1
betragen,
V., unr. abl.;
zu
mhd.
betragen
›tragen‹
und ursprünglich schwachem
betragen
›sich nähren‹
(
Lexer
1, 238
;
239
).
1.
a) ›etw. (z. B. einen Weg) mit herantransportierten Materialien belegen, pflastern‹;
b) hierzu mit verschobener Bezugsgröße: ›jm. etw. (z. B. einen Zins) abliefern‹;
c) dazu als Ütr. auffaßbar: ›etw. ertragen, dulden, leiden‹; jeweils schwach belegt.
Wortbildungen
(wohl zu b):
1
betrag
1 ›Abgabe‹ (dazu bdv.: ; a. 1479), (wohl zu c):
betragenlich
›erträglich, tragbar‹.

Belegblock:

Lindqvist, K. v. Helmsd.
4304
(
halem.
, Hs.
um 1435
):
Wer kúnd geschriben ald gesagen | Was laides din hertz hat betragen?
Maaler
64v
(
Zürich
1561
):
Betragenlich. Toleranter, Tolerabiliter.
Rwb
2, 219
;
Schweiz. Id.
14, 549
;
553
.
2.
›jn. verklagen‹.
Rib. (im
Rwb
2, 219
dicht belegt für das Mnl./Mnd.).

Belegblock:

Loesch, Kölner Zunfturk.
1, 76, 24
(
rib.
,
1. H. 14. Jh.
):
dat wir hain verdragin, dat gein broder ingeinen broder besagin nog bedragen in sal weder ingenen broder, dat boisfellich si, (dan) in halin den eittin of der eiter einen.
Ebd.
2, 24, 1
(
2. H. 15. Jh.
):
Also ich tgain u. g. bedraigen bin, dat ich weder u. g. verbot etlich broit uiswendigen verkouft gehadt seulde haven.
Ebd.
472, 3
(
1478
):
biddende, in weder zo ontfangen zo eime zepper, want he zer onschoult bedragen ind afgesatzt were.
Chron. Köln
2, 380, 27
(
Köln
1499
):
dairumb wart he bedragen ind beclagen van den amptluden intghein Diderich van Berne dem koninge.
3.
›etw. (einen Streit o. ä.) schlichten, gütlich beilegen‹.
Wobd.
Bedeutungsverwandte:
 1, , , , , .
Syntagmen:
etw
. (z. B.
den frevel / krieg / span / stos, die empörung / feindschaft / irrung / sache / zweiung
)
b
.

Belegblock:

Merz, Urk. Wildegg
54, 22
(
halem.
,
1457
):
ihnen die Sache zu übergeben,
si guͤttlichen zů betragen.
Welti, Urk. Rheinfelden
456, 20
(
halem.
,
1502
):
daß aller vnwill, recht vnd vindschaft zwischen den Parteien hin tod vnd ab, gericht, geschlicht vnd betragen sin soll.
V. Anshelm. Berner Chron.
1, 59, 17
(
halem.
,
n. 1529
):
da ein abscheid begriffen und gestelt ist, wie soͤllichs [krieg] hingetan, betragen und gericht werden moͤcht.
Jörg, Salat. Reformationschr.
499, 14
(
halem.
,
1534
/
5
):
Es wurdend ouch botten gschicktt [...] / obgemellte enboͤrung zů richten / und betragen.
Welti, Stadtr. Bern
418, 6
(
halem.
,
E. 15.
/
A. 16. Jh.
):
das soͤllich fraͤuell [...] gericht vnnd betragenn sind wordenn.
Merk, Stadtr. Neuenb.
94, 35
;
Bernoulli, Basler Chron.
6, 16, 10
;
Graf-Fuchs, Ämter Interl./Unterseen
247, 28
;
Schwäb. Wb.
1, 956
;
Schweiz. Id.
14, 550
.
Vgl. ferner s. v.  2.
4.
›sich mit jm. vertragen‹.

Belegblock:

Luther, WA
22, 59, 24
(
1544
):
sind sie miteinander seer wol zu frieden und koͤnnen sich unternander freundlich betragen.
Euling, Kl. mhd. Erz.
362, 1
(
nobd.
,
E. 15. Jh.
):
Wie sich zwey eeleut ubel mit einander betrügen.
Henisch
348
(
Augsb.
1616
):
Wie betregst du dich mit deinem weib.
Dietz, Wb. Luther
1, 287
.
5.
›sich verständigen, sich einigen; jn. mit jm. aussöhnen, vergleichen‹; am ehesten hier anschließbar: ›sich mit jm. befassen, einlassen‹.
Gehäuft wobd.
Bedeutungsverwandte:
 12, I, 2, , , .
Wortbildungen:
beträgde
›Vertrag‹ (a. 1506/7),
betragnisbrief
(a. 1435),
betragung
›Verhandlung‹ (a. 1534/5).

Belegblock:

Toeppen, Ständetage Preußen
3, 613, 40
(
preuß.
,
1453
):
villeichte worde wir uns betragen.
Froning, Alsf. Passionssp.
5214
(
ohess.
,
1501ff.
):
ich enmag mich nyt mit der betran.
Rennefahrt, Statut. Saanen
133, 26
(
halem.
,
1477
):
haben Schultheiß und Rat
mit allem flis gesůcht, si fruͥntlich und mitt irem gůtem, wuͥssentlichen willen zů betragend.
UB Zug
1333, 6
(
halem.
,
1483
):
das úwer und únser geschickten rătsfrúnd, beid parthÿen, [...] mit einandern betragen und vereÿnt und darumb besigelt brieff [...] uffgericht soͤllen haben.
Luginbühl, Brennwalds Schweizer Chron.
1, 256, 26
(
halem.
,
1508
/
16
):
als si zůsamen kamend, betrůgent si sich, das regiment mit einandern zu halten.
Jörg, Salat. Reformationschr.
340, 22
(
halem.
,
1534
/
5
):
Allso wurdend die Glarner und Werdenberger betragen.
Chron. Augsb.
3, 366,
Anm. 1 (
schwäb.
,
E. 15.
/
A. 16. Jh.
):
Daruf haut ain raut mit im geredt und sich mit im gütlich geaint und betragen.
Bernoulli, Basler Chron.
6, 470, 7
;
V. Anshelm. Berner Chron.
1, 193, 11
;
4, 232, 3
;
Gagliardi, Dok. Waldmann
2, 374, 9
;
Müller, Alte Landsch. St. Gallen
223, 27
;
274, 17
;
Henisch
348
;
Vorarlb. Wb.
1, 314
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß
36
;
Schwäb. Wb.
6, 1628
;
Schweiz. Id.
14, 551
.
6.
›sich in bestimmter Weise verhalten, sich einer Lebensweise verschreiben‹; von der Zeit: ›etw. mit sich bringen‹.

Belegblock:

Hübner, Buch Daniel
6132
(
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
swi sich wirt betragen | Die zit mit irme ende.
Wiessner, Wittenw. Ring
70
(
ohalem.
,
1400
/
08
):
Also wol chond er sich betragen, | Daz die alten und die jungen | Frawen sere nach im drungen.
Koller, Ref. Siegmunds
148, 4
(Hs.
um 1474
):
ein bischoff soll sich gutlich betragen und sich nichts weltlichs annemen.
Niewöhner, Teichner
350, 87
(Hs. ˹
moobd.
,
1360
/
70
˺):
waz einem anderen ist vor spot | der sich in der werlt betrait, | daz ist eins munichs wirdichait.
Mell u. a., Steir. Taid.
235, 43
.
7.
›jn. mit etw. traktieren‹.

Belegblock:

Gerhard, Hist. alde e
5209
(
omd.
,
um 1340
):
Di en mit geiseln betrugen | Und ouch zu tode slugen.
8.
›etw. ins Werk setzen, vollbringen; etw. übernehmen; etw. auf sich nehmen, sich e. S. unterziehen‹.

Belegblock:

Stackmann u. a., Frauenlob
5, 76, 12
(Hs. ˹
nobd.
,
3. V. 15. Jh.
˺):
wan torste er volbringen den list so kündiglich, als in die valschen ie betrugen.
Leidinger, V. Arnpeck
491, 12
(
moobd.
,
v. 1495
):
hat er das herzogtum Bairn [...] übergeben seinem sbager und hat sich des reichs betragen.
Winter, Nöst. Weist.
639, 38
(
moobd.
,
1. Dr. 16. Jh.
):
so soll man den schender und lesterer für recht stellen; was im den das recht geit, des sol er sich betragen.
9.
›sich von etw. ernähren, seinen Lebensunterhalt womit verdienen, jn. versorgen‹.
Bedeutungsverwandte:
 10,  7,  13,  1,  23,  12.
Syntagmen:
sich e. S
. (Gen., z. B.
des brotes, der speise, der arbeit seiner hände
, bei Elision von
arbeit
:
sich seiner hände
)
b
.;
sich von etw
. (z. B.
von der arbeit
)
/ mit etw
. (z. B.
mit dem vieh, mit kaufmanschaft / herrendienst, mit den nadeln
›von Näharbeit‹)
/ bei etw
. (z. B.
bei dem almosen
)
b., jn.
(z. B.
das kind
)
mit etw.
(z. B.
mit kleidern
)
b
.
Wortbildungen
betragnis
2 (dazu bdv.:  6, ; a. 1360; 1444).

Belegblock:

Strehlke, Nic. Jerosch. Chron.
5496
(
preuß.
,
um 1330
/
40
):
daz sich daz hûs dâ von betrûc | zur Balge wol ein ganziz jâr.
Reissenberger, Väterb.
17669
(
md.
, Hs.
14. Jh.
):
Durch den himelischen gewin | In der wuste er sich betruc.
Karsten, Md. Paraphr. Hiob
2383
(
omd.
,
1338
):
Der sich betreyt in ellende | Der erbeyt siner hende.
Ebd.
9608
:
mit dem roube si bejayn | Brot, spyse, der sy sich betrayn.
Wiessner, Wittenw. Ring
3124
(
ohalem.
,
1400
/
08
):
Erst so muoss man leiden haben, | Wie mans [kind] erleich müg betragen | Mit claidern und mit nerung.
Österley, Steinhöwels Äsop
306, 14
(
Ulm
1474
/
82
):
Ain sterbender vatter verließe synem sun nit, wann ain hus, und sus kain ander erb, des er sich möchte betragen.
Niewöhner, Teichner
631, 79
(Hs. ˹
moobd.
,
1469
˺):
das ist eins menschen tagczeit | der da wurcht und sellten leit, | der sich seiner hennt petreit.
Spiller, Füetrer. Bay. Chron.
93, 6
(
moobd.
,
1478
/
81
):
die lieb junckfraw, [...], betrueg sich ellendigklich von der arbait irer hendt.
Ebd.
226, 2
:
umb das hertzog Cristoff [...] liederlich was, mocht er sich an dem auch andern endten kain leng betragen.
Winter, Nöst. Weist.
3, 611, 25
(
moobd.
,
E. 15. Jh.
):
wer sich in dem markcht nërn wil und betragn mit kaufmanschaft oder mit anderr arbait.
Seemüller, Chron. 95 Herrsch.
125, 2
;
Winter, a. a. O.
1, 972, 12
;
4, 214, 20
;
Maaler
64v
;
Rwb
2, 219
;
220
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß
36
;
Schweiz. Id.
14, 549
;
Schwäb. Wb.
1, 956
.
10.
›sich e. S. bedienen, etw. gebrauchen‹; hier anschließbar: ›etw. (z. B. einen Schaden) vergüten‹.

Belegblock:

Gierach, Märterb.
4226
(Hs. ˹
moobd.
,
A. 15. Jh.
˺):
wes hilf schol ich mich betragen?
Turmair
1, 348, 22
(
Nürnb.
1541
):
Solcher kleidung betragen sich noch die baursleut.
Mell u. a., Steir. Taid.
231, 36
(
m/soobd.
,
1638
):
weliche aber zinsholzer haben, die sollen sich in erpauung irer hueben derselbigen zinshölzer betragen.
Siegel u. a., Salzb. Taid.
157, 22
(
smoobd.
,
1585
):
nit ungewönlich weeg zu machen, sonder sich der rechten ausfart zu betragen.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid.
196, 32
(
m/soobd.
,
17. Jh.
):
deren [außweisse] man sich in diesen puncten in allen und jeden betragen kan.
Ebd.
240, 27
Var. (
16. Jh.
):
wie ime der gepfendt antwortet ein pfand und bewilliget sich umb dern schaden zu betragen, daß soll der pfender annemben.
Winter, Nöst. Weist.
3, 646, 8
.
11.
›sich mit jm. / etw. begnügen, mit etw. auskommen, behelfen, sich mit etw. bescheiden‹.
Bedeutungsverwandte:
(V.) 1.
Syntagmen:
sich e. S
. (Gen., z. B.
der erbschaft / kost, eines hauses / gutes, der worte
)
/ e. P
. (z. B.
eines weibes, der alten
)
b
.;
sich mit etw
. (z. B.
mit kleinen dingen
)
/ an etw
. (z. B.
an einem kleinen
)
b
.

Belegblock:

Luther, WA
52, 413, 11
(
1544
):
er woͤlle [...] jnen ein zimliches außkommen schaffen, da sie sich mit betragen koͤnnen.
Ebd.
52, 728, 8
:
Es muͤste doch ye ein heyloser knecht sein, [...], der mit solchem sich auch nicht betragen, sonder es wolte besser haben.
Karsten, Md. Paraphr. Hiob
2752
(
omd.
,
1338
):
Des muze wir wol vragen | Und der alden uns betragen, | Dy vil dinges hy und dort | Han geseen und gehort.
Hampe, Ged. v. Hausrat
2, 2, 5
(
Nürnb.
1544
):
Er sprach wen man zwo schüesel hat | Vnd ainen löffel oder drey | [...] | Des kan man sich gar lang petragen.
Henisch
348
(
Augsb.
1616
):
Betragen / sich ersettigen lassen [...]. Mit einem wenigen muß man sich auch betragen.
Niewöhner, Teichner
316, 36
(Hs. ˹
moobd.
,
1360
/
70
˺):
mag ich der werch nicht bejagen, | so wil ich mich der wort betragen.
Turmair
4, 78, 11
(
moobd.
,
1522
/
33
):
Man lit kain huererei nit; muest sich ainer ains weibes betragen.
Ebd.
306, 34
:
die alten Teutschen [...] betruegen sich einer slechten g’ringen nit hochgültig [...] kost.
Rintelen, B. Walther
54, 20
(
moobd.
,
1552
/
8
):
und sich desselben Glaubiger sollicher Erbschaft und verlassner Güetter allein betragen wolten.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid.
11, 32
(
m/soobd.
,
15.
/
16. Jh.
):
und wissen si anderst ier viech zu erhalten, alda diß orts zu betragen. alsdann wider hinauf auf ire hütschleg zu fahren.
Euling, Kl. mhd. Erz.
367
;
Wiessner, Wittenw. Ring
4407
;
Turmair
5, 140, 18
;
Wackernell, Adt. Passionssp. Nsp.
125
;
Siegel u. a., Salzb. Taid.
249, 23
;
250, 7
;
Mell u. a., Steir. Taid.
23, 34
.
Vgl. ferner s. v. .
12.
›jm. eingeben, jm. sagen‹.

Belegblock:

Meisen, Wierstr. Hist. Nuys
442
(
Köln
1476
):
Des fursten wyll der moyst so syn, | Als yem syn moydt bedroych.