gezwang,
getwang,
der/das
,
gezwänge,
das
;
die zweitgenannte Form am häufigsten belegt; zur Verteilung von
tw-
und
zw-
s.
Frnhd. Gr. §  L
49, 2
;
-(e)s/–
.
1.
›physische Einengung, Verengung, Engstelle‹.

Belegblock:

Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
[bei einem
ertpidem
]
gêt der luft datz den engen nüeten ein und seust in dem getwang.
2.
›von außen auf eine Person oder ein Kollektiv, vereinzelt auch auf Sachen ausgeübter physischer, rechtlicher, wirtschaftlicher (o. ä.) Zwang, Druck‹; ˹dazu speziell: ›Verpflichtung zum Frondienst‹˺; ›Gedränge, Notlage, Bedrängnis, in dem sich j. befindet‹; ütr.: ›von innen, aus der Konstitution des Menschen kommender oder individueller moralischer Druck, Beklemmung‹.
Phraseme:
ane allen gezwang
eine Bestätigungsformel;
mit gezwang
›mit Nachdruck‹.
Bedeutungsverwandte:
(
die
123,
1
 1,  1, ,  2, (
der
9, .
Syntagmen:
g. leiden / leschen, jm. g. tun, g. an etw
. (z. B.
an stahel
)
legen, g. von etw.
(z. B.
von unkeuscheit
)
nemen, js. g. wissen
;
ein g. werden
;
aus g. etw. tun, j. in g. sein, jn. in g. halten, in g. etw. geloben, in dem g. den mist hinaus werfen, in / mit g. sein, jn. mit g. bekeren, mit g. etw.
(z. B.
eine stat
)
besitzen, etw. von g. tun, eigenschaft
›Eigentum‹
sich zu g. gewinnen
;
das michele / schwere / stete g
.;
das g. der unkeuscheit, durstes g
.
Wortbildungen:
gezwänge
(Adj.) 1 ›aufgrund höherer Macht‹,
gezwangsal
,
gezwing
1.

Belegblock:

Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. (
preuß.
,
um 1330
/
40
):
daz sî den roub icht vêchtin an, | sundir beittin, unz der van | quam in ein getwenge | in einis waldis enge.
want sî [bruͦdre] wol kanten iren muͦt, | daz sî mit nichte blibben guͦt | mit getwange sô bekart.
Luther, WA (
1518
):
du [vatter] bist in freuden, ich in betrubnisz und getzwang.
Quint, Eckharts Pred. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
diu kraft
[vorher:
Gloube, hoffenunge
]
ist sô vrî und ist sô ûfkriegende, daz si keinen getwanc lîden enwil.
Reissenberger, Väterb. (
md.
, Hs.
14. Jh.
):
Do sprach er: ,ich han den getwanc | Geleschet der unkuscheit | An mir.
Daz dir boser gedanc | In dine herzen tut getwanc.
Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
782
(
rib.
,
1444
):
Der helsche gehornede hadde annomen | Dese stat ind besas sij lange | Mit gewalt ind mit gedwange.
Ebd.
12339
:
Voulgde mir die smedynne allet na | Ind hielte mich in swarē gedwange dae | Mit yrre tzangen.
Palmer, Tondolus (
Speyer
um 1483
):
vnd trug ein groß schwer burde korns vff irem ruck die must sie von gezwing tragen vber den steg.
Matthaei, Minner. I, (Hs.
15. Jh.
):
ein stahel moͤhte zurbrechen | an den man leit also getwang, | daz mir ist leyder alzelang.
Mone, Adt. Schausp. (Hs. ˹
omd.
,
1391
˺):
myn fleysch ist werlich eyn spise, | myn blut ist werlich eyn tranc, | sichirlich an allen getwang.
Behrend, Magd. Fragen (
omd.
,
um 1400
):
Dy globde, dy der man in gefengnisz adir in getwange globit hat, dy sullen durch recht nicht stete syn.
Neumann, Rothe. Keuschh.
774
(
thür.
,
1. H. 15. Jh.
):
si sin dan sich ader krangk, | so nemen si y dar van [unkuscheit] getwank.
Ebd.
2362
:
ess bedudit das di kuscheit sal lange | in dem menschen weren mit getwange.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
95, 31
(
thür.
,
1474
):
Henntcz Wogke setczet abir darkegen, daz yme von deme laden unde getwange, [...], unbewust ist.
Hübner, Buch Daniel (
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
Als er [Danyel] zu mir disse wort | Gesprach, ich viel getwenge | Uf die erde min lenge.
Gerhardt, Meister v. Prag
166, 10
(Hs. ˹
nobd.
,
1477
˺):
es werden zeichen an der sun vnd an dem monn vnd an den sternen / vnd auf der erden getwanksal der volcker von schall vnd von vnden des meres.
Sachs (
Nürnb.
1563
):
So hat dem thier doch die natur | Geben dise beschützung nur, | Daß es sein mist in dem gezweng | Hinter sich auff drey acker leng | Hinauß wirfft.
Thiele, Minner. II,
8, 103
(Hs. ˹
nalem.
/
sfrk.
,
1470
/
90
˺):
erkenn mit synn | das er mit rechter mynn | sy gewest in stetem geczwanng.
Dasypodius (
Straßb.
1536
):
Angareia [...]. Gezwang / genoͤttigter dienst.
Piirainen, Stadtr. Sillein
59b, 26
(
sslow. inseldt.
,
1378
):
so hat sich aigenschaft gewunen von getwange vnd von venchnuͤzze.
Hübner, a. a. O. ;
Grosch u. a., a. a. O.
332, 1
;
Karnein, Salm. u. Morolf
707, 1
;
Bührer, Kl. Renner
193
;
Vetter, Pred. Taulers ;
Kurrelmeyer, Dt. Bibel ;
Piirainen, a. a. O.
146b, 3
;
Bremer, Voc. opt.
43080
;
Vgl. ferner s. v.  1.
3.
›Druck, Zwang, der dem Menschen (z. B. in einer Klostergemeinschaft) durch soziale Regeln auferlegt wird oder dem er sich selber unterwirft und der seiner Erbauung, Vervollkommnung, Heiligung dient‹.
Bedeutungsverwandte:
1
 2, , ; vgl.  1.
Wortbildungen:
gezwänge
(Adj.) 2 ›schwer, hart‹.

Belegblock:

Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. (
preuß.
,
um 1330
/
40
):
Ir selben gibt sî [gerechtikeit] getwanc | des vleischis, daz gar sundir wanc | sal recht als eignîn | undir der sêle joche sîn.
daz er wolde sundir sparn | in einen andrin ordin varn, | der da wêre strengir | zu traine und getwengir.
Reissenberger, Väterb. (
md.
, Hs.
14. Jh.
):
So enbeitet er [munch] niht lange | Er enghebe sich zu getwange | An weinen unde an gebet.
Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
9242
(
rib.
,
1444
):
Wat sij doent, dat is van myme gedwange, | Want sij haent gewest myne scholer lange.
Sievers, Oxf. Benedictinerr. (
hess.
,
14. Jh.
):
Durch daz ist uns gesatzit die regule des gotlichen dinstes, da uns nit scharpes, nit sweres an gesatzit inist: dan kummet dar ein wenig getwanges ane, also daz recht gewiset durch bezerunge der sunden und durch behaldunge der minnen, des insollen wir nit uns so irveren daz wir flien den weg des heilgen.
Man sal mirken an yn ir [alde frauwen ...] crankheit und insal nit den getwanc der regelen vor legen an irre spisen.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
1359
):
doch sol man den usseren menschen alles in getwange halten und in einem getrukten underwurfe und in argwenige.
Ebd. (
E. 14. Jh.
):
du solt sehen und nút sehen, [...], noch dinen munt niemer ufgetuͦn wanne zuͦ nutze, dine hende noch dine fuͤsse noch enkein din gelesse, denne in grosseme getwange und in innehande und in grosser sicherheit, das do niemer in in gevalle noch gesehen werde denne daz zuͦmole goͤttelich ist.
4.
›Befehl, Anordnung, einzelne Zwangsmaßnahme; Gewaltausübung eines Herrschaftsträgers; Zwang, wie er von einer Rechtsinstitution ausgeht‹.
Bedeutungsverwandte:
1
 2,  1; vgl. ,  4,  2,
2
 2, , , ,  2,  2, (
das
2, (
der
).
Gegensätze:
 9.
Wortbildungen:
gezwingnis
›Zwang, Verpflichtung‹ (a. 1523).

Belegblock:

Luther, WA (
1524
):
Esau iagtt, treibt das gesetz, regirt mit gezwang, Jacob lockett mit gnaden.
Chron. Magdeb. (
nrddt.
,
1565
/
6
):
sie [Stedte] mustens aber thun aus gezwange des Keisers.
Hübner, Buch Daniel (
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
hie bevoren | Ist von dir uz gegangen | Ein gebot bi getwangen | Uber al.
v. Tscharner, Md. Marco Polo
7, 28
(
osächs.
,
2. H. 14. Jh.
):
Das volk des richis sint gar grymmege rouber, is ensi das von getwange der Tartirn si nicht enturren beginnen.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. (
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
den [pawren] was gewisen, das der vitztumb mit getwanng etlich gehorsam gemacht.
Qu. Brassó
5, 151, 16
(
siebenb.
,
1596
, Hs.
1726
):
als Sigismundus aus Gezwang die Zeckler wiederumb zu Untertanen macht, reist er [...] nacher Prag.
Ebd.
4, 506, 35
;
Dietz, Wb. Luther
2, 123
;
5.
›rechtliche Befugnis einer Person oder Instanz über eine Person oder Sache‹; speziell: ›Vormundschaft‹.

Belegblock:

Koppitz, Trojanerkr. (Hs. ˹
noschweiz.
,
15. Jh.
˺):
Von dem ritter ward gesaitt | Daz er in under sinen dank | Da tuwingen weltt in den getwank | Uff stechen und uff stritten.
Köbler, Stattr. Fryburg (
Basel
1520
):
Ob aber den ihenen die nit in vnserm gezwangk od’ eidßpflichte͂ sind / ligende guͤter [...] verfangen vnd behafft sind.
Ob aber dhein sipfründ vorhanden / [...] / darzuͦ nit tougentlich / noch vnder vnserm gezwang weren / so [...].
Spechtler u. a., Frnhd. Rechtstexte
1, 15, 25
(
moobd.
,
1524
):
daz hinfuran wie bisheer, ain yeder vnnser Stat Richter, [...], die verwaltung, vnd gezwang deßselben Statgerichts, [...], haben [...] soll.
6.
›Allmacht, Herrschaft Gottes‹; als Metonymie hier anschließbar: ›Sphäre, Bereich, in dem die Herrschaft gilt‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  1,  1,  2, (
der
1a,  1,  2,  8,  4; zur Metonymie:  1.

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
,Dem bin ich glich‘ spricht her ,erkant, | Und in miner crefte rant | Hohe, tuefe, breite, lenge | Bliben gar in min getwenge, | Hoffart, herschaft, gewalt und sterke | Treten nicht uz min gemerke.
Karsten, Md. Paraphr. Hiob (
omd.
,
1338
):
alle ding gar sunder wanc | Zuet und meistert syn [Got] getwanc.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
25, 19
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
Engel, teufel, schretlein, klagemuter, das sint geist in gotes twang
[Var. 1460/70:
gez(t)zwang
]
wesend.
Gille u. a., M. Beheim
199, 23
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
schauet an die sunnen, | die geet all tag mit gotz geczwang | von aufgang pis czu undergang.
7.
eine Darmkrankheit beim Menschen oder bei Pferden.
Bedeutungsverwandte:
vgl. (s. v.  6), , ,  1, , ,  3, (
der
4, , .

Belegblock:

Reissenberger, Väterb. (
md.
, Hs.
14. Jh.
):
die [drizec jar] wolde ich leben alsus cranc. | Solte ich nu vor den getwanc | Rat mit artzenie legen?
Ott-Voigtländer, Rezeptar
208r, 3
(Hs. ˹
nalem.
,
um 1400
˺):
Fv́r das gezwank: Galliens schribet: Nim / aines pfarren gallen vnd aloe [...], baͤg das bẏ / ainem fúr vnd salbe das gesaͤss vast.
Ebd.
215r, 23
:
Der das gezwangk hab, der nem keruelun / safft vnd als vil honig vnd trink das.
Schwäb. Wb. [hier: ›Darmkolik von Pferden‹; a. 1571].
8.
steht als oder mit gen. explicativus oder (seltener) mit vorangestelltem Adj. für den Inhalt des Genitivs bzw. Adjektivs; z. B.
durstes gezwang
›Durst‹,
der enge gezwang
›Notlage, Enge‹.
Wortbildungen:
gezwänge
3.

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Nicod. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
die [sele] von unser zweier valle, | frouwen Even und ouch min, | her zu der helle komen sin | in disen vil engen getwanc.
Du [Crist] bist komen, des wir [sele] gegert | hie han harte lange | in dem bitteren getwange | des langen vordamnisses.
Reissenberger, Väterb. (
md.
, Hs.
14. Jh.
):
Swie manic nepfel er getranc, | So manigen tac leit er getwanc | Von durstes getwenge.
Ebd. (Hs. 
v. 1406
):
Ich laid turstes getwang, | Da pracht ir mir daz ich trank.
Hübner, Buch Daniel (
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
durch getwanges sin | Gab er [kunic] Danyelen hin | Irme willen undertan.
Mone, Adt. Schausp. (Hs. ˹
omd.
,
1391
˺):
wir haben noch dir [Crist] gebeyt so lange | in dez vinsterniz getwange.
Reissenberger, a. a. O. .