entwerfen,
V., unr. abl.;
äußerst heterogenes Bedeutungsfeld; in 1-4 reich belegte Gebrauchsweisen, die auf einen Bedeutungskern ›etw. planen, gestalten‹ bezogen werden können; in 5-9 schwach belegte, auf weitere Bedeutungen des Basisverbs beziehbare Verwendungen.
1.
›etw. gestalterisch planen, entwickeln‹; speziell: ›ein Schriftstück aufsetzen‹; ›ein Bild, eine Skizze von jm. / etw. malen, zeichnen‹; offen zu 2; zu  3a.
Gehäuft Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘.
Syntagmen
(jeweils mit effiziertem Obj.):
jn
. (z. B.
die heiligen väter
)
e., etw
. (z. B.
einen brief, js. mund, eine figur, die stat Jerusalem, ein angesicht / bildnis / gemälde
)
e., j
. (z. B.
der maler
)
etw., got die schöpfung e., etw. aus sich e., etw. auf ein bret / tuch e., etw. mit kole / kreide, einem griffel, mit gedanken / worten e
.
Wortbildungen:
entwerf
›Entwurf für ein Schriftstück‹, ˹
entwerfer
,
entwerferin
˺ ›Person, die etw. gestaltet‹ (dazu bdv.:  1), ˹
entwerfnis
1,
entwerfung
1 (dazu bdv.:  1, ),
entwurf
˺ ›Plan, Entwurf für etw. Auszugestaltendes‹ (in religiösen Kontexten auch ütr.; dazu bdv.:  1).

Belegblock:

Luther, WA (
1526
):
Aaron enthwirfft yhn mit eim grifel
[gemeint ist das goldene Kalb].
Ebd. (
1528
):
das es alles daran gelegen ist, das ein Mensch den Christum recht erkenne, Denn das ist verkuͤndiget durch die Propheten und entworffen, wie sein angesicht solt [...] erkand werden.
Ebd. (
1530
):
wil ich ein Exempel sagen, darinn jr fein sehen muget, wie der Christen leiden abgemalet und entworffen ist.
Ders. Hl. Schrifft.
2. Mose 32, 4
(
Wittenb.
1545
):
er [Aaron] nam sie [Ohrenringe] von jren henden / vnd entwarffs
[
Mentel
1466:
bildet
, Var. 1475
2
-1518:
formieret
; nd. Bibel 1478:
makede
]; dazu [Randgl.:
Das ist / Er malet es jnen fur / was sie fur ein Bilde machen solten
.]
mit eim griffel / Vnd machte ein gegossen Kalb.
Ebd.
Hes. 4, 1
:
VND du Menschenkind / Nim einen Ziegel / und lege fur dich / vnd entwirff
[
Mentel
1466:
schreib ab
; nd. Bibel 1478:
beschriue
;
Wormser Proph.
1527:
reiß
]
drauff die stad Jerusalem.
Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
5971
(
rib.
,
1444
):
Du bist Gods untwerpenisse | Ind syn gebilde ind mechenisse.
Chron. Köln (
Köln
um 1482
, Hs.
16.
/
A. 17. Jh.
):
unsere herrn vom rath den selben brief mit ihre stadt Cölln meiste segel besegelen solten, [...]. und das entwerf laute also [...].
Lemmer, Amman/Sachs. Ständeb.
16, 3
(
Frankf./M.
1568
):
Jch [Reisser] entwuͤrff auff ein Linden Bret / | Bildnuß von Menschen oder Thier.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
26, 26
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
Ydromancia, in wassers gewürk der zukünftigkeit entwerferin.
Ebd.
34, 61
Var. (
Bamb.
um 1463
):
aller dinge ausrichter, visierer, entwerfer vnd abenemer.
Stackmann u. a., Frauenlob
1, 12, 5
(Hs. ˹
alem.
,
14. Jh.
˺):
ich was mit im [got], do er entwarf gar alle schepfenunge.
Maaler (
Zürich
1561
):
Entwerffen / Die ersten hauptstreich mit einem reyßkolen thuͤn. [...]. Ein angesicht Entwerffen [...]. Etwas Entwerffen / gestalten oder bilden / Eim ding die erst form vnd gstalt geben.
Dict. Germ.-Gall.-Lat.
140
(
Genf
1636
):
Entwerffen / das Fundament eines dings bezeichnen / ein ding mit Linien vnd dergleichen abzeichnen [...]. Entwerffung / Abzeichnung / wie ein ding gemacht werden soll [...]. Entwurff.
ders., WA Bibel ;
Pyritz, Minneburg
3422
;
Menge, Laufenb. Reg.
1249
;
Bremer, Voc. opt.
37052
;
Vgl. ferner s. v.
1
 6,  3,  1.
2.
›etw. (Vorhandenes) bildlich darstellen, abbilden‹; im Unterschied zu 1 mit Fokus auf die Ausführung; zu  3a.
Bedeutungsverwandte:
2
 2; vgl. , ,  4,  3,
1
 1.
Wortbildungen:
entwerfnis
2 ›Bild, Abbildung‹.

Belegblock:

Mon. Boica, NF.
2, 1, 23, 12
(
nobd.
,
1464
):
Es haben auch etlich gewonheyt, das sie ir dorfer gelegenheit
[›geographische Lage‹]
in ir buͤcher entwerfen.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
do hiess er [diener] den trostlichen rosbom zitliches lidens in die capell och entwerfen.
Chron. Augsb. (
schwäb.
,
1541
):
Ein burg, darob ein gleißend stern, | Das führens
[die Vertreter der Stadt Augsburg]
noch mit großen ehrn, | Darin ihr alte zirbelnuß, | Wie dann fürstehet ir entwerfnus
(Beschreibung eines Wappens).
Vgl. ferner s. v.
2
 2.
3.
›jn. / etw. / sich bilden, sich entwickeln, Gestalt gewinnen‹ (von Menschen, ütr. auch von abstrakten Bezugsgrößen gesagt); zu  3a.
Texte der Sinnwelt ,Religion‘.
Bedeutungsverwandte:
 9, ; vgl. (V.) 4.

Belegblock:

Luther, WA (
1525
):
wenn ich Christum hore, so entwirfft sich ynn meym hertzen eyn mans bilde, das am creutze henget, gleich als sich meyn andlitz naturlich entwirfft yns wasser, wenn ich dreyn sehe.
Gerhard, Hist. alde e
1019
(
omd.
,
um 1340
):
Daz Joseph sich so wol entwarf.
Stackmann u. a., Frauenlob
13, 9, 8
(
nobd.
,
3. V. 15. Jh.
):
swa danne gewalt sich mischet dar, | da wirt daz flehen missevar: | gein dem unwille ie sich entwarf.
Schmidt, Rud. v. Biberach
65, 20
(
whalem.
,
1345
/
60
):
Mit dem seraphlichen orden [...] werdent die ierarchie geordenot vnd entworfen.
Ebd.
108, 22
:
dvͥ kvͥsche sel mich bericht natuͥrlich vnd entwirft zvͦ einer ieklicher inre vnd vsser guͦtete.
Ebd.
117, 28
:
es sol sich nach disem bilde ein ieklicher mensche entwerfen.
4.
›jm. etw. darlegen, erklären, auseinandersetzen, etw. beschreiben‹; auch: ›etw. mit Worten umreißen‹;
Spezialisierung zu 1; zu  5.
Bedeutungsverwandte:
2
 2,  2,  14; vgl.  2,  5.
Syntagmen:
jm. etw
. (z. B.
die bedeutung e. S., die sinne / tugenden
)
e., jm
. (z. B.
dem bischof
)
etw. e., jm. etw. mit guten / kurzen worten e
.;
jm. e
. [+ Objektsatz mit
das
oder
wie
].
Wortbildungen:
entwerfung
2 ›Darstellung, Beschreibung‹.

Belegblock:

Luther, WA (
1538
):
Wil dis mal diese sachen allein angestochen und entworffen haben, damit ichs nicht vergesse.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
22, 2
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
Wir haben dir vor entworfen, das unkleglich sein sol der tot der tötlichen.
Roloff, Naogeorg/Tyrolff. Pamm.
11, 11
(
Zwickau
um 1540
):
ein [...] Tragedisch Spiel [...] inn welchen das grewliche verfuͤrische und vorderbliche Babstumb sein eigentlich entworffen und abgemalet ist.
M. Cunitia. Ur. Prop. (
Öls
1650
):
Nun so viel sey genung von der allgemeinen Entwerffung dieses Buches.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel (
Straßb.
1466
):
also hat vns der ewangelist marcus geuordert zeuernemen in dem daz er alle dise ding entworffen hat mit kurtzen worten.
Vgl. ferner s. v.  14,  7, (
der
1.
5.
›eine Fehlgeburt erleiden‹ (in beiden Belegen von Tieren gesagt); zu  1a.
Gegensätze:
 2.

Belegblock:

Maaler (
Zürich
1561
):
Entwerffen / Spricht man auch vom vaͤch / so es ein todne frucht birt.
Müller, Nördl. Stadtr. (
schwäb.
,
1481
):
ain rind, das entworfen hat, soll ouch in der zeit nit abgemetzget werden.
6.
›(Nutzpflanzen) an den Wurzeln zum Zweck der Beschneidung freilegen, die Wurzeln von Unrat reinigen; (Bäume) beschneiden‹.
Bedeutungsverwandte:
 3.
Wortbildungen:
entwerfung
3 ›Freilegung der Wurzeln von Pflanzen‹.

Belegblock:

Dasypodius (
Straßb.
1536
):
entwerffen den Reben vnd baͤumen.
Maaler (
Zürich
1561
):
Entwerffung der boͤumen / Das võ traͤchen / Jtem das außwerffen von raͤben / oder das vmbgraben vnnd raumung der boͤumen.
7.
›sich beflecken, verunreinigen‹.

Belegblock:

Klein, Oswald
114, 60
(
oobd.
,
1436
):
Mit ainem kranz von dornen scharf | der himel fürste ward verkront, | tiefflich gedruckt, das sich entwarf | mit blüt sein antlutz.
8.
›jn. in einem Ritterspiel übertreffen, besiegen‹; die Motivation erklärt sich in den Belegen dadurch, dass es sich um Wurfspiele handelt; zu  3a.

Belegblock:

Schneider, Pont. u. Sid.
150, 27
(
rhfrk.
/
mosfrk.
,
2. H. 15. Jh.
):
Da trat er [ritter] von stont zu den frauwen vnd rumet sich, das er yme [herrn Heinrich] entworffen hette.
Ebd.
151, 30
:
Myn ritter hat vch entworffen nit en wenig.