1
geruhen,
geruchen,
V.;
zu
mhd.
ruochen
›seine Gedanken auf etw. richten‹
(Lexer
2, 545
).
1.
›jm. belieben, geruhen, etw. zu tun, sich zu etw. herbei-, herablassen, die Freundlichkeit, Güte, Huld haben, einer Erwartung zu entsprechen‹; meist von Gott, einer religiös herausgehobenen Person oder vom sozial Höhergestellten gesagt.
Gewisse Beleghäufung für Texte religiösen und didaktischen Inhalts und literarischer Gestaltung.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  1.
Syntagmen:
j. g., etw. lesen, jm. etw. erwerben
(jeweils mit Inf. ohne
zu
),
j. g. etw. zu bestäten / confirmieren / erneuen / sehen, der sele gnädig zu sein, der stat zu verzeihen, etw. anzuhören / zu nemen, jm. etw. zu geben / verleihen / gestatten, jn. zu begnaden / tränken, sich zu erbarmen, sich nicht zu beschweren
(jeweils mit
zu
+ Inf.).

Belegblock:

v. Ingen, Zesen Rosenw.
74, 31
(
Hamburg
1646
):
das herze saget miers / daß sie dir noch endlich gehoͤhr zugaͤben geruhen wuͤrd.
Fischer, Brun v. Schoneb.
10463
(
md.
, Hs.
um 1400
):
daz ich dar an
[
an dem troste
›in dieser Gewißheit‹]
muze irsterben, | daz geruche Maria mir irwerben.
Bömer, Pilgerf. träum. Mönch
3705
(
rhfrk.
,
um 1405
):
der stab | Gefellet mir mit solichem underhab | Das ir mir wollet suͦchen | Die wappen und mir die geruͦchen!
[Ellipse von
zu geben
].
Kehrein, Kath. Gesangb.
3, 58, 3
(
Köln
1583
):
Hast angenommen Jesu Christ | Ein fleischen deck, vnd dich gerügt | Zleiden das Creutz dir vnbefugt.
Dubizmay, kurß zu Teutze
59, 4
(
hess.
,
1463
):
Mit deyner gestalt vnd mit deyner schone Geruch mir gestatten dich zu loben.
Gille u. a., M. Beheim
69, 13
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
also geruch [Heiliger geist] czu fliessen | In mein unreines vinsters hercz.
Bihlmeyer, Seuse
447, 22
(
alem.
,
14. Jh.
):
uns armen súndigen menschen, die du also gar unverdienet geruͦchest zuͦ begnaden.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel
7, 62, 13
(
Straßb.
1466
):
Nu schaw die herbergen der assyrier
.
als do du geruͦchst zesehen die herbergen der egipcier.
Schmidt, Rud. v. Biberach
40, 19
(
whalem.
,
1345
/
60
):
wen got geruͦcht [...] ruͥnen mit der sel, [...], so mvͦs och dvͥ sel mit gotte ruͥnen.
Chron. Augsb.
2, 375, 13
(
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
uns armen gnädiklich geruͦchen zuͦ gunnen und [...] ze empfelhen, die judischhait in unser statt wonhafft uß ze bezaichnen mit zaichen uff ir gewand ze machen.
Ebd.
8, 324, 19
(zu
1547
):
Euer kay. mt. geruche aus angeborner guͤte und grosmietigkait dem rat und gemainer stat Augspurg, [...], allergnedigest zuͦ verzeihen.
Henisch
1526
(
Augsb.
1616
):
Sollen wirdt gebraucht / wann man etwas zu thun verbunden / woͤllen so man es nicht schuldig / vnd diß Woͤrtlin geruhen gegen Keys. Koͤnigen / Fuͤrsten, Herren vnnd Obrigkeiten / von denen etwas gebeten wirdt / daß sie auch nicht schuldig sind / jnnmassen zu schliessen / daß es noch muͤlterer bedeutung / weder das Woͤrtlin woͤllen seye.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron.
195, 39
(
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
Der allmechtig Got geruech seiner sel genedig zu sein.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid.
63, 45
(
m/soobd.
,
16. Jh.
):
Und bat uns diemuttiklichen, das wir di [briefe] seinem oft genanten closter im Neunperg ze confirmiren, und ze bstäten geruechten.
Toeppen, Ständetage Preußen
3, 504, 22
;
Dubizmay, a. a. O.
16, 6
;
Hübner, Buch Daniel
5150
;
Schönbach, Adt. Pred.
10, 12
;
Chron. Strassb.
2, 1043, 37
;
Päpke, Marienl. Wernher
281
;
13035
;
Chron. Augsb.
5, 149, 3
;
7, 284, 29
;
292, 13
;
UB ob der Enns
9, 842, 5
;
Roth, E. v. Wildenberg
43, 14
;
Bischoff u. a., a. a. O.
83, 10
.
Vgl. ferner s. v. (Adj.) 9,  6,  1.
2.
›nach etw. trachten, streben; etw. wünschen, wollen, begehren; jn. suchen‹.
Bedeutungsverwandte:
, (V.) 1, , , , .
Syntagmen:
j. jn. / etw
. (z. B.
die gnade / gerechtigkeit, das wort
)
g
.;
j. js
. (z. B.
sein, gottes, der feinde
)
/ e. S
. (Gen., z. B.
des lobes / trostes, der speise
)
g
.;
j. von jm. etw. g., etw. willigklich g., js. mit wer g
.;
des
[korrelativ]
g., das
[Korrelat];
sich g
. + Inf. (z. B.
neigen
).

Belegblock:

Ettmüller, Heinr. v. Meißen
35, 5
(
md.
, Hss.
14.
/
15. Jh.
):
den die gein der krône sich niht geruochent neigen.
Mone, Adt. Schausp.
1, 329
(Hs. ˹
omd.
,
1391
˺):
wir han alle al hye gelebit, | alz eyn vye in unvornunft strebit, | daz wir gotes nye geruchten | noch siner gnade nye gesuchten.
Stackmann u. a., Frauenlob
5, 64, 6
(Hs. ˹
nobd.
, Hs.
3. V. 15. Jh.
˺):
so sol man des geruchen, Daz (ie) den hunden sin die krapfen ungesunt.
Bihlmeyer, Seuse
308, 26
(
alem.
,
14. Jh.
):
minneklicher herr, sider du nu geruͦchst von mir armen súndigen menschen lobes.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel
1, 168, 10
(
Straßb.
1466
):
Maister: wir wissen das du bist warhafftig vnd geruͦchst
[
Luther
1545, Mk. 12, 14:
achtest
]
keins.
Lemmer, Brant. Narrensch.
38, 32
(
Basel
1494
):
Eyn narr ist / der eyn artzet suͦcht | Des wort / vnd ler / er nit geruͦcht.
Rieder, St. Georg. Pred.
66, 17
(Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
únser herre ist ain offen brunne und git sich allen den die sin geruͦchent, den git er volleklich sin gnade.
Päpke, Marienl. Wernher
218
(
halem.
,
v. 1382
):
Enkain flaisch er versuͦchte | Noch guͦtter spis geruͦchte.
Ebd.
6115
:
Weder lutertrank noch win | Und was dem gelich mag sin: | Doch baider er geruͦchte | Etwenne und sú versuͦchte.
Sappler, H. Kaufringer
3, 522
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
er will auch des nit geruochen. | das er sich vor der hell bewar.
Chron. Augsb.
3, 324, 23
(
schwäb.
,
1452
):
also geruͦch und fleisse dich, inwendig geziert (zuͦ) werden.
Primisser, Suchenwirt
10, 100
(
oobd.
,
2. H. 14. Jh.
):
Do man mit stoltzes heldes chraft | Di veinde dike suͦchte | Und ir mit wer geruͦchte.
McClean, Havich
840
(
moobd.
, Hs.
15. Jh.
):
dy hell er gar durch sücht | nach den dy er gerücht.
Wackernell, Adt. Passionssp. Pf. I,
644
(
tir.
,
1486
):
Er ist nit hie, den ir suecht, | Secht her ein, ob ier sein geruecht.
Mayer, Folz. Meisterl.
80, 94
;
Rieder, a. a. O.
271, 8
;
Päpke, a. a. O.
6625
;
Wiessner, Wittenw. Ring
1805
;
3393
;
Sappler, a. a. O.
3, 218
;
Primisser, a. a. O.
34, 80
;
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
441, 7
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß
134
.