1
herschen,
selten (meist md.)
hirschen,
V.;
zu .
1.
›Herr / Gebieter sein; Gewalt haben, Macht / Herrschaft ausüben; walten und wirken‹; häufig mit Bezug auf Macht und Stellung Gottes (als Herrscher über alle Welt); fließender Übergang zu 2 und 3; vgl. (s. v.  12).
Phraseme:
die herschenden (engel)
›die zur Triade der mittleren Engelschöre gehörenden Herrschaften (Dominationes)‹.
Bedeutungsverwandte:
; vgl.  2, (V.) 2, , , ,  1,  3,  5.
Gegensätze:
 1.
Syntagmen:
in einem tempel, in dem land, in der ewigkeit h.
;
j.
(Subj.)
gut zu h. sein, zu h. anfangen
;
mit christus h.
;
ewiglich / weit / sicher, mit gewalt, one wiedersaz h.
;
h. und richten
.

Belegblock:

Quint, Eckharts Pred.
1, 5, 5
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Dirre tempel, dâ got inne hêrschen wil gewalticlîche nâch sînem willen.
Voc. Teut.-Lat.
o iiijr
(
Nürnb.
1482
):
Herschenderkor der engel dominatio.
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
175
(
Nürnb.
1517
):
Beschleus, das niemant freier dienet, sicherer herscht dann der warlich gehorsam.
Chron. Strassb.
818, 19
(
els.
,
A. 15. Jh.
):
Do die Engelender alsus mit gewalte und one allen widersatz in dem lande herschetent.
Schmidt, Rud. v. Biberach
171, 20
(
whalem.
,
1345
/
60
):
daz wir nuͥt mvͥgen von got haben daz gotlich herschen vnd richsen in vns.
Heydn. maister
8v, 11
(
Augsb.
1490
):
Die senffttmuͤtikeit der red sol dem herschenden vñ de͂ diener gemein sein.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat.
471, 24
(
oobd.
,
1349
/
50
):
Ain man, der ain gerten in der hant hât, ist guot zuo hêrschen.
Spechtler, Mönch v. Salzb.
50, 16
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
Durch dich ihesu cristi aller der werlt heylant wenn du mit dem vater vnd mit dem heyligen geyst herschest vnd richtest an ende.
Baptist-Hlawatsch, U. v. Pottenst.
501
(
moobd.
,
A. 15. Jh.
):
wann wër si [frawe] von dem haubt [des mannes] gemacht so möcht man wënen, daz si schold herschen.
Höver, Bonaventura. Itin. B,
106
(
moobd.
,
1450
/
60
):
Bernhardus spricht, das „got jn seraphin liebet als ain lieb, jn cherubin bekennet als ain warhait, [...], jn den herrschenden herrschet er als ain maiestet“.
Bauer, Zist.-Pred. Haller
93, 243
(
tir.
,
1466
):
als er glarificziert vnd pekchlert ist worden von seinem himlischen vater, das wir mit im mügen herschen vnd reichsen in der ewikchait.
Fischer, Brun v. Schoneb.
1918
;
Kehrein, Kath. Gesangb.
1, 180, 1
;
3, 133, 5
;
Neumann, Rothe. Keuschh.
5417
;
zu Dohna u. a., a. a. O.
201
;
Morgan u. a., Mhg. Transl. Summa
330, 74, 16
;
Koller, Ref. Siegmunds
344, 31
;
Spechtler, Mönch v. Salzb.
48, 69
;
Moscouia
D 2r, 40
;
Bauer, Imitatio Haller
45, 15
.
Vgl. ferner s. v.
2
 1.
2.
in administrativem Sinn: ›regieren, Staatsgeschäfte führen, über Land und Leute befehlen; König, Fürst o. ä. sein‹; Spezialisierung zu 1.
Syntagmen:
land und leute
(Akk.)
h.
;
j.
(Subj.)
h.
;
der gegend h.
;
über etw.
(z. B.
eine stat, ein land / reich
)
h., in etw.
(
einem land
)
, an dem Rein h.
;
allein h
.

Belegblock:

Schöpper
2a
(
Dortm.
1550
):
Gubernare. Gubernieren. herschen walten regieren vorstehen verwesen.
Hübner, Buch Daniel
5712
(
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
Do Balthasar herschte wit | Uber Babylon daz lant | Kuniclich.
v. Liliencron, Dür. Chron. Rothe
27, 8
(
thür.
,
1421
):
do buwete her [Trebetan] do eyne stat [...], die wir nu nennen Tryre, unde satzte do hen den stul seynes konigreich unde regirte do vil tage unde hirschte an dem Reyne.
Thür. Chron.
10v, 7
(
Mühlh.
1599
):
Lucius Sylla [...] brachte viel Volcks an sich / vnd suchte vrsach an Marium / der jhm zu Ehren geholffen hatte / das er alleine moͤchte herschen.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Mt.
2, 22
(
osächs.
,
1343
):
dô her [Jôsêph] hôrte daz Archêlaus hêrschite in Judêa vor Hêrôden sinen vater.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel
6, 270, 20
(
Straßb.
1466
):
Wann auch die stercksten kúnige waren in iherusalem: sy hersten auch aller der gegent die do was anderthalb des floß.
Klein, Oswald
112, 157
(
oobd.
,
1438
):
wo gaistlich herschen leut und lant, | da wirt mer ungeleichs erkant.
Spiller, Füetrer. Bay. Chron.
50, 23
(
moobd.
,
1478
/
81
):
Der kaiser satzt in ainen fürsten, der sy herschte, den hertzog Gerold von Swaben, doch nur als ainen gubernator.
Roth, E. v. Wildenberg
1, 8
(
moobd.
,
v. 1493
):
Die histori ist angefangen zuͦ der zeit, als geherschet hat der dritt Friderich, romischer keiser.
Hübner, a. a. O.
107
;
Thür. Chron.
16v, 1
;
Roloff, Naogeorg/Tyrolff. Pamm.
101, 827
;
Plant u. a., Main. Naturl. 299 v, c,
22
;
Spiller, a. a. O.
7, 10
;
Roth, a. a. O.
36, 11
;
118, 17
;
Schmitt, Ordo rerum
609, 1
;
Maaler
219r
;
Hulsius
H ivr
.
Vgl. ferner s. v. .
3.
von Personen: ›jn. beherrschen; Befehlsgewalt über jn. haben, über jn. bestimmen‹; seltener: ›etw. beherrrschen‹; anschließbar an 1.
Bedeutungsverwandte:
vgl. , (V.) 2,  3, ,  5.
Syntagmen
mit Akk. / Gen. (selten) / Dat. (selten) / präp. Obj.:
jn.
(z. B.
die brüder / engel
)
h.
;
js. h.
;
jm. h.
;
über jn.
(z. B.
die fürsten / herren / man
)
/ etw.
(z. B.
die untugend
)
, an jm., ob etw. h
.

Belegblock:

Luther, WA
30, 2, 32, 8
(
1529
):
ob er so grob und thuͤrftig sein wolt, das er durch den Kuͤrfuͤrsten als durch mittel odder knecht uber mich hirschen wolt.
Türk, Wortsch. Dietr. v. Gotha.
1926, 49
(
md.
,
14. Jh.
):
das myne anfechtere obir mich nicht herschin.
Mathesius, Passionale
51r, 20
(
Leipzig
1587
):
die Juͤden waren bezeubert vnd vertieffet mit den gedancken / von einem leiblichen Reich vnd Messia / vnd wolten nicht das dieser
[Jesus]
vber sie herschen solte.
Fischer, Folz. Reimp.
39, 275
(
Nürnb.
1480
):
Er keret heim und riet dem Sem, | Er wer der eltst, das er regirt. | Der Sem dovon sich abstinirt, | Wolt seine prüder herschen nicht.
v. Birken. Erzh. Österreich
80, 17
(
Nürnb.
1668
):
also achtete er sich viel zu unwuͤrdig / uͤber soviel Fuͤrsten und Herren zuherrschen.
Vetter, Pred. Taulers
374, 38
(
els.
,
1359
):
Si [engel] werdent recht als fri und herschent recht über die untugende als gewalteklich.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel
1, 77, 3
(
Straßb.
1466
):
Ir wisst das die fúrsten der leút herschent der iren.
Wyss, Luz. Ostersp.
315
(
Luzern
1583
):
So nun volbrachtt sind all diß sachen, | Wellend wir ouch ein menschen machen, | Der herschen sol, was vff erden lebtt.
Turmair
4, 49, 8
(
moobd.
,
1522
/
33
):
Dieselbigen [risen und recken] zwungen iedermann, hersten mit gewalt über meniglich, erfunden wer, harnasch zelt und allerlai waffen.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
21, 16
(
tir.
,
1464
):
Der vnder eüch der grössist ist, der sol hërschen v̈ber die andern prüder, das er von in freüden enpfhach.
Anderson u. a., Flugschrr.
17, 7, 21
;
Quint, Eckharts Pred.
2, 539, 33
;
Wyss, Limb. Chron.
75, 27
;
v. d. Lee, M. v. Weida. Spigell
30, 7
;
Mönch v. Heilsbronn. Fronl.
36b, 5
;
Michels, Murner. Badenf.
17, 17
;
Roloff, Brant. Tsp.
1980
;
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat.
122, 4
;
Goldammer, Paracelsus. B. d. Erk.
46, 5
;
Baptist-Hlawatsch, U. v. Pottenst.
776
.
4.
von Sachen: ›etw. dominieren, bestimmen, beeinflussen; in auffallender Weise vorhanden sein, deutlich sichtbar / greifbar sein‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl. .
Syntagmen:
etw.
(Subj.)
jn. h.
;
etw. an / in den dingen h., die planeten über etw. h., die laster
[wo]
h
.

Belegblock:

v. Liliencron, Dür. Chron. Rothe
4, 9
(
thür.
,
1421
):
Dieselben sobene [planeten] hirschen ober naturliche dyngk uff der erden unde obir die soben tage yn der wochen.
Weise. Jugend-Lust
108, 20
(
Leipzig
1684
):
wo die Laster herrschen / da muͤssen tugendhafte Diener seufzen.
Sachs
15, 448, 32
(
Nürnb.
1563
):
Der mond aber bedeuten thut | Irrdische gab, gwalt, ehr und gut, | Dieselben uns nicht herrschen müssen, | Sonder uns ligen untern füssen.
Heydn. maister
4v, 15
(
Augsb.
1490
):
Das vermüglichszt dīg ist die notturft / wann sÿ herschet in allē dīgen.
Scholz, Lanfrank. Chir. Parva
234r, 14
(
md.
/
oobd.
,
1446
/
8
):
herschet vber dy colera an dem / leybe: enczwar sy faullet, enczwar / sy faullet nicht.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
86, 1361
;
Rosenthal. Bedencken
17, 31
;
Anderson u. a., Flugschrr.
8, 10, 13
;
Morgan u. a., Mhg. Transl. Summa
223, 25
.
5.
›über etw. (z. B. Tiere) verfügen können, etw. nutzen können; etw. besitzen und verwalten‹; anschließbar an 1.
Syntagmen:
etw.
(Akk.)
h.
;
des erbes h.
;
allen früchten
(Dat.)
h.
;
über die erde, das gewürm / vieh, die fische / tiere / vögel h
.

Belegblock:

Luther, WA
30, 3, 80, 2
(
1529
):
Got segenet sie und sprach zu yhn: Seit fruchtbar und mehret euch und fuͤllet die erden, und bringet sie unter euch, und hirschet uber fisch ym meer und uber voͤgel unter dem hymel und uber alle thier das auff erden kreucht.
Schade, Sat. u. Pasqu.
3, 2, 2
(
orhein.
1520
):
hat dem herren gefallen, auch alles so das ertrich tregt und das waßer beschlüßet, alles leben in die hend des menschen zuͦ setzen, dem zuͦ herschen, sich des ze bruchen nach gefallen.
Wagner, Erk. Ps.-J. v. Kastl
15, 56
(
nürnb.
,
1. H. 15. Jh.
):
Wir waren beschaffen, das wir herschen scholten allen leiplichen tyeren.
Mollay, H. Kottanerin
24, 29
(
moobd.
,
1439
/
40
):
daz er [kung] sein enleichs vnd sein vëterleichs erb pillich solt herschen.
Alberus, Barf.
21, 5
;
Luther, WA Bibel
8, 39, 26
;
Rosenthal. Bedencken
21, 27
;
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
25, 10
;
v. d. Lee, M. v. Weida. Spigell
27, 40
.