empfinden,
V., unr. abl.;
zu
mhd.
entvinden, enphinden
›etw. wahrnehmen‹
(
Mwb
1, 1735
 f.);
Präfixbildung aus
ent-
und
finden
›herausfinden, wahrnehmen‹ (
Kluge/S.
2011, 244
); Schreibweisen des Präfixes auch
enf-, entf-, enpf-, entpf-
. – Eng vernetztes Bedeutungsfeld mit fließenden Übergängen.
1.
›etw. (einen Reiz, Affekt, eine Sinneswahrnehmung; in religiösen Kontexten auch ütr.: jn.) physisch verspüren, fühlen; auf etw. physisch reagieren‹; häufig auch: ›etw. (Schmerzen u. Ä.) physisch erleiden‹;
offen zu 2; vgl.  3a; 5.
Phraseme:
sich selbst empfinden
›sich unbändig gebärden‹.
Bedeutungsverwandte:
 5, (V.) 7,
1
 78, ,  4,  12,  7, I, 3, ,  1, (V.) 3.
Gegensätze:
vgl.  2.
Syntagmen:
jn
. (z. B.
got
)
/ etw
. (z. B.
verdrus, den geschmak / kitzel / schaden / tod / trunk, begierde / freude / liebe / lust / not / rürung, die anmacht / hitze / krankheit / strafe / süssigkeit, js. stärke, grauen / leiden, das gericht / wolriechen, js. ausbleiben, schmerzen
)
e., j., der leib, die sele etw. e., etw. bei den oren e
.;
j. e., das [...] / ob [...] / wie [...], j. e
. [+ AcI-Konstruktion];
j. e. P
. (z. B.
sein selbes
) /
e. S
. (Gen.obj., z. B.
des hungers / leibes / leidens, der amacht / gift, der güter / nägel
)
e
.;
der leib in sich nach etw. e
.;
die empfundene / äusserliche hitze
.

Belegblock:

Luther, WA (
1522
):
Wer da schlefft, der sihet noch empfindt der dinger odder gutter keynß, die auff der wellt und umb yhn her sind.
Belkin u. a., Rösslin. Kreutterb.
126, 3
(
Frankf.
1535
):
haben die Allten diesen stein [Corallen] gestossen [...] vff das sie nit empfünden den schaden des hagels.
Mayer, Folz. Meisterl. (
nobd.
,
v. 1496
):
Einr amacht ich an mir enpfant.
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
119
(
Nürnb.
1517
):
das die beischleferin entpfinden, das Christus sueser ist dann alle andre dingk.
Ebd.
128
:
er [leib] entpfindet in im nach merklicher schweche risensterke.
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Nürnb.
1631
):
JEsu [...] | [...] | Du Wunderhoͤnig in dem Mund, | Kein suͤsser Trunck mein Hertz empfund.
Ebd. :
Viel Lust vnd Frewd die Seel empfind.
Ebd. (
Bautzen
1567
):
Das menschlich heil thet er begern, | Seinr negl ward er empfinden.
Lindqvist, K. v. Helmsd.
4401
(
halem.
, Hs.
um 1435
):
Do worcht der hailig gaist sin kunst | Das du kuntlich do enpfunt | Dich schwanger sin zer selben stund.
Schmidt, Rud. v. Biberach
25, 15
(
whalem.
,
1345
/
60
):
got vinden, das ist bekennen got, aber got enpfinden, das ist got ruͤren.
Sudhoff, Paracelsus (
1531
/
5
):
in dem luft sehent wir nichts, wir aber empfinden in.
Maaler (
Zürich
1561
):
Sich selbs Empfinden / Freydig vnnd muͤtig werden / oder geil werden / vnnd ein hertz gewünnen.
Sappler, H. Kaufringer
26, 148
(
schwäb.
, Hs.
1472
):
all engel guot | solich liede nicht singen kunden, | wann sie leidens nie empfunden.
Brandstetter, Wigoleis
194, 39
(
Augsb.
1493
):
als er sein selbs stoerck empfinden warde vnd jm die granen
[›Barthaare‹]
aller erst hersprungen.
Andreae. Ber. Nachtmal
61v, 16
([
Augsb.
]
1557
):
Wie [...] die vnglaͤubigen vnd Gotlosen / das gericht darauß empfahen vnnd empfinden.
Klein, Oswald
8, 16
(
oobd.
,
1423
?):
des hat sich mancher herter stain enzwai entrennt, | do er emphand seins schepfers not und sterben.
Ebd.
18, 71
(
1416
):
vor zittern, seufzen hab ich offt emphunden nicht | des leibes mein.
Steer, K. v. Megenberg. Sel
173
(Hs. ˹
moobd.
,
1411
˺):
Als die spinn [...] enphint aller rürung irs webps.
Weber, Füetrer. Poyt.
236, 5
(
moobd.
,
1478
/
84
):
euch wiert hie ain packen straich geschlagen, | das irs pey orėn dy lennge wol empfinndet.
Roth, E. v. Wildenberg (
moobd.
,
v. 1493
):
do sie enphandt den leiplichen tod, bat sie, das [...].
Opitz. Poeterey
11, 24
;
26
;
23, 10
;
Wagner, Erk. Ps.-J. v. Kastl
2, 37
;
zu Dohna u. a., a. a. O.
233
;
Bihlmeyer, Seuse ;
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
11, 34
;
Illing, Albert. Sup. miss.
719
;
Wiessner, Wittenw. Ring
6192
;
Lauater. Gespaͤnste
14v, 15
;
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. ;
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. ;
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
48, 38
;
71, 17
;
Gleinser, Anna v. Diesb. Arzneib.
1989, 91
.
Vgl. ferner s. v. ,  2,  3,  2,  2,
4
(Adv.) 9.
2.
›etw. (seelisch, innerlich) erleben, erfahren‹; speziell: ›etw. (vor allem Glaubensgegenstände, Gott) wahrnehmen, begreifen, erkennen‹; im Unterschied zu 1 und 3 geht es hier eher um das emotionale, intuitive, spirituelle Erleben; offen zu 3.
Überwiegend Texte religiösen Inhalts, insbesondere Texte der Mystik, in diesem Falle Beleghäufung für das Wobd.
Phraseme:
sich nicht genugsam empfinden
u. Ä. ›sich unzulänglich, nicht genügend qualifiziert fühlen‹.
Bedeutungsverwandte:
1
 1,  3,  1112, (V.) 8, , ; vgl. (V.) 6, I, 1.
Syntagmen:
jn
. (z. B.
Christus
)
/ etw
. (z. B.
barmherzigkeit / hilfe, die mächtigkeit / sünde / tröstung, ewige dinge
)
e., etw
. [wie] (z. B.
innerlich, in dem gedenken, im herzen, der erkentnis
)
e
.;
j. e
. [+ AcI];
e. P
. (z. B.
gottes
)
/ e. S
. (Gen.obj.)
e
.

Belegblock:

Pfefferl, Weigel. Gn. S. 
95, 14
(
um 1571
, Hs.
1615
):
gleich wie ich mich aber im Ersten buech nicht genuegsam emphunden hab denn Menschen zu beschreiben.
Luther, WA (
1522
/
5
):
[das wir] glauben, das tod, hell, sünd und Teuͤfel durch Cristus tod hin weg sey, und wir gerecht, fromm, heylig und also zuͦfriden seyn und kein sünd mer empfinden, das also alle [...] in dißer mainung steen, das sünd und tod überwunden sein.
das ist mir widerfaren, das hab ich empfunden, so ist mirs gangen, da war ich in der angst.
du [muͦst] wissen und bekennen in deinem hertzen, das es also sey, Und empfindestu es nicht, so hastu den glauben nit, sonder das wort hanget dir an den oren und schwebt dir auff der zungen, wie der schoum ist auff dem wasser.
Quint, Eckharts Pred. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
nâch der obersten kraft begrîfet und enpfindet si [sêle] âne zît êwigiu dinc.
Ders., Eckharts Trakt. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
die selben, sô sie her nâch mêr minne gewinnent, sô enhânt sie lîhte niht als vil vüelennes und enpfindennes.
Jostes, Eckhart
105, 22
(
14. Jh.
):
so die sele ie mer gottez emphindet, so ir ie mer liplich súzzikeit misvallet.
Wagner, Erk. Ps.-J. v. Kastl
14, 84
(
nürnb.
,
1. H. 15. Jh.
):
beharrestu in solcher betrachtung, gar luczel und wenig wirstu achten und enphinden.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
[Entwúrt der Ewigen Wisheit:] Ich mag mich wol dem herzen inrlich ze enphinden geben, aber enkein zunge mag mich [...] gesprechen.
Illing, Albert. Sup. miss.
1331
(
els.
,
n. 1380
):
Wellent ir eruarn oder enpfinden den, der in mir ret, das ist cristus.
Ruh, Bonaventura
331, 4
(
oschwäb.
,
2. V. 15. Jh.
):
do ist die ware weißhait, in der ist erkäntnüß durch wares versuͤchen vnd enpfinden.
Steer, Schol. Gnadenl.
2, 80
(
moobd.
,
15. Jh.
):
das der mensch jn jm enphint kein todlich sund jn den dreyen kreften seiner sel.
Bauer, Imitatio Haller
53, 25
(
tir.
,
1466
):
wenn Jesus reden ist nur ain wort, so enpfhindet man grosse trostung.
Steer, W. v. Herrenb. Büchl.
713
;
715
;
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
19, 28
;
95, 21
;
Vgl. ferner s. v.  1.
3.
›etw. (kognitiv) beobachten, herausfinden, entdecken, merken, feststellen, wissen‹.
Gehäuft berichtende und didaktische Texte.
Phraseme:
etw. recht empfinden
›etw. untersuchen‹;
es empfindet sich
›es stellt sich heraus, zeigt, ergeben sich‹ (überwiegend Rechtstexte).
Bedeutungsverwandte:
(V.) 16,  6, (V.) 1,  1, , ,  14, I, 311, , , ; vgl.
2
(V.) 5.
Syntagmen:
j. etw
. (z. B.
den dienst / gebresten
›Schaden‹
/ gewin, die tugend, die gedanken
)
e
.,
etw
. [wo] (z. B.
an jm., in der schrift, den sachen, sich selber
)
e., j. e., das [...]
(häufig),
wie [...]
.

Belegblock:

Steer, W. v. Herrenb. Büchl.
159
(
pfälz.
,
1436
):
als ein yglich mensch jn jme selber enpfindt die manigen gedancke.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
23, 3
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
Euer sprüche sein süße und lüstig, des ich nu etwas enphinde.
M. Cunitia. Ur. Prop. (
Öls
1650
):
Jetzt empfiende ich mich gefodert sein / zu verantwortung dessen / daß [...].
wird der verstaͤndige selbst empfinden die nothwenigkeit dieser Erleichterung.
[solche Finsternuͤsse] werden im mitternaͤchtigen nicht empfunden.
Chron. Strassb. (
els.
,
A. 15. Jh.
):
do der künig empfant, daz das volg von Israhel enweg fuͦr us dem lande.
do wart der herzoge von grossen herren erbetten, das er solte beiten, untz er die sache reht enpfinde.
UB Zug
6, 17
(
halem.
,
1353
):
Beschech aber dz, dz es sich enpfunde, dz [...].
Bachmann, Morgant (
halem.
,
1530
):
do thet im [jŭngling] Ruolland sin hälm ab [...] und empfand, daz er nach ătmet.
Wiessner, Wittenw. Ring
666
(
ohalem.
,
1400
/
08
):
wıͤr nu, trun, enphinden wol, | Ir seit des heiligen gaistes vol.
Sappler, H. Kaufringer
5, 456
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
darnach si vil schier enpfant, | das ich nit der rechte was.
Heydn. maister
38r, 2
(
Augsb.
1490
):
das jch ÿetze͂ das leben sol verlassen / so jch erst angehebt hab von der weißheit etwz zuͦ versteen vñ empfinden.
Kohler, Ickelsamer. Gram. (wohl ˹
Augsb.
1. Dr. 16. Jh.
˺):
solche vnuolkomenhait vnsers lesens, werden sy wol mercken vnnd empfinden.
Hohmann, H. v. Langenstein. Untersch.
119, 10
(
moobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
was wir in iegleicher [tugent] muͤgen entpfinden vnd derchennen.
Schade, Sat. u. Pasqu. ;
Kochendörffer, Tilo v. Kulm ;
Bernoulli, Basler Chron. ;
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
23, 6
;
254, 3
;
V. Anshelm. Berner Chron. ;
Sappler, a. a. O.
8, 332
;
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. ;
Vgl. ferner s. v.  5,  6.