ausnemen,
V., unr. abl.
1.
›jn. / ein Tier / einen Gegenstand konkret aus etw. (z. B. einem Aufbewahrungs- oder Aufenthaltsort) herausnehmen, herausholen, etw. entnehmen‹; je nach Bezugsgegenstand dann u. a.: ›(die Eingeweide) herausnehmen‹, ˹dazu mit Verschiebung der Bezugsgröße: ›(ein Tier) ausnehmen, ausweiden‹˺; ›(einen Menschen, ein Tier) aus seiner Bleibe holen‹, dazu als Synekdoche: ›(einen Menschen, ein Tier) aus einem Versteck o. ä. aufscheuchen, verjagen‹; als Euphemismus: ›etw. rauben‹; ütr.: ›jn. aushorchen, ausforschen‹; häufig mit Ellipse der präpositionalen Angabe des Ortes.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  1; ˹zur 2. Variante:
1
, ; vgl.  3˺.
Syntagmen:
jn.
[aus einer Grube],
ein kind
[aus dem Mutterleib],
vieh
[aus dem Stall],
habichte / blaufüsse / sperber / vögel aus dem nest a., einem drachen einen stein
[aus dem Leib]
a., das eingeweide / das gedärm a.
; mit Verschiebung der Bezugsgröße:
einen fisch / storch, ein schwein a.
; ˹zur Synekdoche:
die eidgenossen / ketzer a., die güter a.
;
ausgenommene wölfe
˺,
ausgenommene schlange.

Belegblock:

Belkin u. a., Rösslin. Kreutterb.
130, 4
(
Frankf.
1535
):
als bald hauwen sie jm [drache] sein coͤrper auff dieweil er noch lebet nemen sie jm den stein vß.
Feudel, Evangelistar
108, 21
(
omd.
,
M. 14. Jh.
):
nym uz daz gestuppe uz dyme ougen.
Hübner, Buch Daniel (
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
Er [Darius] gebot gar ane hel | En [Danyel] uz nemen alzuhant.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
Do gedachtens [œndrú wip] inir můte | Es [kind] ertrunke och indem blůte | Das von der wunden kœme, | E das man es us nœme
[aus dem Mutterleib].
Diehl, Dreytw. Essl. Chron. (
schwäb.
,
1562
):
Der wirt [...] das gelt helffen tragen, das sie es auff zwey mall ire 4 nit haben mogen tragen, der wirtt gesagt: ‚Das heist de affen ausgenomen‘.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
1537
):
wär aber der so stolz und näm das viech mit gewalt aus
[dem Stall].
2.
›etw. aussuchen, auswählen (zum Kauf)‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  1.
Syntagmen:
tuch
(mehrmals) /
waren / kleider
[u. ä.]
a.

Belegblock:

Chron. baier. Städte. Regensb.
90, 3
(
nobd.
,
1528
):
er nam auff 10 pferd, so im kumen sollen, klaider aus.
Ebd.
90, 4
:
ime nam er sammat, damaskat, seiden auffs köstlichist auß.
3.
›jn. (für eine bestimmte Aufgabe, einen bestimmten Zweck) auswählen, bestimmen‹; speziell: ›jn. (auch: Truppen) zum Kampf, Kriegsdienst bestimmen, ausheben‹.
Bedeutungsverwandte:
, ; vgl.  20,  2,  10,  4.
Syntagmen:
einen landamman / kläger / boten / a., kriegsleute / knechte / söldner
/ [eine best. Anzahl]
man a.
;
jn. zu einer muskete a., zu der banner a.
Wortbildungen:
ausnemer
1,
ausnemung
1.

Belegblock:

Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. (
preuß.
,
um 1330
/
40
):
[Abrahâm] ûznam | sîner knabin gesundirt | wol achzên und drîhundirt, | mit den er an dî heiden reit.
V. Anshelm. Berner Chron. (
halem.
,
n. 1529
):
sind die 6000 knecht in volgender meinung usszenemen verordnet.
Jörg, Salat. Reformationschr.
340, 12
(
halem.
,
1534
/
5
):
deshalb die von Glarus zur paner us namend / sich rustend die Werdenberger zů zwingen.
Maaler (
Zürich
1561
):
Anfahen. kriegßleüt oder knecht Außnemmen. [...]. Außnem̃er / oder Cõmissari / die die kriegßleüt allenthalben außnemmend / vnd sy aufzebringen gwalt habend. [...] Außnem̃ung der krießleüten im land.
Den ausgenomnen in krieg Helffen vnnd beradten seyn.
Jörg, a. a. O.
552, 2
;
Schweiz. Id. (a.
1357 ff.
).
4.
›jn. (auch: sich) freikaufen, auslösen; etw. (verpfändetes Gut, ein Pfand) auslösen‹.
Bedeutungsverwandte:
; vgl. , ,  2,  5.
Gegensätze:
 1, .
Syntagmen:
das pfand / vieh / gut a., jn. von der fängnis a., jn. auf gute gewisheit a., sich um 600 gulden von jm. a.

Belegblock:

Chron. Augsb. (
schwäb.
,
E. 15. Jh.
):
wurden auf der stett tail vil leut gefangen [...] Hanns Langenmantel von Radaw, der nam sich aus umb 600 guldin von hertzog Růprecht.
Seemüller, Chron. 95 Herrsch. (
oobd.
, Hs.
1. H. 15. Jh.
):
daz er chem im in seinen nöten ze staten, also daz man in auz nem auf gute gewishait.
Winter, Nöst. Weist. (
moobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
wenn ainer ainn schaden thuet mit seinem viech, das man im das einthuet, und nimbt das aus und setzt darumb ein phant.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
16. Jh.
; Hs.
2. H. 17. Jh.
):
wolt aber der so streitig sein und das vich nit außnehmen.
Siegel u. a., Salzb. Taid. (
smoobd.
,
17. Jh.
):
so mag der ander sein guet wol widerumb zu recht ausnemem und vergüeten.
Rwb (a.
1315 ff.
).
5.
›jn. (auch: sich) durch den Reinigungseid von einer Anklage befreien‹; das Glossar zu
Behrend
(s. u.), 285, gibt folgende Sachangabe: „einen von der Anschuldigung wegen Ungerichts losmachen, dadurch dass man selbst den Unschuldseid für ihn leistet“.
Phraseme:
sich auf den heiligen
[›durch Eid auf eine Reliquie oder einen Reliquienschrein‹]
ausnemen.
Bedeutungsverwandte:
 22,  2.

Belegblock:

Behrend, Magd. Fragen (
omd.
,
um 1400
):
Eyn vater, der eyn unvorsprochen bedirman ist, mag synen ungesunderten son, der umb ungerichte beclagit ist, wol eyns usznemen unde en des ungerichtes entschuldigen.
6.
›sich absondern, sich aus einer Gruppe herauslösen‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  3.

Belegblock:

Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. (
preuß.
,
um 1330
/
40
):
dô sî sich ûznâmin, | Prûzin an sî quâmin | in einir rotin.
Maaler (
Zürich
1561
):
Sich Außnemmen vnd abziehen. Excerpere se numero aliquorum.
7.
›(für jn./etw.) eine Ausnahme machen, etw. nicht berücksichtigen; etw. (für jn.) ausbedingen, vorbehalten; etw. ausschließen, jn. von etw. ausschließen‹; auch subst.
Phraseme
(als Verwahrformel):
ane alles ausnemen.
Wortbildungen:
ausnemung
2 (dazu bdv.: vgl.  2).

Belegblock:

Große, Schwabensp. (Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
An den gebůndenen tagen sol nieman dicheinen eyt sweren, wan als diz bůch vt nimt.
Behrend, Magd. Fragen (
omd.
,
um 1400
):
her hot mir dy erste gobe gegebin an alle undirscheit unde an allis usnemen keyner macht.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
100, 35
(
thür.
,
1474
):
der briff, von uch, deme rathe zcur Nuenstat, obir sollichen beteyding gemachet, clerlichin ußnymmet:
[folgt direkte Rede].
Luther. Hl. Schrifft.
1. Kor. 15, 27
(
Wittenb.
1545
):
Wenn er
[Tod]
aber saget / das es alles vnterthan sey, ists offenbar / das ausgenomen ist / der jm alles vnterthan hat.
Ermisch, Sächs. Bergr. (
osächs.
,
14.
/
15. Jh.
):
zo zullen sy von rechte usnemen, daz dy gewerkyn zcu dem ersten zullen gefordert syn.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel (
Straßb.
1466
):
opffert in in die gantzen opffer dem herren vnd die opffer nach dem sitten eins iegklichen tags: die ausnemung der feyr des herren vnd euwer gaben.
Maaler (
Zürich
1561
):
Vom Gsatz außgenommen. Solutus lege.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
da sind aber 2 mechtig fürsten außgenommen.
Winter, Nöst. Weist. (
moobd.
,
1529
):
frag und sprach di nimb ich aus von mir zu aim andern man.
Ermisch, a. a. O. ;
Schmidt, St. Kastorst.
2, 50, 29
;
Gille u. a., M. Beheim
76, 33
;
Voc. inc. teut. b
vijv
;
Schwäb. Wb. (a.
1357
);
Näser in:
Sprache und Brauchtum.
1980, 293
.
8.
›etw. bestimmen, festsetzen‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  7, .
Syntagmen:
einen rechtlichen tag a., etw. mit gelübde a.
;
ausgenommene rede / sache.

Belegblock:

Schweiz. Id. (a.
1475
);
Rwb (a.
1347 ff.
).
9.
›(Land) abgrenzen‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl. .
Syntagmen:
felder mit marksteinen a.

Belegblock:

Rwb (o. J.).
10.
›(sich von jm.) etw. borgen‹.
Bedeutungsverwandte:
 15,  1; vgl. ,  16.
Syntagmen:
(etw.) auf borg a.

Belegblock:

Niewöhner, Teichner
497, 43
(Hs. ˹
oschwäb.
,
1368
˺):
[wenn eine neue Sitte aufkommt, sagt man:]
ich můzz mit den andern dar. | ee macht ich all min holden par | und nim ez dacz den juden uzz | e daz ich sin [ain niuͤwer sit] lenger lauzz.
11.
›(jm.) etw. borgen, verleihen, auf Kredit geben‹; konversosem zu 10.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  2.

Belegblock:

Cirullies, Rechtsterm. Anh.
1981, 101
(
rhfrk.
,
1382
):
daz sie in w(a)z hiszin usz nemen zu ir muter begribede und inthebin (in) nit.
Ebd.
101
(a.
1383
):
daz hie eme eyn malter korns usz nam und buch.
12.
›(Geld) erheben, (Zins) eintreiben‹.
Bedeutungsverwandte:
(V.) 19; vgl.  5,  11,  12.

Belegblock:

Ziesemer, Marienb. Ämterb.
4, 24
(
preuß.
,
1381
):
So hot her gelasen an czinse, den man noch sul usznemen 4810 m.
13.
›etw. wahrnehmen, erkennen; etw. erschließen‹.
Bedeutungsverwandte:
1
 12,  1, , , ; vgl. (V.) 9.
Wortbildungen
ausnemung
3 (dazu bdv.:
1
 1,  4, ).

Belegblock:

Gierach, Märterb.
7936
(Hs. ˹
moobd.
,
A. 15. Jh.
˺):
do er in den hoff cham | und das wol auz genam, | er sprach.
Hohmann, H. v. Langenstein. Untersch.
7, 70
(
moobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
Wann als oft wir aus der vinsternuͤss oder tewff der hailigen geschrift newr synn vnd verstentnuͤss ausnemen.
Rot
332
(
Augsb.
1571
):
Obseruirn, Acht nemen oder haben / achten / warnemen / spehen / außnemen / sein auffmercken auff eines thůn oder lassen haben.
Ebd.
355
:
Tentation, Versuchung / erfarung / bewerung / außnemung.
14.
einen streich (mit dem wer) a.
›einen Streich auffangen, parieren‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl.  15.

Belegblock:

v. Keller, Amadis (
Frankf.
1571
):
Galaor [...] hette jhm auch das haupt zerspalten, wo er nicht den streich mit seinem Wehr außgenommen hett.
15.
›jm. etw. ausreden, abgewöhnen‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl.
1
 6.
Syntagmen:
jm. etw.
(
den schrecken
, einen Glaubensinhalt)
a.

Belegblock:

Schweiz. Id. (a.
1623 ff.
).
16.
›verleumderisch, übel über jn., etw. reden‹.
Bedeutungsverwandte:
 11,  21,  3; vgl.  5.

Belegblock:

Rot
304
(
Augsb.
1571
):
Detrahirn, Abziehen / außnemen / ehr abschneiden / nachreden.
17.
nur subst. belegt: ›Vorteil, Nutzen, Wohlergehen‹.
Bedeutungsverwandte:
(V.) 1 (subst.), .

Belegblock:

Merk, Stadtr. Neuenb. (
nalem.
,
1442
):
Wie wol wir aller und ieglicher unser und des reichs getrewn nutz und ausnemen zu bestellen und zu furdern geneigt sein.
18.
bedeutungsverwandt zu .