betreten,
V., unr. abl.
1.
›auf etw. treten‹; als part. Adj. im Syntagma
betretener weg
ansatzweise lexikalisiert: ›ausgetreten, gebahnt‹; hier anschließbar das im Schweiz. Id. (14, 1485) für das 17. Jh. belegte
etw.
(z. B.
das gericht
)
b
. ›etw. betreten‹.

Belegblock:

Henisch
349
(
Augsb.
1616
):
Betretten / mit fuͤssen auff etwas tretten / conculcare [...]. Betretten weg / via trita [...]. Wer hat mein hut also betretten?
2.
›jn. treffen, an einem Ort antreffen, erreichen, finden; sich mit jm. treffen‹, im Unterschied zu 3 ohne die Perspektive der folgenden Verhaftung; hier als Ütr. anschließbar:
sich gütlich b.
›sich einigen, vertragen‹.

Belegblock:

V. Anshelm. Berner Chron.
6, 218, 29
(
halem.
,
n. 1529
):
also reit si [botschaft] [...] uͤber die walstat uss, [...] betrat aber die iren nit, dan si schon durchs moss fuͤrgezogen.
Bächtold, H. Salat
98, 8
(
halem.
,
1531
):
Da funden s’ min rechten zug zů stunden, | Dann sie die Züricher nit betreten kunden.
Maaler
64v
(
Zürich
1561
):
Betraͤtten / mit jm zereden.
Chron. Augsb.
3, 411, 23
(
schwäb.
,
1490
/
1500
):
das dieselben zwayhundert mit gerusten buchsen uff die plätzz laffen, da yeder hingehöret, ob man ir bedurffen wurde, das man sy uff iren plätzzen wiste zů bedretten.
Ebd.
434, 7
:
deshalben, wo ir die
[z. B.
metzger
]
betretten, mügt ir sie darumbe anreden.
Chron. Nürnb.
5, 483, 1
;
Rwb
2, 223
;
Schweiz. Id.
14, 1486
;
Schütt, A. Petris Bibelgl.
1908, 14
.
3.
›jn. an einem Ort antreffen, finden, erwischen, auf jn. stoßen‹, jeweils als Voraussetzung seiner Ergreifung und Bestrafung, oft formelhaft:
jn. (ge-)fänglich annemen
o. ä.
Bedeutungsverwandte:
 23, .
Syntagmen:
jn.
(z. B.
den dieb / prediger / übeltäter, arme leute
)
in einem gerichte, in js. hofe, in einer feste / landschaft, auf js. grund, an der hutstätte, bei jm. b
.

Belegblock:

Kochendörffer, Tilo v. Kulm
299
(
preuß.
,
1331
):
Do Got zornlich én [Adam] betrat, | Daz er schob die missetat | Hin uf dez wiebez gabe.
Küther, UB Frauensee
381, 18
(
thür.
,
1528
):
Welcher aber an sulchen ortten von dem furster zum Sehe sey bedretten worden, den habe er gepfent.
Baumann, Bauernkr. Rotenb.
587, 8
(
nobd.
,
n. 1525
):
aus gemeiner statt [...] gebiet hinweg ziehen und sich darinnen nit mer betretten lassen.
Merk, Stadtr. Neuenb.
90, 30
(
nalem.
,
1499
):
alle die, so solchen zoll geverlichen verfuerten [...], darumb an iren leiben und guetern, wo si die betreten, [...] aufhalten sollen.
Müller, Lands. St. Gallen
80, 28
(
halem.
,
1543
):
Wer auch der zeginer [...] in unser landschaft betritt, die sollen uns [...] dieselben vengkhlichen annemen.
Klein, Oswald
111, 80
(
oobd.
,
1436
):
Jhesus, sprach zu dem volck, die in beträtten | mit swërten.
Chron. baier. Städte. Regensb.
34, 20
(
moobd.
,
1520
):
sein [...] auß dem pfleghaus auschomen 8 Behem, dy 2 haben nit geen mügen, sein wider betreten worden.
Turmair
5, 277, 20
(
moobd.
,
1522
/
33
):
Dieweil lag der kaiser vor Passau, darinn er die zwên herzog Hainrichen betrat.
Froning, Alsf. Passionssp.
111
;
Küther, UB Frauensee
396, 16
;
Pfeiffer, Frk.-bay. Landfr.
307, 40
;
Baumann, a. a. O.
18, 2
;
Chron. Nürnb.
2, 73, 34
;
86, 22
;
V. Anshelm. Berner Chron.
4, 93, 12
;
Jörg, Salat. Reformationschr.
263, 15
;
Luginbühl, Brennwalds Schweizer Chron.
1, 171, 7
;
Uhlirz, Qu. Wien
2, 2, 2921, 7
;
Chron. baier. Städte. Regensb.
112, 26
;
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid.
382, 33
;
Dietz, Wb. Luther
1, 287
;
Schweiz. Id.
14, 1486
.
Vgl. ferner s. v.  2,  2,  2.
4.
›jn. auf frischer Tat ertappen, erwischen, bei der Ausübung einer verbotenen Handlung ergreifen‹.
Bedeutungsverwandte:
 7,  9,  1,  2; vgl. ,  3,  4.
Syntagmen:
jn. bei jm.
(z. B.
bei js. weibe
),
an etw.
(z. B.
an js. gut, geferlichen orten
)
b., jn. auf frischer tat, an warer tat, mit der warheit, über etw.
(z. B.
über verbotenem werk
),
an etw.
(z. B.
an der übeltat
),
mit etw.
(z. B.
mit dem diebstal
),
in etw. b., jn. e. S.
(Gen.)
b., jn. spieles / trinkens wegen b
.
Wortbildungen:
betreter
,
betretung
2.

Belegblock:

v. Liliencron, Dür. Chron. Rothe
713, 26
(
thür.
,
1421
):
unde betrat on nacket bey seyme weibe unde slugk on tot.
Goedeke, Fischart
131, 27
(
thür.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
wo her dy mit der warheit betrad, dy liss her hengen.
Kohler u. a., Bamb. Halsger.
23, 8
(
Bamb.
1507
):
so man einen an warer vbelthat betritt.
Ebd.
157, 6
:
dieselbig muter sol, wo sie des
[Kindesaussetzung]
vberwunden vnd betretten wirt, an jrem leyb [...] gestrafft werden.
Ebd.
184, 5
:
So aber der dieb mit gemeltem ersten diebstal [...] betretten wuͤrdet.
Kohler u. a., Peinl. GO Karls V.
25, 17
(o. O.
1532
):
ob die verdacht persone ann geferlichen orten zu der that verdechtlich gefunden oder bedreten wurde.
Ebd.
160, 9
:
ob der diep darob [diepstal] beruchtigt oder bedretten sey.
Dinklage, Frk. Bauernweist.
94, 1
(
nobd.
,
1579
):
woe ein dieb begriffen oder bedretten wirdt an der herrn gutt.
Winter, Nöst. Weist.
4, 276, 10
(
moobd.
,
2. H. 17. Jh.
):
alß solle ieder betretter ernstlichen [...] umb gelt gestrafft werden.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid.
424, 7
(
m/soobd.
,
1562
):
wo jehemand dessen betretten würde, soll umb 1 ℔ ₰ gestraffet werden.
Löscher, Erzgeb. Bergr.
75, 11
;
Kohler u. a., Peinl. GO Karls V.
157, 5
;
207, 4
;
Rwb
2, 222
.
Vgl. ferner s. v.  2.
5.
›jn. (oft: Gruppen) militärisch stellen, auf jn. stoßen, jn. angreifen, ergreifen‹, oft als Voraussetzung von Gefangennahme oder Tötung.
Wortbildungen:
betretung
3.

Belegblock:

Strehlke, Nic. Jerosch. Chron.
21258
(
preuß.
,
um 1330
/
40
):
den volgtin nâch dî brûdre sân | und ouch sî betrôtin | slâhende von den rotin | wol sibbinzic Littouwin.
Gerhard, Hist. alde e
1156
(
omd.
,
um 1340
):
Er volgte nach und si belag | [...] | Und gar vintlich si betrat | In der stat Saba genant.
Maaler
64v
(
Zürich
1561
):
Betraͤttung zweyer heerzügen. Congressus.
Baumann, Bauernkr. Oberschw.
21, 15
(
schwäb.
,
v. 1542
):
wa sy betretten wurden, musten sie mit der hewt bezalen.
Ebd.
110, 9
:
und ahben die auf den andren tag [...] in ainem flecken Kungßhofen genant, betretten.
Ebd.
194, 24
:
da bot man eyletz auf, inen nach zu eylen. Des beschach, betraten sy noch auf der blaich, stelleten sich dapfer zu weren.
Turmair
4, 860, 32
(
moobd.
,
1522
/
33
):
zwaket ainen nach dem andern auf, wo er si von dem gewaltigen haufen betrat.
Chron. Nürnb.
2, 266, 17
;
3, 276, 4
;
4, 323, 11
;
Baumann, Bauernkr. Rotenb.
277, 31
;
Roder, Hugs Vill. Chron.
47, 31
;
Spiller, Füetrer. Bay. Chron.
241, 18
;
Maaler
64v
;
Preuss. Wb. (Z), 1, 579;
Schweiz. Id.
14, 1486
;
Schwäb. Wb.
1, 956
/7.
6.
›jn. überkommen, jm. widerfahren, über jn. hereinbrechen, jn. erfassen (von negativ bewerteten Bezugsgegebenheiten)‹; seltener: ›jm. zuteil werden (von positiv bewerteten Berzugsgegebenheiten)‹.
Phraseme
(am ehesten hier anschließbar):
keinen guten tag betreten
›keine gute Zeit haben‹.
Bedeutungsverwandte:
(V.) 2.
Syntagmen:
gebrest / irrung / müe / not / rache / übel / unglük / versuchung / zorn / macht des weines / freude / wonne jn. b.; mit etw. betreten werden
.

Belegblock:

Mieder, Lehmann. Flor.
815, 12
(
Lübeck
1639
):
Diogenes aß auffm Marckt / sagt / der Hunger haͤtt jhn da betretten.
Luther, WA
22, 79
(
1544
):
so Herrn und Fuͤrsten auch mit dem schendlichen laster betreten werden.
Ders. Hl. Schrifft. 4. Mose
20, 14
(
Wittenb.
1545
):
alle die mühe / di vns betretten
[
Mentel
, Eck
1537
:
begriffen
]
hat.
Ebd. 5. Mose
31, 17
:
Hat mich nicht dis vbel alles betretten
[Mentel
1475
1
:
funden
;
Eck
:
gefunden
;
Froschauer
:
gestossen
;
Eck
:
trofen
]
/ weil mein Gott nicht mit mir ist?
Ebd. Hiob
31, 29
:
vnd habe mich erhaben / das jn vnglück betretten
[
Froschauer
:
ist begegnet
;
Eck
:
last euch keyn versuchung einnehmen
]
hatte?
Ebd. 1. Kor.
10, 13
:
Es hat euch noch keine / denn menschliche Versuchung betretten.
Klein, Oswald
92, 46
(
oobd.
,
vor 1408
?):
Vil freud, vil freud und wunne ir baider leib all do betrat.
Ebd.
111, 38
(
1436
):
Kain güten tag | er nie betratt in vierdhalb dreissig jaren.
Ebd.
117, 27
(
nach 1438
):
Der fünft die unkeusch hoch betracht | [...], | so in die macht des weines betretten.
Ebd.
125, 7
;
Dietz, Wb. Luther
1, 287
;
Schweiz. Id.
14, 1487
;
Schütt, A. Petris Bibelgl.
1908, 24
.
7.
›jm. zugestellt, bekannt werden, jn. erreichen (z. B. von einer amtlichen Benachrichtigung)‹.

Belegblock:

Merk, Stadtr. Neuenb.
108, 39
(
nalem.
,
1616
):
wann sie das gebot betreten.
8.
›auf etw. (in allen Belegen: Tiere) stoßen‹.
Syntagmen:
hämmel / schafe / ochsen / pferde, das vieh, einen vogel b
.

Belegblock:

Schmidt, Frankf. Zunfturk.
1, 365, 30
(
hess.
,
1570
):
schaf [...] (so offt die in verpotnen ackhern, feldern [...] betretten werden).
Gille u. a., M. Beheim
266, 25
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Den nechsten vagel, den er [adler] neben im betrit, | den wurffet er da nider.
Bernoulli, Basler Chron.
5, 368, 13
(
alem.
,
1522
/
45
):
haben in dem feld by Geyspoltzheim 400 pferd der Schinder betretten.
Roder, Hugs Vill. Chron.
130, 15
(
önalem.
,
1524
):
Do betrattend die ruter mer dan 40 ochsen.
Siegel u. a., Salzb. Taid.
156, 22
(
smoobd.
,
1585
):
so mag der, dem schaden geschieht, das betrëtten vieh durch den ambtsdiener [...] pfenden lassen.
Ukena, Augsb. Hl. Kreuzsp.
1346
;
Vorarlb. Wb.
1, 315
.
10.
›etw. finden, auffinden‹, als Voraussetzung für anschließende Beschlagnahmung.
Syntagmen:
das gelt / gut / pfand b
.

Belegblock:

Jörg, Salat. Reformationschr.
610, 12
(
halem.
,
1534
/
5
):
das die schidlüt [...] wo sy / sin lyb und gůtt betraͤttend / das zů recht anfallen mogen.
Chron. Augsb.
8, 145,
Anm. 6 (
schwäb.
, zu
1562
):
etlich gelt [...], welches hernach thails in des wolgebornen herrn [...] gebieten betreten und von seinen gnaden zuͤ getreuen handen hindernomen.
Rwb
2, 223
;
Schweiz. Id.
14, 1487
.