben bedencken die groisße pynn | die Jhesus al an dem crucz gelidden hot.
v. d. Lee, M. v. Weida. Spigell
79, 11
(
omd.
,
1487
):
Szo nǔ der mensch Jn solchen engsten nÿmãt beÿ ÿm hatt der ÿn durch sein innigs gebeth entschutze.
Neumann, Rothe. Keuschh. 
5141
(
thür.
,
1. H. 15. Jh.
):
das di hutte da si, das wil vortzele | das buch van der ynnigen sele.
Bihlmeyer, Seuse 
92, 30
(
alem.
,
14. Jh.
):
unz daz sich dis alles in der innigosten inwendikeit siner sele mit grossem ernst geoffenbaret hate.
Eichler, Ruusbr. obd. Brul. 
2, 258
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
Vs inniger innikeit kummet dangberkeit.
Ebd.
260
:
Wan nieman enkan gotte also wol danken vnd loben als der innige mensche.
Ebd.
458
:
alse das innegeste des hertzen vnd der vrsprung des lebendes ist gewunt von minnen.
Vetter, Pred. Taulers
121, 28
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
Von der allerhoͤhster innigester nehster einunge mit Gotte.
Eichler, Ruusbr. steen
131
 (
els.
,
sp. 14. Jh.
):
so mag er alsus blos vnd vnverbildet komen in daz innigeste sins geistes.
Höver, Bonaventura. Itin. A,
391
(
moobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
vnd wirt geaynigt nach der warhait vnd nach der jnnigisten innerckayt.
Quint, Eckharts Pred.
1, 420, 2
;
ders., Eckharts Trakt.
119, 3
;
Kehrein, Kath. Gesangb.
1, 313, 1
;
Strauch, Par. anime int.
95, 10
;
Bihlmeyer, a. a. O.
179, 3
;
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
1, 627
;
2, 247
;
663
;
1609
;
1934
;
2002
;
Vetter, a. a. O.
101, 19
;
231, 20
;
Strauch, Schürebrand
16, 31
;
Steer, Schol. Gnadenl.
6, 12
;
Höver, a. a. O.
2, 617
;
Brinckmeier
1, 1047
;
Türk, Wortsch. Dietr. v. Gotha.
1926, 55
;
Zirker, Bereicherung d. dt. Wortsch.
1903, 66
.
2.
Attribut in der Titulatur für geistliche Herren und Frauen.
Omd.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  2.

Belegblock:

v. d. Lee, M. v. Weida. Spigell
69, 7
(
omd.
,
1487
):
Der Jnnige lerer sanctus Bernhardus schreÿbend zcǔ dem babst.
Küther, UB Frauensee 
218, 18
(
thür.
,
1446
):
das jungfrauwencloster zcum Sehe und die innigen jungfrauwen desselbin closters gemeynlich.
Wattenbach, Urk. Rauden
97, 11
(
schles.
,
1425
):
Das der Innige vnd wirdige herre George apt zur Gemylnicz vns eine gancze gnuge geton hot.
Wattenbach, Urk. Czarnowanz
117, 9
(
schles.
,
1431
):
dy Jrbar […] frawe Katherina […] hot vorreicht vnde gemacht den Innygen vnd Andechtigen Juncfern czu Tscharnowans eyne halbe marg geldis.
Chron. Magdeb.
2, 189, 3
;
Küther, a. a. O.
156, 30
;
Wattenbach, Urk. Rauden
218, 27
;
Bindewald, Texte schles. Kanzl.
28, 3
.
3.
im Synt.
jm./e. S. innig sein
›jm. eigen, eingeprägt sein‹.

Belegblock:

Quint, Eckharts Pred.
1, 66, 2
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Grôziu dinc heizent eigenlich gâbe und sint im aller eigenst und aller innigest.
Ders., Eckharts Trakt.
39, 4
 (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Ein ander werk ist noch inniger dem steine, daz ist neigunge niderwert.
Gille u. a., M. Beheim 
127, 64
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
es sei dann seinr gätlichen | Naturen so innig, daz da | daz selber selbig sei.
Höver, Bonaventura. Itin. B,
8
(
moobd.
,
1450
/
60
):
seid got also nachand vnd jnnig ist vnseren gemuͤtten.
4.
im Synt.
innig sein
›innewerden‹.

Belegblock:

Drescher, Hartlieb. Caes. 
244, 21
(
moobd.
,
1456
/
67
):
do er also seines gepets innig was und der mitchosung unser lieben frawen anhoͤrig mit grossem lust aufnam.
5.
im Synt.
etw. innig haben
›etw. besitzen‹.
Syntagmen:
einen hof, ein gut i.

Belegblock:

Cirullies, Rechtsterm. Anh.
1981, 217
(
rhfrk.
,
1379
):
daz gut, daz Irmelin Hun innic hat als von irs irstin mannes wen.
Rwb
6, 261
;
Pfälz. Wb.
3, 1304
.
6.
›in einem Bezugsgebiet wohnend, einheimisch‹.
Syntagmen:
innige herren / menschen
.

Belegblock:

Rwb
6, 261
(a. 
1481
,
1490
).
7.
›einsam, abgeschieden‹.
Syntagmen:
inniger ort, innige stat
.

Belegblock:

Welti, Pilgerf. v. Walth.
43, 7
(
omd.
,
n. 1474
):
heymelich in deme walde vnd gar yn eyner innygen stad, ferre von den luthen lyd.
Diefenbach
422
c.