1
betragen,
V., unr. abl.;
zu
mhd.
betragen
›tragen‹
und ursprünglich schwachem
betragen
›sich nähren‹
().
1.
a) ›etw. (z. B. einen Weg) mit herantransportierten Materialien belegen, pflastern‹;
b) hierzu mit verschobener Bezugsgröße: ›jm. etw. (z. B. einen Zins) abliefern‹;
c) dazu als Ütr. auffaßbar: ›etw. ertragen, dulden, leiden‹; jeweils schwach belegt.
Wortbildungen
(wohl zu b):
1
betrag
1 ›Abgabe‹ (dazu bdv.: ; a. 1479), (wohl zu c):
betragenlich
›erträglich, tragbar‹.

Belegblock:

Lindqvist, K. v. Helmsd.
4304
(
halem.
, Hs.
um 1435
):
Wer kúnd geschriben ald gesagen | Was laides din hertz hat betragen?
Maaler (
Zürich
1561
):
Betragenlich. Toleranter, Tolerabiliter.
2.
›jn. verklagen‹.
Rib. (im dicht belegt für das Mnl./Mnd.).

Belegblock:

Loesch, Kölner Zunfturk.
1, 76, 24
(
rib.
,
1. H. 14. Jh.
):
dat wir hain verdragin, dat gein broder ingeinen broder besagin nog bedragen in sal weder ingenen broder, dat boisfellich si, (dan) in halin den eittin of der eiter einen.
Ebd. (
2. H. 15. Jh.
):
Also ich tgain u. g. bedraigen bin, dat ich weder u. g. verbot etlich broit uiswendigen verkouft gehadt seulde haven.
Ebd. (
1478
):
biddende, in weder zo ontfangen zo eime zepper, want he zer onschoult bedragen ind afgesatzt were.
Chron. Köln (
Köln
1499
):
dairumb wart he bedragen ind beclagen van den amptluden intghein Diderich van Berne dem koninge.
3.
›etw. (einen Streit o. ä.) schlichten, gütlich beilegen‹.
Wobd.
Bedeutungsverwandte:
 1, , , , , .
Syntagmen:
etw
. (z. B.
den frevel / krieg / span / stos, die empörung / feindschaft / irrung / sache / zweiung
)
b
.

Belegblock:

Merz, Urk. Wildegg
54, 22
(
halem.
,
1457
):
ihnen die Sache zu übergeben,
si guͤttlichen zů betragen.
Welti, Urk. Rheinfelden
456, 20
(
halem.
,
1502
):
daß aller vnwill, recht vnd vindschaft zwischen den Parteien hin tod vnd ab, gericht, geschlicht vnd betragen sin soll.
V. Anshelm. Berner Chron. (
halem.
,
n. 1529
):
da ein abscheid begriffen und gestelt ist, wie soͤllichs [krieg] hingetan, betragen und gericht werden moͤcht.
Jörg, Salat. Reformationschr.
499, 14
(
halem.
,
1534
/
5
):
Es wurdend ouch botten gschicktt [...] / obgemellte enboͤrung zů richten / und betragen.
Welti, Stadtr. Bern (
halem.
,
E. 15.
/
A. 16. Jh.
):
das soͤllich fraͤuell [...] gericht vnnd betragenn sind wordenn.
Merk, Stadtr. Neuenb. ;
Bernoulli, Basler Chron. ;
Graf-Fuchs, Ämter Interl./Unterseen ;
Vgl. ferner s. v.  2.
4.
›sich mit jm. vertragen‹.

Belegblock:

Luther, WA (
1544
):
sind sie miteinander seer wol zu frieden und koͤnnen sich unternander freundlich betragen.
Euling, Kl. mhd. Erz. (
nobd.
,
E. 15. Jh.
):
Wie sich zwey eeleut ubel mit einander betrügen.
Henisch (
Augsb.
1616
):
Wie betregst du dich mit deinem weib.
Dietz, Wb. Luther .
5.
›sich verständigen, sich einigen; jn. mit jm. aussöhnen, vergleichen‹; am ehesten hier anschließbar: ›sich mit jm. befassen, einlassen‹.
Gehäuft wobd.
Bedeutungsverwandte:
 12, I, 2, , , .
Wortbildungen:
beträgde
›Vertrag‹ (a. 1506/7),
betragnisbrief
(a. 1435),
betragung
›Verhandlung‹ (a. 1534/5).

Belegblock:

Toeppen, Ständetage Preußen
3, 613, 40
(
preuß.
,
1453
):
villeichte worde wir uns betragen.
Froning, Alsf. Passionssp.
5214
(
ohess.
,
1501ff.
):
ich enmag mich nyt mit der betran.
Rennefahrt, Statut. Saanen (
halem.
,
1477
):
haben Schultheiß und Rat
mit allem flis gesůcht, si fruͥntlich und mitt irem gůtem, wuͥssentlichen willen zů betragend.
UB Zug
1333, 6
(
halem.
,
1483
):
das úwer und únser geschickten rătsfrúnd, beid parthÿen, [...] mit einandern betragen und vereÿnt und darumb besigelt brieff [...] uffgericht soͤllen haben.
Luginbühl, Brennwalds Schweizer Chron.
1, 256, 26
(
halem.
,
1508
/
16
):
als si zůsamen kamend, betrůgent si sich, das regiment mit einandern zu halten.
Jörg, Salat. Reformationschr.
340, 22
(
halem.
,
1534
/
5
):
Allso wurdend die Glarner und Werdenberger betragen.
Chron. Augsb. Anm. 1 (
schwäb.
,
E. 15.
/
A. 16. Jh.
):
Daruf haut ain raut mit im geredt und sich mit im gütlich geaint und betragen.
Bernoulli, Basler Chron. ;
Gagliardi, Dok. Waldmann
2, 374, 9
;
Müller, Alte Landsch. St. Gallen ; ;
Vorarlb. Wb.
1, 314
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß ;
6.
›sich in bestimmter Weise verhalten, sich einer Lebensweise verschreiben‹; von der Zeit: ›etw. mit sich bringen‹.

Belegblock:

Hübner, Buch Daniel (
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
swi sich wirt betragen | Die zit mit irme ende.
Wiessner, Wittenw. Ring
70
(
ohalem.
,
1400
/
08
):
Also wol chond er sich betragen, | Daz die alten und die jungen | Frawen sere nach im drungen.
Koller, Ref. Siegmunds (Hs.
um 1474
):
ein bischoff soll sich gutlich betragen und sich nichts weltlichs annemen.
Niewöhner, Teichner
350, 87
(Hs. ˹
moobd.
,
1360
/
70
˺):
waz einem anderen ist vor spot | der sich in der werlt betrait, | daz ist eins munichs wirdichait.
Mell u. a., Steir. Taid. .
7.
›jn. mit etw. traktieren‹.

Belegblock:

Gerhard, Hist. alde e
5209
(
omd.
,
um 1340
):
Di en mit geiseln betrugen | Und ouch zu tode slugen.
8.
›etw. ins Werk setzen, vollbringen; etw. übernehmen; etw. auf sich nehmen, sich e. S. unterziehen‹.

Belegblock:

Stackmann u. a., Frauenlob
5, 76, 12
(Hs. ˹
nobd.
,
3. V. 15. Jh.
˺):
wan torste er volbringen den list so kündiglich, als in die valschen ie betrugen.
Leidinger, V. Arnpeck (
moobd.
,
v. 1495
):
hat er das herzogtum Bairn [...] übergeben seinem sbager und hat sich des reichs betragen.
Winter, Nöst. Weist.
639, 38
(
moobd.
,
1. Dr. 16. Jh.
):
so soll man den schender und lesterer für recht stellen; was im den das recht geit, des sol er sich betragen.
9.
›sich von etw. ernähren, seinen Lebensunterhalt womit verdienen, jn. versorgen‹.
Bedeutungsverwandte:
 10,  7,  13,  1,  23,  12.
Syntagmen:
sich e. S
. (Gen., z. B.
des brotes, der speise, der arbeit seiner hände
, bei Elision von
arbeit
:
sich seiner hände
)
b
.;
sich von etw
. (z. B.
von der arbeit
)
/ mit etw
. (z. B.
mit dem vieh, mit kaufmanschaft / herrendienst, mit den nadeln
›von Näharbeit‹)
/ bei etw
. (z. B.
bei dem almosen
)
b., jn.
(z. B.
das kind
)
mit etw.
(z. B.
mit kleidern
)
b
.
Wortbildungen
betragnis
2 (dazu bdv.:  6, ; a. 1360; 1444).

Belegblock:

Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. (
preuß.
,
um 1330
/
40
):
daz sich daz hûs dâ von betrûc | zur Balge wol ein ganziz jâr.
Reissenberger, Väterb. (
md.
, Hs.
14. Jh.
):
Durch den himelischen gewin | In der wuste er sich betruc.
Karsten, Md. Paraphr. Hiob (
omd.
,
1338
):
Der sich betreyt in ellende | Der erbeyt siner hende.
mit dem roube si bejayn | Brot, spyse, der sy sich betrayn.
Wiessner, Wittenw. Ring
3124
(
ohalem.
,
1400
/
08
):
Erst so muoss man leiden haben, | Wie mans [kind] erleich müg betragen | Mit claidern und mit nerung.
Österley, Steinhöwels Äsop (
Ulm
1474
/
82
):
Ain sterbender vatter verließe synem sun nit, wann ain hus, und sus kain ander erb, des er sich möchte betragen.
Niewöhner, Teichner
631, 79
(Hs. ˹
moobd.
,
1469
˺):
das ist eins menschen tagczeit | der da wurcht und sellten leit, | der sich seiner hennt petreit.
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. (
moobd.
,
1478
/
81
):
die lieb junckfraw, [...], betrueg sich ellendigklich von der arbait irer hendt.
umb das hertzog Cristoff [...] liederlich was, mocht er sich an dem auch andern endten kain leng betragen.
Winter, Nöst. Weist. (
moobd.
,
E. 15. Jh.
):
wer sich in dem markcht nërn wil und betragn mit kaufmanschaft oder mit anderr arbait.
Seemüller, Chron. 95 Herrsch. ;
Winter, a. a. O. ; ;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß ;
10.
›sich e. S. bedienen, etw. gebrauchen‹; hier anschließbar: ›etw. (z. B. einen Schaden) vergüten‹.

Belegblock:

Gierach, Märterb.
4226
(Hs. ˹
moobd.
,
A. 15. Jh.
˺):
wes hilf schol ich mich betragen?
Turmair (
Nürnb.
1541
):
Solcher kleidung betragen sich noch die baursleut.
Mell u. a., Steir. Taid. (
m/soobd.
,
1638
):
weliche aber zinsholzer haben, die sollen sich in erpauung irer hueben derselbigen zinshölzer betragen.
Siegel u. a., Salzb. Taid. (
smoobd.
,
1585
):
nit ungewönlich weeg zu machen, sonder sich der rechten ausfart zu betragen.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
17. Jh.
):
deren [außweisse] man sich in diesen puncten in allen und jeden betragen kan.
Ebd. Var. (
16. Jh.
):
wie ime der gepfendt antwortet ein pfand und bewilliget sich umb dern schaden zu betragen, daß soll der pfender annemben.
Winter, Nöst. Weist. .
11.
›sich mit jm. / etw. begnügen, mit etw. auskommen, behelfen, sich mit etw. bescheiden‹.
Bedeutungsverwandte:
(V.) 1.
Syntagmen:
sich e. S
. (Gen., z. B.
der erbschaft / kost, eines hauses / gutes, der worte
)
/ e. P
. (z. B.
eines weibes, der alten
)
b
.;
sich mit etw
. (z. B.
mit kleinen dingen
)
/ an etw
. (z. B.
an einem kleinen
)
b
.

Belegblock:

Luther, WA (
1544
):
er woͤlle [...] jnen ein zimliches außkommen schaffen, da sie sich mit betragen koͤnnen.
Es muͤste doch ye ein heyloser knecht sein, [...], der mit solchem sich auch nicht betragen, sonder es wolte besser haben.
Karsten, Md. Paraphr. Hiob (
omd.
,
1338
):
Des muze wir wol vragen | Und der alden uns betragen, | Dy vil dinges hy und dort | Han geseen und gehort.
Hampe, Ged. v. Hausrat
2, 2, 5
(
Nürnb.
1544
):
Er sprach wen man zwo schüesel hat | Vnd ainen löffel oder drey | [...] | Des kan man sich gar lang petragen.
Henisch (
Augsb.
1616
):
Betragen / sich ersettigen lassen [...]. Mit einem wenigen muß man sich auch betragen.
Niewöhner, Teichner
316, 36
(Hs. ˹
moobd.
,
1360
/
70
˺):
mag ich der werch nicht bejagen, | so wil ich mich der wort betragen.
Turmair (
moobd.
,
1522
/
33
):
Man lit kain huererei nit; muest sich ainer ains weibes betragen.
die alten Teutschen [...] betruegen sich einer slechten g’ringen nit hochgültig [...] kost.
Rintelen, B. Walther
54, 20
(
moobd.
,
1552
/
8
):
und sich desselben Glaubiger sollicher Erbschaft und verlassner Güetter allein betragen wolten.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
15.
/
16. Jh.
):
und wissen si anderst ier viech zu erhalten, alda diß orts zu betragen. alsdann wider hinauf auf ire hütschleg zu fahren.
Euling, Kl. mhd. Erz. ;
Wiessner, Wittenw. Ring
4407
;
Wackernell, Adt. Passionssp. Nsp.
125
;
Siegel u. a., Salzb. Taid. ; ;
Mell u. a., Steir. Taid. .
Vgl. ferner s. v. .
12.
›jm. eingeben, jm. sagen‹.

Belegblock:

Meisen, Wierstr. Hist. Nuys
442
(
Köln
1476
):
Des fursten wyll der moyst so syn, | Als yem syn moydt bedroych.