ehehaft,
auch:
ehehafte,
ehehaftige,
die
.
1.
›altes Herkommen, Gerechtsame; jm. aufgrund alter Bündnisse und Absprachen zustehende bzw. zu gewährende Rechte bzw. zu leistende Verpflichtungen‹; im Einzelnen: ›Rechte, die an Grund und Boden gebunden sind‹; ›der Gemeinde bzw. dem Gemeinschaftsverband gegenüber zu leistende Pflicht‹; ›Rechtmäßigkeit e. S.‹; ›Besitzrecht an etw.‹; mehrfach tropisch: ›bestimmten Rechten und Pflichten unterliegender Grund und Boden; Rechts- und Verpflichtungsgebiet einer Gemeinde, Gerichtsbezirk‹; ›aus bestimmten Rechten resultierender Ertrag‹; ›Gemeinde, die durch gemeinsame Rechte verbunden ist‹; in 1 Beleg: ›Urkunde, auf der Rechte und Pflichten verzeichnet sind‹;
zu (
die
1, (
der/die
2.
Vorwiegend obd.; Rechts- und Wirtschaftstexte.
Syntagmen:
die e. abstricken / ausrichten / berüren / haben / mindern / verkünden / verrichten / versetzen, jm. erteilen / geben
;
die e
. (Subj.)
der herschaft gehören
;
sich der e. entziehen
;
jm. an der e. etw. entziehen, sich an js. e. vergreifen, (etw.) bei seiner e. (bestehen) bleiben, etw. in der e. liegen, etw. mit (aller) e. beschehen / besetzen / besitzen / verkaufen, nach der e. fragen, um die e. kommen
;
die e. der herschaft, des dorfes / landes / weilers
;
die bürgerliche ehaft
;
nach ausweisung der e
.
Wortbildungen:
ehehaftbad
(a. 1553),
ehehaftbrief
,
ehehaftbüchel
›Rechtsstatutenverzeichnis einer Stadt‹,
ehehaften
›berechten‹,
ehehaftgericht
,
ehehaftigkeit
, ˹
ehehaftman
,
ehehaftleute
˺ ›Hintersasse(n)‹ (a. 1468 f.),
ehehaftrecht
(a. 1410),
ehehaftslon
(a. 1533),
ehehaftsordnung
›Satzung‹ (a. 1631),
ehehaftung
.

Belegblock:

Mon. Boica, NF. (
nobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
dy eynunge und alle ehaffte des gantzen dorffs gehoren der herschaft.
4 schilling dn. von dreyen eehafftgerichten; dy sind gesatzt worden nicht fuͤr herntzinsze, sunder fuͤr czerung eins voigts.
Ebd. (
1414
):
Dorauf man [...] fragen sol nach der herschafft ehafte, herlichkeit und geprechen.
Dinklage, Frk. Bauernweist.
30, 23
(
nobd.
,
1522
):
Von den pfanden [...], so der wirt nach außweissung der ehaft daruff leicht.
Welti, Stadtr. Bern (
halem.
,
E. 13. Jh.
):
Wir hein och [...] den Bremgarten [...] ze almend gegeben, vnd geben och vͥch gemeinsami vnd ehaftigi in den forst.
Ebd. (
1338
):
[das der selbe her Johans] verkoͮft stugke mit grunt, mit allem nuͥtz, mit aller ehaftigi.
Ebd. (
1437
):
wele die sint, die soͤliche ehaftigi hant, das si in vnser [...] herschafft oder lenherren hoͤltzer ire swin ane holtzhaber triben mugent.
Boos, UB Aarau (
halem.
,
1312
):
daz wir hein verkoͮfet [...] unsern getwing und ban ze nidern Endvelt mit aller rechtunge und ehaftigi als er uns an geerbt ist.
Ebd. (
1364
):
entziehe ich mich [...] aller eigenschaft, aller ehafti und dar zuͦ aller rechtung so ich oder min erben zuͦ der [...] schuͦpposs hatten.
Leisi, Thurg. UB
8, 239, 6
(
halem.
,
1395
):
sol man im och die guͤter umb den vorgenanten zins lihen [...] ussgenomen cloͤster, spitaͤl und ander ehaftinan.
Rennefahrt, Statut. Saanen (
halem.
,
1397
):
die erbschafft und den totval mit aller ir substanci, rechtung, ehaftigi, titelen und puͥnchten der toten hant.
UB Zug
1518, 6
(
halem.
,
1490
):
[Heini verkauft an Äbtissin Verena die Weide]
mit aller zuͦgehoͤrd und ehafftung.
Rennefahrt, Staat/Kirche Bern (
halem.
,
1485
):
das er ouch das gotshus [...] nit sol beswaͤren [...] dem selben sin nuͥtz, raͤnt, guͥlt und eehaft nit versetzen [...] noch mindern.
Ders., Gebiet Bern (
halem.
,
1538
):
[Alle die guͤter] haben rechtsame und ehaftikeit in Allmenden.
Ders., Recht Laupen (
halem.
,
1545
):
das derselbig [predicant] [...] aller andern beladnussen emprosten sin soͤlle und nüdtesterweniger der almend [...] und andern burgerlichen eehaffte und nutzungen [...] teilhafftig sin.
Vock, Urk. Hochst. Augsb.
393, 38
(
schwäb.
,
1420
):
ain grafschafft und ain markt, daz stok und galgen hetten und da gerichteshant und bänne und alliu ehaftin.
Müller, Grafsch. Hohenb.
2, 298, 15
(
schwäb.
,
1451
):
[daz die stette] die slosse, veste, dorffere [...] mit luten und guten, mit aller gewaltsam, eehaften, zwingen, bannen [besetzen].
Ebd.
306, 16
:
von derselben phantschaft eehaften und rechten wegen nach innhalt des phantbriefs.
Unger, Richtes Stig (
schwäb.
15. Jh.
):
daz er [der hofe vogther] all eehaft und gemeinsami von dem hofe jerlich uszrichte.
Chron. Augsb. (
schwäb.
,
E. 15. Jh.
):
das sie [stat] iren bischof bei den alten freihaiten und eehäftin bleiben lassen solten.
Hauber, UB Heiligkr. (
schwäb.
,
1515
):
[Jacob verkauft]
seinen bomgarten [...], stosst auf des dorfs eehaͤftin.
Chron. Augsb. (
schwäb.
,
1540
):
man möcht sich an des kaisers und den bischöflichen rechten und ehehaften hierinnen vergreiffen.
Gehring, Würt. Ländl. Rechtsqu.
3, 119, 9
(
schwäb.
,
1554
):
wan ain vierer in gemainen flecken ehehafftinen und sachen verrichtet.
Ebd.
432, 40
(
1531
):
zu verpietten alles das, so die eehäftin berürt.
Müller, Stadtr. Ravensb.
103, 12
(
oschwäb.
,
1339
):
daz enkain burger [...] enkain gelegen guͦt noch kain geld ald zinse duͥ guͦt in der êhafti ald in dem geriht ligent.
Vogel, Urk. Heiliggeistsp.
1, 488, 6
(
moobd.
,
1459
):
dasselb gelt suͤllen sie an irs dorfs eehafft vnd gemayn legen.
Siegel u. a., Salzb. Taid. (
smoobd.
,
17. Jh.
):
nachdem bei diser schronen [...] ain riegung oder ehehaftstäding verhanden, ob es nöten seie, dieselb von wort zu wort mindlich außzutragen oder wie es in dem ehaftpüechl begriffen offentlich zu verlösen?
Wopfner, Bauernkr. Tirol
89, 31
(
tir.
,
1525
):
wann kriegsleŭff im lannd sein, so hat man in gemaines lanndes eehaften in grosser cosstǔng dem lanndhaŭptman [nachraysen mŭessen].
Ebd.
125, 21
:
nachdem wir ain eehaft haben, darynnen begriffen, das wir alle iar ainem lanndtsfǔrsten sollen zŭ stewr geben 81 m.
Brinkmann, Bad. Weist. ;
Berthold u. a., Zwick. Stadtrref.
167, 5
;
Leisi, a. a. O.
6, 185, 16
;
305, 15
;
490, 29
;
7, 521, 35
;
Graf-Fuchs, Ämter Interl./Unterseen ; ; ;
Kläui, Schweiz. Urbare
3, 221, 3
;
Rennefahrt, Recht Laupen ;
Müller, Alte Landsch. St. Gallen ;
Vock, a. a. O.
564, 2
;
Koller, Reichsreg. Albr. II.
208, 17
;
Hauber, a. a. O. ;
Gehring, a. a. O.
816, 5
;
Wintterlin, Würt. Ländl. Rechtsqu. ; ; ;
Vgl. ferner s. v.  3.
2.
›rechtsgültig akzeptierter Hinderungsgrund als Abwesenheitsentschuldigung z. B. bei Gericht‹; in einigen Belegen auch: ›Notlage, Zwangslage‹;
zu (
die
1.
Rechts- und Wirtschaftstexte.

Belegblock:

Köbler, Ref. Wormbs
73, 24
(
Worms
1499
):
were dan das der selb appellans vß rechter eehafft verhindert würde.
Laufs, Reichskammergo.
75, 31
(
Mainz
1555
):
[sollen] die zwen graffen [...] geschickt sein, deren einer des cammerrichters stadt in seinem abwesen, oder so er auß ehafft verhindert, jederzeyt verwesen [...] möge.
Berthold u. a., Zwick. Stadtrref.
125, 14
(
osächs.
,
1542
/
70
):
Wen ein zeugenfuhrer sein zeit ahne ehehaft vorseumbt.
Köbler, Ref. Nürnberg
65, 11
(
Nürnb.
1484
):
darauf der Antwurter [...] vnuerhindert rechter eehafft durch sich oder seinen vollmechtigen anwalt erscheinen [soll].
Baumann, Bauernkr. Rotenb. (
nobd.
,
1525
):
Unser entschuldigung und ursachen, vormals muntlichen, auch nechst euch schriftlichen verstendigt, mit bitt und begere, unser eehaft und notturft nach nit arger, besonder gunstiger maynung zu vernemen.
Leisi, Thurg. UB
8, 601, 14
(
halem.
,
um 1387
):
Wär ouch, das ain vogt dartzuͦ nit kommen möcht von ehaffti wägen.
Nyberg, Birgittenkl.
1, 283, 20
(
oobd.
1534
):
das auch durch die winden nit khinder [...] eingenomben, noch daran an sonder eehaft essen vnnd trincken gegeben werde.
Winter, Nöst. Weist. (
moobd.
,
1414
):
wo dann einer uber den beschehenen ruef, außer sonderer ehehaften, außblibe.
Reithmeier, B. v. Chiemsee (
München
1528
):
sol tawffer ain priester sein, on eehafft.
Ordenlich sol vor der firm, on mercklich vrsach oder eehaft, dem vngefirmeten menschen kain ander sacrament [verlihen werden].
Köbler, Ref. Nürnberg
131, 2
;
393, 6
;
Müller, Lands. St. Gallen
57, 24
;
3.
›Pflichtverletzung, Verbrechen, Vergehen gegen das Gesetz‹.

Belegblock:

Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
so wurt es
[Geschichte einer untreuen Ehefrau, die dafür ins Gefängnis kam]
doch in den holstainschen historien als ain ehehafte beschriben.
wiewol es domals durch Frankreich der allergrösten ehehaftinen eine war, ein priester zu verletzen.